(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - "Kuchen" -- Dieser Text heißt im Original: "Cake". Erschienen in: Nappalos, Scott (2013)
a-infos-de at ainfos.ca
a-infos-de at ainfos.ca
Thu Aug 20 15:13:26 CEST 2015
Vor einiger Zeit entschied sich mein Boss, keine Partys mehr zu erlauben. Er sagte, das
wäre "zu viel Ablenkung" für die ArbeiterInnen. Da ich erst seit sechs Monaten hier
arbeite, habe ich eine solche Party bisher noch gar nicht miterlebt. ---- Auf dem Flur
hängen dekorative Rahmen, damit die Firma nicht wie ein Friedhof oder eine Anstalt
aussieht. Es sind handgemachte Collagen, Nahaufnahmen aller MitarbeiterInnen, die auf
früheren "Ende-des-Jahres-Partys" waren. Leute bleiben oft vor ihnen stehen, um sie
anzuschauen und um über Ex-MitarbeiterInnen zu tratschen.Da ich ein Neuling bin, nehmen
sie sich immer Zeit, um mir die Bilder zu erklären, wenn sie mich davor stehen sehen. Sie
erklären mir, wie die KollegInnen heißen, wen sie besonders mögen und wen die ganze
erweiterte Familie umfasst, die zu solchen Partys mitgekommen ist. Dann erzählen sie mir,
wie betrunken sie an welchem Event waren, und darauf folgt immer eine witzige Anekdote.
Sie scheinen diese Zusammenkünfte sehr zu vermissen. Angesichts der lächelnden Gesichter
auf den Bildern kann ich erkennen, dass sich etwas verändert hat, seit der neue Chef den
Laden übernommen hat. "Wir waren glücklich", höre ich oft, "ich meine, wir hassten uns oft
gegenseitig, aber letztlich war es eine Art Hass-Liebe.
Wir hatten Spaß. Jetzt interessiert sich niemand für irgendwas, alles hat sich verändert."
Das erzählte mir Maria in der Mittagspause vor ein paar Tagen, als Santiago, Javier und
seine Frau am anderen Tisch saßen. Die generelle Haltung dem Management gegenüber ist
offensichtlich feindselig. Ich höre Spott, direkte Beschimpfungen und permanentes Lästern,
auf Spanisch natürlich - außer, wenn Leute vom Management anwesend sind, dann gibt es nur
lächelnde Gesichter. Heute war der Geburtstag von Javier. Niemand wusste davon so richtig,
und niemand hatte ihm irgendetwas mitgebracht. Als seine Frau seinen Geburtstag erwähnte,
sagten wir peinlich berührt etwas wie: "Oh, ähh....Herzlichen...Glückwunsch!"Ich schlug
vor, zu feiern. Maria sagte, dass sie das früher gemacht hätten. Jemand hätte Kuchen
gekauft, und alle hätten eine kleine Pause genommen, um "Happy Birthday" zu singen. Aber
auch das wäre nicht mehr erlaubt. "Wie bitte? Das ist lächerlich! Wir sollten ihm (dem
Chef) sagen, dass wir einen Kuchen für Javi anschneiden wollen", sagte ich.
"Pff", spottete Santiago, während er seinen Kopf schüttelte, "er lässt uns ja nicht
mehr."Ich ließ den Zynismus einfach an mir abprallen und mischte mich wieder ein: "Buen
provecho [guten Appetit], ihr alle!", ging zurück in mein Büro und dachte: "Warum weiß
niemand, dass Javi heute Geburtstag hat?"Ich arbeite an einem Arbeitsplatz, wo viele
Menschen miteinander verwandt sind. Wir sind ungefähr drei Generationen hier, deshalb
arbeiten viele mit ihrer Schwester, ihrem Cousin, der Mutter oder dem Vater zusammen, und
das über viele Jahre. Ich gehöre zu der kleinen Minderheit von Menschen, die hier
arbeitet, ohne mit jemand anderem verwandt zu sein. Ich erwähne das, weil Javi ein
Mitglied der größten Familie hier ist. Trotzdem schien niemand zu wissen, dass er
Geburtstag hat.Ich ging schnell zurück in den Pausenraum und fragte, ob es irgendeinen Weg
gäbe, an eine Liste mit den Geburtstagen zu kommen. Javi, der sonst für die
Gehaltsabrechnung und Personalakten zuständig ist, schüttelte seinen Kopf. Nein, es sah so
aus, als wenn er nicht helfen wollte."Ok...", sagte ich."Du könntest rumgehen und alle
fragen, ha ha ha", lachte Maria laut."Ha... Ok." Ich ging zurück in mein Büro."Alle
fragen?", dachte ich. "Ich kenne gar nicht alle.
