(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Work-Life-Balance = Entgrenzung, Zeitnot und Arbeitsstress?

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Mon Feb 23 19:31:41 CET 2015


Eine Bilanzierung von Work-Life-Balance Maßnahmen ---- "Arbeit, Arbeit, Arbeit", 
ultraflexible Arbeitsformen, dezentralisierte Arbeitsplätze, Privatisierung und 
Rationalisierung sind die derzeitigen Säulen der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Allzu 
oft halten Arbeitnehmer_innen dem Arbeitsdruck nicht stand. Beschäftigte, die keine Zeit 
mehr für sich, Freunde oder Familie haben, sind die Folge. Work-Life-Balance-Maßnahmen 
gelten als unternehmerische Erfolgsrezepte, um das "Arbeiten ohne Ende" bzw. das 
entgrenzte Leben zwischen Deadline und Burnout meistern zu können. ---- Die so genannten 
Work-Life-Balance-Maßnahmen wurden in den 1960er Jahren im Rahmen des "Human Ressource 
Management" entwickelt und beinhalten betriebliche Interventionen zur Steuerung der 
Arbeits- und Lebensorganisation. Der Begriff Work-Life-Balance zielt im Gegensatz zur 
Begrifflichkeit "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" weniger auf gesellschaftliche 
Strukturen ab. Er bezieht sich stärker auf Formen der Selbstorganisation bzw. des 
Selbstmanagements und auf den scheinbaren Ausgleich der Interessen von Lohnabhängigen und 
Arbeitgebern.

Inzwischen existiert eine ganze Unterstützungsindustrie mit Kursangeboten wie 
Work-Life-Balance-Yoga, Stressmanagement mit Atem- und Mentaltrainern oder Energiearbeit. 
Die Unternehmen können auf ein ganzes Bündel von maßgeschneiderten Arbeitszeit- und 
Diversity-Konzepten, Dienstleistungen für flexible Kinderbetreuung oder Maßnahmen zur 
physischen Gesundheit, Gesundheits-Check-Ups sowie auf staatliche Unterstützung 
(Elterngeld etc.) zugreifen. Auf Kongressen und bei Unternehmensberatungen werden 
Selbst-Coaching-Module verkauft, in denen Führungskräften beigebracht wird, darauf zu 
achten, eine "angenehme Arbeitsatmosphäre mit Spaß, Freude, viel Lachen" herzustellen.1 
Zugespitzt lässt sich die Gleichung der Work-Life-Balance-Maßnahmen auf diese Formel 
bringen: Gesunde und zufriedene Beschäftigte = weniger Fehlzeiten = weniger 
Lohnnebenkosten = Steigerung der Erwerbsarbeitsproduktivität = mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Was allerdings in den 2000er Jahren in Deutschland als innovative Maßnahme galt - nämlich 
Arbeitszeitflexibilisierungen oder Home-Office -, muss nun durch aktuelle Studien zu den 
Arbeitsbelastungen und Arbeitsbeanspruchungen von Arbeitnehmer_innen revidiert werden: 
Flexibilisierungen führen u.a. zu Erwerbsarbeit während der Freizeit, Zeitdruck, 
(Psycho-)Stress und Arbeitshetze.2 Zwar erscheint die flexible Zeiteinteilung bei der 
Fürsorgearbeit als Chance für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit 
(Selbst- und Fürsorge), allerdings wirken sich diese Flexibilisierungen z.B. für die 
Aufrechterhaltung eines gemeinsamen Familienalltags als chronischer Zeitmangel aus, wenn 
Sorgearbeiten nicht eingekauft werden können.

Daraus ergibt sich für viele Arbeitnehmer_innen, dass die "Zeit für Reproduktionsarbeit 
zunehmend nach Effizienzkriterien organisiert und in kleinen Zeiteinheiten taylorisiert 
und intensiviert"3 werden muss. Betroffene schildern diese Situation folgendermaßen: 
"Anstatt neun Stunden am Tag mit einem Kind zu verbringen, erklären wir uns selbst dazu in 
der Lage, ,dasselbe Resultat' in nur einer, intensiv zugeschnittenen Stunde zu 
erreichen.[...] Qualitätszeit erfordert eben besondere Disziplin, Konzentration, Energie, 
den Ansprüchen bei der Arbeit vergleichbar."4 Die Organisation der Sorgearbeit gleicht 
hierbei der "Lean Production" und der Arbeitsweise des "Just in Time" in der Produktion. 
Das heißt, als Minimierung des allgemeinen Zeitverlusts durch Einplanung von Zeiten 
effektiver Beziehungs- und Fürsorgearbeit.

Folglich spiegeln sich die Normen, welche für die Erwerbsarbeit gelten, in dem Bereich der 
Selbstsorge oder Sorge für andere wieder. Selbst-Kontrolle als verstärkte selbstständige 
Planung, Steuerung und Überwachung der eigenen Tätigkeiten soll demnach auch auf die 
Organisation der Sorgearbeit angewandt werden - sei es in Bezug auf Kindererziehung, 
Sport, Treffen mit Freunden oder den richtigen Zeitpunkt für eine Schwangerschaft. Die 
Vereinbarkeit von Reproduktions- und Lohnarbeit stellt vor allem auch eine Doppelbelastung 
für Eltern und Kinder dar. Zwar lassen sich Sorgearbeiten wie waschen, putzen und kochen 
warenförmig einkaufen, durch technologische Hilfsmittel vereinfachen oder durch 
Taylorisierung weniger zeitintensiv gestalten, aber bestimmte Tätigkeiten, wie Liebe, 
Zuwendung, Pflege oder Zuhören, lassen sich nur schwer rationalisieren.

Ist ein diszipliniertes Zeitmanagement nicht vorhanden und werden die 
Selbst-Rationalisierungsanforderungen im Kontext der Work-Life-Balance nicht 
ausbalanciert, können die entgrenzten Lebensbedingungen mit einem erhöhten Leistungsdruck 
und mit neuartigen Formen gesundheitlicher Schädigungen, wie dem Burnout-Syndrom, 
einhergehen. Die Lebensweisen und Interessen von Beschäftigten bleiben in den sogenannten 
Work-Life-Balance Maßnahmen oftmals unterbelichtet, denn wenn "den Arbeitgeber nur mein 
Work interessiert, dann kann ich viel versuchen in Einklang zu bringen".5 Die Bilanz des 
Work-Life-Balance-Konzepts entspricht daher eher den Formeln: Work = Life oder 
Work-Life-Balance = Entgrenzung, Zeitnot und Arbeitsstress.

Stefan Paulus

[1]  Vgl. Paulus, Stefan 2012: Das Geschlechterregime. Eine intersektionale 
Dispositivanaylse von Work-Life-Balance-Massnahmen, Bielefeld, S. 224

[2]  Vgl. Job-Stress-Index 2014, Bern; DGB-Index Gute Arbeit 2011: Arbeitshetze, 
Arbeitsintensivierung, Entgrenzung, Berlin

[3]  Candeias, Mario 2004: Neoliberalismus, Hochtechnologie, Hegemonie. Grundrisse einer 
transnationalen kapitalistischen Produktions- und Lebensweise. Eine Kritik, Hamburg, S. 245

[4]  Hochschild, Arlie Russell 1997: The Time Bind. When Work Becomes Home and Home 
Becomes Work, New York, S.75f

[5]  Zitat eines Arbeitnehmers mit Burnout vgl. Paulus 2012, S. 325


https://www.direkteaktion.org/227/work-life-balance


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