(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - Und die Räder steh'n nicht still...

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Mon Jan 12 11:55:35 CET 2015


...wenn die Belegschaft es so will! Der "aktive Streik" bei LIP 1973 ---- Bald nach den 
großen Streikbewegungen um 1968 fand in Frankreich ein Streikexperiment statt, das alles 
anders machen wollte. Kein passiver Streik, keine Arbeitsniederlegung, keine 
ritualisierten Abläufe. Und auch heute noch könnte die Geschichte dieses Streiks den 
Gewerkschaften helfen, neue Taktiken und damit auch neue Anziehungskräfte und neue 
Sympathien zu erarbeiten. Die Rede ist vom Streik beim französischen Uhrenhersteller 
"LIP". ---- VORSPIEL ---- Bei LIP arbeiteten rund 1.300 Beschäftigte, als der Schweizer 
Konzern "Ebauches SA" nach und nach die Mehrheit an dem Unternehmen erlangte. Bald setzten 
auch schon die ersten Umstrukturierungspläne ein. In der Praxis hieß das: Entlassungen und 
Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Die Forderungen der ArbeiterInnen waren klar: 
keine Entlassung, keine Unternehmenszersplitterung wie sie der neue Großaktionär vorsah.

"Es ist möglich: wir produzieren, wir verkaufen, wir bezahlen uns."

ERSTER AKT: DIE MOBILISIERUNG IM INNEREN

Zunächst entschieden sich die ArbeiterInnen auf Vollversammlungen für einen 
"Bummelstreik". Das Arbeitstempo wurde verlangsamt, es wurde zu ausgiebigen Besuchen des 
Büros der Gewerkschaft im Betrieb aufgerufen, die ArbeiterInnen entwarfen Plakate um damit 
Werkhalle, Büros und Flure zu schmücken. Kurzum: Die Fließbandarbeit wurde aus dem Tritt 
gebracht. Zwar war diese Stufe der Auseinandersetzung überaus unbeliebt bei den 
KollegInnen, hatten sie schließlich immer Chefs und VorarbeiterInnen im Nacken, doch durch 
viel Entschlossenheit, wirksame Propaganda und viel Solidarität war diese Aktionsform 
dennoch ein Erfolg. In drei Wochen Bummelstreik ging die Produktion um rund 90% zurück, 
der Lohn musste jedoch regulär weiter gezahlt werden. Während dieser Phase wurde die 
innere Solidarität gefestigt und in ausführlichen Gruppendiskussionen der nächste Schritt 
vorbereitet.

ZWEITER AKT: POPULARISIERUNG NACH AUSSEN

Nun gingen die ArbeiterInnen an die Öffentlichkeit. Der Verkehr um Besançon wurde 
blockiert, Flugblätter verteilt und das Gespräch mit den AutofahrerInnen gesucht. Des 
Weiteren wurden Supermärkte, Plätze und Fabriktore anderer Firmen besucht, um die 
KollegInnen der Zulieferbetriebe darauf aufmerksam zu machen, dass der Kampf bei LIP auch 
andere Betriebe in der Region etwas angeht. Die Umstrukturierung von LIP hätte schließlich 
auch die Zulieferer obsolet gemacht. Die Popularisierung wurde immer weiter 
vorangetrieben, indem die Aktionen zunächst auf die Region und im späteren Verlauf auf 
ganz Frankreich ausgeweitet wurden. Die kämpfende Belegschaft lässt sich dabei die 
Propagandaarbeit nicht von der Gewerkschaftszentrale entreißen, sondern nimmt auch diese 
Aufgabe selbst in die Hand. Umfragen bestätigen den Erfolg der Popularisierungsarbeit. 
Trotz medialer Falschinformationen und einseitiger Berichterstattung befürwortete ein 
Großteil der Bevölkerung die Aktionen. Doch Konkursverwalter, Direktion und Investor 
zeigten sich unbeeindruckt, drohten mit der Einstellung der Lohnzahlungen und verkündeten 
bei einem Treffen mit Gewerkschaftsdelegierten, jetzt müsse hart durchgegriffen werden. 
Die ArbeiterInnen sperrten die Verwalter daraufhin kurzerhand ein und fanden in ihren 
Aktentaschen die schon lange ausgearbeiteten Pläne von "Ebauches SA". Das 
Gesamtunternehmen soll aufgelöst werden, 450 Menschen sollten ihren Job verlieren. Das 
Schweizer Unternehmen ist eigentlich nur an dem Know-How und dem Markennamen "LIP" 
interessiert. Daraufhin werden 25.000 Uhren aus den Lagerbeständen des Konzerns in 
dezentrale Verstecke geschaffen. Die Vollversammlung billigt im Nachhinein die spontane 
Aktion und entschließt sich zur Besetzung der Fabrik und zum unbefristeten Streik. Die 
Polizei wird monatelang vergeblich nach den versteckten Bauteilen suchen.

