(de) FdA-IFA - Gai Dào #50 - Rojava: Die verkannte Revolution -- Der Weg zu einer rätedemokratischen, ökologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft Von: Karakök Autonome

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Fri Feb 20 20:07:35 CET 2015


Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde zuerst in der Zeitung "Vorwärts" 
veröffentlicht. ---- Über Rojava hört man in Mitteleuropa kaum etwas - zu Unrecht, handelt 
es sich doch um eine der bedeutendsten Revolutionen der Gegenwart. Eine Insel, mitten im 
Gebiet politischer Konflikte: Eine zentralistische Regierung gibt es nicht. Alle 
Entscheidungen werden basisdemokratisch und selbstbestimmt durch Volksräte gefällt. In 
diesen wird die Organisierung von Kliniken, Schulen, oder Bäckereien gestaltet. Alle in 
der Region lebenden Menschen, unabhängig von Ethnie, Religion oder Sprache, sind in den 
Räten vertreten. Es besteht eine Frauenquote von 40% in allen Verwaltungen. Rojava ist 
auch eine Geschlechterrevolution. Nebst der Emanzipation von Frauen steht eine 
Emanzipation aller Geschlechter im Vordergrund: von Lesben, Schwulen und Transsexuellen. 
Dies ist nicht nur für den Mittleren Osten herausragend.

Rojava, das ist ein sicherer Hafen für verfolg-
te Minderheiten, für Ethnien wie Araber*innen, Armenier*innen,
Assyrer*innen, Alevit*innen, Yezid*innen oder christliche Gemein-
schaften. Nebst der Frauenquote gibt es Quoten aller Ethnien und
Religionen, um eine Mitbestimmung aller Diversitäten zu gewähr-
leisten. Hier leben Menschen unterschiedlichster Couleur nicht nur
nebeneinander, sondern miteinander.

Abschaffung hierarchischer Strukturen

Rojava (zu Deutsch "der Westen") wurde im November 2013 durch
die kurdische "Partei der Demokratischen Union" (PYD, eine Schwes-
ternpartei der PKK) und die christliche "Suryoye Einheitspartei" als
unabhängig proklamiert. Die Region bildet den Westen des kurdi-
schen Siedlungsgebietes, besteht aus den Kantonen Efrîn, Cizîrê und
Kobanê und umfasst eine Bevölkerung von 2.5 Millionen Menschen.
Sie befindet sich im Norden und Nordosten Syriens und grenzt somit
an die Türkei, den Irak und Iran. Hintergrund ist die historisch tief
verankerte Unterdrückung der Kurd*innen. Während der Lausanner
Konferenz (1922-1923) wurde das kurdische Siedlungsgebiet als Folge
des Ersten Weltkrieges zwischen verschiedenen Staaten aufgeteilt,
wobei Erdölinteressen eine wesentliche Rolle spielten. Dies, obwohl
der kurdischen Bevölkerung zuvor ein eigenes Siedlungsgebiet ver-
sprochen worden war. Seither erstreckt sich das Siedlungsgebiet über
vier Staaten: Türkei, Iran, Irak und Syrien. In Syrien ist die kurdische
Sprache seit 1958 verboten. 1961 gab es eine Ausbürgerungskampag-
ne, wodurch 200'000 Kurd*innen papierlos wurden. 1965 wurde ein
"Arabischer Gürtel" geschaffen und 140'000 Kurd*innen von Grenz-
regionen in südliche Wüstenregionen deportiert.

Im Rahmen des syrischen Bürgerkrieges wurden 2012 die "Volksver-
teidigungseinheiten" (YPG) gegründet. Die ihr analoge YPJ ("Frauen-
verteidigungseinheiten") ist eine reine Fraueneinheit. Die YPG und
YPJ verfolgen keine politische Linie, sondern bestehen lediglich zum
Zweck, die regionale Bevölkerung gegen Angriffe zu verteidigen,
beispielsweise gegenüber der syrischen Armee oder aktuell dem IS.
Nicht nur Kurd*innen kämpfen in ihren Reihen - je nach Region über-
wiegen Assyrer*innen (syrische Christ_innen) oder Araber*innen,
in manchen Regionen überwiegen Frauen. YPG und YPJ sehen sich
nicht als als Verteidiger der kurdischen Bevölkerung, sondern al-
ler unterdrückten und verfolgten Ethnien in der Region. Als der IS
jüngst Yezid*innen angriff, schritten die beiden Einheiten ein, so dass
Tausenden von Menschen das Leben gerettet werden konnte.

