(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Kolumne Durruti -- Bin ich blöd oder lebe ich schon?

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Fri Feb 13 19:38:54 CET 2015


Ich bin doch nicht blöd, dachte ich bis vor kurzem.Seit Neustem bin ich mir da nicht mehr 
so sicher.Auslöser ist ein Fauxpas, der mir vor kurzem auf der Weihnachtsfeier meines 
neuen Arbeitgebers passierte: Mit viel Mühe und ohne Kosten zu scheuen hatte der, neben 
einem Motivationstrainer, eine Percussiongruppe für das Event organisiert.Energetisiert 
durch den Motivator, der mit einem überdimensionalem Puzzle aus Holz gerade eindrucksvoll 
vorgeführt hatte, wie aus den vielen einzelnen Teilen (uns) ein großes Ganzes (die Firma) 
wird, griff ich im Anschluss beherzt zu den aufgeblasenen pinken Plastikschläuchen, die 
von der Percussiongruppe dargeboten wurden. Auf Ihnen prangte mit großen Lettern das 
Firmenlogo meines Arbeitgebers. Konzentriert versuchte ich zusammen mit meinen neuen 
Kolleginnen die Schrittfolgen, zu denen wir aufgefordert wurden, nachzumachen und dabei, 
wie auf der Bühne demonstriert, mit den 1-Meter-Plastikschläuchen hin und wieder im Takt 
zu klatschen. So weit, so gut. Auch das sporadische Luftausstoßen zwischen den Klatschern 
gelang mir noch einigermaßen.

Das Ganze ergab in etwa folgenden Rhythmus: Klatsch - klatsch - uff, klatsch, klatsch, 
klatsch, uff - klatsch. Als dann aber, gewissermaßen als Steigerung, auch noch der 
Firmenname gerufen werden sollte, während man seine Plastikstöcke mit denen des frontal 
gegenüberstehenden Nachbarn aneinanderschlug, geschah es. Während alle anderen "Telekom" 
riefen, rutschte mir ein "Deutsche Post" heraus. Mein indischer Übungspartner riss 
entsetzt seine Augen auf und starrte mich an. In der Nachbarschaft flogen die Köpfe herum, 
blöderweise auch der meiner Personalchefin. Der hatte ich nur wenige Wochen zuvor im 
Einstellungsgespräch offenbar erfolgreich versichert, dass mir eine Identifikation mit dem 
Unternehmen Telekom sehr leicht fiele, da sich mit Einstellung sozusagen ein Lebenstraum 
erfülle. Nicht genug damit, dass ich nach diesem Einsatz das von mir mühsam aufgebaute 
Image des "Ich bin Telekom" ruiniert hatte. Viel schlimmer wiegt die tiefe 
Identitätskrise, die mich seitdem übermannt.Ich frage mich ernsthaft, wie viele man sein 
kann, in nur einem Leben, und ab wann eher eine tiefgreifende multiple 
Persönlichkeitsspaltung zu diagnostizieren ist. Kann ich, nachdem ich schon Opel, Ferrero 
und die Deutsche Post war, nun auch noch die Telekom werden? Als beruhigend empfinde ich 
dabei den Umstand, dass es neben der Arbeit sowieso immer weniger Leben gibt. Was außer 
der Telekom sollte ich also künftig bei einer 50-Stunden-Woche schon sein? Andererseits 
stelle ich bei mir selber zunehmend einen Unwillen gegen derartige Totalvereinnahmungen 
fest. Vielleicht sollte ich mich doch erwerbslos melden und mich dann später früh 
verrenten zu lassen. Aber was bin ich dann? Die Arbeitslosenagentur oder gar die Deutsche 
Rentenkasse oder habe ich dann endlich mehr vom Leben als von der Arbeit?

Dörthe Stein, FAU Frankfurt


https://www.direkteaktion.org/227/kolumne-durruti


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