(de) FdA-IFA - Gai Dào #49 - Alles verändern - ein anarchistischer Aufruf Von: CrimethInc-Projekt

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Wed Jan 21 13:14:50 CET 2015


Wenn du etwas Beliebiges verändern könntest, was wäre es? Würdest du für den Rest deines 
Lebens Urlaub machen? Dafür sorgen, dass fossile Brennstoffe aufhören Klimawandel zu 
verursachen? Dir ethisch vertretbare Banken und Politiker*innen wünschen? Jedenfalls wäre 
sicherlich nichts unrealistischer, als alles so zu belassen wie es ist, und andere 
Resultate zu erwarten. In unseren privaten finanziellen und emotionalen Kämpfen spiegeln 
sich globale Unruhen und Katastrophen wider. Wir könnten all unsere Zeit darauf verwenden, 
ein Feuer nach dem anderen zu löschen, aber sie haben alle dieselbe Ursache. Stückweise zu 
reformieren wird nichts in Ordnung bringen: Wir müssen alles, entsprechend einer anderen 
Logik, überdenken. Um etwas zu verändern, fang überall an.

Anfangen mit: Selbstbestimmung

Wenn du komplett selbst bestimmen könntest, was würdest du jetzt
gerade tun? Denk an das unendliche Potential deines Lebens: die Be-
ziehungen, die du haben könntest; die Erfahrungen, die du machen
könntest; an all die Möglichkeiten, wie du deiner Existenz einen Sinn
geben könntest. Als du geboren wurdest, schien es so, als gäbe es kei-
ne Begrenzung dafür, was du alles werden könntest. Du hast einfach
alle Möglichkeiten dargestellt. Üblicherweise hören wir auf, uns all
das vorzustellen. Lediglich in den allerschönsten Momenten - wenn
wir uns verlieben, einen persönlichen Durchbruch erleben oder ein
weit entferntes Land bereisen - erhaschen wir einen klitzekleinen
Blick darauf wie all unsere Leben sein könnten.

Die Bürokratien, die dich danach bewerten, wie du Vorschriften er-
füllst; die Wirtschaft, die dir Macht gibt, je nach dem wie viel Profit
du bringst; die Bundeswehr, die dir durch "Wir. Dienen. Deutschland"
Selbstverwirklichung verspricht - ermöglichen sie dir diese Dinge,
das Beste aus deinem Leben nach deinen Vorstellungen zu machen?
Sobald wir für uns selbst handeln, geraten wir in Konflikt mit den In-
stitutionen, die vermeintlich bestehen, um unsere Freiheit zu sichern.

Anfangen mit: sich vor sich selbst zu verantworten

Managerinnen und Steuereintreiber lieben es über persönliche Ver-
antwortung zu reden. Wenn wir aber die gesamte Verantwortung
für all unsere Handlungen übernehmen würden, würden wir dann
ihren Vorschriften überhaupt gehorchen können? Historisch gesehen
wurde durch Gehorsam mehr Schaden angerichtet als durch böse
Absicht. Die Waffenarsenale aller Armeen dieser Welt sind die phy-
sische Manifestation unseres Willens uns Anderen zu unterwerfen.
Wenn du sicherstellen willst, niemals einen Teil zu Krieg, Genozid
oder Unterdrückung beizutragen, ist der erste Schritt aufzuhören,
Befehlen zu gehorchen. Wir sind zwangsläufig für unsere Überzeu-
gungen und Entscheidungen verantwortlich. Wenn wir uns vor uns
selbst verantworten und nicht vor Kommandierenden und Komman-
dos, könnten wir immer noch untereinander in Streit geraten - aber
wenigstens würden wir dies auf unserer selbst-gewählten Grundlage
tun und nicht unnötigerweise Tragödien auf Grundlage von Vorstel-
lungen anderer anhäufen.

Anfangen mit: der Suche nach Macht, nicht Herrschaft

Die Arbeiter*innen haben Macht über ihre Produktionskraft; die
Chef*innen, sagen ihnen was sie tun sollen. Die Bewohner*innen
halten ein Haus in Schuss, im Grundbuch steht jedoch der Name der
Besitzerin. Ein Fluss hat Energie; aber die Baugenehmigung für einen
Damm reguliert die Verfügung darüber.

