(de) FdA-IFA - Gai Dào #50 - Statement der Anarchistischen Föderation (Britain) zu Rojava - Dezember 2014 Von: Anarch ist Federation (Britain); Übersetzung: BS - Montag,

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fri Feb 27 18:02:11 CET 2015


Das folgende Statement bezieht sich auf die Situation der Devrimci Anarsist Faaliyet 
(DAF), (Revolutionären Anarchistischen Aktion), die an der türkisch-syrischen Grenze am 
Widerstand gegen den IS beteiligt ist. Falls dieser Kampf verloren ginge, würde die 
Repression und Tyrannei, der die Arbeiter*innen in den Städten und auf dem Land jetzt 
schon ausgesetzt sind, weitaus größer werden. Klassenbewusstsein und Klassenkampf müssen 
bei anarchistischen Erwiderungen in diesem Kampf an vorderster Stelle stehen. Die 
Anarchist*innen am Boden kämpfen in einer schwierigen Situation, nicht zuletzt, da die 
staatlichen Kräfte Syriens, der Türkei, dem Irak, dem Iran und den USA auch behaupten den 
IS zu bekämpfen. Wir bieten weiterhin unsere praktische Solidarität durch die 
Internationale der Anarchistischen Föderation (IFA/IAF). Wir bieten außerdem unsere eigene 
Bewertung der Situation.

Die Anarchistische Föderation ist sich der Unterstützung der "Rojava-
Revolution, vieler Anarchist*innen, inklusive derer, die sich als Anar-
cho-Kommunist*innen, AnarchoSyndikalist*innen und Klassen-
kampf-Anarchist*innen bezeichnen, nur zu bewusst. Das beinhaltet
die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) als eine Partei zu loben, die sich ir-
gendwie von einer autoritären nationalistischen Partei in einen fast
anarchistischen Katalysator der sozialen Revolution in der Region
verwandelt hat, sowie die Situation in Rojava mit der revolutionären
Situation in Spanien 1936 zu vergleichen (David Graeber und auch
Derek Wall vom linken Flügel der Grünen GB).

Diejenigen, die an ihren Prinzipien festhalten und einen klaren Kopf
behalten wollen, müssen sich die Fakten anschauen. Die PKK über-
nahm bei der Gründung eine links-nationalistische Haltung. Diese
Ausrichtung nach links war sehr stalinistisch geprägt. Im Jahr 1984
startete dann ein bewaff neter Kampf gegen den türkischen Staat. Mit
der Gefangennahme ihres Führers, Abdullah Ocalan, durch den tür-
kischen Staat, begann eine neue Entwicklungsphase der PKK. Wie
auch andere Führungspersonen von Parteien gleicher Art, wurde
und wird Ocalan als charismatische Figur gesehen, der die Füh-
rungsriege und die Basis gehorchen. Ocalan wird als "die Sonne"
beschrieben, um die sich die verschiedenen politischen und militäri-
schen Organisationen drehen. An dieser Situation hat sich mit seiner
anscheinenden Übernahme von Bookchins Konföderalismus nichts
geändert. Ocalan hat sich bewusst an Stalin orientiert, bin hin zu
seinem Personenkult. Mit dem Kollaps der Sowjetunion und seiner
Satellitenstaaten fi ngen Ocalan und die PKK an einzulenken und
ihre Positionen zu verändern, da es ihnen nicht mehr möglich war
auf einen diskreditierten Staatskapitalismus zu schauen.

Als die militärischen Einheiten der PKK über die Grenze nach Syrien
berufen wurden, kamen Probleme mit der kurdischen Landbevölke-
rung auf. Viele hielten den muslimischen Glauben für unvereinbar
mit der linken Ausrichtung der PKK. Dies verleitete Ocalan dazu,
über Kurdistan als die "Wiege des internationalen Islam" zu sprechen.

Zur gleichen Zeit ging die PKK eine stillschweigende Allianz mit dem
syrischen Assad-Regime ein, einem Gegner des türkischen Staates.
Ocalan beging danach noch einen Kurswechsel und sprach davon
der mächtigsten Alliierte der Türkei zu werden und dass der Krieg
im Namen von Grenzen und Klassen zu einem Ende gekommen
sei. Als dies es verfehlt hat diejenigen zu beeindrucken, die ihn ge-
fangen genommen haben, änderte Ocalan wieder seinen Kurs und
empfahl Bookchin zu lesen und dessen Ideen umzusetzen. Dies löste
eine intensive Werbekampagne der PKK bei westlichen Linken und
Anarchist*innen aus, bei der um Unterstützung und Verbündete ge-
worben wurde.