DRITTER AKT: DER AKTIVE STREIK

Ab dem 20. Juni prangte vor den Fabriktoren ein Transparent: "Das ist möglich. Wir 
produzieren, wir verkaufen." Die ArbeiterInnen hatten die Arbeit wieder aufgenommen, aus 
den Materialbeständen werden Uhren gefertigt. Doch die Produktion erfolgt in eigener 
Regie. Das Fließbandtempo wird gedrosselt, die Vollversammlung ist das entscheidende 
Gremium. Es werden Kommissionen für Produktion, Verkauf, Verwaltung und Lager 
eingerichtet, das Werk steht BesucherInnen offen, was einen weiteren 
Popularisierungseffekt nach sich zieht. Die selbst produzierten Uhren werden direkt am 
Werkstor sowie an Betriebskomitees im ganzen Land verkauft. 62.000 Stück sind es in den 
ersten zwei Monaten.

Auch während der selbstorganisierten Produktion wird viel Zeit und Aufwand in die 
Popularisierungskommission gesteckt. Die wöchentliche Streikzeitung "LIP-unité" wird 
gegründet und steigert ihre Auflage von anfänglich rund 5.000 auf bald 50.000 Exemplare. 
Des Weiteren wird ein Manifest veröffentlicht. "Das kämpfende LIP wendet sich an alle 
Arbeiter" erreicht eine Auflage von einer Million Exemplaren. Und natürlich finden 
regelmäßig Informationsveranstaltungen, Demonstrationen und Solidaritätsaktionen im ganzen 
Land statt.Am 2. August kommt es zur ersten "paie ouvrière". Die Arbeiter zahlen sich aus 
dem Erlös der verkauften Uhren ihren ersten Lohn in Selbstverwaltung aus. Dafür wird das 
Geld aus der versteckten sogenannten "Kriegskasse" in das LIP-Werk gebracht und in der 
Nacht vor der Auszahlung werden die Lohntüten befüllt. Insgesamt 2,1 Millionen Francs 
zahlen sich die ArbeiterInnen aus. Das Banner vor den Toren wird um einen Satz erweitert: 
"On se paie!" "Wir bezahlen uns." Am 14. August besetzt die paramilitärische "Gendarmerie 
mobile" das Werk. Es folgen Solidaritätsstreiks und Demonstrationen, die teils in 
gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei enden. Der Staat wurde nervöser, wurden 
schließlich von den Streikenden die bürgerlichen Eigentums- und Verfügungsrechte an den 
Produktionsmitteln außer Kraft gesetzt. So bauten die ArbeiterInnen sich nach der 
Vertreibung vom Werksgelände einige Untergrund-Ateliers ein, wo weiterhin die Fertigung 
der Uhren besorgt wurde und unterstrichen damit "...dass LIP dort ist, wo die Arbeiter 
sind", wie es einer der Streikenden formulierte.Am 29. September 1973 beteiligten sich 
100.000 Menschen bei strömendem Regen am "Marsch auf Besançon", was den Gipfel der 
LIP-Solidaritätsbewegung markierte. Unterdessen werden die Bedingungen für die 
ArbeiterInnen immer schwieriger. Die Lohnauszahlungen müssen klandestin und dezentral 
stattfinden, die Überwachung wird immer stärker. Im Dezember 1974 schließlich wurde der 
Konflikt vorerst1 beigelegt. Ein neues Management stellte alle ArbeiterInnen wieder ein, 
der Streik war beendet.