Macht an sich ist nicht unterdrückend. Viele Formen von Macht kön-
nen befreiend sein: die Kraft für diejenigen zu sorgen, die du liebst;
dich selbst zu verteidigen und Konflikte zu lösen; dir Wissen und
Fähigkeiten anzueignen und all dies auch zu teilen. Es gibt Möglich-
keiten die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, die gleichzeitig mehr
Freiheiten für Andere schaffen. Jede Person, die versucht ihr volles
Potential auszuschöpfen, macht allen Anderen ein Geschenk. Ande-
rerseits reißt Autorität über Andere deren Macht an sich. Was du von
ihnen nehmen kannst, nehmen wiederum Andere von dir. Autori-
täre Systeme folgen strengen Hierarchien. Männlichkeit, Weiß-Sein,
Eigentum: an der Spitze all dieser Pyramiden finden wir keine Ty-
rannen, nur soziale Konstrukte: Geister, die die Menschheit hypnoti-
sieren. In Hierarchien erhalten wir Macht immer nur im Austausch
gegen Gehorsam. Macht und Herrschaft sind so stark verflochten,
dass wir sie kaum auseinanderhalten können. Doch ohne Freiheit ist
Macht wertlos.

Anfangen mit: Beziehungen, die auf Vertrauen basieren

Vertrauen konzentriert die Macht bei jenen, die es entgegenbringen
und nicht bei jenen, die es erhalten. Eine Person, die sich Vertrau-
en verdient hat, braucht keine Absicherung durch Herrschaft. Wenn
jemand nicht vertrauenswürdig ist, warum sollte die Person dann
Autorität besitzen? Und dennoch: Wem vertrauen wir   weniger als
Politiker*innen, der Polizei oder Manager*innen? Ohne Autoritäten
haben Menschen einen Anreiz Lösungen für Konflikte zu finden -
um gegenseitiges Vertrauen zu erlangen. Hierarchien blockieren
diesen Anreiz und ermöglichen es den Autoritäten, Konflikte zu un-
terdrücken. Freundschaft ist im besten Falle eine Verbindung zwi-
schen gleichberechtigten Menschen, die sich gegenseitig unterstüt-
zen und herausfordern, während sie die Autonomie des*der anderen
respektieren. Ohne die Zwänge, die uns aktuell auferlegt werden
- Staatsangehörigkeit und Illegalität, Eigentum und Schulden, wirt-
schaftliche und militärische Befehlsstrukturen - könnten wir unsere
Beziehungen auf der Basis freier Vereinbarungen und gegenseitiger
Hilfe neu aufbauen.

Anfangen mit: der Versöhnung von Individualität und dem großen Ganzen

"Deine Freiheit endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt."
Nach dieser Logik müsste es, je mehr Menschen es gibt, umso weni-
ger Freiheit geben. Freiheit ist jedoch keine kleine Blase von persön-
lichen Rechten. Wenn ich mit dem Auto fahre, verschmutze ich die
Atmosphäre, die du atmest; wenn du Pharmazeutika nutzt, sickern
sie ins Grundwasser, das von allen getrunken wird. Das System, das
von allen anderen akzeptiert wird, ist das, unter dem du leben musst
- wenn es von anderen Leuten hingegen in Frage gestellt wird, be-
kommst auch du die Chance deine Realität neu auszuhandeln. Deine
Freiheit beginnt wo meine beginnt und endet dort wo meine endet.
Wir sind keine vereinzelten Individuen. Jede*r von uns besteht aus
einem Chaos gegensätzlicher Kräfte, die allesamt über uns hinaus
durch Zeit und Raum gehen. Indem wir uns entscheiden, welche die-
ser Kräfte wir pflegen wollen, legen wir fest, was wir in allen, die uns
begegnen, fördern. Freiheit ist kein Besitz oder Eigentum - Freiheit
ist eine Beziehung. Es geht nicht darum von der Außenwelt beschützt
zu werden, sondern darum auf eine Art und Weise zu interagieren
durch die Möglichkeiten maximiert werden. Das bedeutet nicht, dass
wir Konsens um seiner selbst Willen suchen sollten. Konflikt und
Konsens können uns beide weiterbringen, solange keine zentralisier-
te Gewalt in der Lage ist, eine Einigung zu erzwingen oder Konflikt
in einen Wettbewerb umzuwandeln, bei dem der*die Gewinner*in
alles bekommt. Lasst uns lieber das Beste aus unseren gegenseitigen
Verbindungen herausholen statt die Welt in viele kleine Machtberei-
che aufzuteilen.

