(de) FDA-IFA: Gai Dào N°56 - Der Anarchismus und die persönlichen Beziehungen - einige grundlegende Überlegungen Von: Nelson Méndez y Alfredo Vallota / Übersetzung: jt

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Tue Aug 25 13:56:57 CEST 2015


Anm. d. Red.: Bei dem Text handelt es sich um die Übersetzung eines Abschnitts aus dem 
Buch Bitácora de la Utopía: Anarquismo para el Siglo XXI, 2. überarbeitete und erweiterte 
Ausgabe, Mexiko, Hormiga Libertaria, 2006 ---- Dem Anarchismus ist eine Sorge um die 
Rechte des Individuums inhärent. Es erscheint sinnlos, Theorien aufzustellen oder 
Aktivitäten zu entfalten, wenn diese schließlich nicht zu einer Verbesserung des Lebens 
von jeder einzelnen Person führen werden. Im Gegensatz zu Marxist*innen oder 
Pseudo-Sozialist*innen bestehen Libertäre darauf, die von uns verteidigten Prinzipien 
tagtäglich in die Praxis umzusetzen. Wenn wir an die Gleichheit glauben, sollten wir die 
Anderen wo immer möglich auch als Gleiche behandeln. Die Art und Weise, wie wir uns 
zueinander verhalten, spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse wider. Und in einer 
Gesellschaft, die nicht gut funktioniert, werden die Menschen auch nicht gut behandelt - 
diese Misshandlung erleben wir jeden Tag.

Die Hippies der 1960er und die "New Age"-Leute der 2000er liegen
falsch. Es stimmt nicht, dass "alles im eigenen Kopf abläuft" oder dass
nichts von Belang wäre. Individuelle Antworten wie Drogen (ob legal
oder illegal), die Esoterik oder die Abgeschiedenheit auf dem Land
stellen im Grunde gar keine Lösungen dar, sondern schlicht eine
Realitätsflucht, egal wie sehr sie mystisch oder semi-philosophisch
verbrämt werden mag. In der heutigen Welt ist es schlicht nicht möglich
so zu leben, wie wenn die Freiheit darin bestünde, sich von den anderen
abzusondern. Das ist einfach nicht möglich, denn wir stehen immer in
Beziehung zu anderen Menschen, und wenn es diesen an Freiheit
mangelt, dann auch uns. Die Freiheit jeder einzelnen Person reicht bis
dorthin, wo die Freiheit der benachbarten Person reicht, nicht dorthin,
wo sie beginnt. Und gemeinsam erstreckt sie sich noch weiter. Eine
ausschließlich individuelle Lösung, wo man nicht an andere und ihre
Problem denkt, hat nichts mit dem zu tun, was der Anarchismus
anstrebt, da das niemals eine Lösung sein kann.

Die Bedingung für eine Revolution ist unser Vertrauen als
vernunftbegabte Menschen darauf, dass eine vernünftige Welt möglich
ist. Es ist ein schwieriges, wenngleich nicht unmögliches Unterfangen,
uns gemeinsam mit anderen zu einer viel besseren Situation zu
entwickeln, als es die einfache Abhängigkeitsbeziehung, die brutale
Unterwerfung und Negierung all unserer Potenzialitäten ist, die wir in
dieser Gesellschaft erleiden müssen. Wenn wir uns nicht gegenseitig
sowie anderen dabei helfen können, unsere Angst zu verlieren, unsere
Beklemmung und unsere Unsicherheit, erscheint es sinnlos zu erwarten,
dass sich plötzlich ein Verhalten einstellt, das vom dem hier
vorherrschenden abweicht, und dass es uns gelingt einfach eine freie
und kreative Gesellschaft aufzubauen. Teil dieses kollektiven Irrsinns
sind auch autoritäre Ideen sowie der irrationale Hass auf ethnische
Minderheiten, auf Menschen mit anderem Pass, anderen religiösen,
kulturellen, politischen oder sexuellen Vorlieben oder einfach nur auf
Leute, die in irgendeiner Weise aus dem Raster fallen. Um diese
allgemein verbreitete Demenz zu überwinden, müssen wir sie zunächst
bei uns selbst bekämpfen und diesen Prozess der Überwindung
dadurch bestärken, indem er von allen im Rahmen eines
ununterbrochenen Dialogs fortgeführt wird.

Manche Libertäre denken, dass das Leben in einer Kommune -
gemeinsam mit anderen Genoss*innen - bereits eine Art ist die
Gesellschaft zu verändern. Obgleich es natürlich eine noble
Entscheidung ist, gemeinsam mit politisch Gleichgesinnten im selben
Haus zu leben, so bedeutet das keineswegs, dass dies die Keimzelle eines
idealen zukünftigen Miteinanders ist, wie es bereits die Klöster im
Mittelalter nicht waren. Statt die anderen zu fürchten und vor ihnen zu
fliehen, wäre es wichtiger, die eigenen Haltungen und die anderer zu
verändern sich den anderen gegenüber zu öffnen, solidarischer und
weniger wettbewerbsorientiert zu sein, sich zu vereinen. Der Großteil
der Libertären unternimmt Anstrengungen, zumindest ein wenig mehr
soziabel als der Rest der Bevölkerung zu sein, im Rahmen der
Möglichkeiten auch etwas für andere zu tun, und dabei sich stets dessen
bewusst zu sein, dass in einer repressiven Gesellschaft Perfektion
ohnehin nicht möglich ist. Aber zumindest können wir sie auf diese
Weise verändern. Es gibt keine anarchistischen Heiligen, nur Männer
und Frauen, die versuchen, besser miteinander und mit den Anderen
umzugehen.

Die anarchistische Methode der Organisation ist dabei ein
vielversprechender Weg: die Tendenz in kleinen Gruppen zu agieren,
wo es leichter ist, die psychologische Barriere zu durchbrechen, die die
soziale Aktion vieler Individuen verhindert. Die Arbeit in
Affinitätsgruppen kann dabei eine große Hilfe darstellen und ihren
Mitgliedern Selbstbewusstsein einflößen, da diese Form der
Organisation zu einer besseren geistigen Gesundheit von
Arbeiter*innen, Konsument*innen und Nutzer*innen führt, von Frauen,
die für ihre Rechte kämpfen; von Menschen, die Hausbesetzungen
durchführen; von Menschen, die für die Rechte von Minderheiten
eintreten; von selbstorganisierten Gesundheitsgruppen; von alternativen
Kulturkollektiven usw. Wir sollten alles unterstützen, was Menschen
dabei hilft, ihre Angst zu überwinden, Verantwortung im Kampf für
einen Wandel zu übernehmen und ihre Beziehungen mit dem Rest der
Welt zu überprüfen. Im Endeffekt hoffen Libertäre, dass die Haltungen
stark genug verändert werden, dass die Menschen in der Lage sind,
wieder die Kontrolle über ihre eigenes Leben zu übernehmen, die sie
mit dem Auftauchen des Staates systematisch immer mehr haben
abgeben müssen.

Quelle (Spanisch):
http://periodicoellibertario.blogspot.com.es/2015/06/anarquismo-y-
relaciones-interpersonales.html


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