Während sich die PYD und PKK initial als sozialistische Organi-
sationen verstanden, kam es in den vergangenen Jahren zu einem
Wechsel der politischen Ausrichtung. Die Idee des "Demokratischen
Konföderalismus" wurde entwickelt und 2005 als politisches Konzept
proklamiert. Ziel ist es demnach, eine nichtstaatliche, demokratisch-
ökologische und selbstverwaltete Gesellschaft zu etablieren. Nebst
dem Staat sollen alle Hierarchien abgeschafft werden. Dies soll er-
reicht werden durch lokale, basisdemokratische Strukturen. Die Idee
bewegt sich im libertären Spektrum und wurde stark beeinflusst
durch Schriften des Öko-Anarchisten Murray Bookchin, aber auch
durch Bakunin, Kropotkin und Zerzan. Nach der Einnahme Rojavas
wäre es der PYD ein Leichtes gewesen, einen kurdischen Staat mit
Vorherrschaft durch die eigene Partei zu gründen. Darauf wurde je-
doch verzichtet. Im Gegenteil: Strukturen, die zuvor der PYD unter-
standen, wurden an die Bevölkerung übergeben. Zentrale Strukturen
wurden dezentralisiert.

"Selbstverwaltung ist Befreiung"

Nach der Gründung Rojavas wurde begonnen, Strukturen für eine
kollektive Selbstverwaltung zu schaffen. Entscheidungen werden
nun in den Volksversammlungen (Räten) gefällt, die aus der lokalen
Bevölkerung bestehen - und somit aus den verschiedensten Ethnien,
Religionen, Alters- und Berufsgruppen. Betrachtet man die Volks-
versammlungen von der kleinsten zur größten Ebene, existieren
zunächst die lokalen Kommunen, von denen es in jedem Stadtteil
mehrere gibt. In den Kommunen wiederum gibt es verschiedene Ko-
mitees, so z.B. ein Komitee für Gesundheit, Bildung, Lebensmittel,
Benzin, Reinigung, Transport, Ökologie, Technik oder Medien. Nach
den Kommunen kommen auf nächst höherer Ebene die lokalen Ver-
sammlungen, dann die Städteversammlungen und schließlich die Re-
gionsversammlungen. Jede Versammlung besteht aus Vorsitzenden
der jeweils kleineren Versammlungseinheit. Die Vorsitzenden sind
allerdings nicht alleine entscheidungsmächtig, sondern lediglich De-
legierte der im Kollektiv getroffenen Entscheidungen. Die Besetzung
dieses Amtes ist nicht fix, sondern rotiert ständig. Entscheidungen
werden auf der jeweils kleinstmöglichen Ebene gefällt. Ist dies nicht
möglich, erfolgt eine Delegation an die nächsthöhere Instanz.

In den Räten sind nebst parteilosen Individuen auch alle Parteien
vertreten. Allerdings sind es nicht die Parteien, welche die Versamm-06
lungen verwalten, sondern die Tev-Dem ("Bewegung für eine Demo-
kratische Gesellschaft in Westkurdistan"). Hierbei handelt es sich um
eine übergeordnete Koordinationsstruktur. Auch hier partizipieren
alle Bewohner*innen der Region und Mitglieder der Kommunen. Die
Tev-Dem beinhaltet zwar Parteien als Mitglieder, wie z.B. die PYD
oder Frauen- und Jugendorganisationen. Sie agiert jedoch autonom
anhand der Entscheidungen, die ihre Mitglieder fällen. Dies kann der
Linie der Parteien widersprechen. Vor Errichtung von Rojava, wäh-
rend des Baath-Regimes, war die Region vernachlässigt. Es fehlte an
Strukturen um die grundlegendsten Bedürfnisse zu erfüllen. Nun
gibt es ein funktionierendes Müllabfuhrsystem. Es besteht eine kos-
tenlose Gesundheitsversorgung. Der Aufbau einer Universität ist in
Planung. Aufgrund der Autonomie und Selbstverwaltung von klei-
nen bis hin zu größeren Strukturen wäre jede Region imstande wei-
terzubestehen, auch ohne die anderen Regionen. "Eine Gesellschaft,
die sich selbst verwalten kann, ist eine befreite Gesellschaft", so Asya
Abdullah, Vorsitzende der PYD.

