(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - Direkte Aktion statt sozialpartnerschaftlicher Mauschelei

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Tue Jan 13 09:07:48 CET 2015


Kämpfe indigener Gemeinden um Land haben mehr mit unseren Verhältnissen zu tun, als ein 
kulturalistischer Blick zunächst suggerieren mag ---- Im Norden Perus ist die dortige 
spezifische Konstruktion einer "Sozialpartnerschaft" gescheitert: Hunderte Menschen 
besetzten Ende Oktober den Flughafen von Andoas in der nördlichen Provinz Loreto. Damit 
sabotierten sie die Mechanik des Netzes aus Logistikunternehmen, staatlichem 
Verwaltungsapparat und der transnationalen industriellen Rohstoffförderung. Wohlgemerkt 
handelte es sich bei diesem Akt nicht um Arbeiter*innen und Angestellte der staatlichen 
und privaten Konzerne und Behörden, sondern um die kollektiven Eigentümer*innen großer 
Flächen des peruanisch/ecuadorianischen Grenzgebietes. Warum es sich dennoch nicht um 
einen chauvinistischen oder gar xenophoben Aufstand zur Besitzstandswahrung, sondern um 
einen emanzipatorischen Konflikt mit der gesellschaftlichen Funktion "des" Kapitals 
handelt, soll in den folgenden Zeilen dargelegt werden.

Der peruanische Staat überantwortete in den 90er und 2000er Jahren nach jahrelangen 
Konflikten mit indigenen Gemeinden die Landtitel an dem von Bergen, Flüssen und Urwald 
geprägten Gebiet an verschiedene Gruppen, die sich in der Federación Indígena Quechua del 
Pastaza (Föderation der Quechua von Pastaza, kurz Fediquep) organisiert hatten. Damit zog 
sich der Staat aus einer Auseinandersetzung zurück, in der er nie die ihm systemisch 
zukommende hegemoniale Funktion einnehmen konnte, nämlich die gesellschaftlichen 
Rahmenbedingungen für das Verhältnis von Kapital und Arbeit zu schaffen. Denn die 
individualisierte Lohnabhängigkeit hatte die Angehörigen der betreffenden indigenen 
Gemeinden bislang vor allem durch Tagelöhnerei und prekären Schwarzmarkthandel ergriffen, 
aber eben nicht im Sinne eines politisch regulierbaren und zementierten sozialen Status 
Quo. Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte lang galt das Humankapital der Menschen in der 
Peripherie der Amazonasökonomie als unattraktiv für die Unternehmen zwischen Lima, Manaus, 
Iquitos und Quito. Der Strom an Arbeitssuchenden aus den Provinzen in die Zentren und die 
dortige Bevölkerungsexplosion in den Armenvierteln sicherten einen nie versiegenden 
Nachschub an billiger Arbeitskraft für die peruanische, brasilianische und ecuadorianische 
Industrie und die globalen Investor*innen. Bis heute ist es für die in dieser Gegend 
umtriebigen Unternehmen günstiger, Arbeiter*innen aus den Städten selbst in die 
abgelegensten Orte zu fliegen oder über die Flüsse zu verschiffen und in unwürdigen 
Behausungen zu kasernieren, als das Konfliktrisiko einzugehen, das eine vertragliche 
Beschäftigung der dortigen Bevölkerung in sich birgt. Denn das Verhältnis zwischen Kapital 
und Arbeit dominiert in diesen Bevölkerungsteilen nicht vollkommen die Reproduktion, wie 
es für die kapitalistische Gesellschaft eigentlich prägend ist. Damit aber sind die 
Angehörigen der indigenen Gemeinden trotz ihrer materiell oft desaströsen Lage den 
Verwertungsinteressen, wie sie das Kapitalverhältnis zwangsweise vorgibt, paradoxerweise 
nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

OHNE GEWERKSCHAFTEN: VERKNAPPUNG DER ARBEITSKRAFT DURCH VERSCHMÄHUNG DES KAPITALVERHÄLTNISSES

Es ist eine komplizierte politisch-ökonomische Gemengelage: Für die Unternehmen und die 
Investor*innen besteht weder ein wirtschaftlicher noch ein politischer Druck, für die 
Lohnstückkosten bei ihren Geschäften in der Peripherie des Amazonasgebietes mehr Kapital 
aufzuwenden; sie haben mit ihrem langen kalten Krieg gegen soziale Bewegungen für eine 
scheinbare Verewigung der frühindustriellen Arbeitsverhältnisse in der Holzindustrie, der 
Wasserkraft, in den Goldminen, der Logistik und der Ölindustrie gesorgt. Somit können sie 
auf den uneingeschränkten Zugriff auf die Arbeitskraft der indigenen Gemeinden ohne 
Weiteres verzichten. Diese wiederum konnte das Schicksal der verelendeten Massen in den 
Slums der Hauptstadt Lima nicht locken, ihre Subsistenzwirtschaft für die Versprechungen 
der Industriegesellschaft aufzugeben. Damit aber bot sich ihnen auch eine Alternative zur 
mehr als kargen staatlichen und kirchlichen Fürsorge, auf die die vom Kapital Verschmähten 
in den industriellen Zentren Perus und der jeweiligen Anrainerstaaten sonst angewiesen 
sind: Selbstversorgung durch Ackerbau, Jagd und Holzfällerei, ergänzt durch 
Gelegenheitseinkünfte im Handel mit privatwirtschaftlichen Akteur*innen. Diese Alternative 
zur kompletten Lohnabhängigkeit verteidigten die heterogenen politischen Gruppen der 
Indigenen im peruanisch/ecuadorianischen Grenzgebiet gegen den Staat und seine 
territorialen Ansprüche.

