(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Das Schweigen der Lämmer -- Managementstrategien und ihre Herrschaftsinstrumente
a-infos-de at ainfos.ca
a-infos-de at ainfos.ca
Tue Feb 24 13:16:07 CET 2015
Human Ressource Management (HRM) bezeichnet alle strategischen Handlungen einer Firma bzw.
Organisation, welche zum Ziel haben Arbeitskräfte im Sinne des Betriebswohls effizient und
effektiv einzusetzen. Hierzu eingesetzte Mittel beziehen sich größtenteils auf
Personalbeschaffung, -entwicklung und -beurteilung. Zwar werden in verschiedenen Konzepten
des HRM unterschiedliche Modelle/Härtegrade der Machtausübung propagiert, jedoch ändert
dies nichts an der Tatsache, dass Lohnabhängige nach wie vor entmündigt werden und
schlicht als Kostenfaktoren auftauchen, die es zu optimieren gilt. ---- MACHTINSTRUMENTE
IM RAHMEN VON FÜHRUNGSSTRATEGIEN ---- Gerne wird als modernes Managementinstrument die so
genannte Balanced Score Card (BSC) eingesetzt. BSC will strategische und operative Ziele
in der gesamten Hierarchie innerhalb einer Organisation kommunizieren um
Zielvereinbarungen umzusetzen. Gerade hier werden partizipative Bestandteile wie
Transparenz und Mediation forciert, um Mitarbeiter*innen zu ermuntern, aktiv an
Implementierungsprozessen teilzuhaben.
Unter dem vorgeschobenen Mantra einer gesellschaftlichen Verantwortung wird Ausbeutung und
Herrschaft umformuliert. Im besten Fall gestaltet sich ein "softes HRM" im Gegensatz zu
"hartem HRM" so, dass die Chefetagen mit ihren Erfüllungsgehilf*innen ihre Herden mit
etwas mehr Zuckerbrot und etwas weniger Peitsche verwalten. In jedem Fall geht es aber
darum, Ziele zu formulieren und diese durch gezielte Analyse, Bewertung und
Kategorisierung der Mitarbeiter*innen durchzusetzen, um letztlich eine Disziplinierung der
Belegschaft zu erwirken. Um die Mitarbeiter*innen, die im betriebswirtschaftlichen Kontext
oft nur noch als "Kapazitäten" auftauchen, effizient auf die Zielvereinbarungen
einzustimmen, kann man sich laut Managerempfehlung an einer Auswahl von akademischen
Disziplinen bedienen. Zu den Herrschaftswissenschaften dieser Pseudologie, auch
"Führungsforschung" genannt, zählen unter anderem Psychologie, Soziologie, Ökonomie und
auch Geographie. Darüber hinaus liefert der Jargon moderner Managementsekten schön
klingende Begriffe, welche die schlimmsten Konsequenzen verharmlosen: Outplacement
(berufliches Abstellgleis), Personalfreisetzung (Kündigung), Personalentwicklung
(Optimierungszwang), Outsourcing (Massenentlassung).
DIE ROLLE VON BETRIEBSRÄTEN
Obwohl in den vergangenen Jahren Managementtrends, die auf diversen Formen des HRM
aufbauen, stark in der Kritik von Gewerkschaften waren, gibt es auch innerhalb von
reformistischen Kreisen der Gewerkschaftsbewegung verwirrte Geister, die in
Pseudopartizipation wie BSC gewerkschaftliche Handlungsoptionen sehen. Dabei scheuen
Managementstrategien in gängigen Publikationen der "Führungsforschung" auch nicht,
Betriebsräte für ihre Ziele zu benutzen und sie beispielsweise auf den Einsatz von BSC
hinzuweisen. Es gilt als wichtig, auf Probleme von Arbeitnehmer*innen einzugehen und sich
um "Lösung der Probleme" zu kümmern. Um Zielvereinbarungen zu erfüllen ist es deshalb aus
dem Blickwinkel moderner Managementstrategien sinnvoll sich mit der sozioökonomischen
Situation der Arbeiter*innen auseinanderzusetzen, um diese für marktwirtschaftliche Ziele
ihrer Organisationen instrumentalisieren zu können.
Die unselige Verbindung von Betriebsrat und Management zeigt nicht zuletzt, warum das
Prinzip eines Betriebsrats als alleinige geschützte Arbeitnehmer*innenvertretung
problematisch ist: Wenn sich der Betriebsrat in die "Top-down" Hierarchie eines Betriebs
einreiht und mit der Managementebene kooperiert, stellt sich dieser gegen seine
eigentlichen Aufgaben, die Interessenvertretung der Lohnabhängigen. Ein zahmer Betriebsrat
kann darüber hinaus als Feigenblatt einer vermeintlichen Mitsprache benutzt werden. Die
Kontrolle über die Produktionsmittel verbleibt nach wie vor bei der strategischen Leitung
der Chefetage und Unzufriedenheit unter Arbeitnehmer*innen kann über die Managementebene
besser zerstreut werden.
PSEUDOPARTIZIPATIVE MANAGEMENTSTRATEGIEN SCHADEN GEWERKSCHAFTLICHEN HANDLUNGSOPTIONEN
Mitarbeiter*innen werden im betriebswirtschaftlichen Sinne als Ressource wahrgenommen, die
es zu verwalten gilt. Ziel der Optimierung von Produktivkräften ist die Maximierung der
Arbeitseffizienz und die Optimierung der Personalstruktur. Entscheidend aber ist vor
allem, dass klassische Aufgaben von Gewerkschaften unter arbeitsrechtlich fragwürdigen
Rahmenbedingungen übernommen werden und somit das Selbstbestimmungs- und Verwaltungsrecht
von Lohnabhängigen mit Hilfe von Herrschaftswissenschaften beschnitten wird. Letztlich
stellt HRM ein Feld dar, dessen einzige Aufgabe es ist, Lohnabhängige zu manipulieren und
im Sinne kapitalistischer Produktionsweise bestmöglich auszubeuten zu können.
Managementstrategien basieren auf der Annahme, dass Wissen Macht bedeutet. Im
Umkehrschluss bedeutet dies für uns Lohnabhängige, dass wir weiterhin der Willkür
betriebsbezogener Herrschafts- und Machtausübung ausgesetzt sein werden, wenn wir
derartige Manipulationen nicht deuten können. Daher müssen die beschriebenen
Managementstrategien analysiert und bekämpft werden, denn sie sind unvereinbar mit
emanzipatorischen Ansätzen wie der Selbstverwaltung.
Benjamin Most
https://www.direkteaktion.org/227/das-schweigen-der-laemmer
More information about the A-infos-de
mailing list