Ich kenne nur ein paar Leute näher, der Rest kennt mich so gut wie gar nicht. Wie sollte
ich erklären, dass ich die Leute nach ihrem Geburtstag frage? Sie werden alle denken, dass
ich herumschnüffle. Die draufgängerische Grafikerin aus der letzten Ecke, die immer
herumschnüffelt." Vielleicht sollte ich bis morgen warten. Ich könnte nach Hause gehen und
meine FreundInnen fragen, ob das eine gute Idee wäre, und mir ein paar Tipps holen. Meine
Aktion könnte zu überstürzt sein, da mich die Leute bisher nicht kennen. Vielleicht ist es
merkwürdig."Ach, was soll's", sagte ich mir. Javiers Geburtstag ist heute, ich habe jetzt
einen guten Grund, morgen hat niemand Geburtstag. Ich nahm einen benutzten Zettel und
beschrieb die Rückseite mit zwei Spalten: Name und Geburtstag.Maria war wieder an ihrem
Schreibtisch. Ich zeigte ihr den Zettel, und sie wusste sofort, worum es geht. Sie lachte
und schrieb ihre Daten auf. Die Liste zeigte ich ein paar anderen Leuten und erklärte,
dass Javi heute Geburtstag habe, und dass niemand das gewusst oder ihm etwas geschenkt
habe. Wir sollten wenigstens gegenseitig unsere Geburtstage wissen. Ein Bogen, der Daten
von ihnen verlangt, machte die Leute misstrauisch. Ich persönlich fühlte mich sehr
unsicher in dem, was ich tat."Aber wofür ist das?", fragten sie mich."Ähh... ich weiß
nicht genau, vielleicht bringen wir das nächste Mal ein paar Kekse mit. Niemand hat
irgendwas für Javi mitgebracht, weil wir nichts davon wussten."
"Ja, das ist wirklich nicht richtig.... Weißt du, früher feierten wir Geburtstage und
brachten auch Kuchen mit...""Ich weiß, ich weiß. Nächstes Mal werden wir was machen, auch
wenn es nur etwas Kleines sein sollte", antwortete ich.Nachdem sich ein paar Leute
eingetragen hatten, sagte ich ihnen, dass sie die Liste weitergeben sollten. Ich dachte,
das geht bestimmt in letzter Sekunde in die Hose. Ich holte mir Wasser, damit ich nicht
die ganze Zeit dabei stehen würde, um zu sehen, ob Leute die Liste unterzeichnen. Ich ging
ins Badezimmer, rief anschließend meine E-Mails ab und kam dann zurück.Fast alle hatten
unterschrieben, und noch besser: Sie waren von ihren Plätzen aufgestanden, unterhielten
sich aufgeregt über frühere Geburtstagsfeiern und darüber, wann ihre Geburtstage waren,
über witzige Geschichten und ihre Sternzeichen. Es war ein lebhafter Anblick. Ich brachte
den Zettel zurück in das Büro, wo Javi und seine Frau arbeiteten, und als ich das Blatt
Javis Frau gab, neigte sie sich mir entgegen und sprach mit leiser Stimme: "Sabes qué,
weißt du was? Ich werde zum Chef gehen, um zu fragen, ob wir einen Kuchen für Javier haben
können."Ich lehnte mich vor und sagte "Ja, super, wann?""Jetzt gleich.""Jetzt gleich? Du
hast ihm einen Kuchen besorgt?""Nein, ich besorge einen.""Was? Woher? Jetzt gleich?" Ich
fragte sie ein paar Mal.