Alternativen anstelle von Verboten

Die ökonomischen Strukturen bestehen größtenteils aus Koopera-
tiven. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem wird abgelehnt. Ziel
ist eine Ökonomie, die sich an lokalen Bedürfnissen anstelle von
Gewinnen orientiert. Privateigentum wurde nicht verboten, da dies
als Widerspruch zu den basisdemokratischen Strukturen verstanden
wird. Verbote würden Zentralisierung und Machtmonopol bedeuten.
De facto käme dies einer staatlichen Gesellschaftsstruktur gleich.
Zusätzlich will man aus historischen Fehlern lernen und lehnt es ab,
mittels Verboten und Repression eine egalitäre Gesellschaft zu ver-
suchen durchzusetzen, wie dies in sozialistischen Regimes der Fall
war. Stattdessen wird versucht, alternative Strukturen zu stärken,
und ein Bewusstsein von Kollektivität und Solidarität zu schaffen,
in welchem Eigentum nicht mehr anstrebenswert ist. Ein Teil dieser
Strategie ist die Gründung und Stärkung von Kooperativen. In der
Region des Mittleren Ostens ist Feudalherrschaft stark verankert.
Grundbesitzer lassen landlose Arbeiter*innen für sich arbeiten. In
Rojava gibt es nur noch vereinzelt solche Strukturen. Eine weitere
Strategie besteht darin, dass es zwar durchaus Miet- und Arbeits-
verhältnisse gibt, die Mietzinse und Löhne aber durch die lokalen
Kommunen festgelegt werden, in welchen die jeweilige Arbeitgeber-
stätte bzw. das Mietgebäude angesiedelt sind. Genauso, wie alle an-
deren Angelegenheiten des Alltags in den Kommunen entschieden
werden, wird auch diesbezüglich der Entscheid im Kollektiv gefällt.
Arbeitnehmer und Hauseigentümer tragen daher keine alleinige Ent-
scheidungsmacht. Ein weiteres Ziel ist es, die Umwelt so wenig wie
nur möglich zu belasten. Agraringenieur*innen in den Kommunen
untersuchen daher die Voraussetzungen für den Anbau von Gemüse
und Obst.

Umwälzung des Bildungssystems

Umgewälzt wurden auch die Schulen und Hochschulen in Rojava.
Durch Bildung wird versucht, konservative, religiöse und separatis-
tische Dogmen zunehmend zu überwinden. Anstelle eines paterna-
listischen Erziehungssystems wird eine gleichgestellte Beziehung
zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen angestrebt. Vor der Befrei-
ung Rojavas wurde eine einzige Sprache gelehrt, eine einzige Flagge
akzeptiert. Assyrische, kurdische und arabische Kinder besuchten
unterschiedliche Schulen. Mittlerweile ist der Unterricht gemischt.
Es werden mehrere Sprachen gelehrt. So werden Sprachen gefördert,
die vom Aussterben bedroht sind, wie z.B. Aramäisch. Nebst den re-
gulären Fächern werden auch "Soziologie" und "Jineoloji" gelehrt. Bei
letzterer handelt es sich um einen feministischen Wissenschaftsan-
satz, in welchem dem patriarchalen Selbstverständnis von Wissen-
schaft eine feministische Alternative entgegengestellt wird.

Tatsächlich handelt es sich bei der Revolution in Rojava vor allen
Dingen um eine Revolution der Frauen. Wie immens der erreichte
Sinneswandel ist, wird noch offensichtlicher, wenn man sie in Rela-
tion zur zuvor herrschenden patriarchalen Realität setzt. Frauen, die
ohne männliche Begleitung (und sei es der 5-jährige Sohn) keinen
Fuß vor die Türe setzen können. Frauen, die nicht im gleichen Raum
wie Männer essen dürfen, weil es als obszön gilt, wenn Frauen den
Mund öffnen. Frauen, die sogar zur Wahrung der "Familienehre" ge-
tötet werden, wenn sie vergewaltigt werden, da sie dann nicht als Op-
fer, sondern als "beschmutzt" gelten. Heutzutage ist es in Rojava, aber
auch in anderen Regionen, in denen die kurdische Bewegung präsent
ist, gang und gäbe, dass Frauen sich engagieren und mitbestimmen.
Auch außerhalb Syriens, beispielsweise in der Türkei, sind Frauen
Bürgermeister*innen, unter ihnen lesbische Frauen und Transfrauen.

