(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - Kolumne Durruti

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sat Jan 3 14:51:15 CET 2015


Die meisten Menschen verarbeiten in ihren Träumen Alltagserlebnisse, ich hingegen träume 
von der Zukunft. So wie die alten Traumdeuter der Antike ereilen auch mich Visionen, nur 
verheißen sie nicht Sieg oder Niederlage in glorreichen Schlachten, sondern erzählen von 
der Zeit der Revolution, die vor uns liegt. ---- In meinem letzten, dritten Traum von der 
Revolution fand ich mich wieder als uralter Greis. Die Wirren der revolutionären Tage 
lagen weit zurück, Unrecht und Unterdrückung waren besiegt, und ich blickte zurück auf ein 
erfülltes, der einen Sache gewidmetes Leben. Ich spürte, die Zeit war gekommen, den 
letzten Schritt zu gehen. So beschloss ich, mir einen Platz in einem Pflegeheim zu 
suchen.Nicht irgendeines. Modern sollte es sein. Anders. Fortschrittlich. Und natürlich 
selbstverwaltet.Meine Wahl fiel auf einen Ort an der Atlantikküste, malerisch an einer 
Steilklippe gelegen. Inmitten einer syndikalistischen Fischerkolchose befand sich hier die 
Pflege-Kommune "Schwarz und Rot", die sich in den Gebäuden einer früheren Kaserne 
eingerichtet hatte.Der erste Eindruck war vielversprechend.

In den Clubräumen plauderten die Veteranen und Veteraninnen am prasselnden Kamin über alte 
Zeiten, während aus den Lautsprechern die Musik unserer Jugendtage tönte, Punkrock und 
Hardcore. Bei schönem Wetter sangen wir im Garten Arbeiterlieder, schaukelten in 
Hängematten oder stickten an Porträts von Bakunin, Rudolf Rocker oder Mumia Abu Jamal, die 
für ein schwarz-rot abgestepptes Quilt gedacht waren.Als ich in den Sonnenuntergang hinaus 
spazierte, huschte eine Horde brüllender Kinder an mir vorbei, die in schwarz-rot 
drapierten Overalls gekleidet den Spanischen Bürgerkrieg nachspielten. Da spürte ich einen 
Schatten sich über die Idylle legen.Kaum im Heim zurück, platzte ich mitten in ein Plenum 
hinein. Die durch meinen Spaziergang bedingte vorübergehende Veränderung der 
Mehrheitsverhältnisse ausnutzend, hatten die Autonomen die Macht im Pflegeheim an sich 
gerissen und neue Regeln eingeführt. Arbeiterlieder zu singen, war so lange verboten, bis 
eine autonome Arbeitsgruppe alle Texte gewissenhaft überarbeitet hätte, um sie um alle 
sexistischen, chauvinistischen oder sonst wie unkorrekt geratenen Passagen zu bereinigen. 
An Musik war nur noch straight edge gestattet, selbst dead kennedys waren als "zu prollig" 
verpönt. Die Kinder draußen hatten zu spielen aufgehört. Seitdem man ihnen erzählte, auch 
die spanischen Revolutionäre von einst seien männerbündisch organisierte Tiervergewaltiger 
gewesen, da sie gelegentlich Käse aßen, schlichen sie nur noch apathisch durch die 
Straßen, die Hände in den Hosentaschen und die Köpfe hängend, und starrten ins Leere. Die 
Kantine war zur "Vokü" verkommen. Statt der einfachen, aber abwechslungsreichen regionalen 
Küche gab es jetzt nur noch allabendlich ein warmes Etwa aus angebranntem, aber nicht 
durchgekochtem Reis, Mungobohnensprossen, Linsen, Dosenbohnen und sauer gekochter 
Ananas.Ich wollte widersprechen, doch verweigerte man mir das Rederecht auf dem Plenum, da 
ich keiner der im Heim anerkannten Minderheiten angehörte (Linkshändern war dieser Status 
mal wieder verwehrt worden). So blieb mir nur, in den Untergrund abzutauchen, wo wir 
Würstchen und Käsestangen tauschten, die wir in den Holmen unserer Rollatoren 
versteckten.Es war denn wohl doch eher ein Alptraum.

Matthias Seiffert
https://www.direkteaktion.org/226/kolumne-durruti


More information about the A-infos-de mailing list