(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Nepper, Schlepper, Bauernfänger

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Thu Feb 12 12:29:22 CET 2015


Sinn und Unsinn beteiligungsorientierter Managementstrategien im Kapitalismus ---- Während 
der Westen zumindest vordergründig den Wert der Demokratie als Garant von Freiheit 
gegenüber diktatorischen Systemen oder Bewegungen hochhält, sucht man Demokratie in den 
Betrieben des Abendlandes vergeblich. ---- Industriesoziologen bestätigen der deutschen 
Gesellschaftsverfassung deshalb eine "geteilte Demokratie"1, die dazu führe, dass 
bürgerliche Rechte, etwa das ohnehin schon erbärmliche ---- auf die Wahl von 
parlamentarischen Stellvertreter_innen, vor den Toren der Fabrikhallen und vor den Türen 
der Büros an den Nagel gehängt werden müssten. Die Bestrebungen der Regierung zur 
Einschränkung der Koalitionsfreiheit belegen diese Behauptung aktuell eindrucksvoll. So 
soll künftig das Recht auf freie gewerkschaftliche Organisierung und die Ergreifung von 
Arbeitskampfmaßnahmen nur noch der jeweiligen Mehrheitsgewerkschaft zugebilligt werden.

In Analogie dazu stelle man sich nur kurz vor, in wieweit sich eine (wie auch immer 
geartete) politische Demokratie von einer Diktatur unterschiede, wenn nur noch die Partei 
mit den meisten Mitgliedern in den Wahlkampf ziehen dürfte.Im Kontext einer bereits in den 
1920er Jahren von Gewerkschafter_innen durchaus kritisch geführten Mitbestimmungsdebatte, 
die unter anderen Vorzeichen und weit optimistischer durch die Bewegung zur Humanisierung 
der Arbeit in den 1970er Jahren aufgegriffen wurde und bis heute von Industriesoziologen 
geführt wird, lässt sich, zugegeben eher rhetorisch, die Frage danach stellen, warum die 
Diskrepanz zwischen den proklamierten Werten bürgerlicher Demokratie und der 
allgegenwärtigen Despotie und Willkür durch Vorgesetzte in den Betrieben immer noch auf 
eine fast unhinterfragte Akzeptanz stößt. Die Frage lässt sich - schon weniger rhetorisch 
- damit beantworten, dass die Akzeptanz eben an jener, verfassungsrechtlich das Eigentum 
vor die Freiheit der anderen setzenden bürgerlichen Demokratie liegt. Die Konsequenzen 
sind, vom Zwang zur Lohnarbeit über die Verinnerlichung marktkonformer 
Unterwerfungsmechanismen bis hin zu den Möglichkeiten der Ausbeutung Lohnarbeitender durch 
Firmeneigner, hinlänglich bekannt. Jenseits der erneuten Feststellung des grundlegenden 
Ordnungsprinzips kapitalistischer Marktwirtschaft, dem Privateigentum, das eine 
nachhaltige, weil wirtschaftliche Beteiligung verunmöglicht, lohnt jedoch ein Blick auf 
aktuelle Partizipationsdiskurse.

So hat nicht nur die Politik anlässlich eskalierender sozialer Konflikte, wie z.B. im 
Verlauf der Auseinandersetzung um Stuttgart 21, Partizipation als Schlichtungsinstrument 
entdeckt. Auch in den Managementetagen samt ihrer Berater_innen hat sich das Motto 
"Betroffene zu Beteiligten machen" als vielversprechendes Instrument zur Steuerung und 
Durchsetzung von für Beschäftigte meist entbehrungsträchtigen Maßnahmen herumgesprochen. 
Die Verheißung beteiligungsorientierter Verfahren liegt dabei in der Minimierung 
potentieller Widerstände bei gleichzeitiger Rationalisierung. Kein Wunder also, dass die 
Chefetagen inzwischen immer häufiger vom klassischen Top-Down-Ansatz, bei dem 
offensichtlich von oben nach unten regiert wird, abrücken und stattdessen auf perfidere 
Methoden der Personalführung setzen. Zielvereinbarungsgespräche, partizipative Verfahren 
des Wandels, pseudowirtschaftliche Beteiligungen in Form von Aktien, die Delegation 
klassischer Managementaufgaben an dezentrale operative Einheiten und Betriebsräten, die 
als Co-Manager_innen fungieren, eint das Ziel der Leistungssteigerung eines jeden 
Einzelnen.Dieser Umstand ist Anlass für uns, das Thema partizipative Management- und 
Personalführungsstrategien, die sich allzu leicht in den allgemeinen Wohlfühlkanon 
demokratischer Werte einfügen, bezogen auf Betrieb und soziale Bewegung in dieser Ausgabe 
der DA näher zu beleuchten. Wir hoffen so, einen Beitrag zur Entwicklung eines adäquaten 
widerständigen Umgangs mit Beteiligungsstrategien, die auf einem falschen oder verkürzten 
Partizipationsverständnis beruhen, zu leisten.

Dörthe Stein, FAU Frankfurt

[1]  Moldaschl, Manfred (2004): Wirtschaft, Demokratie und soziale Verantwortung. 
Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht

https://www.direkteaktion.org/227/nepper-schlepper-bauernfaenger


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