(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Mannheims "andere" Arbeiterbewegung -- Aus der eigenen Geschichte lernen
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Thu Feb 26 17:51:49 CET 2015
Die FAU Mannheim hat ein Lesebuch zur Geschichte der lokalen Arbeiterbewegung
herausgebracht. Ein Interview mit den HerausgeberInnen. ---- Wie seid ihr auf die Idee für
das Buch gekommen? Was war der Ausgangspunkt? ---- Die FAU Mannheim hat 2013 mit vielen
anderen regionalen Gruppen eine alternative Veranstaltungsreihe zu der Baden-Württemberger
Landesausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung organisiert. Unsere Absicht war, die
Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken, die in der Veranstaltungsreihe des Landesmuseums
keinen Platz mehr gefunden haben. Dazu gehörten u.a. lokale Aspekte. Das Buch präsentiert
die Themen, die auch in unserer gemeinsamen Veranstaltungsreihe keinen Platz mehr fanden,
bzw. dokumentiert teilweise auch stattgefundene Veranstaltungen.
Was genau bedeutet für euch die "andere" Arbeiterbewegung? Wie definiert ihr diesen
Begriff? Was wollt ihr damit ausdrücken?
Der Begriff geht zurück auf die Studie "Die ,andere' Arbeiterbewegung" von Karl Heinz Roth
und Elisabeth Behrens von 1974. Wir wollen damit nicht sagen, dass AnarchistInnen oder
AnarchosyndikalistInnen diese "andere" Arbeiterbewegung wären. Bei Roth sind es vielmehr
die wenig bedachten arbeitenden Schichten - unqualifizierte MassenarbeiterInnen,
GastarbeiterInnen - die in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht vorkommen. Wir
verbinden mit dem Begriff für unser Buch eigentlich nichts anderes als die Beschreibung,
dass es eben auch Bewegungen und Proteste gab, die oft nicht benannt werden - inhaltlich
völlig offen. Der Begriff ist nicht unumstritten und war es auch nicht unter unseren
AutorInnen. Deswegen haben wir im Untertitel den Begriff des "Arbeiterradikalismus"
verwendet, den Erhard Lucas in der Debatte der 1970er geprägt hat.
Nach welchen Kriterien habt ihr die Beiträge ausgesucht? Wer hat überhaupt
ausgesucht/vorgeschlagen? Wurde im Plenum abgestimmt?
Es wurde nicht abgestimmt, die Auswahl ist eher aus Zufall zustande gekommen. Wir haben
uns ansprechen lassen. Es gab ein starkes Interesse an der Veranstaltungsreihe, und einige
ReferentInnen haben direkt Skripte mitgeliefert. Letztlich haben wir ein
Herausgebergremium mandatiert, damit uns das Buch nicht in unserer alltäglichen
Gewerkschaftsarbeit behindert. Wir haben die Beiträge auch nicht inhaltlich besprochen,
denn die Inhalte wollten wir bewusst den AutorInnen überlassen.
Wie seid ihr mit den einzelnen AutorInnen in Kontakt gekommen?
Das lief sehr unterschiedlich: Hans-Joachim Hirsch vom Stadtarchiv Mannheim haben wir
angefragt, weil wir wussten, dass er sich mit dem lokalen Anarchismus beschäftigt. Mia
Lindemann hat uns ihre Arbeit zur Rätebewegung angeboten. Uwe Fuhrmann hat eigentlich über
die 1948er-Proteste in Stuttgart gearbeitet, seinen Aufenthalt in Mannheim aber genutzt,
um die Ereignisse hier vor Ort zu recherchieren. Der Metallarbeiterstreik 1963 ist eine
Entdeckung in der Landesausstellung gewesen, die Recherchen dazu gingen von einem
Fotobestand aus. Das Thema der wilden Streiks 1973 haben die Mannheimer Jusos in die
Diskussion gebracht, da sie selber einen hohen Anteil von Mitgliedern mit
Migrationshintergrund haben: Es ist die Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern.
Warum gerade Mannheim? Kommt Mannheim eine besondere Stellung zu? Warum gilt das "rote
Mannheim" als radikale Hochburg der Arbeiterbewegung? Wie ist es dazu gekommen? In welchen
Kapiteln wird darauf Bezug genommen - und wie? Wie sieht das heute aus?
Warum Mannheim? Weil wir eben die FAU Mannheim sind! Es ging darum, sich mit der eigenen
Geschichte auseinanderzusetzen. Und wir möchten gar nicht behaupten, dass Mannheim eine
besondere Stellung zukommt. Ja, Mannheim war eine rote Hochburg, aber bei weitem nicht die
einzige. Wenn wir das erklären sollten, brauchten wir sicher einen anderen Ansatz: Das hat
etwas mit der lokalen Geschichte der Industrialisierung zu tun - wie auch mit der Frage,
wer hier gearbeitet hat und wo diese ArbeiterInnen herkamen. Ansätze dazu finden sich in
dem Beitrag von Mia Lindemann. Gerade an dem Beitrag zum Metallarbeiterstreik 1963 lässt
sich auch herausarbeiten, dass die Traditionen der verschiedenen Strömungen lange gepflegt
wurden.
Wenn wir heute mit AltgewerkschafterInnen aus Mannheim sprechen, sagen die meisten, es
gäbe diese Tradition nicht mehr. Gerade die Neuzugezogenen unter uns nehmen das aber
anders wahr: Im Einzelhandelsstreik 2013 stand Mannheim sowohl in der Zahl der bestreikten
Betriebe wie auch in der Zahl der Streiktage ganz vorne. Im Frühjahr waren die KollegInnen
von Alstom jede Woche auf der Straße, jede Betriebsversammlung endete mit einer Demo. Auch
die sozialdemokratischen Parteien berufen sich meines Erachtens hier mehr als anderswo auf
eine Tradition der Arbeiterbewegung. Und auch die Kultur nimmt Bezug auf diese Geschichte
- die letzten beiden Punkte sind durchaus zweischneidige Schwerter, hier prallen
emanzipatorische Tradition und Gentrifizierung aufeinander, aber es gibt nach wie vor
diesen Bezug.
Emma Malsca
FAU Mannheim (Hg.): Mannheims "andere" Arbeiterbewegung
Beispiele eines lokalen Arbeiterradikalismus. Verlag Edition AV, Lich.ISBN
978-3-86841-108-9. 163 Seiten, 14,80 Euro
https://www.direkteaktion.org/227/mannheims-andere-arbeiterbewegung
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