Auch um die Gemeinden nicht linken Bewegungen in die Arme zu treiben, ließ sich der 
ansonsten alles andere als in Sachen Repression zögerliche peruanische Staat auf Verträge 
ein, in denen ausgesuchten Gruppen die Eigentumsrechte an großen Gebieten in Loreto 
eingeräumt wurden, wenn auch selbstverständlich unter rechtlicher Beibehaltung des 
staatlichen Gewaltmonopols. Damit begann ein für Europäer*innen nur schwer 
nachvollziehbarer Verhandlungsprozess zwischen transnational agierenden Großunternehmen 
und am Rande des materiellen Elends lebenden sozialen Gruppen. Es war nicht mehr an der 
staatlichen Verwaltung, die rechtlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen für das 
Kapital bereitzustellen, sondern diese machtvolle Position fiel von nun an den indigenen 
Gemeinden zu. Von einem politisch-ökonomischen Standpunkt aus betrachtet gerieten so die 
Repräsentant*innen der Gemeinden in die Funktion von mächtigen Betriebsräten oder 
Gewerkschaftsvorsitzenden in durch das Kapitalverhältnis komplett erschlossenen 
Gesellschaften - also den tragenden Säulen der in Deutschland immer wieder beschworenen 
"Sozialpartnerschaft".

ALLE RÄDER STEHEN STILL...

Die Unternehmen spielten denn diese Klaviatur erwartungsgemäß. Die Sprecher*innen der 
Gemeinden wurden mit der Unternehmenslogik vertraut gemacht, zu Vertragspartner*innen 
erkoren und die verschiedenen politischen Gruppen der Indigenen gegeneinander ausgespielt. 
Der eine Vertrag wurde durch die Konditionen eines nachgelagerten ausgehebelt, 
Subunternehmen gaukelten andere Zuständigkeiten für ein und dieselbe Tätigkeit vor, und 
einheitliche Interessen der verschiedenen indigenen Gruppen z.B. an Wegzöllen für die 
Logistikbranche oder Ausgleichszahlungen für gerodete Waldflächen wurden mittels 
politischer Winkelzüge zu Konfliktthemen zwischen den Gemeinden. Die kollektiven Rechte 
der Gemeinden wurden so bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht - recht analog zum 
sozialpartnerschaftlichen Umgang mit den Rechten der Koalitionsfreiheit und dem Wert der 
Mitbestimmung in deutschen Betrieben. Nur in dieser allgemeinen systemischen Sicht ist die 
Besetzung des Flughafens der Stadt Andoa zu verstehen. Denn diese direkte Aktion, die die 
gesamte Ökonomie der Region, die komplett vom Flugverkehr in die nächsten Städte abhängig 
ist, ins Mark traf, wurde eigentlich durch einen partikulären Konflikt ausgelöst. Das Gas- 
und Erdölunternehmen Pluspetrol Norte hatte Zusagen nicht eingehalten, durch die eigenen 
Aktivitäten würde die Wasserqualität der Shanshococha Lagune nicht in Mitleidenschaft 
gezogen. Zudem wurden für die Erkundung von neuem Areal zur Rohstoffförderung in Aussicht 
gestellte Zahlungen nicht in vollem Umfang geleistet. Das Unternehmen verwies auf 
parallele Verhandlungen mit Vertreter*innen anderer Gemeinden in gänzlich anderen 
Angelegenheiten. Dies brachte das Fass im indigenen Dachverband Fediquep zum Überlaufen, 
war doch nicht zu leugnen, dass die Praxis der Geschäftsbeziehungen zu den Unternehmen 
über lange Sicht nur Verschlechterungen für die von dem Land abhängigen Angehörigen der 
indigenen Gemeinden nach sich gezogen hatte. Wie Aurelio Chino Dahua, Vorsitzender von 
Fediquep, deutlich machte, fühle er sich durch das Unternehmen wie aber auch durch den 
peruanischen Staat, der in diesem wie vielen anderen Fällen juristisch die 
Unternehmer*innenseite bevorzugt hatte, regelrecht "verspottet". Denn die Besitzrechte der 
Gemeinden galten peruanischen Gerichten in vielen Verhandlungen gegenüber den 
handelsrechtlichen Winkelzügen der Unternehmen als nicht maßgeblich. So entschlossen sich 
die re-organisierten indigenen Gruppen, die sozialpartnerschaftliche Praxis einseitig 
aufzukündigen. In genauer Kenntnis der makroökonomischen Bedeutung des Flughafens in Andoa 
legten sie für mehrere Tage die Zahnräder der Rohstoffindustrie in ihrer Region lahm und 
entwickelten erhebliche politisch-ökonomische Macht. Die Auseinandersetzung steht jedoch 
erst am Anfang.

Marcus Munzlinger

https://www.direkteaktion.org/226/direkte-aktion-statt-mauschelei


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