(de) FDA-IFA: Gai Dào N°56 - Anarchosyndikalismus und Tierleid Von: w.m., Einzelmitglied Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie Dresden

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Fri Aug 28 22:30:55 CEST 2015


Dieser Artikel kann es nicht leisten, auf die Vielzahl von ethischen, philosophischen, 
ökologischen und sozialen Gründen einzugehen, deren Konsequenz nur der Verzicht auf 
Tierprodukte in jeder Form sein kann. Demnächst ist jedoch noch eine unfangreichere 
Broschüre geplant. Dieser Artikel beleuchtet zunächst die Situation der Arbeitenden in der 
Tierindustrie und Ansätze syndikalistisch einen Beitrag zur Tierrechtsbewegung zu leisten. 
---- Auch der Mensch leidet an Tierausbeutung ---- Es sei eingangs noch einmal erwähnt: 
Die wahren Leidtragenden der Tierausbeutung sind eben nicht die Menschen. Allein das Leid 
der gefangenen, gequälten und ermordeten Tiere sollte völlig ausreichen, diese Industrie 
zu boykottieren und Alternativen zur Tierausbeutung aufzubauen. Doch auch für die 
Beschäftigten ist die Tierindustrie gesundheitsschädlich, oft genug möderisch. Was sie mit 
den Wesen gemein haben, die sie gefangen halten und töten, ist, dass auch sie von ihren 
Bossen als Ressource betrachtet werden, deren Leben und Glück unwichtig ist, sofern es dem 
Profit im Wege steht.

Wer bspw. in einem Schlachtbetrieb
arbeitet, verbringt den gesamten Tag oft
bis zu den Knöcheln in Blut stehend, bei
ohrenbetäubendem Lärm und mit heftiger
Akkordarbeit. Die Feuchtigkeit der Böden,
die Unberechenbarkeit der Tiere im
Todeskampf und das eingesetzte Werkzeug
verursachen eine Fülle von schweren
Arbeitsunfällen. Laut einem
Bundestagsantrag der SPD erlitt im Jahr
2010 jeder 10. Beschäftigte eines
Schlachtbetriebs einen Arbeitsunfall.1
Übrigens: "Biotiere" werden i.d.R. unter
den selben Bedingungen transportiert und
geschlachtet wie die ausMassentierhaltung.

Wenig besser sieht es in Mastanlagen aus: Staub, Keime und Gase die
durch Massentierhaltung entstehen führen u.a. zu schweren
Atemwegserkrankungen, Fortpflanzungsstörungen, Nervenkrankheiten,
Krampfanfällen bis hin zu Koma.2

Eine andere gesundheitliche Folge ist die psychische Belastung der
Beschäftigten, v.a. in den Schlachtbetrieben. Gewalt stellt immer eine
psychische Belastung für Menschen dar. Das alltägliche quälen und
töten per Hand von tausenden Individuen geht an niemandem spurlos
vorbei. So berichten viele Schlachtarbeiter*innen von Traumata,
Depressionen, sozialer Unterkühlung, Gewalttätigkeit, Drogen-
missbrauch und anderen Folgen ihrer Arbeit die ihr Leben und das ihrer
Familien zerstören.3 Psychische Berufsrisiken in Schlachtbetrieben
werden dabei abseits von persönlichen Berichten kaum thematisiert.

Auch wirtschaftlich sieht es für die Kolleg*innen mies aus. In vielen
Betrieben sind laut NGG nur noch 10-30% der Arbeitenden als
Stammbelegschaft beschäftigt, die restliche Arbeit wird von
Leiharbeitenden und Werksvertragler*innen erledigt. Der Mindestlohn
wird oft durch illegale Überstunden unterlaufen. NGG-Sprecher*innen
reden dabei von 10-20 Stunden-Schichten an bis zu sieben Tagen die
Woche. Auch die Nichtzahlung von Zuschlägen und Lohnabzüge für
Unterbringung, Arbeitskleidung und Werkzeug sind gängige Mittel zum
Lohndumping.

Die meisten Kolleg*innen mit unsicheren
Beschäftigungsverhältnissen werden von
Subunternehmer*innen aus Osteuropa, v.a.
Rumänien mit falschen Versprechungen
hergelockt. Auch hier ergibt sich ein
erhöhtes Gesundheitsrisiko, weil die
Kolleg*innen meist nicht oder nur schlecht
ausgebildet sind. Der Beruf ist außerdem
meist nicht freiwillig gewählt, was die
Anfälligkeit für psychische Schäden
erhöht.

