(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Beteilige dich, aber mach mich nicht nass!
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Mon Feb 16 17:35:21 CET 2015
Welche Ziele Manager mit Partizipationsstrategien verfolgen ---- Versuche der Einbindung
von Beschäftigten in das betriebliche Leben sind so alt wie der moderne Kapitalismus. Sie
sind die Antwort auf die Notwendigkeit, Arbeitskräfte zumindest partiell zur Sicherung der
Produktivität einbinden zu müssen, ohne ihnen gleichzeitig ein Mitspracherecht auf
Augenhöhe einräumen zu wollen. ---- Die Spanne partizipativer Ansätze in der Ökonomie ist
groß. Sie reicht von einem funktionalen Verständnis der Beteiligung, welches sich
lediglich auf das Erfüllen von Arbeitsanforderungen bezieht, über eine Beteiligung am
sozialen betrieblichen Leben zur Verbesserung der Zusammenarbeit bis zur formalisierten
oder informellen Einbindung in betriebliche Entscheidungsprozesse sowie (meist marginale)
Gewinnbeteiligungen. Eine scharfe Trennlinie muss mindestens zwischen den Ideen der
Selbstverwaltung, wie ihn rätekommunistische und anarchosyndikalistische Kräfte
propagieren und jenen von Verwertungsinteressen getriebenen Ansätzen partizipativen
Managements gezogen werden. Während die Idee der Selbstverwaltung mit dem
Herrschaftsanspruch Einzelner bricht, steht dieser im Rahmen partizipativer
Managementstrategien trotz allem Wortgeklingel von teilautonomen Gruppen, dezentralen
Entscheidungsstrukturen, flachen Hierarchien und kontinuierlichen, dem Kunden
verpflichteten Verbesserungsprozessen selbstredend nicht zur Debatte. Es geht um die
Beteiligung von Beschäftigten im Rahmen der vom Management vorgegebenen Grenzen.
PSYCHOLOGISIERUNG DER ARBEIT STATT LOHN?
Einen bedeutenden Wendepunkt für derartige Ausbeutungsstrategien markieren die in den
1920er Jahren im Auftrag der amerikanischen Elektrizitätsindustrie und dem National
Research Council durchgeführten Hawthorne-Experimente in der Western Electric Company. In
Folge der zur Untersuchung leistungssteigernder Faktoren durchgeführten Studie setzte sich
die Einsicht von der Wichtigkeit sozialer Beziehungen in der Betriebspsychologie und
damit, wenn auch nicht ungebrochen, in den betrieblichen Führungskreisen zunehmend durch.
Der mit dieser Veränderung einhergehende betriebspsychologische Ansatz der
Human-Relations-Bewegung propagierte vor allem, dass ArbeiterInnen weniger an
Gehaltserhöhungen, sondern vielmehr an der sozialen Umgestaltung des betrieblichen
Arbeitsumfeldes, insbesondere des Führungsstils interessiert seien. Manager beziehen
seitdem die psychologische Verfassung und Identität ihrer Untergebenen in ihr Kalkül ein.
In verschiedenen Wellen wurden und werden Konzepte partizipativer Führung propagiert,
wenngleich empirische Befunde, die eine Steigerung der Zufriedenheit von MitarbeiterInnen
durch eine stärkere Einbindung belegen, ausstehen. Der Aspekt einer einhergehenden
Verpflichtung zu mehr Verantwortung bei Beschäftigten bleibt so zum Beispiel weitestgehend
unbeachtet. Allein die erneute Prüfung der Forschungsdaten aus den Hawthorne-Experimenten
ergab, dass der Einfluss von Lohnanreizen auf die Arbeitsleistung im Verhältnis zu
sozialpsychologischen Faktoren höher einzuschätzen ist als von den damals beteiligten
Forschern angenommen.
Mit welcher Intention verfolgen Manager und Personalabteilungen bis heute dennoch
angeblich mitarbeiterorientierte Führungsstrategien?Die in großen Teilen an
systemtheoretischen Ansätzen orientierte Literatur zur Organisationsentwicklung gibt hier
einigen Aufschluss. Sie verweist auf die chaostheoretisch geprägte Annahme sich selbst
regulierender Systeme. Analog zu in der Natur zu beobachtbarer Ordnungsbildung werden die
Mechanismen auf soziale Systeme des betrieblichen Alltags übertragen. Passend zur
Ideologie des freien Marktes, wird ein sich selbst organisierendes Humankapital gefordert.
Allzeit anpassungsbereit soll die moderne Arbeitskraft sich stets den im rasanten Wandel
befindlichen Markterfordernissen anpassen und so den Unternehmen den Bestand am Markt
ermöglichen. Von einer Selbstorganisation der Einzelnen im Sinne anarchistischer Ideen
kann hier freilich nicht die Rede sein. Vielmehr sollen die vielen Selbsts einzig dem
übergeordneten Profitinteresse der Firmeneigner dienen. So beschäftigt sich die
Managementliteratur inkonsequenterweise mit den Möglichkeiten der Steuerung von Prozessen
der Selbstorganisation, obwohl sie, systemtheoretischen Ansätzen konsequent folgend, deren
Unsteuerbarkeit anerkennen müsste. Dies gilt insbesondere für widerstandsträchtige
Situationen, in denen Firmen Veränderungen mit zum Teil harten Einschnitten für
Beschäftigte durchsetzen wollen. So leiteten beispielsweise Befürchtungen, dass die in der
Automobilindustrie durchgeführten "Experimente" der "Selbstorganisation" in teilautonomen
Gruppen und daraus resultierende Handlungsspielräume von Beschäftigen zur Organisation von
Widerstand gegen in der Branche vorgenommene Rationalisierungsmaßnahmen genutzt werden
könnten, in den 1990er Jahren zunächst eine Rückkehr zu traditionellen Produktionsmethoden
ein.
