(de) Rojava-Modell - "Arm an Mitteln, aber reich an Geist" - Milusoy ==> Janet Biehl

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Thu Jan 1 11:17:05 CET 2015


Janet Biehl, Buchautorin und Lebensabschnittsgefährtin des verstorbenen amerikanischen 
libertären Theoretiker Murray Bookchin, war mit einer Gruppe amerikanischer Akademiker auf 
Forschungsreise im Norden Syriens, auch Rojava oder Westkurdistan genannt, um sich einen 
Eindruck über das Rojava-Modell unter den jetzigen Kriegsbedingungen zu verschaffen. Das 
Rojava-Modell orientiert sich an Abdullah Öcalans Vorstellungen des "Demokratischen 
Konförderalismus". Seine Inspiration war vor allem Bookchin. Wir hatten die Gelegenheit 
mit Frau Biehl über ihre Eindrücke und Erlebnisse des einzigartigen politischen 
Experiments mitten im Nahen Osten zu sprechen. ---- Milusoy: Frau Biehl, Sie sind jetzt 
aus einer mehrtägigen Reise wieder zurück. Wie ist es Ihnen und ihrer Gruppe gelungen, 
nach Rojava zu gelangen? Die Türkei hält die Grenzübergänge nach Rojava geschlossen. Im 
Irak kontrolliert der IS weite Teile des Landes.

Biehl: Von Erbil aus, der Hauptstadt der kurdischen Autonomie Regierung im Irak, machten 
wir uns auf den Weg in Richtung Rojava. Wir sind dann mit dem Auto mehrere Stunden an die 
syrisch-irakische Grenze nach Sêmalka gefahren. An dem Grenzübergang mussten wir eine 
Stunde warten. Nach der Kontrolle in Sêmalka überquerten wir mit einem Boot den Fluss 
Tigris und kamen in den größten der drei Kantonen Rojavas, in Cizîrê, an.

Milusoy: Cizîrê ist ein Teil von Syrisch-Kurdistan, der sich im Krieg befindet und 
gleichzeitig einen Neuaufbau wagt. Ganz banal gefragt: Wie war es oder wie sind ihre 
Eindrücke?

Biehl: Rojava scheint mir arm an Mitteln, die der Gemeinschaft zu Verfügung steht, aber 
reich an Geist. Die Menschen in Rojava sind tapfer, gebildet und widmen sich der 
Revolution sowie der Verteidigung ihrer Gemeinschaft. Ihre Revolution ist 
basisdemokratisch, gleichberechtigt zwischen Mann und Frau sowie kooperativ. Ich habe so 
etwas noch nie miterlebt. Die Gemeinschaft in Rojava beweist der Welt, wozu die Menschheit 
fähig ist.
Milusoy: Sie sind ja hingereist, damit Sie sich selbst davon überzeugen können, ob die 
Selbstverwaltung in Rojava nach libertären Grundsätzen funktioniert. Wie sieht es damit 
aus? Wie viel ist von den Grundsätzen ihres Mannes Murray Bookchin enthalten?
Biehl: Rojavas Selbstverwaltung und Bookchins "libertärer Kommunalismus" ähneln sich in 
ganz wesentlichen Aspekten: Es sind Systeme, in welchen die Macht von unten nach oben 
fließt. Die Basis des libertären Kommunalismus war, laut Bookchin, die Bürgerversammlung. 
Die Basis von Rojava sind die Kommunen. Als ich in Rojava angekommen bin, hatte ich im 
Kopf diese Frage: Werde ich auf Kommunen, Versammlungen oder Räte treffen? D.h. sind es 
Versammlungen aller Bewohner/innen, die eigenständig in der Gemeinschaft Entscheidungen 
treffen können oder Räte, in denen eine kleine Gruppe von Ratsmitgliedern/innen, die im 
Namen des Volkes entscheiden? In Rojava entdeckte ich, dass die Kommunen von mehreren 
Hundert Haushalten - unabhängig davon ob es nun Männer oder Frauen sind - bestehen und 
jeder aus diesen Haushalten daran teilnehmen und sich an Entscheidungen beteiligen kann. 
Abgesehen von den Strukturen der Selbstverwaltung ist der revolutionäre Verlauf erheblich. 
Bookchin schrieb eine Geschichte zu diesem Thema mit dem Titel "Geschichte von 
revolutionären Bewegungen". Niemand kann eine Revolution an nur einem Tag vollbringen. 
Manchmal entwickelt sich eine "revolutionäre Situation". Die Situation, in der sich die 
Chance ergibt, an dem System etwas zu verändern. Aber leider kommt es oft zu einer 
Enttäuschung. In dem Augenblick, in dem eine "revolutionäre Situation" aufkeimt, sind die 
Revolutionäre nicht darauf vorbereitet. Sie haben sich im Voraus nicht organisiert. 