Oft verschulden sich die Kolleg*innen
schon um zum neuen Arbeitsplatz
vermittelt zu werden und zu reisen. In
Deutschland angekommen schrumpft das
versprochene Gehalt von meist um 1900,-EUR
durch oben erwähnte Abzüge auf Löhne zwischen 800,- bis 1100,-EUR
zusammen, z.T. auch noch weniger. Die Kolleg*innen arbeiten im
Akkord, so das keine Zeit für Erholung oder gar Aufbegehren bleibt. An
Besuche in der Heimat ist bei Gehalt und Arbeitszeiten schon garnicht
zu denken. Sie bleiben isoliert, in maroden Gemeinschaftsunterkünften,
z.T. sogar im Wald zusammengepfercht in einem Land deren Sprache sie
meist nicht sprechen und dessen Gesetze sie kaum kennen. Dazu
kommen nicht selten verbale Drohungen und tatsächliche schwere
Angriffe auf Arbeiter_innen die sich beschweren oder Aktionen starten.
Betroffene berichten dabei immer wieder über direkte Verbindungen
der Subunternehmer*innen zu Mafia- und Rocker-Strukturen.

Was heißt das im Gewerkschaftsalltag?

Gerade weil die eigenen Privilegien gegenüber ausgebeuteten Tieren
noch viel selbstverständlicher und naturgegebener erscheinen als
andere Herrschaftsideologien, müssen wir den Diskurs mit unseren
Mitmenschen darüber mit viel Geduld und Feingefühl pflegen. Die oben
beschriebenen Missstände zeigen aber auch auf, dass der Boykott der
Tierausbeutungsindustrie und der gewerkschaftliche Kampf aktuell eine
Menge Anknüpfungspunkte haben.

Wenn sich Arbeitende der Fleischindustrie hilfesuchend an uns wenden,
wird es immer wieder Austausch über die Branche an sich geben.
Arbeitskämpfe und Solidarität in der Branche können auch genutzt
werden um die allgemeine Kritik an Tierausbeutung zu veröffentlichen.
Für viele tierrechtlich überzeugte FAU-Mitglieder ist dies sicher auch
eine Vorbedingung um solche Konflikte überhaupt mit zu tragen. Auch
arbeiten viele nicht freiwillig in dieser Branche, gut organisierte
Syndikate sollten Übersichten über freie Stellen haben und Kolleg*innen
den Jobwechsel ermöglichen können.

Bei der derzeitigen Ausgestaltung der Tierindustrie wäre zu erwägen, ob
mensch nicht auch aus gewerkschaftlichen Gründen die Forderung
radikaler Tierrechtler*innen nach einem konsequenten Angriff und
einer militanten Sabotage (wenigstens) der Fleischbetriebe unterstützen
kann. Wie dargelegt kann es eine gesundheitlich vertretbare Schlacht-
Tätigkeit für die Arbeitenden nicht geben, nur logisch wäre deshalb die
Konsequenz gesundheitlich weniger riskante, faire Jobs in der
vegetarischen Nahrungsmittelproduktion zu fordern und zu fördern.
Dazu gehört auch der politische Kampf gegen eine Subventionierung
der Fleischwirtschaft.

Aber auch in unseren Branchenorganisationen im Einzelhandel, in der
Gastronomie oder in den Kantinen unserer sonstigen Betriebe können
wir durchaus ein Mindestmaß (oder mehr) an veganem Angebot
durchsetzen - ebenso wie wir das auch mit fairen und kollektiven
Produkten tun sollten. Oft haben wir direkten Kontakt zu unseren
Kund*innen oder Konsumvereinigungen die wir als Werktätige dazu
aufrufen können vegan zu konsumieren. Dies alles ist nicht etwa ein
Abgleiten in gewerkschaftsferne Themen sondern vielmehr eine ordinär
syndikalistische Aufgabe; die Produktion ethischer zu gestalten. Nicht
zuletzt sollte die Frage nach einem Ende der Tierausbeutung
Gegenstand organisationsinterner Weiterbildung und Diskussion sein
und bleiben.

Dank an Syndikat A und E.W. für die Unterstützung

Fußnoten

1 Bundestagantrag Drucksache 17/11148
2 Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe
anziehen, 2. Auflage, compassion media, Münster 2013
3 ebd und schlachthof-transparent.org


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