(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - Italiens Abschied vom Kündigungsschutz? -- Die Gewerkschaften gegen Renzis "Job Act"
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Sun Jan 18 14:03:38 CET 2015
Die Lage in Italien bleibt weiterhin prekär: Während in anderen europäischen Ländern die
Jugendarbeitslosigkeit, wenn auch langsam, zurück geht, ist in Italien keine Besserung in
Sicht. Aber anstatt die überbordende Korruption zu bekämpfen und die Macht der reichen
Wirtschaftsmogule Italiens zu brechen, sucht sich die Regierung lieber die vermeintlich
Schwächeren aus - natürlich die ArbeiterInnen und Angestellten. Die Regierung Renzi will
dabei eine historische Errungenschaft der italienischen Arbeiterschaft abschaffen: Der
Kündigungsschutz, der ArbeiterInnen vor ungerechtfertigten Entlassungen in Betrieben mit
über 15 Beschäftigten schützt, soll nach leichten Veränderungen in den Vorjahren1
vollständig aufgeweicht werden. Ab jetzt soll dieser erst ab drei Jahren Anstellung
greifen. Auch weitere Veränderungen innerhalb dieser "Reform" erinnern an die hierzulande
bekannte Agenda 2010.
Glaubt man Renzis Worten, sollen im Zuge des Vorhabens eine allgemeine
Arbeitslosenversicherung eingerichtet und viele derzeit existente prekäre Arbeitsverträge
zukünftig unterbunden werden. Zusätzlich ist die Schaffung einer Arbeitsagentur
vorgesehen, um eine aktivere Arbeitsmarktpolitik zu ermöglichen. Also analog dem hier in
Deutschland berühmt-berüchtigten "freundlichen" Kundendienst für Arbeitslose. Die
Regierung erhofft sich dadurch eine Senkung der Arbeitslosigkeit zu bewirken oder
zumindest mehr Sozialabgaben für den Staat zu generieren. Obwohl die geplante
de-facto-Abschaffung des Kündigungsschutzes dergestalt rechtlich extrem problematisch sein
dürfte, ist hier zu betonen, dass auch das bisherige Gesetz nicht wirklich über die
Gesetze anderer Länder hinausgeht.2
Dabei ist das italienische System wesentlich krasser, als dies in Deutschland der Fall
ist: Es gibt in Italien kein vergleichbares Sozialsystem. Italienische Arbeitende sind nur
versichert, wenn sie einen Job haben. Da Italien aber im Besonderen ein Problem mit einer
extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit hat, hatten viele Menschen bisher noch keine Arbeit.
44,2% der unter 25-Jährigen sind arbeitslos, noch 79% der unter 30-Jährigen müssen zu
Hause leben, das durchschnittliche Alter für finanzielle Unabhängigkeit beträgt 35!3 Da
das italienische Sozialsystem vom Ansatz her immer noch im 19. Jahrhundert verwurzelt ist,
wird hier auf die Großfamilie gesetzt: Kein Hartz IV, kaum weitere Sozialleistungen, nur
ein pauschales Elterngeld - doch die gesamte Struktur der italienischen Gesellschaft ist
eben heute eine ganz andere. Für die Zukunft steht zu befürchten, dass es die
Arbeitsverhältnisse in Italien noch schlimmer prekarisieren wird: Vielleicht werden mehr
Menschen Arbeit finden, aber zu extremen Bedingungen, bei denen der kleinste Fehler eine
Kündigung bedeuten kann, gegen die man sich gerichtlich nicht wehren kann.
AUFRUFE ZU GENERALSTREIKS
Die Gewerkschaften Italiens reagieren auf den Job Act Renzis. Die großen
Gewerkschaftsverbände CGIL, CISL und UIL beließen es hierbei zunächst nur bei schroffen
Worten. Der erste Verband, der zu einem allgemeinen Streik aufrief, war der Verband der
Basisgewerkschaften "Unione Sindacale di Base" (USB), ein Verband, der aus der
links-kommunistischen Vergangenheit Italiens kommt (Stichwort "Eurokommunismus"). Seinem
Aufruf zum 24. Oktober folgten immerhin über eine Million Beschäftigte. Betroffen waren
vor allem der Flug- und Eisenbahnverkehr sowie der Schulbetrieb. Den Auftakt machten
SchülerInnen und StudentInnen, die zu Beginn des Streiktags landesweit in allen
Regionalhauptstädten Protestkundgebungen gegen den Zustand des Bildungswesens
ausrichteten. Für den 14. November haben nun weitere Gewerkschaften einen Generalstreik ab
acht Uhr morgens für acht Stunden angekündigt. Mit dabei Gliedgewerkschaften des größten
Verbandes CGIL.
Die USI ruft ebenfalls zu Streiks in Mailand und Florenz auf. Die Schwerpunkte richten
sich hierbei auf ihre Sympathisanten im Dienstleistungs- und Industriesektor sowie die
Beschäftigten in Pflege- und Krankenhäusern.
Michael Rocher
[1] ? Seit 2012 können die Unternehmer den ungerechtfertigt Entlassenen auch eine
Entschädigung zahlen, zuvor gab es nur die Option, die Gekündigten wieder einzustellen.
[2] ? Fr-online vom 30.09.2014
www.fr-online.de/politik/italien-renzi-macht-sich-neue-feinde,1472596,28575866.html
[3] ? Die Zahlen stammen aus dem Artikel:
www.opendemocracy.net/can-europe-make-it/jamie-mackay/matteo-renzi%E2%80%99s-jobs-act-is-affront-to-italy%E2%80%99s-youth
QUELLEN UND LITERATUR
iz3w 334: Antiziganismus - Vergangenheit und Gegenwart
www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/iz3w334.pdf
Entwurf eines Gesetzes zur Einstufung weiterer Staaten als sichere Herkunftsstaaten und
zur Erleichterung des Arbeitsmarktzugangs für Asylbewerber und geduldete Ausländer
www.dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/015/1801528.pdf
Klaus-Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner - Eine Geschichte von Faszination und
Verachtung, Suhrkamp, 2011
Reinhard Marx. Serbien, Mazedonien und Bosnien - sichere Herkunftsstaaten? Zusammenfassung
eines Rechtsgutachtens im Auftrag von ProAsyl:
www.proasyl.de/fileadmin/fm-dam/NEWS/2014/Zusammenfassung_des_Rechtsgutachtens.pdf
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