(de) FDA-IFA: Gai Dào N°56 - Zur Beziehung zwischen Freizeit und Kultur Von: Von: Gustavo Godoy / Übersetzung: jt

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Mon Aug 24 16:53:11 CEST 2015


In der heutigen Welt preisen alle gleichermaßen - die Kapitalist*innen, die 
Sozialist*innen und die Öffentlichkeit - ganz allgemein und konstant die Arbeit und 
verteufeln die Freizeit (ocio). Man hört häufig, die Jugend habe sich beschäftigt zu 
halten und nicht in Freizeit zu schwelgen. ---- Anm. d. Red.: In diesem Text geht es um 
den spanischen Begriff "ocio" (dt.: Freizeit). Da es jedoch zum Teil auch um eine 
Begriffsetymologie des Wortes "ocio" geht, wird er im Text in Klammern wiedergegeben,
sofern daraufBezug genommen wird. ------------------ "Wir leben in der Epoche der 
Über-Arbeiter und der Unter-Gebildeten; in der Epoche, in der sich die Menschen derart der 
Arbeit widmen, dass sie völlig verblöden.“ Oscar Wilde
--------------------------------------------

  Einem weitverbreiteten Vorurteil
  zufolge, sind Müßiggänger*innen
  (ociosos) potenzielle Kriminelle, die
  ein sehr geringes Ansehen in der
  Gesellschaft haben. Die totalitäre
  Religion der Arbeit ist ein
  vorherrschendes Element in der
  bürgerlichen Gesellschaft von heute. Wie ich den Begriff hier begreife,
  ist Freizeit (ocio) nicht gleichbedeutend mit Faulheit oder Mangel an
Beschäftigung. Ich begreife ihn aber auch nicht als die Zeit nach der
Arbeit, wo die Mittelklasse Stunden damit verbringt, vor dem Fernseher
abzuhängen, im Internet zu tratschen, Fastfood zu konsumieren, zu
Shoppen oder im Einkaufszentrum spazieren zu gehen.

Der Begriff der Freizeit (ocio) leitet sich vom Lateinischen Otium ab,
was eine noble Betätigung der Individuen ist, wo diese sich dem
Studium, der Geisteswissenschaften, den Künsten oder dem öffentlichen
Dienst widmen – mit dem Ziel, das Gute, die Wahrheit, die Schönheit
oder den Ruhm zu suchen.

  Auf der anderen Seite steht die Freizeit (ocio) im Widerspruch
  zur bürgerlichen Aktivität des
  Nec-otium oder auf
  Spanisch „neg-ocio“ (dt.:
  Geschäft). Diese mecha-
  nisierte, monotone, ent-
  fremdende Aktivität der
  Maschinen-Individuen,
  bei der aus einem Gefühl
  der Pflicht und des
  Gehorsams Waren produ-
  ziert werden – mit dem
  Ziel, Geld und Konsum zu
erzeugen.

  Im Altertum dienten die Begriffe otium und nec-otium zur
  Unterscheidung zwischen freien Menschen und Sklav*innen. Der
  deutsche Philosoph Nietzsche sagte: „Wer von seinem Tag nicht zwei
  Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle:
Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.“

  Es ist kurios, dass der Begriff der
  Arbeit (trabajo) vom lateinischen
  tripalium kommt, einem im Altertum
  genutzten Folterinstrument. Auf der
  anderen Seite stammt das Wort
  Schule (escuela) vom griechischen skolé oder Latein schole, was Freizeit
  (ocio) bedeutet.

  Es sei allerdings bemerkt, dass ich nicht die Arbeit als schaffende und
  erfüllende Tätigkeit, die zur Befriedigung der physischen und
  psychischen Bedürfnisse des Menschen und der Gesellschaft
erforderlich ist, herabwürdigen möchte. Meine Kritik richtet sich an die
  Glorifizierung der bürgerlichen Arbeit, die die Menschheit versklavt
  und verdummt. Die Bürger*innen haben nie Zeit und sind stets in Eile.
  Zeit haben sie nur für die Geschäfte und den Profit. Das ist, ehrlich
  gesagt, der schlimmste
  Tauschhandel, den man
  sich vorstellen kann:
  Das eigene Leben gegen
  das Geld. Die eigene
Seele gegen den Konsum.

  Wie der exzentrische
  irische Schriftsteller
  Oscar Wilde es ein Mal
  ausdrückte: „Wir leben
  in der Epoche der Über-
  Arbeiter und der
  Unter-Gebildeten; in
  der Epoche, in der sich
  die Menschen derart
  der Arbeit widmen,
  dass sie völlig ver-
  blöden.“

Das Otium ist die Grundlage der Kultur. Das Otium ist die Nahrung
schaffender Künstler*innen. Jener Menschen, die den Schaffensakt an
sich genießen. Jener Menschen, die zu ihren Lebzeiten von der
Gesellschaft geringgeschätzt, aber nach ihrem Tod aufgrund ihrer
Leistungen gewürdigt werden. Unsere Kultur wäre eine andere, wenn
viele der Artist*innen, Philosoph*innen, Dichter*innen, Intellektuelle,
Schriftsteller*innen und Musiker*innen der Universalgeschichte ihr
Leben mit einer Arbeit von 9 bis 17 Uhr von Montag bis Samstag
vergeudet hätten, bei der Produktion von Waren und dem blinden
Gehorsam gegenüber den Wünschen eines kapitalistischen Chefs.

Der kreative Geist braucht Einsamkeit und freie Zeit. Er benötigt eine
private Sphäre, die Raum und Ruhe bietet, um nachdenken, schreiben
und ein kulturell und sozial bedeutsames Werk schaffen zu können.

"Ich war niemals weniger müßig, wie wenn ich Muße hatte, und
niemals weniger allein, wie wenn ich allein gewesen bin." Diese Worte
des berühmten römischen Feldherrn Scipio Africanus werden zitiert in
den Schriften des römischen Philosophen und Politikers Marcus Tullius
Cicero.

Die Freizeit (ocio) ist eine Haltung zum Leben. Eine Lebensweise, die
das Sein unterstützt, nicht das Haben.
!
Quelle des Artikels (Spanisch):
http://periodicoellibertario.blogspot.com.es/2015/07/la-
relacion-entre-el-ocio-y-la-cultura.html
Aktuelle Informationen zur Geschichte des Arbeitsbegriffs aus
libertärer Perspektive gibt es übrigens bei der Vortragsreise
unter dem Titel "Die Arbeitsgesellschaft ohne Arbeit" hier:
http://ohnearbeit.blogsport.de/


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