Anfangen mit: der Befreiung der Wünsche

Für uns in dieser Gesellschaft Aufgewachsene sind nicht einmal unse-
re Leidenschaften unsere eigenen: Sie sind geprägt von Werbung und
anderen Formen der Propaganda, die uns immer weiter im Hamster-
rad des Marktes laufen lassen. Um wirklich frei zu sein, müssen wir
auf den Prozess, der unsere Wünsche produziert, Einfluss nehmen.
Befreiung bedeutet
nicht nur, unsere
heutigen Wünsche zu
befriedigen, sondern
auch unseren Sinn
für das Mögliche zu
erweitern, damit sich
unsere Wünsche ge-
meinsam mit den Re-
alitäten, die sie uns
erschaffen lassen,
we it e re nt w ic ke l n .
Das bedeutet, den
Gefallen, den wir an
Befehlen, Herrschaft
oder Besitz empfin-
den, abzulegen und
Freuden aufzuspü-
ren, die uns aus der
Maschinerie von Gehorsam und Wettbewerb herausreißen. Wenn du
jemals eine Abhängigkeit überwunden hast, war das eine Kostprobe
dessen, was es bedeutet, deine Wünsche zu wandeln.

Anfangen mit: Revolte

Fanatiker*innen geben üblicherweise einer spezifischen Gruppe
die Schuld für ein systemisches Problem - Antisemit*innen sehen
"Raubtierkapitalisten", Rechtspopulist*innen beschuldigen Hartz IV-
Empfänger*innen und Refugees. Allgemein wird oft individuellen
Politiker*innen die Schuld für die korrupte Politik gegeben. Das Pro-
blem jedoch sind die Systeme an sich. Ganz egal wer die Zügel in der
Hand hält, die Institutionen bringen immer die gleichen Demütigun-
gen und Ungleichheiten hervor. Nicht etwa weil sie fehlerhaft sind,
sondern weil sie genau dazu da sind. Dieselben Brüche, die unsere
Zivilisation durchziehen, durchziehen auch unsere Freundschaften
und unsere Herzen. Es handelt sich nicht um einen Kampf zwischen
Menschen, sondern um einen Kampf verschiedener Beziehungsfor-
men und Lebensweisen. Wenn wir unsere Rollen innerhalb der herr-
schenden Ordnung verweigern, öffnen wir diese Brüche und laden
andere ebenfalls dazu ein, Stellung zu beziehen. Wir wollen Herr-
schaft insgesamt abschaffen - nicht ihre Details vernünftiger verwal-
ten, nicht austauschen wer befiehlt und wer gehorcht, nicht das Sys-
tem durch Reformen stabilisieren. Statt nach legitimeren Gesetzen
oder Gesetzgebenden zu verlangen, lasst uns lieber unsere eigenen
Stärken erkennen und lernen sie gemeinsam zu nutzen. Es geht nicht
um einen Krieg, einen binären Konflikt zwischen zwei militarisier-
ten Feinden, sondern um sich verbreitenden Ungehorsam.  Wir brau-
chen keine Einstimmigkeit, kein komplettes Verständnis der ganzen
Welt und auch keine Karte, die uns zu einem bestimmten Ziel führt
- wir brauchen lediglich den Mut einen anderen Weg einzuschlagen.

Das Problem ist: Kontrolle

Je größer die Ungleichheiten, desto mehr Kontrolle ist nötig um sie
aufrecht zu erhalten. Auf der einen Seite des Macht-Kontinuums
wird Kontrolle
brutal auf indi-
vidueller Basis
ausgeübt: durch
Drohnenangriffe,
SEK-Ei n heiten,
Isolationshaft ,
rassistische
Kontrollen und
Hausdu rchsu -
chungen. Auf der
anderen Seite ist
sie allgegenwär-
tig und unsicht-
bar in die Infra-
struktur unserer
Gesellschaft ein-
gebaut: die Be-
rechnung von
Schufa-Auskünf-
ten, die Art und Weise wie Statistiken erhoben werden und in Stadt-
planung verwandelt werden, der Aufbau von Online-Dating-Seiten
und social media Plattformen. Auch der NSA sieht was wir online
machen, aber er übt nicht so viel Kontrolle über unsere Realität aus
wie die Algorithmen, die bestimmen, welche Inhalte uns angezeigt
werden, wenn wir uns einloggen. Wenn die unendlichen Möglich-
keiten des Lebens endgültig auf ein Feld von Optionen, ausgedrückt
durch Einsen und Nullen, reduziert wurden, wird es keine Reibung
mehr zwischen dem System in dem wir leben und dem Leben, das wir
uns vorstellen geben - nicht weil wir die absolute Freiheit erreicht
haben, sondern weil wir ihr Gegenteil perfektioniert haben werden.
Freiheit bedeutet nicht zwischen Optionen zu wählen, sondern die
Fragen zu formulieren.


