(de) FdA-IFA - Gai Dào #50 - Auszüge aus dem "Anarchistischen Wörterbuch" -- Teil 1: Formen von Diskriminierung bzw. Unterdrückung

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Sat Feb 28 13:13:25 CET 2015


Das "Anarchistische Wörterbuch" ist bereits das zweite Buchprojekt, das mit Unterstützung 
der FdA realisiert wurde. Zusammen mit der Anarchistischen Föderation Berlin (AFB) wurde 
eine "Orientierungshilfe durch den Begriffsdschungel der anarchistischen und 
emanzipatorischen Bewegung" erstellt, die versucht, verschiedene Begriffe, die im 
Zusammenhang mit Theorie und Praxis eben jener Bewegung stehen, kurz zu erklären. Der 
Anspruch des Wörterbuches ist nicht - wie bereits im Vorwort angedeutet - eine 
Deutungshoheit von Begriffen, sondern es stellt vielmehr den Versuch dar, mit Definitionen 
eine Diskussion anzustoßen und Grundlagen zu schaffen. ---- Beginnend mit dieser Ausgabe 
werden in loser Reihenfolge (z. T. gekürzte) Auszüge aus dem Wörterbuch in der Gaidao 
veröffentlicht. Der erste Teil beschäftigt sich mit Begriffen unterschiedlicher Formen von 
Diskriminierung bzw. Unterdrückung.

Ableismus: Aufwertung von Menschen, die den Leistungs- und Kör-
pernormen der Gesellschaft entsprechen, Bevorzugung aufgrund
bestimmter, als essenziell angenommener Fähigkeiten, bei gleich-
zeitiger Diskriminierung derjenigen Menschen, die als körperlich
oder geistig "behindert" kategorisiert werden (Letzteres wird gele-
gentlich auch begrifflich davon abgegrenzt und als Disableism(us)
oder Handicapism(us) bezeichnet). Ableism beinhaltet sowohl die
Benachteiligung und Abwertung dieser Menschen, als auch bevor-
mundendes Verhalten, unangebrachtes Bemitleiden, das Unterstellen
bestimmter Eigenschaften usw. Zudem werden nicht-"behinderte"
Menschen als gesellschaftliche Norm gesetzt und z.B. private und öf-
fentliche Räume und Dienste danach ausgerichtet; an barrierefreie
Zugänge, leichte Sprache u.ä. wird nicht gedacht. Begriffe wie "be-
hindert", "verrückt", "Krüppel*in" u. a. werden von einigen Betroffe-
nen als diskriminierend abgelehnt, von anderen als selbstbewusste
Eigenbezeichnung "zurückerobert".

Adultismus: Beschreibt das bestehende Machtungleichgewicht zwi-
schen Erwachsenen und Kindern sowie Jugendlichen. Adultismus
fokussiert die Einstellungen und Verhaltensweisen Erwachsener,
die auf der Basis einer tradierten gesellschaftlichen "Rangordnung"
davon ausgehen, kompetenter als Kinder und Jugendliche zu sein,
und dementsprechend agieren. Adultismus ist eine gesellschaftliche
Macht- und Diskriminierungsstruktur, die durch Traditionen und
Gesetze untermauert und in sozialen Institutionen kultiviert wird.
1) vgl. ManuEla Ritz: Ganz offiziell bevormundet, in: unerzogen
2/2010, Leipzig, S. 9.

Ageismus: Altersfeindlichkeit in Form sozialer Diskriminierung
durch eine negative Wahrnehmung des Alters bzw. des Altseins.
Ageismus ist in erster Linie eine innere Haltung und muss nicht
zwangsläufig eine praktische Umsetzung bedeuten. Gelegentlich
wird auch die Diskriminierung gegen Kinder und Jugendliche we-
gen ihres jungen Alters (auch Adultismus genannt) unter den Begriff
Ageismus gefasst.

Diskriminierung: (von lat. Discriminare = trennen, abgrenzen,
unterscheiden) Gruppenspezifische Ungleichbehandlung, Benach-
teiligung, Herabwürdigung. Das kann ganz offen passieren oder
eher unterschwellig, und geschieht auf verschiedenen Ebenen, z.B.
sprachlich, institutionell, strukturell. Ursachen sind oft Ängste, Vor-
urteile und das Bedürfnis der Diskriminierenden, eigene Privilegi-
en zu sichern und die eigene Gruppe aufzuwerten. Wenn Menschen
von mehreren Diskriminierungsformen betroffen sind (z.B. Schwarze
Frauen von Rassismus und Sexismus oder schwule Jugendliche von
Homophobie und Adultismus), spricht mensch von Multiple Oppres-
sion bzw. intersektioneller Diskriminierung. Dabei treten die einzel-
nen Diskriminierungsformen nicht einfach nebeneinander auf, son-
dern wirken zusammen, verflechten und beeinflussen sich.

Homophobie: Ablehnende Haltung der Gesellschaft gegen gleichge-
schlechtlich empfindende Menschen, die von gesellschaftlicher Be-
nachteiligung bis hin zu gewalttätigen Angriffen reicht.

Klassismus: Beschreibt die vielseitige Unterdrückung und Diskri-
minierung aufgrund des tatsächlichen, vermuteten oder zugeschrie-
benen sozial- oder bildungspolitischen Standes. So wird z.B. armen
Menschen gewalttätiges Verhalten oder Alkoholismus als für sie
typisch unterstellt und durch die Medien inszeniert, obwohl diese
Verhaltensweisen klassenübergreifend gleichermaßen vorkommen.
Kyriarchie: Eine Wortschöpfung, die versucht Formen von Herr-
schaft und Unterdrückung wie Patriarchat, Heteronormativität, Ras-
sismus usw. zu beschreiben, die miteinander verbunden sind bzw.
sich gegenseitige beeinflussen oder unterstützen. D.h. Personen, die
sich in diesem Geflecht bewegen, können Herrschaft in vielerlei Form
erfahren. Kyriarchie bedeutet aber auch selbst Unterdrückung zu
erfahren (z.B. Sexismus) und gleichzeitig selber Unterdrückung zu
reproduzieren (z.B. Rassismus).

Patriarchat: Vereinfacht gesagt die Herrschaft des Mannes und damit
einhergehende Unterordnung der Frau. Eine Gesellschaftsordnung,
die von Männern dominiert wird und deren Werte, Normen und Ver-
haltensmuster von Männern geprägt und kontrolliert werden.

Rassismus: Eine Ideologie, die Menschen nach phänotypischen (Aus-
sehen, z.B. Hautfarbe), biologischen (Abstammung) und/oder kul-
turellen Gesichtspunkten in "Rassen" einteilt, und daraus folgend
abwertet und diskriminiert. Dabei werden Menschen oftmals einer
bestimmten Nation, Ethnie oder kulturellen Gruppe zugeordnet und
ihnen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen unterstellt.

Sexismus: Beschreibt einerseits die Diskriminierung, Ausbeutung
und Gewalt gegen Menschen aufgrund ihres zugewiesenen Ge-
schlechts und/oder ihrer Geschlechtsidentität und anderseits Identi-
täts- und Verhaltensanforderungen an eine Person oder Gruppe auf-
grund ihrer geschlechtlichen und sexuellen Zuordnung


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