SCHNELLER WANDEL OHNE WIDERSTAND
Dennoch gilt die dialogorientierte Einbindung von MitarbeiterInnen in Situationen des
Wandels heute als vielversprechendes Instrument zur Befriedung von Widerstandspotentialen
und zur Einschwörung auf neu zu konstatierende "Notwendigkeiten". So wurden beispielsweise
die ehemals aus sozialen Bewegungen und der kommunalen Arbeit bekannten
Großgruppenverfahren, wie "Open Space", "Zukunftswerkstatt" u.a. von
OrganisationsberaterInnen adaptiert und von der Wirtschaft in den 1990ern zum Teil
frenetisch als Verfahren des schnellen Wandels bejubelt. Wie wenig von der eigentlichen
Idee eines selbstbestimmten Dialoges unter Gleichen zur Identifizierung von gemeinsamen
Zielen übrig bleibt, wenn sie in den Herrschaftsraum der Betriebe überführt werden, zeigt
u.a. das Verfahren des "Real Time Strategic Change" (RTSC). Die Großgruppenverfahren
eigene emotionale Dynamik von Gruppen und ihre "energetisierende" Wirkung wird hier vor
allem dazu genutzt, die Belegschaft durch aufrüttelnde Reden des Managements auf einen
zuvor von der Führungsspitze entschiedenen Weg einzuschwören und den Firmenzielen
abträgliche Wahrnehmungen aufzulösen. Dr. Matthias zur Bonsen, der RTSC in Deutschland
bekannt machte, treibt diese Intention mit Verweisen auf Schiller, der den Anschluss ans
Ganze als dienendes Glied propagiert (vgl. zur Bonsen 2003, S. 17; Schiller 1797) und auf
den chinesischen Feldherren Sun Tsu, nachdem eine Armee kämpfen müsse "wie ein Mann" (vgl.
zur Bonsen 2003, S. 20) in so unangenehmer wie entlarvender Weise auf die Spitze.
Auch das inzwischen weit verbreitete "Führen mit Zielen" gibt ein paradoxes Bild ab. Es
stellt den Versuch der Führungsetagen dar, den insbesondere in komplexen Arbeitsumfeldern
notwendigen Handlungsspielraum für Beschäftigte zu gewähren und diesen gleichzeitig durch
Zielvorgaben und das Messen an wirtschaftlichen Kennzahlen zum Zweck der Kontrolle wieder
zu konterkarieren. Unter dem mitarbeiterorientiert klingenden Label der
(Ziel-)Vereinbarung wird das Führen mit Zielen - trotz inzwischen existierender Belege
über die demotivierende Wirkung von Leistungsbeurteilungen anhand von Zielvorgaben und
ihrer Erfüllung - entsprechend weitergeführt.
PARTIZIPATION ZUR MINIMIERUNG VON MANAGERRISIKEN
Im Zusammenhang mit den Heilsversprechungen partizipativer Führungsstile seien hier
zuletzt noch zwei weitere Gründe für ihren Einsatz genannt: Die Beteiligung von
Beschäftigten gilt als Mittel zur Minimierung der auf Manager einprallenden "Komplexität
der Welt". Durch die Übertragung von Verantwortung und die Einbindung Vieler in
schlussendlich von Managern zu treffende Entscheidungen hoffen diese, das Risiko etwaiger
Fehlentscheidungen zu minimieren. Gelingt dies nicht, können Manager ihre Verantwortung so
immer noch auf andere abwälzen und immerhin ihr Risiko minimieren.
Der Diskurs über Mitarbeitereinbindung ist zudem eng mit dem Thema Wissensmanagement
verbunden. Durch den Abbau von Hierarchieebenen und die Einführung von Teamarbeit hofft
man auf eine bessere Verteilung des in den Betrieben vorhandenen Wissens. Man will an das
"Gold" in den Köpfen. Die "Befreiung" aus der Abhängigkeit vom Wissen Einzelner lässt
Manageraugen beruhigt auf die nächste Kündigungsrunde blicken. Es bleibt festzustellen:
Von den Führungsetagen verordnete Beteiligung ist alles andere als ein humanes Geschenk an
Lohnabhängige. Vielmehr geht es um die perfide Vereinnahmung Beschäftigter, die
Unternehmensinteressen zu ihren eigenen machen sollen. Die nachgezeichnete Angst von
Managern vor Kontrollverlusten ist allerdings durchaus begründet, denn entstehende
Handlungsspielräume lassen sich für eine Selbstorganisation, die diesen Namen auch
verdient, nutzen. Beispielsweise aus der Dynamik großer Gruppen Vorteile zu ziehen, ist
keinesfalls nur den Führungsetagen vorbehalten. Abgesprochen und kollektiv ließen sich
verordnete Beteiligungsevents mitunter gut für die eigenen Interessen und die Formulierung
kollektiver Ansprüche nutzen. Könnten die Ängste, die aus der sozialen Kontrollfunktion
erwachsen, die derartige Verfahren auch haben, überwunden werden, hieße es schnell: Ich
beteilige mich und mach dich nass!
Dörthe Stein, FAU Frankfurt
zur Bonsen, Matthias (2003): Real Time Strategic Change. Schneller Wandel mit großen
Gruppen. Stuttgart: Klett Cotta Verl. Schiller, Friedrich (1797): Votivtafeln. Pflicht für
Jeden
https://www.direkteaktion.org/227/beteilige-dich-aber-mach-mich-nicht-nass
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