Ich dachte: "Wird sie wirklich ihre Arbeit unterbrechen, sich in ihr Auto setzen und hier
wegfahren?""Ja, jetzt gleich. Ich fahre zum Laden und komme dann wieder.""Ok? Ok... Ja,
klar, ja, sag mir, was er dazu sagt."Sie füllte den Zettel aus, und ich ging zurück in
mein Büro, noch verwundert darüber, was gerade passiert war.Ungefähr eine Stunde später
kam die Vertriebsleiterin, Javis Nichte, in mein Büro und sagte mir, dass ich in den
Pausenraum kommen solle, weil wir einen Kuchen für Javi anschneiden würden. "Ok? Ok. Ok
ja, ich bin sofort da. "Ich ging in Richtung Pausenraum, und die Menschen zwängten sich in
das winzige Zimmer, leise lächelnd, mit aufgeregten Händen in ihren Hosentaschen. Auf dem
Kuchen stand sogar sein Name.Javi kam als letzter, und ein Feliz Cumpleaños [Alles Gute
zum Geburtstag] wurde angestimmt. Der Kuchen sah aufwendig und lecker aus. Hinterher
lachten wir alle, redeten und machten Scherze im Pausenraum. Auf dem Weg zurück zu meinem
Schreibtisch hängte ich die Liste an die Stempeluhr. Maria begleitete mich und sagte: "Das
war toll... Ich bin froh, dass wir das gemacht haben. Auch wenn es niemand zugeben mag,
alle mögen es, mal jemand Besonderes zu sein."Ich lachte leicht und sagte: "Du bist so
kitschig." Ich griff lachend nach ihrem Arm. "Aber das ist wahr... So viel ist sicher."
DAS MITGENOMMENE
Die letzten sechs Monate waren eine entspannte Reise des Lernens über die Gegebenheiten
vor Ort. Ich knüpfte neue Beziehungen mit KollegInnen, was mir schwerfällt, da ich
isoliert im Hinterzimmer arbeite. Aber dieses Lernen war von unschätzbarem Wert für mein
Organizing. Die wenigen Male, als wir über die Arbeit geredet hatten, lernte ich viel über
die verschiedenen Missstände in unserem Job, wie die extrem ungleiche Bezahlung, fehlende
Leistungen/Renten, unklare Verträge, Lohnraub und so weiter. Jedes Mal, wenn ich fragte,
wie wir diese Missstände zum Positiven verändern könnten, bekam ich dieselbe zynische
Antwort: "Dieser Arbeitsplatz wird sich nie verändern, du kannst nichts machen." Ich kann
gar nicht genug unterstreichen, wie sehr Leute an diesen Begründungen festhängen.
Ich frage mich von Zeit zu Zeit: "Wie bekomme ich Menschen dazu, sich zu wehren, wenn sie
so hoffnungslos, desillusioniert und klein gehalten werden? Was wäre ein Thema, für das es
sich zu kämpfen lohnen würde? Was passiert, wenn wir kämpfen, um Vorteile zu bekommen? Was
ist, wenn Menschen ihre noch ausstehenden Löhne ausgezahlt bekommen?" Ich bringe diese
Themen ab und zu ein, wenn ich denke, dass es passt, aber der Zynismus ist so hartnäckig,
dass er erdrückend wird. Das immer und immer wieder zu hören, führt dazu, dass ich
manchmal glaube, die Dinge vielleicht wirklich nicht ändern zu können.Aber dann kam die
Sache mit dem Kuchen, und die führte dazu, dass ich die Dinge ein bisschen anders
sehe.Obwohl es kein großer Kampf war, war er ein Beispiel einer Aktion an einem Ort, an
dem lange Zeit nichts besonderes passiert war. Wenn ich das genauer betrachte, musste ich
mich nur leicht ins Handgemenge begeben und ein bisschen Smalltalk über Sachen führen, die
nichts mit der Arbeit direkt zu tun haben, um Menschen zu erreichen, mit denen ich sonst
keinen Kontakt habe. Wir erreichten eine Unterbrechung der Arbeit für mindestens eine
halbe Stunde, und Menschen können sich daran erinnern, wie es war.
Sie haben sich daran gewöhnt, und jetzt feiern wir einfach, weil es alle wollen.Das
brachte mich dazu, kreativer zu denken, wenn ich mich an meinem Arbeitsplatz organisiere.
Ich stellte fest, dass Widerstand nicht notwendigerweise in typische Schablonen passen
muss, wie Kämpfe um höhere Löhne oder um Krankenversicherung. Widerstand kann auch von
Dingen ausgelöst werden, die unsere politische Linie als OrganizerInnen nicht vorgibt.