Aufgrund dessen kommt es in den meisten Fällen einer "revolutionären Situation" zu einem 
Chaos und die Revolutionäre sind nicht in der Lage, den Sieg zu festigen.
Milusoy: Sie sprechen von einem "Revolutionären Verlauf". Wie konnte die Gemeinschaft 
Rojavas es schaffen, ihre Selbstverwaltung zu festigen und den Einbruch zu verhindern?
Biehl: Rojava hat diesen Fehler nicht gemacht. Rojava und die Gemeinschaft dort handelten 
anders. Sie haben sich im Voraus über Jahrzehnte auf diesen Moment vorbereitet. Sie bauten 
Gegeninstitutionen, Konterinstitutionen, eine gegliederte Gegenmacht zu dem System. Im 
Jahre 2012 ist die revolutionäre Gelegenheit dann gekommen und Rojava war vorbereitet! Als 
das Regime zerbrach und sie ein Machtvakuum hinterließen, konnten die vorher gut 
organisierten Institutionen die Macht ergreifen. Zum Thema Macht hat Rojava verstanden, 
was Bookchin lehrte. Die Frage ist nicht, die Macht abzuschaffen, weil das unmöglich ist - 
Macht ist immer präsent. Die Frage ist eher, wer die Macht haben wird, das Volk oder eine 
Herrschaft? Die Menschen in Rojava haben verstanden, dass die Macht dem Volk gehört. Ich 
glaube Murray Bookchin würde sich vor dem Rojava-Modell verneigen. Ich wünschte mir, dass 
er länger gelebt hätte, um dieses Modell zu sehen. Er hatte Antworten, aber Rojavas Lösung 
ist glänzend. Bookchin würde Rojavas Schöpfungskraft loben. Solch eine Bewegung zu 
organisieren und geschaffen zu haben, dessen Lohn die demokratische Selbstverwaltung ist, 
ist unglaublich.
Milusoy: Sie sagten: "Schöpfungskraft, die Bookchin loben würde." Die Schöpfungskraft ist 
im Kern Abdullah Öcalan - Vorsitzender der Arbeiterpartei Kurdistans PKK - der sich von 
einigen Schriften Ihres Mannes inspirieren lassen hat und der syrische Ableger der PKK, 
die Partei der Demokratischen Union (PYD). Die PKK war ursprünglich geprägt von einer 
marxistisch-leninistischen Ideologie. Machte sich dies in Rojava bemerkbar?
Biehl: Ja, die PKK war ursprünglich marxistisch-leninistich geprägt, aber seit Jahrzehnten 
wandte sich Öcalan und die PKK vom marxistisch-leninistischen Gedanken ab. Ihr Ziel ist 
jetzt das Modell einer basisdemokratischen, ökologisch-kooperativen und 
geschlechterbefreiten Gesellschaft.
Milusoy: Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist für Sie ein wichtiger Aspekt. 
Im Nahen Osten hat die Frau in allen Belangen eine schwere Rolle. Herrscht in Rojava ein 
neues Frauenbild?
Janet Biehl und Asayish-Mitglied Berivan Cudi
Janet Biehl und Asayish-Mitglied Berivan Cudi
Biehl: Die Frauenfeindlichkeit ist im Nahen Osten tief verwurzelt. In Rojava dominert ein 
davon abweichendes Bild der Frau. Die Frauen können sich frei und alle Angelegenheiten 
betreffend in die Gesellschaft sowie in die Politik eingliedern und einbinden. Mädchen und 
Jungen haben beide die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Sie dürfen uneingeschränkt einen 
Beruf wählen. Gewalt gegen Frauen ist verboten. Eine Frau, die Opfer von häuslicher Gewalt 
wird, darf das Problem zu einer öffentlichen Versammlung bringen, wo es diskutiert und der 
Fall untersucht wird. Vor allem können sie aber am Öffentlichen Leben teilhaben. In 
Rojavas Verwaltung und Gremien besteht eine 40 prozentige Frauenquote. Die Institutionen 
haben nicht nur einen einzigen Leiter-- zwei Co-Präsident/Innen sind verpflichtend, ein 
Mann und eine Frau sollen es sein. Rojavas militärische Verteidigungsstreitkräfte und die 
Asayish (Polizei) bestehen aus Einheiten der Männer (YPG) und Einheiten der Frauen (YPJ).
Milusoy: Heißt das, dass die Frau ein großer und wichtiger Teil der Rojava-Revolution ist, 
ohne deren zutun diese Strukturen überhaupt nicht möglich wären?