Neben dem merkwürdigen Umstand, dass sich die PKK nach Dekaden
des stalinistischen Nationalismus angeblich über Nacht in eine Art
Organisation verwandelt hat, die sich für Bookchins libertäre Ge-
meindeverwaltung einsetzt, sollte darauf hingewiesen werden, dass
dies nicht von der Wurzel der PKK kam, sondern von Ocalan über
die PKK-Kommandostruktur nach unten gereicht wurde. Tatsächlich
sollte sich daran erinnert werden, dass während Ocalan und die PKK
sich als wiedergeborene Libertäre darstellen und sich gegenüber dem
Westen als Verfechter der direkten Demokratie und des Säkularis-
mus geben, zur gleichen Zeit die Austragung von Demokratischen
Islam Kongressen befürwortet wird um die Islamisten einzubinden
und die PKK religiös zu legitimieren. Dies geht ausdrücklich auf Oca-
lan zurück. In einem Brief an den Demokratischen Islam Kongress,
gerichtet an seine "Brüder im Glauben", schreibt er, dass "wir nicht
mit westlichen Konzepten wie Kommunismus und Atheismus defi -
niert werden können". Weiterhin spricht er positiv über die Islamisie-
rung Kurdistans. So viel zu Säkularismus.

Von einem Strukturwandel in der PKK, von einer extrem zentralisier-
ten Struktur mit Ocalan an der Spitze der Pyramide hin zu einer li-
bertären föderalistischen Organisation, die von den Mitgliedern kon-
trolliert wird, gibt es keine Belege, dass dies wirklich passiert ist. Der
"demokratische Konföderalismus" der PKK wird von Ocalan beschrie-
ben als "ein System, das die religiösen, ethnischen und Klassenunter-
schiede in der Gesellschaft mit einbezieht". Mit anderen Worten, das
Klassenverhältnis wird in keiner Weise in Frage gestellt. Die Koma
Civakên Kurdistan (KCK) (Union der Gemeinschaft en Kurdistans),
eine von der PKK gegründete Organisation mit dem Aufgabe das de-
mokratische Konföderationsprogramm zu implementieren, verteidigt
Privateigentum in ihrer Satzung (das Schlüsseldokument in dem zu-
vor genannten Programm) in Artikel 8 "Private, politische Rechte und
Freiheiten. Abschnitt C, Artikel 10, "Grundlegende Pflichten" definiert
die gesetzliche Basis eines verpflichtenden Militärdienstes: " Im Falle
eines legitimen Verteidigungskrieges, als Erfordernis von Patriotis-
mus, gibt es die Pflicht sich aktiv an der Verteidigung der Heimat und
der Grundrechte und -pflichten zu beteiligen.

Zafer Onar, ein libertärer Kommunist in der Region merkt an: "Wäh-
rend der Vertrag klar macht, dass politische Machtergreifung nicht
beabsichtigt ist, müssen wir auch begreifen, dass die Zerstörung des
Staatsapparats auch nicht beabsichtigt ist. Was bedeutet, dass das Ziel
Autonomie innerhalb der existierenden Nationalstaaten ist. Wenn
man sich den Vertrag in seiner Gesamtheit anschaut, geht die Zielset-
zung nicht über ein bourgeoises demokratisches System, hier genannt
demokratischer Konföderalismus, hinaus.

Anarchist*innen sollten sich an Gaddafis Grünes Buch erinnern, wel-
ches eine viel radikalere Sprache verwendet hat: "Alles was die Mas-
sen nun tun müssen ist für ein Ende aller Formen von Diktaturen, die
es in auf der Welt gibt, zu kämpfen. Alle, die sich fälschlicherweise
Demokratien nennen - von Parlamenten hin zu Sekten, Stämmen,
Klassen und den Ein- Zwei- und Mehrparteisystemen.... Keine De-
mokratie ohne Volkskongresse und Räte überall. ... Demokratie ist
die Steuerung der Menschen durch die Menschen." Aber hat irgend-
jemand wirklich geglaubt, dass dies unter dem repressiven Regime
Gaddafis wirklich umgesetzt wird?

Im Zuge des Aufstand gegen das Assad-Regime hat dieses die Kampf-
handlungen gegen den syrischen Ableger der PKK, die PYD (Partei
der Demokratischen Union), eingestellt, um sich auf die anderen
Kämpfe, z.B. gegen die Freie Syrische Armee, zu konzentrieren. Wie
ernst sollten wir die Behauptungen über die Rojava Revolution in
dem kurdischen Teil von Syrien nehmen?