Vielleicht erscheinen diese Kämpfe im Moment zu winzig oder unbedeutend, aber an Orten, an
denen Menschen ihre grundlegenden Beziehungen verloren haben, klingen große Kämpfe
unangemessen oder unmöglich. Ich habe das Gefühl, dass ich zu sehr nach Chancen Ausschau
hielt, nach Kämpfen, von denen ich gehört und vorher gelesen hatte, so dass ich die
grundlegenden Beschwerden, die mir mitgeteilt wurden, übersah.Als ich mit den anderen im
Pausenraum saß und sah, wie alle miteinander redeten und lachten, war das ein Beweis
dafür, dass soziale Bindungen das Rückgrat von Arbeitsplatz-Gemeinschaften sind. Ohne
diese intensiven Beziehungen ist Widerstand nicht möglich. Diese gemeinschaftlichen
Veranstaltungen produzieren Erfahrungen, die die Arbeit annehmbar machen. Das sind die
Momente, auf die sich Menschen freuen, auch wenn die Aktion keine große Sache war. Sie
sind ein Zeichen dafür, dass Menschen sich bereit fühlen, gemeinsam gegen die Aussage des
Chefs vozugehen, dass ArbeiterInnen "zu sehr abgelenkt" würden. Und es zeigt immerhin,
dass ihnen die Beziehungen untereinander wichtiger sind als das Kommando der ChefInnen.
Monika Kostas
Autorin:
Monika Kostas lebt und arbeitet in Miami, Florida. Sie ist Mitglied der IWW und arbeitet
ebenso daran, dass neue Projekte in Miami entstehen, die sich darauf konzentrieren,
Geschichten von ArbeiterInnen zu verbreiten und soziale Beziehungen in ihrer Community
herzustellen. Normalerweise erstellt sie Grafiken und Illustrationen für die Ortsgruppe
der IWW in Miami und andere Organisationen der radikalen Linken.
Aus dem Englischen übersetzt von Mark Richter/IWW Frankfurt am Main und Levke Asyr, IWW
Leipzig.
POST AG VERSUCHT STREIKS ZU UNTERLAUFEN
Während sich in den letzten Wochen mehr als 32.000 Beschäftigte der Deutschen Post AG im
Ausstand befanden, zeigte das Unternehmen eine ungeahnte Kreativität bei dem Versuch, die
Streiks zu unterlaufen. So versucht die Post nicht nur, Beamte, StudentInnen und sogar
"Freiwillige" als Streikbrecher einzusetzen - in Frankfurt soll die Post nach Auskunft von
Ver.di Taxis nutzen, um die liegengebliebenen Pakete und Briefe zuzustellen, auch lasse
sie VerwaltungsmitarbeiterInnen in leeren Paketautos durch die Straßen fahren, um eine
Zustellung vorzutäuschen. In einigen Orten würden Pakete bei Privatpersonen abgegeben, die
diese dann für 50 Cent pro Zustellung ausgeben sollen. Vor dem Arbeitsgericht Bonn stellte
Ver.di erneut einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen den Einsatz von Beamten auf
bestreikten Arbeitsplätzen. Das Land Niedersachsen hat unterdessen die Paketzustellung an
Sonntagen für unrechtmäßig erklärt und die Gewerbeaufsichtsämter angewiesen, diese zu
unterbinden.
AMAZON: KLAGE GEGEN BEFRISTUNG GESCHEITERT - STREIKS GEHEN WEITER
Die Klage vierer ehemaliger Amazon-Mitarbeiter - darunter zwei ehemalige Betriebsräte -
auf Weiterbeschäftigung vor dem Arbeitsgericht Brandenburg wurde abgewiesen. Die vier
waren zusammen mit ca. 900 weiteren KollegInnen am Standort Brieselang nach bis zu 1,5
Jahren befristeter Beschäftigung entlassen worden, obwohl im gleichen Zeitraum
Neueinstellungen stattfanden.An anderen Standorten gehen die Streiks derweil weiter.
Zuletzt legten die Beschäftigten in NRW, Hessen, Bayern und Sachsen die Arbeit nieder.
Sprecher von Amazon glaubten zuvor eine abnehmende Streikbereitschaft feststellen zu können.
https://www.direkteaktion.org/230/201ekuchen201c
More information about the A-infos-de
mailing list