(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - "Louise Hires A Contract Killer" -- Der etwas andere Umgang mit der Finanzkrise

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Fri Jan 9 16:43:57 CET 2015


Im französischen Original heißt die bitterböse, schwarze Komödie von Gustave Kervern und 
Benoît Delépine sehr viel passender "Louise-Michel" und enthält damit sowohl einen Verweis 
auf die gleichnamige Anarchistin als auch auf die beiden ProtagonistInnen, die Louise und 
Michel heißen. Wohl in Anlehnung an Aki Kaurismäkis "I Hired A Contract Killer", eventuell 
auch in Anvisierung eines (falschen) Zielpublikums, das einen Action-Kracher erwarten 
soll, machte die deutsche Titelschmiede daraus dann "Louise Hires A Contract Killer". Aber 
immerhin ist der Titel nicht völlig aus der Luft gegriffen, schließlich heuert Louise 
wirklich einen Auftragskiller an. ---- VON DER PICARDIE NACH JERSEY:?"MIT 20.000 EURO 
KÖNNTEN WIR DEN CHEF UMLEGEN LASSEN, VON NEM PROFI!"

Tags zuvor hält der Personalchef eine Rede, in der er den Fabrikarbeiterinnen für ihre 
Aufopferungsbereitschaft beim Erhalt ihrer Jobs dankt. "Vom Mond aus gesehen sind eure 
kleinen Probleme nur Peanuts!", sagt er und verteilt als Anerkennung dafür neue 
Arbeitskittel, während er ihnen versichert, dass ihre Arbeitsplätze sicher seien. Einen 
Tag später stehen Louise und ihre Kolleginnen in der über Nacht leer geräumten Halle und 
werden mit einer lächerlich geringen Abfindung - 100 Euro pro Jahr in der Fabrik - auf die 
Straße gesetzt. Ihr Chef hat sich aus dem Staub gemacht. Was also tun? Allein kann keine 
etwas mit dem lausigen Geldbetrag anfangen, also legen sie zusammen. Was machen mit 
insgesamt 20.000 Euro? Eine Pizzeria eröffnen? Louise hat eine bessere Idee: Warum nicht 
ihren ehemaligen Chef umlegen lassen? Der Vorschlag stößt auf allgemeine Zustimmung. Der 
Auftragskiller, den Louise von früher kennt, hat allerdings auf Immobilienmakler 
umgesattelt, also improvisiert Louise und engagiert den paranoiden Wachmann Michel, der im 
Trailerpark lebt und aus Geldnot den Auftrag annimmt, obwohl er im Grunde viel zu sensibel 
zum Töten ist. Also überredet er seine krebskranke Cousine dazu, den Auftrag für ihn zu 
übernehmen - schließlich habe sie ja nichts mehr zu verlieren, so sein Argument -, und 
schleust sie im Abendkleid und mit Pistole bewaffnet in die glamouröse Gala ein, auf der 
sich der ehemalige Direktor des Werks befindet. Als sich nach gelungener Ausführung 
herausstellt, dass dieser auch nur ein Befehlsempfänger war, machen sich Louise und 
Michel, angetrieben von Wut, dem Verlangen nach Rache, gleichzeitig aber auch aus tiefster 
Verzweiflung und Angst vor dem sozialen Elend zusammen auf die Suche nach dem 
Verantwortlichen. Was sich in Zeiten der Globalisierung als gar nicht so einfach 
herausstellt und die beiden auf eine merkwürdige und blutige Reise schickt, die sie nach 
Brüssel und schließlich über eine Briefkastenfirma ins Steuerparadies Jersey führt. 
Leichen pflastern dabei ihren Weg, den Richtigen treffen sie nie, aber die Kapitalisten 
werden weniger.

VON DEN MARX BROTHERS ZU DEN COEN BRÜDERN

Wie schon beim Vorgänger, dem bizarr-bösen Handicap/Inklusionsfilm "Aaltra" (der übrigens 
Joseph Albert alias Albert Libertad alias Libertad le béquillard, einem französischen 
Anarchisten des 19. Jahrhunderts gewidmet war), sind auch bei "Louise Hires A Contract 
Killer" die ProtagonistInnen keine duldsamen Opfer. Schräg, durchgeknallt und jenseits der 
Norm vielleicht, fügsam auf keinen Fall. Sie haben die Schnauze voll, und das zeigen sie 
auch. Andere RegisseurInnen mögen zu diesen Themen bleischwere, zähe Dramen machen, bei 
Gustave Kervern und Benoît Delépine wird daraus eine zum Brüllen komische anarchistische 
schwarze Komödie voll skurriler Einfälle und giftiger Textzeilen, in der auch vor 
politisch inkorrekten, makabren Gags über Krebskranke und Behinderte nicht 
zurückgeschreckt wird. Bildungsbürgerliches Konsenskino findet anderswo statt.

Gesellschaftliche Normen spielen ebenfalls keine Rolle - ganz beiläufig und unaufgeregt, 
ohne dramatische Dialoge, wird erwähnt, dass Louise eigentlich Jean-Pierre heißt, im 
Gefängnis saß und das Geschlecht gewechselt hat, um einen Job in der Fabrik zu bekommen. 
Und in einer Rückblende erfahren wir, dass Michel als Cathy geboren wurde. Sehr schön und 
bissig auch die Szene, in der Produzent Mathieu Kassovitz einen Gastauftritt als 
ökologisch-dynamischer Biohof- und Landhotelbesitzer hat. "Meine Frau und ich, wir heizen 
mit unseren eigenen Exkrementen", sagt er, während wir in einem Rückblick erfahren, dass 
der Hof ursprünglich Jean-Pierre/Louise gehörte, allerdings der Bank in die Hände 
fiel.Manchmal ist die Komik überbordend, kindlich übermütig und rasant wie bei den Marx 
Brothers, manchmal allerdings kommt sie auch eher aus der Langsamkeit und Dehnung und geht 
dabei in Richtung der Coen Brüder. Je nach Betrachtungsweise hat der Film dann auch eine 
Art Happy End. Und wer bis nach dem Ende des Abspanns im Kino bleibt, erlebt eine 
Überraschung: Der Kampf geht weiter!Ganz dem Originaltitel "Louise-Michel" entsprechend 
ist die pechschwarze Anarcho-Komödie von Kervern und Delépine eine Hommage an Louise 
Michel und die Pariser Kommune.

Karin Hoog

Soundtrack beim Schreiben des Artikels:
Adolescents "La Vendetta ... È Un Piatto Che Va Servito Freddo"

Louise Hires a Contract Killer. Frankreich 2008. Originaltitel: Louise-Michel. Regie: 
Benoît Delépine, Gustave Kervern; Drehbuch: Gustave Kervern, Benoît Delépine; Produktion: 
Mathieu Kassovitz Louise: Yolande Moreau; Michel: Bouli Lanners
https://www.direkteaktion.org/226/louise-hires-a-contract-killer


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