Wir sollten uns darüber im klaren sein, dass die PYD eine Parla-
mentsstruktur aufgebaut hat, als Selbstverwaltung, welche sie mit
verbündeten Parteien kontrolliert. Im Juli wurde dort ein Wehr-
dienstgesetz beschlossen, welches alle Familien in der Region zwingt
ein Mitglied zwischen 18-30 Jahren zu den Verteidigungstruppen der
PYD zu schicken; für ein halbes Jahr, abzuleisten im Ganzen oder
in Teilen innerhalb einen Jahres. Eine Nicht-Beachtung des Geset-
zes führt zu einer Bestrafung, die ebenfalls festgelegt wurde. Die-
ses Gesetz wurde beschlossen ohne andere politische Einheiten in
Rojava hinzuzuziehen und will ausdrücklich Kurden in bewaffneten
Gruppen, die komplett unter der Kontrolle der PYD stehen, organisie-
ren. Zu gleichen Zeit behandelt die PYD andere kurdische politische
Formationen mit einem autoritären, totalitären Gehabe, der seinen
Rückhalt aus den bewaffneten Einheiten bezieht. Sie marginalisiert
sie und verwehrt ihnen die Mitsprache bei Entscheidungen.

Die so genannten kantonalen Versammlungen und Basisorganisati-
onen stehen selbst unter der Kontrolle der PYD und die Selbstver-
waltung kann den Beschlüssen dieser Gremien entweder zustim-
men oder sie ablehnen. Es gibt keine wirkliche direkte Demokratie,
Arbeiter*innen und Bäuer*innen haben keine Kontrolle über diese
Organisationen. Außerdem haben sich keine wirklichen Arbeiter-
und Bauernmilizen entwickelt. Alle bewaffneten Gruppen stehen
unter der Kontrolle der PYD. Darüber hinaus gibt es keine Soziali-
sierung und Kollektivierung von Land und Arbeitsplätzen, wie es
beispielsweise in Spanien 1936 geschehen ist. Die Marketingkampag-
ne der PKK/ PYD hat die Situation in Rojava als eine fortschrittliche
Revolution dargestellt, aber die Arbeiterklasse und die Bäuer*innen
haben keine autonome Organisation. Zwar gibt es in den Räten / Ge-
meinden / Komitees eine Frauenquote von 40% , aber man kann aus
der Außenperspektive heraus erkennen, dass sich die lokalen Struk-
turen nicht viel von den Gemeinderäten im Westen unterscheiden,
indem sie, in Absprache mit dem Zentralstaat und Parlament, lokal
den Staat repräsentieren, was diese gleichzeitig stützt. Es gibt tat-
sächlich einige, welche die " Rojava Revolution" mit Spanien 1936 ver-
gleichen, aber vielleicht wäre es besser sie mit den Bolschewiki 1917
zu vergleichen, die von viele Anarchist*innen, sowohl international
als auch innerhalb Russlands zunächst irrtümlich als eine wahrhaft
revolutionäre Kraft unterstützt wurden.

Bei den bewaffneten Frauengruppen gibt es, innerhalb der Gruppen,
Anzeichen für feministische Einflüsse, aber es ist zu berücksichtigen,
dass sie getrennt von männlichen Einheiten agieren und es keine ge-
mischten Einheiten gibt. Gaddafi und Saddam hatten beide Frauen-
brigaden, aber das bedeutete nicht, dass es eine Befreiung der Frau
in Libyen oder dem Irak gab. Ebenso gibt es Frauenbrigaden im Iran
ohne Anzeichen einer Emanzipation von Frauen. Übrigens hat ISIS
auch reine Frauenkampftruppen, genannt al- Khansaa und Umm al-
Rayan.

Wie Zafer Onat bemerkt: "Zunächst einmal muss uns klar werden,
dass der Prozess in Rojava progressive Aspekte hat, wie einem wich-
tigen Schritt in Richtung Frauenbefreiung, dass versucht wird eine
säkulare, soziale Gerechtigkeit befürwortende, pluralistische demo-
kratische Struktur aufzubauen und dass andere ethnische und religi-
öse Gruppen Teil der Verwaltung sind. Die Tatsache jedoch, dass die
neu entstehende Struktur nicht auf die Beseitigung des Privateigen-
tums oder Klassen ausgerichtet ist und dass das Stammessystem er-
halten bleibt und die Stammesführer Teil der Verwaltung sind zeigt,
dass das Ziel nicht die Beseitigung der feudalen oder kapitalistischen
Produktionsverhältnisse ist sondern mit ihren eigenen Worten ge-
sagt: ,die Errichtung einer demokratischen Nation'."

