(de) Ich bin nicht Charlie und du kannst mich mal (en, fr, it)

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Wed Jan 14 11:12:39 CET 2015


Die Pariser erwachten heute morgen, und durch sie die ganze Welt, mit einem makaberen 
Pulvergeruch in der Nase. Einige religiöse Fanatiker, es sind nicht die ersten, es werden 
nicht die letzten sein, eröffneten während der wöchentlichen Sitzung der Satirezeitschrift 
Charlie Hebdo das Feuer. Ein Dutzend Toter und einige Verletzte, wovon die Mehrheit 
allseits bekannte und an die Massenmedien gewöhnte Journalisten und Karikaturisten sind, 
sowie zwei Bullen, die im Gegensatz zu den anderen ihren Lohn dafür erhielten, beschossen 
zu werden. Ausser vielleicht unter einigen alten Kriegswölfen war die erste Reaktion auf 
dieses Ereignis Empathie gegenüber dem Schrecken dieses Angriffs. Tatsächlich kann dieses 
Attentat, welches das tödlichste seit jenem faschistischen gegen den Zug Strassburg-Paris 
am 18. Juni 1961 während des Algerienkrieges war, nur Entsetzen auslösen in Anbetracht der 
Bestimmtheit und der Flucht nach vorne der Angreifer.

Entsetzen auch in Anbetracht der religiösen Niedertracht, welche mehr als je zuvor einen 
grossen Teil der Menschheit davon abhält, sich wirklich über die Welt um sie herum 
Gedanken zu machen. Dazu kommt für uns Anarchisten und Revolutionäre das Entsetzen über 
die immerwährende nationale Einheit. Jene nationale Einheit, die man uns immer dann wieder 
serviert, wenn die Staaten proletarisches Kanonenfutter brauchen. Denn es sind immer die 
gleichen, von welchen man verlangt, sich auf den Wegen zum Ruhm zu opfern für Interessen, 
welche nicht ihre eigenen sind, wie die Nation, der ,,Friede" oder die Republik, während 
die Entscheidungsträger sich unter den Goldverzierungen ihrer Paläste am Rücken kratzen.

Das gleiche Spiel spielte man schon 1914 mit uns, indem man uns zur Einheit gegen die 
,,boches"[abwertende Bezeichnung für Deutsche] ermahnte, oder vor einigen Jahren während 
der ,,Affäre Merah", und es ist auch heute wieder das gleiche. Chefs und Arbeiter, 
Gefangene und Aufseher, Bullen und ,,Straftäter", Reiche und Arme, alle Hand in Hand 
vereint für die nationale Trauer. Heute gibt es keine Klassen mehr, keine Schranken 
zwischen den Leuten, und auch keine Barrikaden, obwohl Hunderttausende auf den Strassen 
von ganz Frankreich (und sogar woanders) marschieren. Doch wem nützt das eigentlich? 
Sicher nicht den Unerwünschten, welche die Strassen von Paris und der Welt bewohnen. 
Plötzlich vergiessen der Staatsterrorismus, der republikanische und demokratische 
Terrorismus, die Terroristen des Geldes ihre Krokodilstränen und tun so, als ob sie die 
Guten wären, da die Jihadisten ihnen die Gelegenheit auf einem Silbertablett servieren, 
welches die Proportionen des Universums annimmt, bis zu einem Punkt, wo heute nur noch der 
Marschall zuoberst im Organigramm fehlt. Doch heute geht es nicht mehr darum, 
Elsass-Lothringen zurückzugewinnen, es geht darum, ,,die Werte der Laizität und der 
Meinungsäusserungsfreiheit zu verteidigen". Alles in allem nur Scheisse für uns, wir, die 
wir alle Religionen zerstören wollen und die Meinungsäusserungsfreiheit all jenen 
verweigern, welche eine Krawatte, einen Priesterrock oder jegliche andere Uniform oder 
Adelstitel tragen.

Jeder drückt auf seine Tränendrüse, jede Partei, jede Organisation, von allen 
vorstellbaren und möglichen Strömungen, Libertäre eingeschlossen[1], spuckt uns den 
vorgekauten Diskurs der ,,Barbaren" aus, welche das ,,Zusammenleben" angreifen.

Doch was ist eigentlich ein Barbar?