Veröffentlichung des Packpapierverlag Osnabrück zu LIP

DER "GRÈVE ACTIVE" ALS STRATEGIE?

Sehr interessant sind die verschiedenen Auffassungen bezüglich der Taktik des aktiven 
Streiks. Die beteiligten Gewerkschaften waren die kommunistische CGT und die 
sozialdemokratische CFDT. Öffentlich unterstützten beide den Streik recht vorbehaltlos, um 
die hohe Akzeptanz für den Arbeitskampf in der Öffentlichkeit nicht zu gefährden. Dennoch 
gab es über die gesamte Dauer des Kampfes Versuche der Gewerkschaftszentralen, auf einen 
Kompromiss zu drängen. Nach einem halben Jahr Streik verlangte die CGT sogar die 
Wiederaufnahme der Arbeit zu den Bedingungen des von der Regierung ausgearbeiteten 
Lösungsvorschlags. Ganz davon abgesehen, dass dieser Lösungsvorschlag der Regierung von 
der LIP-Chefetage in die Feder diktiert wurde, sah es die Belegschaft überhaupt nicht ein, 
kleinbeizugeben. Entsprechend wurde der CGT-Vorstoß auf der Vollversammlung abgelehnt, die 
CGT kündigte die Aktionseinheit mit der CFDT auf. Dies war nicht der erste Streik nach 
1986, in dem sich extreme Unterschiede in den Interessen und Vorstellungen zwischen 
CGT-Führung und CGT-Basis auftaten. Besonders bedeckt hielten sich aber beide 
Gewerkschaften damit, aus dem Kampf strategische Schlüsse für künftige Aktionen zu ziehen. 
Die Gewerkschaften auf der einen Seite hielten den Streik in dieser Form nur aufgrund der 
besonderen Bedingungen im Betrieb für machbar. Damit lagen sie teilweise im Widerspruch zu 
ihren eigenen Kadern innerhalb der LIP-Belegschaft. Denn die ArbeiterInnen auf der anderen 
Seite hielten das Konzept durchaus für im breiteren Rahmen anwendbar. Zwar war den 
ArbeiterInnen klar, dass die selbstorganisierte Fortführung der Produktion nur ein Teil 
ihres Arbeitskampfes war, ein selbstverwalteter Betrieb im Kapitalismus also nicht die von 
den ArbeiterInnen angestrebte Lösung war. Doch schrieben sie in ihrem Manifest:

"Die hiesige Aktion lässt sich nicht auf der Stelle auf alle Betriebe übertragen, dennoch 
kann unsere Methode, wenn sie den örtlichen Bedingungen angepasst wird, in hunderten von 
Betrieben Anwendung finden. [...] Dieser Kampf beweist, dass eine andere Gesellschaft 
möglich ist, eine Gesellschaft der Gleichheit, in der die Arbeiter ihre Angelegenheiten 
selbst in die Hand nehmen werden."Der Streik erfolgte auf Basis der Erfahrungen der 
Arbeitskämpfe aus der 1968er Bewegung. Doch weder bei dieser bekannten radikalen Erhebung 
noch bei der vergleichbar starken Streikbewegung 1969 in Italien kam es vor, dass nahezu 
eine komplette Belegschaft dieser Größe den Weg in die Illegalität wählte um für ihre 
Interessen zu kämpfen. Viele Aspekte dieses Streiks sollten für uns nicht nur eine 
historische Randnotiz sein, sondern können auch in strategische Überlegungen für künftige 
Arbeitskämpfe einfließen.

Patrick Lohner

https://www.direkteaktion.org/226/Und-die-Raeder-stehn-nicht-still-LIP


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