Das Problem ist: Hierarchie

Es gibt viele verschiedene Mechanismen um Ungleichheiten zu le-
gitimieren und aufrechtzuerhalten. Manche davon brauchen einen
zentralisierten Apparat, wie zum Beispiel das Gerichtswesen. Ande-
re funktionieren subtiler, wie zum Beispiel Geschlechterrollen. Eini-
ge dieser Mechanismen sind mittlerweile komplett in Verruf geraten.
Wer glaubt schon noch an Gottesgnadentum? Obwohl jahrhunderte-
lang überhaupt gar keine andere Gesellschaftsform vorstellbar war.
Andere, wie etwa das Eigentumsrecht, bleiben so tief verwurzelt,
dass wir uns ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen können. Und
doch existieren sie alle nur auf Grund unseres kollektiven Glaubens:
sie sind real, aber nicht unvermeidbar. Die Existenz von Slumlords
und Führungskräften ist nicht natürlicher, notwendiger oder nützli-
cher als die Existenz von Kaiser*innen. All diese Mechanismen ha-
ben sich gemeinsam entwickelt und sich gegenseitig verstärkt. Die
Geschichte des Rassismus ist zum Beispiel kaum von der Geschich-
te des Kapitalismus zu entwirren: Weder das eine noch das andere
ist vorstellbar ohne Kolonisation, Sklaverei oder die Trennung nach
Hautfarben, die die Arbeiter*innen spaltete und immer noch festlegt,
wer in den Gefängnissen und Armenvierteln dieser Welt lebt.   Eben-
so könnte individueller Rassismus ohne die Infrastruktur des Staates
und andere Hierarchien dieser Gesellschaft niemals zu strukturellem
Rassismus führen. Das in den USA ein schwarzer Präsident den Vor-
sitz über diese Strukturen inne haben kann, bestärkt sie nur: Es ist
die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Mit anderen Worten: So lange
es die Polizei gibt, wen glaubst du wird sie schikanieren? So lange es
Gefängnisse gibt, wer wird in ihnen sitzen? So lange es Armut gibt,
wer wird deiner Meinung nach arm sein? Es ist naiv zu glauben, dass
in einer Gesellschaft, die auf Hierarchien basiert Gleichberechtigung
geschaffen werden könnte. Du kannst zwar die Karten neu mischen,
das Spiel bleibt aber das gleiche.

Das Problem sind: Grenzen

Wenn eine fremde Armee in ein Land einmarschiert, die Wälder ro-
det, die Flüsse vergiftet und den Heranwachsenden Treueschwüre
abverlangt - wer würde sich nicht bewaffnet zur Wehr setzen? Wenn
jedoch die lokale Regierung das gleiche macht, stellen Patriot*innen
bereitwillig Gehorsam, Steuern und ihre Kinder zur Verfügung.
Grenzen schützen uns nicht, sie spalten uns - sie erschaffen nutzlose
Spannungen mit den Ausgeschlossenen und verdunkeln die realen
Unterschiede unter den Eingeschlossenen. Die Staatsangehörigkeit
erzeugt eine Grenze zwischen Teilnehmenden und Ausgeschlosse-
nen dieser Gesellschaft und entzieht so hunderttausenden oder gar
Millionen Menschen ohne Papiere die Kontrolle über ihre Leben. Es
gibt die linke Idee die Grenzen der Inklusion so weit zu expandieren
bis die gesamte Welt in ein umfassendes demokratisches Projekt inte-
griert ist. Ungleichheit ist aber in den Strukturen vorprogrammiert.
Auf jeder Ebene dieser Gesellschaft unterteilen uns tausende kleine
Grenzen in mächtig und ohnmächtig: Sicherheitskontrollen, Schufa-
Auskünfte, Zugang zu Daten, Preisschilder. Wir brauchen Formen
der Zusammengehörigkeit, die nicht von Ausschluss bestimmt sind,
die nicht Macht und Legitimität zentralisieren, die Empathie nicht
auf kleine geschlossene Communities beschränken.

