(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - Union-Busting fängt im Kleinen an -- Kampf gegen gewerkschaftliche Strukturen im Wandel

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Sun Jan 4 10:39:32 CET 2015


Unter Union-Busting versteht man die systematische Bekämpfung von 
Arbeitnehmervertretungen. Dies kann in Unterbindung von Streiks, Beeinflussung von 
Betriebsratswahlen, aber auch durch Kündigung, Mobbing oder Diffamierung einzelner 
GewerkschaftsaktivistInnen geschehen. Es handelt sich hier um kein neues Phänomen. Auch 
Mitte des 19. Jahrhunderts trat insbesondere in Preußen der Staat selbst mit Polizei und 
Militär Streikenden entgegen. In den USA wurde dafür die "Detektei" Pinkerton gegründet, 
die eine Privatarmee von 40.000 Bewaffneten und Schlägern aufbaute. Heute läuft das, was 
man Union-Busting nennt, wesentlich subtiler. Die Grenzen zwischen legalen und illegalen 
Handlungsweisen sind oft fließend.

OUTGESOURCTE BUSTER

Seit 1962 wurde von der sogenannten Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad 
Harzburg das "Harzburger Modell" erarbeitet. Kern dieses Modells ist die Ablehnung 
jeglicher Mitbestimmung und die straffe Durchorganisierung der Arbeit. Das heißt: klare 
Hierarchien und Negierung von Entscheidungsspielräumen für den einzelnen Mitarbeiter. Das 
"Harzburger Modell" war nicht nur Vorbild für die Bundeswehr, sondern auch für viele 
Unternehmen. Als Vorreiter kann hier ALDI bezeichnet werden.

Seit den 1990er Jahren setzten sich zunehmend US-amerikanische Managementkonzepte durch. 
Für das Unternehmen ALDI, welches bisher auf eigene Führungskräfte setzte, um 
Gewerkschaftsmitglieder rauszumobben und Betriebsratswahlen zu sabotieren, bedeutete dies, 
dass nun professionelle externe Union-Buster eingesetzt wurden. Dies können 
Anwaltskanzleien oder Personalberatungsagenturen sein. Betriebsratswahlen wurden nicht 
mehr plump behindert, sondern es wurden und werden arbeitgeberfreundliche 
Pseudogewerkschaften wie die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsräte (AUB) 
finanziert, mit denen Betriebsräte installiert wurden, die eher gegen die Interessen der 
Angestellten arbeiten. Daran orientierten sich auch Schlecker, Lidl und andere Discounter 
sowie viele Unternehmen der Systemgastronomie.Bestechungen von Betriebsratsmitgliedern, 
Zeugen vor Gericht, Einbau von versteckten Kameras oder Nachstellungen und Nötigungen 
gehören ebenso zum Repertoire der externen professionellen Union-Buster. Wenn sich eine 
Staatsanwaltschaft oder Medien mal für solche Dinge interessieren, wird erstmal geleugnet 
und die Geschäftsleitung ist erschüttert über die Methoden eines Sub-Sub-Sub-Unternehmens 
oder etwa einer Detektei oder eines Sicherheitsunternehmens.

AUCH EIN BELIEBTES MITTEL ZUR STREIKBEHINDERUNG: DIE EINSTWEILIGE VERFÜGUNG
STIMMUNG!

Viel alltäglicher, aber flächendeckender, ist das Verbreiten einer 
gewerkschaftsfeindlichen Stimmung in den Unternehmen. Gewerkschaften "würden Arbeitsplätze 
vernichten", "wollen bei Dingen mitreden, von denen sie keine Ahnung haben", "haben nur 
die Gehälter ihrer Funktionäre im Kopf" und ihnen "sind die einfachen Mitglieder doch 
egal". Selbstverständlich trägt es auch nicht zu einem gewerkschaftsfreundlichem Klima 
bei, wenn einige Gewerkschaftsvertreter eine andere Gewerkschaft diffamieren, um 
Mitglieder zu gewinnen. Das findet nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der 
Dachverbände statt. Dieser so genannte Gewerkschaftskannibalismus führt bei unsicheren 
Mitgliedern zwar oft zum Wechsel, langfristig aber zur Gewerkschaftsabstinenz, da 
Vorurteile bestätigt werden.

Bei einem großen Träger der Altenpflege wurde den Wohnbereichsleitenden in einer 
Führungsversammlung von der Geschäftsleitung klar gemacht, dass der Einfluss von 
Gewerkschaften sich nicht zum Wohl des Unternehmens und damit der MitarbeiterInnen 
auswirkt. Man könne seine Probleme am besten hausintern klären und eine Hinzuziehung von 
Außenstehenden würde nur unnötige Konflikte schaffen. Ein paar Tage zuvor hatte sich die 
FAU Leipzig als im Betrieb vertretene Gewerkschaft angemeldet.Diese Stimmungsmache findet 
auch, zurzeit ganz massiv, von politischer sowie medialer Seite statt: Die Müllfahrer 
würden gegen die Bevölkerung streiken oder die Fahrgäste würden "in Geiselhaft genommen", 
weil die Bahngewerkschaften sich nicht einigen könnten. In Wirklichkeit kann erstens eine 
Gewerkschaft nach Tarifvertragsgesetz immer nur für die eigenen Mitglieder Tarifabschlüsse 
erzwingen und nicht für eine Berufsgruppe, womit die früheren Absprachen zwischen Bahn, 
GDL und EVG mindestens in einer rechtlichen Grauzone lagen. Zweitens ist kein Unternehmen 
gezwungen, Tarifverträge auf MitarbeiterInnen anzuwenden, die nicht Mitglied der 
abschließenden Gewerkschaft sind und drittens hatte die Bahn weder der einen noch der 
anderen Gewerkschaft ein verhandelbares Angebot gemacht.

IMPRESSIONEN AUS DEM PFLEGEDIENST

Vor einigen Wochen verteilten Mitglieder der FAU Leipzig Flugblätter zum Thema Dienstpläne 
in und an verschieden Pflegeheimen. Dort bekamen oft folgende Aussagen von offensichtlich 
eingeschüchterten PflegerInnen oder Wohnbereichsleiterinnen zu hören: "Das dürfen wir 
nicht, da müssen sie zur Pflegedienstleiterin", "bei Gewerkschaft können wir uns gleich 
unsere Papiere holen", "da müssen Sie zur Heimleitung gehen", "erzählen Sie das der 
Oberschwester". Dabei gab es keinerlei Unterschiede zwischen Einrichtungen kirchlicher, 
gemeinnützig-weltlicher, kommunaler oder privatwirtschaftlicher Träger. Es gab auch einige 
PflegerInnen, die das Flugblatt gerne genommen haben. Es gab sogar eine 
Wohnbereichsleiterin, die sagte, das sei richtig, sie sei selbst bei ver.di und hängt das 
FAU-Flugblatt natürlich gerne aus.

Gewerkschaftspluralität ist natürlich zu begrüßen, damit Gewerkschaften durch Engagement, 
innere Demokratie und genaue Umsetzung des Mitgliederwillens miteinander konkurrieren. Das 
bedeutet aber nicht, dass sie es sich leisten könnten, sich gegenseitig zu bevormunden, zu 
bekämpfen und damit gegeneinander ausspielen zu lassen. Denn Union-Busting zu bekämpfen, 
heißt auch sich gegen Gewerkschaftsfeinde mit Mitgliedern konkurrierender Gewerkschaften 
zu solidarisieren.

Thomas Bloch
https://www.direkteaktion.org/226/union-busting-faengt-im-kleinen-an


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