Verweilen wir einen Moment beim Begriff. Vom griechischen bárbaros (,,Fremder") kommend, 
wurde das Wort von den alten Griechen für jene Bevölkerungen benutzt, welche nicht Teil 
ihrer durch die griechische Sprache und Religion definierten Zivilisation waren. Der 
Barbar ist also der Andere, jener, welcher nicht die gleiche Suppe teilt, oder eben jener, 
der nicht am gleichen Tisch isst. Montaigne sagte: ,,Wir nennen Barbarei, was nicht mit 
den heimischen Verhältnissen übereinstimmt." Wie wir es schon woanders gesagt hatten, 
kennen wir keine Barbaren, wir kennen nur Individuen, welche innerhalb dieser morbiden 
Zivilisation überleben. Wir kennen kein ausserhalb, wir kennen Ausgeschlossene, ja, doch 
sie könnten nicht mehr innerhalb sein, als sie es schon sind.

Die heutigen ,,Barbaren" sind weit davon entfernt, ausserhalb der Zivilisation zu stehen, 
obwohl es für die Verfechter dieser These beruhigend sein mag, dies zu glauben. Genau wie 
die berühmte ,,Gang der Barbaren" damals sind sie reine Produkte der Zivilisation. Sie 
kennen deren Codes, benutzen deren Werkzeuge und sind nicht so weit von jenen entfernt, 
welche sie heuchlerisch anprangern. Denn es macht grundsätzlich nur einen geringen 
Unterschied, ob die Mörder grüne oder schwarze Uniformen tragen, ob sie ,,es lebe die 
Demokratie" oder ,,Allahu akbar" schreien, ob sie eine dreifarbige oder jihadistische 
Fahne tragen, ob sie von der öffentlichen Meinung gebilligt werden oder nicht, ob ihre 
Massaker legal oder illegal sind, ob sie uns massakrieren, um uns die Aufklärung oder die 
Dunkelheit zu bringen. Indem sie ihre makaberen Übergriffe begehen, begeben sie sich alle 
auf das gleiche Niveau, von jenem Moment an, wo sie dem Individuum verweigern, sich zu 
verwirklichen, wie es will.

Der Terrorismus ist keine barbarische Praxis, sondern eine höchst zivilisierte, ist die 
Demokratie nicht ein Kind des Terrors? Deshalb muss der Terror genauso bekämpft werden wie 
die Zivilisation, welche ihn hervorbringt und braucht, von den ,,septembriseurs" 1792 bis 
zu den zerstörerischen Gefängnisstrafen oder Daesh heute. Wer sind sie, diese Schweine mit 
Krawatte, welche ihre Armeen zum Angriff auf die Bevölkerungen von Zentralafrika, 
Afghanistan oder woanders losschicken, und die uns heute Lektionen des Pazifismus 
erteilen, wenn in Paris zwölf Personen ermordet werden? Es sind genau die gleichen, wie 
jene, welche im Moment im Fernsehen erscheinen, um einige billige Tränen zu vergiessen, um 
einige elende Punkte in ihren genauso elenden Meinungsumfragen zu gewinnen oder nicht zu 
verlieren.

Wir sind heute genauso wenig Charlie wie gestern und der Tod verwandelt unsere Gegner oder 
Feinde von gestern nicht in Freunde von heute, wir überlassen dieses Verhältnis zur Welt 
den Hyänen und den Geiern. Es ist nicht eine unserer Gewohnheiten, vor den Gräbern der 
(sogar vage alternativen oder libertären) Journalisten und der Bullen zu weinen, denn wir 
haben die Medien und die Polizei schon lange als wesentliche Waffen dieses 
Zivilisationsterrorismus erkannt, basierend auf der Konsensfabrik einerseits, der 
Repression und Einsperrung andererseits. Deshalb weigern wir uns, Wölfe mit anderen Wölfen 
zu beweinen, oder sogar mit Schafen.

Jene Räuber, welche uns heute ermahnen, herzhaft mit ihnen zu weinen, zu deklarieren ,,Ich 
bin Charlie", diese gleichen Räuber in Anzügen sind verantwortlich für das Aufkommen von 
schrecklichen Gruppen und Bewegungen wie Al-Qaida oder Daesh, ehemalige Verbündete der 
westlichen Demokratien gegen die vorhergehenden Gefahren, bevor sie einen zentralen Platz 
auf dem Podium der geostrategischen Gefahren von heute einnahmen. Diese gleichen 
Drecksäcke, welche jeden Tag in ihren Gerichten, ihren Kommissariaten, ihren Gefängnissen 
jene ermorden, einsperren, verstümmeln und in Beschlag nehmen, welche nicht den klar 
aufgezeichneten Weg verfolgen, welchen man uns durch Knüppelschläge und Bildung auferlegt. 
Diese gleichen zivilisierten Wesen, welche jeden Tag jene an ihren Grenzen krepieren 
lassen, welche versuchen, dem durch sie oder ihren Feinden des Tages, Salafisten und 
Konsorten, ausgelösten Elend und den Kriegen zu entfliehen.