Das Problem ist: Repräsentation

Nur durch Handeln kannst du dich selbst ermächtigen; deine Interes-
sen kannst du nur kennen lernen, wenn du dich ihnen entsprechend
verhältst. Wenn alle Bemühungen Einfluss auf die Welt auszuüben
durch die Vermittlung durch Repräsentant*innen oder durch die Vor-
schriften der Institutionen kanalisiert werden müssen, entfremden
wir uns voneinander und von unserem Potential. Jeder Aspekt unse-
rer Handlungsfähigkeit, den wir abgeben, taucht uns gegenüber wie-
der als etwas uns unbekanntes und feindliches auf. Die uns immer
wieder enttäuschenden Politiker*innen zeigen uns lediglich wie viel
Macht wir über unsere Leben aufgegeben haben; Polizeigewalt ist
die düstere Konsequenz aus unserem Verlangen die persönliche Ver-
antwortung für das Geschehen in unseren Vierteln abzugeben. Wir
sind nicht reduzierbar. Weder Delegierte noch Abstraktionen kön-
nen für uns einstehen. Durch das Reduzieren menschlicher Wesen
und Erfahrungen auf demographische Schichten, auf bloße Daten,
verlieren wir den Blick für alles Kostbare und Einzigartige in dieser
Welt. Wir brauchen Präsenz, Unmittelbarkeit, direkten Kontakt mit-
einander und Kontrolle über unser Leben - etwas, dass uns kein*e
Repräsentant*in und keine Repräsentation geben kann.

Das Problem sind: Anführer*innen

Herrschaft ist eine soziale Unordnung, in welcher der Großteil der
Teilnehmenden darin versagt Initiative zu ergreifen und über ihre ei-
genen Handlungen kritisch nachzudenken. Solange wir Handlungs-
fähigkeit als Eigentum spezifischer Individuen und nicht als soziale
Beziehung betrachten, werden wir immer abhängig von Herrschen-
den sein - und von ihrer Gnade. Wirklich vorbildliche Führungs-
persönlichkeiten sind genauso gefährlich wie die offensichtlich kor-
rupten: All ihre lobenswerten Eigenschaften stärken lediglich ihren
Status und die Unterwürfigkeit anderer, ganz abgesehen davon, dass
sie so Herrschaft insgesamt legitimieren. Immer wenn die Polizei zu
einer Aktion oder Demo kommt fragt sie zuerst nach "dem Verant-
wortlichem" - nicht etwa weil Herrschaft essentiell für kollektive Ak-
tionen ist, sondern weil sie eine Schwachstelle darstellt. Als die Kon-
quistadoren in der so genannten Neuen Welt ankamen stellten sie die
selbe Frage; und wo immer sie eine Antwort bekamen, ersparte diese
ihnen jahrhundertelange Probleme da mit die lokale Bevölkerung zu
bändigen. So lange es einen Anführer gibt, kann dieser ernannt, er-
setzt oder als Geisel genommen werden. Im besten Fall ist die Abhän-
gigkeit von Herrschenden eine Achillesferse; im schlimmsten Fall
reproduziert diese Abhängigkeit die Interessen und Machtstruktu-
ren der Herrschenden innerhalb derjenigen, die ihnen eigentlich ge-
genüber stehen. Schöner wäre es, wenn alle einen Sinn für die eigene
Handlungsfähigkeit und die eigenen Vorstellungen hätten.