Eine Revolution der Frauen

In allen drei Kantonen gibt es Frauenakademien. "Solange sich die Frau-
en nicht selbst befreien, kann keine Revolution Bestand haben", so die
Besucher*in einer Akademie. Teilnehmer*innen sind Frauen jeglichen
Alters, manche Analphabetinnen, andere Akademikerinnen, wieder
andere haben zuvor in den Reihen der YPJ-Guerilla gekämpft. Wäh-
rend es an klassischen Akademien Lehrer*innen und Schüler*innen
gibt, wurden diese Verhältnisse hier über Bord geworfen. Jede Frau
ist gleichzeitig Lehrerin und Schülerin. Jede teilt ihr Wissen, ihre Er-
fahrungen, und lernt gleichzeitig von den Anderen. Zusammen aus-
gearbeitet wird beispielsweise die Geschichte der Menschheit bis zur
kapitalistischen Moderne. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Einfluss
des Patriarchats auf alle Herrschaftsbeziehungen, wie beispielsweise
Nationalismus. Eine Frau erzählt, wie die Revolution den Alltag der
Frauen verändert hat. Mittlerweile seien die Häuser leer, die Frauen auf
der Straße. Auch Jugendliche und ältere Menschen, deren Leben sich
zuvor größtenteils zuhause abspielte, sind draußen, organisieren sich,
sind Teil der Revolution, die draußen belebt wird. Die Struktur der tra-
ditionellen Familie hat sich gewandelt in kommunale Strukturen. Es
gibt diverse Jugendorganisationen, die sich unabhängig organisieren,
z.B. die "Bewegung junger Frauen", die "Liberale Jugend", die "Konfö-
deration der Schüler*innen", die "PYD-Jugend". Sie alle nehmen teil an
den Volksräten und bestimmen mit. Auf der Straße und in den Schulen
organisieren sie sich, bilden eigene Komitees zu Themen wie Medien,
Kultur oder Kunst. Im Interview sprechen die Jugendlichen darüber,
dass sie nebst der gesellschaftlichen eine geistige Revolution wollen,
"so wie die 68-er Bewegung". Die "Bewegung junger Frauen" kritisiert,
dass bisher in der Volksversammlung keine Jugendquote eingeführt
worden ist und möchte sich dafür einsetzen.

Angriff von allen Seiten

Die Bevölkerung in Rojava hat sich entschieden, einen dritten Weg
zu gehen, anstatt Partei zu ergreifen auf Seite staatlicher Regime oder
islamistischer Kräfte. Das schafft aber auch viele Feinde. Nebst der
Schwierigkeit, selbstverwaltete Strukturen aufzubauen, sieht sich die
Bevölkerung mit Angriffen von außen konfrontiert: vom Assad-Re-
gime, dessen Gegner*innen oder die Türkei. Dem IS ist Rojava eben-
falls ein Dorn im Auge. Nebst direkten Angriffen werden Mafia und
Drogenbanden gespeist, um Rojava zu schwächen. Die Spuren dieser
Angriffe sind überall. Auf den Straßen prangen zerbombte Häuser.
Die Wände in den Schulen sind durch Schüsse zerlöchert, Kirchen
von Armenier*innen und Assyrier*innen liegen nach Angriffen
durch den IS in Trümmern. Lehrer*innen werden angegriffen, Kinder
entführt. Strukturen zum Schutz vor Angriffen sind da unabdingbar.
Rund um die Uhr wird Wache gehalten, auch an den Schulen und
Frauenakademien.

Im Rahmen der aktuellen Konflikte in der Region sind Millionen von
Menschen geflüchtet - viele davon nach Rojava. Jedoch kontrollieren
sowohl umgebende Regierungen, als auch der IS die Grenzen und ver-
hindern Import wie Export. Es fehlt an Lebensmitteln, Medikamen-
ten, medizinischer Versorgung, Unterkünften. Die Stromversorgung
wurde durch die ISIS gekappt, die Wasserversorgung ist zusammen-
gebrochen. Grenzdörfer werden durch den IS angegriffen. Hunderte
von Menschen sind bereits ums Leben gekommen. Zusätzlich leiden
die Menschen Hunger, sind obdachlos oder sterben durch Krankhei-
ten. Epidemien wie Tuberkulose oder Hepatitis B greifen um sich.
Rojava ist als autonomes, basisdemokratisches Projekt akut bedroht
und damit alle Menschen, die hier Zuflucht gefunden habe. Rojava ist
einzigartig auf der Welt. Es ist ein politisches Konzept, welches Hoff-
nung macht und weitere, ähnliche Strukturen hervorbringen kann.
Es benötigt dringend unsere Solidarität.

Inhaltliche Quellen: Texte Ibrahim Okcuoglus, das Kurdische Forschungs-
zentrum sowie persönliche Interviews und Recherchen.


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