Biehl: Ja, vollkommen. An vielen Orten hörte unsere Delegation "die Rojava-Revolution ist 
eine Frauenrevolution". Es ist eine Revolution, die den Frauenstatus akzeptiert. Die 
Freiheit der Frau ist untrennbar verknüpft mit der Freiheit der Gesellschaft. Wir hörten, 
Frauen seien für die Rojava Revolution das, was das Proletariat für die marxistischen 
Revolutionen war. Aber der Erfolg ist viel bedeutender und das Ergebnis ist, meiner 
Meinung nach, um einiges prägnanter.
Milusoy: Neben der Unterdrückung der Frau existiert in der Region ein weiteres, großes 
Problem. In der Vergangenheit war vor allem die Unterdrückung und Verfolgung von 
Minderheiten ein Auslöser der Konflikte im Nahen Osten. In Rojava treffen verschiedene 
Kulturen und Religionen wie die Muslime, Christen, Eziden, Kurden, Araber, Assyrer und 
Turkmenen zusammen. Wie frei sind die Minderheiten in der Selbstverwaltung Rojavas?
Biehl: Es scheint mir, dass den Kurden/innen in Rojava die Bedeutsamkeit dieser Frage sehr 
wohl bewusst ist, da sie selber Jahrzehnte eine unterdrückte Minderheit waren. Jetzt, als 
Mehrheit in Rojava, erkennen sie, dass es untragbar wäre, die Benachteiligungen anderen 
aufzuerlegen, welche sie selbst in Syrien ertragen haben. Außerdem schätzen sie die 
Vielfalt als einen positiven Aspekt. Rojavas Gesellschaftsvertrag bestätigt namentlich die 
Einbeziehung aller Minderheiten. Als wir die Co-Präsidentin des Nationalkongresses 
Kurdistan KNK getroffen haben, definierte sie die Demokratische Autonomie nicht 
hinsichtlich der Demokratie, aber ausdrücklich als Einheit der Vielfalt.
Milusoy: Ein Teil der Vielfalt sind die assyrischen Christen. Wie schaut die Lage um die 
christlichen Gebiete in Qamishlo aus?
Biehl: Wir trafen eine Gruppe Assyrer/innen in Qamislo, die uns erklärten, dass das 
Assad-Regime nur Araber/innen als die einzige Ethnie anerkannte. Die Kurden/innen und 
Assyrer/innen hatten beide keine kulturellen Rechte. Zudem war es nicht erlaubt, sich 
politisch zu organisieren. Seit dem Beginn der Revolution in Rojava wurden drei offizielle 
Sprachen in der Verfassung von Rojava verankert: Kurdisch, Arabisch und Aramäisch. Zudem 
organisieren sich die Assyrer/innen mit einer eigenständigen Verteidigungseinheit namens 
Sutoro. Wir befragten eine Gruppe Assyrer/innen, ob sie Probleme mit der Selbstverwaltung 
haben. Sie erwiderten, dass sie keine Schwierigkeiten hätten. Sie sind in allen Ebenen, in 
den Volksräten vertreten. Wir erfuhren auch, dass in der Übergangsregierung von Rojava 
jede Minderheit 10 Prozent im Parlament vertreten sein muss, auch wenn sie nicht 10 
Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dies ist eine positive Diskriminierung.
Milusoy: Wie funktioniert das normale Leben? Zum Beispiel hinsichtlich der Schulen, der 
ärztlichen Versorgung oder auch Strom- sowie Wasserversorgung. Ist dies alles frei und 
kostenlos für das Volk?
Eine Textilfabrik für die Produktion con YPG- und YPJ-Uniformen in Rojava
Eine Textilfabrik für die Produktion von YPG- und YPJ-Uniformen in Rojava
Biehl: Rojava kämpft einen langen, zermürbenden Selbstverteidigungskrieg gegen den IS. Die 
Männer und Frauen der YPG und YPJ zu bewaffnen, ihnen mit Lebensmitteln sowie Uniformen zu 
versorgen und ihre anderen Bedürfnisse zu decken, verbraucht 70 Prozent des Budgets. Die 
restlichen 30 Prozent werden für die Gesundheit und Bildung verwendet. Die 
Hauptwirtschaftstätigkeit im Kanton Cizîrê ist die Landwirtschaft. Mit seinem Nährboden 
ist der Kanton reich an Weizen und Gerste. Vor der Revolution war Cizîrê der Brotkorb 
Syriens. Das Baath-Regime hat keine Mühle, keine Einrichtung für die Verarbeitung von Mehl 
errichtet. Neulich erst hat die Selbstverwaltung solch eine Mühle bei Tirbêspî erbaut. 