Das Problem sind: Regierungen

Regierungen versprechen uns Rechte, sie können uns aber nur Frei-
heiten nehmen. Die Grundidee von "Rechten" beinhaltet eine zentra-
le Macht, die diese Rechte zugesteht und garantiert. Wenn sie mäch-
tig genug sind uns etwas zu garantieren, sind sie auf jeden Fall auch
mächtig genug es uns wieder zu nehmen. Regierungen dazu zu er-
mächtigen ein Problem zu lösen gibt ihnen lediglich die Möglichkeit
noch mehr Probleme zu erschaffen. Außerdem generieren Regierun-
gen Macht nicht aus dem Nichts - es ist unsere Macht, die sie ausüben,
die wir wesentlich effektiver ohne das Spektakel der Repräsentation
einsetzen könnten. Je mehr die Leute daran glauben Einfluss auf die
Zwangsinstitutionen des Staates zu haben, desto populärer werden
diese. Wenn Macht zentralisiert ist, müssen Menschen über Andere
herrschen um auf ihr eigenes Schicksal Einfluss ausüben zu können.
Wo immer es Hierarchien gibt, begünstigen diese diejenigen, die an
ihrer Spitze stehen und ermöglichen es ihnen Macht zu zentralisie-
ren. Wenn wir dieses System durch mehr Kontrolle und Ausgleiche
ausbessern wollen, bedeutet dies lediglich, dass wir uns Schutz von
etwas erhoffen, vor dem wir eigentlich geschützt werden sollten. Die
einzige Möglichkeit Druck auf die Herrschenden auszuüben, ohne in
ihr Machtspiel hinein gezogen zu werden, ist der Aufbau horizon-
taler, autonomer Netzwerke. Wenn wir jedoch mächtig genug sind,
dass die Herrschenden uns ernst nehmen müssen, wären wir auch in
der Lage unsere Probleme direkt ohne sie zu lösen.
Es gibt keinen Weg zur Befreiung ohne Freiheit. Statt einem winzigen
Nadelöhr, an dem sich alle Handlungsfähigkeit sammelt, brauchen
wir eine große Bandbreite von Austragungsorten, an denen wir uns
selbst ermächtigen können. Statt einer einzigen Währung, die uns
Legitimität verleiht, brauchen wir Platz für viele verschiedene Be-
gründungen. Anstelle der Zwänge, die jeder Regierung innewohnen,
brauchen wir Strukturen der Entscheidungsfindung, die Autonomie
fördern und in der Lage sind sich gegen Möchtegern-Herrscher*innen
zu verteidigen.

Das Problem sind: Profite

Wenn alles einen Preis hat, verlieren selbst die einzigartigen Mo-
mente unseres Lebens ihre Bedeutung und werden zu bloßen Wert-
marken in einer abstrakten Kalkulation der Macht. Alles was nicht
finanziell messbar ist, lassen wir am Wegrand zurück. Das Leben
wird zum Gerangel um finanzielle Vorteile: Alle gegen alle, verkau-
fen oder verkauft werden.Gewinne machen bedeutet in Relation zu
allen anderen mehr Kontrolle über die Ressourcen der Gesellschaft
zu erlangen. Wir können nicht alle auf einmal profitieren; für jede
Person die profitiert müssen proportional gesehen andere Einfluss
verlieren. Ein Profit-geleitetes System produziert Armut in derselben
Geschwindigkeit, in der es Reichtum konzentriert. Der Zwang zur
Konkurrenz sorgt schneller als jedes vorige System für neue Inno-
vationen, daneben produziert es jedoch auch ständig zunehmende
Ungleichheiten: Einst wurden Unberittene von Berittenen regiert,
nun fliegen Bundeswehrkampfjets zur Aufklärung bei Großprotesten
über G8-Gegner*innen. Tatsächlich belohnt der Kapitalismus Unter-
nehmen nicht dafür Krisen zu bewältigen, sondern dafür aus ihnen
Gewinn zu schlagen.