Wie der syrisch-kurdische Anarchist Shiar Neyo kommentiert: "Aus
der Sicht der PYD war dies eine einmalige Gelegenheit, ihre Auto-
rität und ihren Einflussbereich in den kurdischen Gebieten Syriens
zu vergrößern. Dieser politische Pragmatismus und Machthunger
sind zwei wichtige Faktoren um den Umgang der Partei mit dem
Regime, der Revolution, der FSA und sogar den Kurd*innen an sich
zu verstehen. Sie helfen auch bei der Erklärung vieler Phänomene,
die einige Kommentator*innen und Analyst*innen zu verwirren
scheinen, wie der Unterdrückung von unabhängigen Aktivist*innen
und Kritiker*innen der Parteipolitik durch PYD-Kräfte in gleichem
Maße wie es das Baath-Regime tat. Als Beispiele kann man in diesem
Zusammenhang das Amuda-Massaker im Juli 2013 aufführen, bei
welchem die Volksverteidigungseinheiten (YPG) das Feuer auf un-
bewaffnete Demonstrant*innen eröffneten, oder die Schließung des
neuen unabhängigen Radiosenders Arta im Februar 2014 unter dem
Vorwand, dass er ,'nicht lizenziert' sei. Die PYD-Truppen haben auch
Mitglieder anderer kurdischen Parteien angegriffen und nahmen ei-
nige von ihnen mit fadenscheinigen Argumenten fest; sie haben die
Verteilung von Essen und finanziellen Ressourcen in den kurdischen
Gebieten kontrolliert und diese ungerecht auf Grundlage von Partei-
zugehörigkeit verteilt, usw. Solche Praktiken erinnern die Menschen
zu Recht an die unterdrückerischen Praktiken des Assad-Regimes."
Was wir sagen mag zur Zeit nicht populär sein, aber wir haben das
Gefühl, dass unsere Analyse sich mit weiteren Offenlegungen von
Geschehnissen erhärtet.

Unsere Vorschläge

1. Eine vollständige Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge und Hilfe
für diese Flüchtlinge. Eine Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Be-
dingungen in den Flüchtlingslagern und der syrischen Flüchtlinge in
den türkischen Städten, die dort zum Betteln oder zu kleinen krimi-
nellen Aktivitäten gezwungen sind, um zu überleben.

2. Humanitäre Hilfe für Rojava von der IFA, die direkten Kontakt mit
der DAF hat.

3. Förderung und Unterstützung jeder unabhängigen Aktion der
Arbeiter*innen und Bäuer*innen in der Region Rojava. Seid gegen
jedwede nationalistische Agitation und für die Einheit der kur-
dischen, arabischen, muslimischen, christlichen und jesidischen
Arbeiter*innen und Bäuer*innen. Solche unabhängigen Initiativen
müssen sich von der Kontrolle der PKK / PYD befreien und ebenso
von der Hilfe westlicher Verbündeter und von ihren Kund*innen ,
wie der Freien Syrischen Armee, Barzanis Demokratischen Partei
Kurdistans und dem türkischen Staat.

Die Anarchistische Föderation (AFED Britain),

1. Dezember 2014.
http://www.afed.org.uk
---
Für Nachweise. Statements & weitere Diskussion einige Links:

Nachweise:
Servet Düsman? (Enemy of Wealth), "Rojava: Fantasies and Realities"
[Artikel von Zafer Onat, in verschiedenen Sprachen]: http://www.
servetdusmani.org/rojava-fantasies-and-realities/

"Tahrir-International Collective Network" Homepage: "On the Sy-
rian Revolution and the Kurdish Issue" - ein Interview mit dem
syrisch-kurdischen Aktivisten und Journalisten Shiar Nayo: http://
tahriricn.wordpress.com/2014/04/07/syria-on-the-syrian-revolution-
and-the-kurdish-issue-an-interview-with-syrian-kurdish-activist-
and-journalist-shiar-nayo/

Statements:

Die Internationale der Anarchistischen Föderation: http://i-f-a.org/
index.php/news [einige Statementes des KAF (Kurdisches Anarchis-
tisches Forum GB und Europa) und der DAF (Revolutionäre Anar-
chistische Aktion, Türkei), inklusive Übersetzung]

http://anarsistfaaliyet.org/ (DAF Homepage)

https://libcom.org/tags/kurdistan-anarchist-forum (Artikel in Zu-
sammenhang mit der KAF)

Weitere Diskussionen:

Workers Solidarity Alliance, USA: http://ideasandaction.info/2014/10/
rojava-anarcho-syndicalist-perspective/ [Anarchosyndikalistisch,
individuell, kritisch gegenüber einer nationalen Befreiung]

Anarkismo, plattformistisches Netzwerk: http://www.anarkismo.net/
article/27540 [Antwort auf die Position der WSA mit vielen Kommen-
taren]


More information about the A-infos-de mailing list