(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - "Weil die Mittage von den Chefetagen stürzen wie Steine" -- Anarcho-Poetry: Ralf Burnicki & Findus: "Hoch lebe sie - die Anarchie!"
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Wed Jan 7 14:02:27 CET 2015
Nicht wenige LeserInnen der DA werden sich gefragt haben, wann denn nun die Gedichte Ralf
Burnickis, die hier nicht selten in Erstveröffentlichung erscheinen, auch in Buchform
herauskommen. Nun ist es endlich soweit, wenn auch der eine oder die andere überrascht
sein mag. Denn für das im Verlag Edition AV erschienene Projekt hat sich Burnicki mit dem
inzwischen weit über libertäre Kreise hinaus bekannten Künstler Findus zusammengetan, sehr
passend, wie ich finde, begleitet Findus doch gekonnt und mit großem Erfolg jene
gesellschaftlichen Versuche und Revolten, die, wie Burnicki schreibt, "Worte in der
aufgebrochenen Zeit Wurzeln schlagen und Vollversammlungen der Gedanken stattfinden
lassen." Es ist jener Findus, der uns die "Kleine Geschichte des Anarchismus" zeichnete
(Verlag Graswurzelrevolution), dazu die "Kleine Geschichte des Zapatismus" von Luz
Kerkeling, "Die kleine Geschichte der Genossenschaften" mit Caterina Metje und auch die
"Kleine Geschichte der Krisenrevolten" von Torsten Bewernitz (Oktober 2014) alle drei
Bände erschienen bzw. erscheinen im Unrast Verlag, Münster.
Mit diesen lebendigen und trotz der ernsten?Thematik ?lebensfroh ?gezeichneten Comics
dürfte Findus weit mehr erreicht haben als der oder die noch so entschlossenste
StraßenkämpferIn unter uns. Nun begleiten seine Bilder also die in den letzten Jahren hier
in der Direkten Aktion veröffentlichten längeren Gedichte Burnickis, "Warum Anarchie",
"Countdown" "Der Chefteddy" und "Die anarchistische Nacht", sowie einen fiktiven Brief
Emma Goldmanns an die Anarchie. Dazu kommen ganz neu "Wenn die Anarchie ausbricht",
"Anarchie jetzt!" und "Hoch lebe sie, die Anarchie!"Ralf Burnicki zeigt seit Langem ganz
unbekümmert - oft zusammen mit dem ebenso wortgewandten libertären Dichterkollegen und
Freund Michael Halfbrodt -, dass Anarchie nicht nur eine Gesellschaftsform ist, Wirtschaft
und Politik, sondern, und das ist nicht weniger entscheidend, eine lebendige geistige
Strömung. Bereits 2001 wurde der Autor, der im folgenden Jahr im Fach Philosophie
promovierte, von der Gesellschaft für Literatur in Berlin zum Erben Orwells ausgelobt. In
der Edition Blackbox und dem Verlag Edition AV erschienen seit dem Jahr 2000 fünf
Gedichtbände, zudem stieß Burnicki mit seine Büchern "Anarchie als Direktdemokratie"
(Syndikat A), "Anarchie als Konsens" (Edition AV) wichtige Diskussionen in der libertären
Szene an.In dem Band "Hoch lebe sie, die Anarchie" gelingt es ihm erneut mit seiner
inzwischen schon typisch zu nennenden Verbindung von Wortwitz und einfühlender Poesie, die
falsche "Wirklichkeit zu zerreißen wie einen misslungen Schnappschuss!" (Nach dem Titel
eines früheren, zusammen mit Halfbrodt geschriebenen und veröffentlichten Gedichtbandes.)
Ein wenig aus dem Rahmen fällt, da Richtung Comedy, der "Chefteddy".
Hier werden der Wortwitz und die Dynamik bei allen, die sich jemals über ihren Chef
geärgert haben, zumindest schelmisches Lächeln verursachen, wenn nicht unkontrollierbares
Lachen. Die Verse in Burnickis Gedichten haben eine sich steigernde Wirkung, jedes Wort
ein weiterer Schluck im Rausch einer durchzechten Nacht. - Wenn auch mit dem Rauschmittel
"Wort" Klarheit geschaffen wird, es verursacht keine Kopfschmerzen, sondern Freude, die
Gedankenfinsternis zu durchdringen, es geht um "Licht", ein bei Burnicki nicht zufällig an
wesentlichen Stellen auftauchender Begriff. Für alle, die sich nach einem intensiveren
Leben und einem neuen Morgen sehnen, für alle, die die Falschheiten der Vergangenheit
hinter sich lassen wollen, ist dieser Band wie eine ausgestreckte Hand, die uns zu einer
frohen, von Hierarchien, Herrschsucht, Unterwürfigkeit und Ängsten befreiten Gegenwart
führen kann. Es ist das Innerste, es sind wesentliche Fragen, um die es hier geht: Was
kann der Mensch sein, wie holen wir unserer Träume aus dem Himmel auf die Erde zurück, wie
schöpfen wir neues Vertrauen, uns und anderen gegenüber, wie entsteht neuer Mut?Für alle,
die Poesie lieben und / oder vom Virus der Anarchie selbst infiziert sind - und sei es
auch nur ein wenig angehaucht -, ist dieser Band ein unbedingtes Muss, denn Burnickis
Gedichte sind wahnsinnig schön und tief bewegend!
Oliver Steinke
https://www.direkteaktion.org/226/weil-die-mittage-von-den-chefetagen-stuerzen
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