Das Problem ist: Eigentum

Die Grundlage des Kapitalismus sind Eigentumsrechte - ein weiteres
soziales Konstrukt, das wir von Monarchien und Aristokratien geerbt
haben. Die Idee von Inhaberschaft legitimiert den Einsatz von Gewalt
um von Menschen erschaffene Ungleichheiten in Bezug auf Zugang
zu Land und Ressourcen zu erzwingen. Einige Leute glauben, dass Ei-
gentum auch ohne den Staat existieren würde. Allerdings sind Eigen-
tumsrechte ohne eine zentralisierte Autorität, die diese durchsetzen
kann, bedeutungslos - und andersherum ist nichts wirklich deines,
solange eine zentralisierte Autorität besteht. Was würde es bedeuten
die Dinge, die uns wichtig sind, zu beschützen? Regierungen exis-
tieren nur auf Grundlage dessen, was sie uns genommen haben; sie
werden immer mehr nehmen als geben. Der Markt belohnt uns nur
dafür unsere Mitmenschen auszunehmen, und andere dafür uns
auszunehmen. Die einzige wirkliche Absicherung liegt in unseren
sozialen Bindungen: Wenn wir uns sicher fühlen wollen, brauchen
wir Netzwerke gegenseitiger Hilfe, die in der Lage sind sich selbst
zu verteidigen. Wenn unsere Beziehungen zu Dingen nicht durch
Eigentumsrechte und Geld festgelegt werden, wären sie bestimmt
durch die Beziehungen, die wir zueinander haben. Heutzutage ist
es andersherum: unsere Beziehungen zueinander werden bestimmt
durch unsere Beziehungen zu materiellen Dingen. Eigentumsrechte
abzuschaffen würde nicht bedeuten, dass du deinen Besitz verlierst;
es würde bedeuten, dass weder die Polizei noch ein Börsencrash dir
die Sachen, die du brauchst, wegnehmen kann. Anstatt einer Büro-
kratie zu gehorchen, würden wir bei den menschlichen Bedürfnissen
anfangen; anstatt einen Vorteil aus den Anderen zu ziehen, würden
wir Vorteile aus unseren gegenseitigen Wechselbeziehungen ziehen.
Die schlimmste Angst der Gewinner*innen dieser Gesellschaft ist
eine Gesellschaft ohne Eigentum - denn in einer solchen Gesell-
schaft bekämen sie nur den Respekt, den sie sich auch verdienen.
Ohne Geld bekommen die Menschen Anerkennung für das, was sie
für Andere tun und nicht dafür, dass sie andere Menschen zwingen
können etwas zu tun. Ohne Profite muss jede Leistung schon an sich
die Belohnung dafür sein - und so gäbe es keinen Ansporn mehr für
bedeutungslose oder destruktive Aktivitäten. Die Dinge die im Leben
wirklich zählen - Leidenschaft, Freundschaft, Verständnis, ... - gibt
es im Überfluss. Es bedarf Hundertschaften von Polizist*innen und
Sachverständigen um die künstliche Knappheit zu schaffen, die uns
in diesem Hamsterrad gefangen hält.

Das letzte Verbrechen

Jede gesellschaftliche Ordnung basiert auf einem Verbrechen - das
Verbrechen, dass die vorige Ordnung abgeschafft hat. Danach wird
die neue Ordnung als legitim wahrgenommen, sobald die Leute an-
fangen sie als gegeben hinzunehmen. Das Gründungsverbrechen der
USA war zum Beispiel die Rebellion gegen die britische Monarchie.
Das Gründungsverbrechen der kommenden Gesellschaft - falls wir
diese hier überleben sollten - wird die heutigen Gesetze und Insti-
tutionen abschaffen. Die Kategorie Verbrechen bezeichnet alles, was
die Grenzen einer Gesellschaft übertritt - im guten wie im schlech-
ten. Jedes System ist von dem bedroht, was es nicht einbeziehen oder
kontrollieren kann. Jede Ordnung beinhaltet schon die Samen ihrer
eigenen Zerstörung.

Nichts bleibt ewig bestehen, das gilt auch für Imperien und Kulturen.
Was könnte diese Gesellschaft ablösen? Können wir uns eine Ord-
nung vorstellen, die nicht auf der Einteilung des Lebens in legitim
und nicht-legitim, legal und illegal, Herrschende und Beherrschte
basiert?

Was könnte das letzte Verbrechen sein? Durch die Feststellung des-
sen, was all die verschiedenen Institutionen und Mechanismen der
Herrschaft gemeinsam haben, können wir erkennen, dass unsere
individuellen Kämpfe auch Teil von etwas größerem sind, von et-
was, das uns verbinden könnte. Wenn wir uns auf Grundlage dieser
Verbindung zusammen finden, verändert sich alles: nicht nur unsere
Kämpfe, auch unsere Handlungsfähigkeiten, unsere Begeisterungs-
fähigkeit - der Glaube daran, dass unsere Leben bedeutend sind. Al-
les was es braucht um uns zu finden ist anzufangen entsprechend
einer anderen Logik zu handeln.

Um alles zu verändern, fang irgendwo an.

weitere Infos:

Dieser Text ist Teil eines CrimethInc-Projekts und entstand in Kooperation
mit Gefährt*innen aus fünf Kontinenten. Digital könnt ihr die ungekürz-
te Version des Textes und das damit verbundene Video auf tochangeve-
rything.com auf über einem Dutzend Sprachen finden. Gegen Portokosten
könnt ihr bei black-mosquito.org die gedruckte Version bestellen.

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auf crimethinc.blogsport.de - und auf Englisch unter crimethinc.com.


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