Jetzt liefert diese Mühle das Mehl für den ganzen Kanton. Das Brot bleibt die 
Lebensgrundlage. Jeder Haushalt erhält drei Brotlaiben pro Tag, welche die 
Selbstverwaltung zu einem Preis anbietet, der gerade mal 60 Prozent der Produktionskosten 
deckt. Für die nächsten zwei Jahre hat die Selbstverwaltung Saatgut und auch Diesel für 
die Landmaschinen zur Verfügung gestellt. Auch örtliche Betriebe wurden gegründet, die 
Infrastruktur entwickelte man weiter, neue Straßen und Flüchtlingslager wurden erbaut. Die 
Selbstverwaltung finanziert also sich selbst. Ganz oben auf der Tagesordnung steht in 
Rojava die Erschaffung von kooperativer, kommunaler Wirtschaft. Seit zwei Jahren hat der 
Kanton Cizîrê den Kooperativismus  durch Akademien, Seminaren und Versammlungen gefördert. 
Vorrangig fördert man den Kooperativismus im Bereich der Landwirtschaft. Diese sind 
demokratisch und werden von den Volksräten der Selbstverwaltung koordiniert.
Milusoy: Wie werden die Leute bezahlt, die an dem Aufbau arbeiten?
Biehl: Manche erhalten einen Lohn, aber viele, z.B. Lehrer/innen, die wir trafen, arbeiten 
ehrenamtlich. Kooperative-Arbeiter/innen nehmen einen Anteil am Gewinn entgegen.
Milusoy: Wie ist es mit Steuern und Einkommen. Was sind die Einnahmequellen Rojavas?
Biehl: Die Bevölkerung muss keine Steuern abführen, da die Selbstverwaltung darauf 
verzichtet. Anhand des Grenzübergangs Sêmalka erzielen sie kleinere Einnahmen. Die größten 
Einnahmequellen sind jedoch Cizîrs Ölfelder. Der Kanton hat tausende Ölfelder, derzeit 
fördern aber nur 200 davon Öl. Das Baath-Regime profitierte schon immer von Cizîrs 
Rohstoffen, aber weigerte sich, Ölraffinerien zu errichten. Der Kanton hatte bis vor 
kurzem gar keine Raffinerien. Bei der Revolution baute die Selbstverwaltung eine große 
provisorische Raffinerie, um Diesel und Benzinöl zu produzieren. Die werden billig an die 
örtliche Wirtschaft verkauft. Außerdem wird das Öl für den Stromgeneratoren genutzt, um 
Cizîrê mit Strom zu versorgen. Erdöl wird im Kanton nur für den Eigenbrauch verwendet.
Milusoy: Warum verkauft Rojava sein Öl nicht an andere Staaten, um Einnahmen aus dem 
Export zu erzielen?
Biehl: Rojava hat eine sehr lange gemeinsame Grenze mit der Türkei, verschiedene 
Grenzposten überwachen die Übergänge. Derzeit sind offiziell aber alle geschlossen, da die 
Türkei die Selbstverwaltung von Rojava mit einem politischen und wirtschaftlichen Embargo 
ausgrenzt. Dadurch ist die Produktion und auch der Verbrauch nur im Inland möglich. Seit 
neustem lässt die Autonome Region Kurdistan im Nordirak über den Grenzübergang Sêmelka 
begrenzt Exporte zu. Das Ergebnis ist eine Überlebenswirtschaft. Auch Strom und Wasser 
sind nur beschränkt lieferbar.
Milusoy: Ist die Selbstverwaltung nachhaltig und überlebensfähig? Wie stark hängt die 
Zukunft Rojavas von äußeren Einflüssen ab?
Biehl: Rojava ist international nicht anerkannt. Der Westen muss dieses Projekt anerkennen 
und unterstützen. Zudem muss Druck auf die Türkei ausgeübt werden. Seit drei Jahren hält 
die Türkei an dem Embargo gegen Rojava fest. Das Ziel von Rojava ist es, ein kooperatives, 
kommunales Wirtschaftssystem aufzubauen. Aber solch eine Wirtschaft kann die künftige 
Industrie alleine nicht finanzieren. Sie benötigen deshalb Hilfe von außen, um eine 
zukunfts- und leistungsfähige Sozioökonomie aufbauen zu können. Ohne solche Investments, 
glaubt ein Wirtschaftsberater, den wir trafen, dass Rojava alleine nur ein oder zwei 
Jahren überleben kann. Aber das Investment von außen muss mit Rojavas kooperativer 
Wirtschaft übereinstimmen. Es muss keine staatliche oder zentralisierte Ökonomie sein, 
aber örtlich organisiert bleiben.


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