Wir haben überhaupt keine Lust, dass genau diese Drecksäcke uns weiterhin zivilisieren und 
beseitigen, und noch weniger, mit ihnen Schulter an Schulter zu stehen. Denn wir wollen 
gegen sie Schulter an Schulter stehen, gegen sie und gegen all jene, welche uns unter 
diversen religiösen, politischen, kommunitaristischen, interklassistischen, 
zivilisierenden und nationalistischen Vorwänden nur als zu platzierende Bauern betrachten, 
zur Aufopferung auf einem ekelhaften und absurden Schachbrett. Es ist angebracht, heute 
wie morgen, sich an diese Worte von Rudolf Rocker zu erinnern, als er sagte, dass 
,,nationale Staaten politische Kirchengebilde[sind]. Das sogenannte Nationalbewußtsein, 
das dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen wird, ist eine religiöse Vorstellung; 
man ist Deutscher, Franzose oder Italiener, wie man Katholik, Protestant oder Jude ist."

Es geht jedoch nicht darum, die Gefahr zu minimieren, welche diese Verrückten von Allah, 
diese Liebhaber der Selbst-Unterwerfung und des moralischen Masochismus repräsentieren. 
Und obwohl wir heutzutage von ihrer Fähigkeit komplett überfordert sind, überall zu 
rekrutieren, um sich hier und da in die Luft zu jagen, werden wir uns diesbezüglich Fragen 
stellen müssen, um aus dem Unverständnis herauszukommen. Dabei sollten wir uns allerdings 
nicht den Sirenen jener ergeben, welche uns nur noch ein bisschen mehr spalten möchten, 
indem sie aufgrund eines verschwindend kleinen Teils der Muslime die Stigmatisierung auf 
eine ganze Bevölkerung ausdehnen möchten, um den angeblichen ,,Kampf der Kulturen" zu 
erreichen, von dem sie so sehr träumen, was eigentlich Bürgerkrieg bedeutet, dessen 
Konsequenzen für uns alle sie sich wohl nicht bewusst sind.

Und was soll man von diesem Angehörigen des Reinigungspersonals sagen, der von Kugeln 
zerfetzt, kaltblütig exekutiert wurde, ohne dass er irgendwas verlangt hätte? Wer kümmert 
sich darum? Er hatte wahrscheinlich kein Twitterkonto, kein Eintrittsticket zum modernen 
Spektakel, keinen Namen, kein Gesicht, keinen Freund, der im Fernsehen weinen gehen kann. 
Er war nicht Charlie. Er war nur ein Kollateralschaden einiger Gottesverrückter mit einem 
erleuchteten Abzug, genau wie so viele im Moment, genau wie die Millionen von 
Kollateralopfern der Staaten auf der ganzen Welt. Unsere Gedanken sind heute Abend bei ihm.

Etwas ist sicher, es gibt nichts zu wählen zwischen der Pest und der Cholera, zwischen 
irgendeinem Gott mit seinen schlachtenden, kreuzigenden oder massakrierenden Propheten 
oder irgendeinem Scheissstaat mit seinen mordenden Bullen und Soldaten. Wir verweigern 
immer noch die Aufforderung, zwischen verschiedenen Formen der Sklaverei und der 
Unterwerfung zu wählen. Unsere Wahl kann nur von uns selbst kommen, es ist jene der Freiheit.

In dieser hoffnungslosen Epoche, gegenüber der vermeintlichen ,,nationalen Einheit", dem 
Bürgerkrieg, dem Jihad der Fanatiker und den ,,sauberen Kriegen" der Staaten, müssen wir 
den sozialen Krieg wieder in den Vordergrund stellen, und zwar bis es brennt.

Einige AnarchistInnen,
am 7. Januar 2015.

[Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung]

Anmerkungen

[1] Kleines Ratespiel, sind diese Aussagen aus dem Communiqué der Gruppe J.B. Botul der 
anarchistischen Föderation oder aus der Rede von François Hollande? ,,Unsere Genossen von 
Charlie Hebdo haben ein schweres Tribut für die Meinungsäusserungsfreiheit gezahlt. 
Mehrere Polizisten sind auch unter den Opfern. Wir erweisen all diesen Opfern die letzte 
Ehre.[...] die Anarchisten respektieren die Glaubensfreiheit im Rahmen einer laizistischen 
Republik."

http://www.non-fides.fr/?Ich-bin-nicht-Charlie-und-du


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