(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Ein anderer Tarifvertrag ist möglich

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Mon Aug 17 13:34:17 CEST 2015


Allgemeines Syndikat Berlin schließt Haustarifvertrag ab. Ein Interview mit der Basis. 
---- Vielleicht könnt ihr erst mal was zu dem Betrieb sagen. Was ist das für ein Betrieb, 
was macht ihr? Wie sieht die Organisationsdichte aus und welche Gewerkschaften sind 
vertreten? ---- Betriebsgruppe: Strengthshop.de ist ein Onlineversand, der sich auf den 
Verkauf von Kraftsportartikeln spezialisiert hat. In den Bereichen Warenlager, Versand und 
Büro arbeiten wir weitestgehend selbstbestimmt. Es gibt zwar einen Chef, der alle Abläufe 
überwacht und letztendlich die Entscheidungsgewalt hat, aber wir strukturieren unseren 
Arbeitsalltag selbstständig. Die einzige bei Strengthshop.de vertretene Gewerkschaft ist 
die FAU Berlin, bei der alle MitarbeiterInnen Mitglieder sind.

Euer Tarifvertrag hat einige Alleinstellungsmerkmale, die ihn zu etwas besonderem machen.

BG: Ein Alleinstellungsmerkmal unseres Tarifvertrags ist das große Mitspracherecht (inkl. 
Vetorecht bei Neueinstellungen) der MitarbeiterInnen und der (erhöhte) Einheitslohn. 
Ebenfalls besonders ist das jährlich steigende Gehalt, das an die Inflation angepasst 
wird. Auch die Urlaubstage steigen bis Ende des Vertrags pro Jahr um einen Tag an. 
Erfreulicherweise konnte auch ein Urlaubsgeld sowie ein Weihnachtsgeld von jeweils 30% 
eines monatlichen Nettogehalts ausgehandelt werden.Jana (Tarifkommission - TK): Sehr 
wichtig war uns die Festschreibung der Betriebsgruppe, mit dem Recht auf Einflussnahme und 
Information, ohne die Nachteile eines Betriebsrates. Das ermöglicht eine aktive Gestaltung 
des Arbeitsplatzes durch die Arbeitenden. Gleichzeitig gibt es keine institutionelle 
Hierarchie über die Geschäftsführung hinaus. Um informellen Hierarchien vorzubeugen und 
Einflussnahme zu ermöglichen, wird die Betriebsgruppe von der FAU begleitet, erstattet 
Bericht und wird sich weiterbilden. Dafür hat die FAUB ein Betriebsgruppenkonzept 
erarbeitet. Letztlich steht und fällt aber alles mit der Aktivität der Betriebsgruppe.

Tarifverhandlungen gehen mit Arbeitskampfmaßnahmen einher. Musstet ihr kämpfen?

Markus (TK): Wenn man sich auf eine Tarifauseinandersetzung einlässt, ist es eine 
Selbstverständlichkeit, dass die Gewerkschaft sich darauf vorbereitet. Das haben wir 
natürlich getan, indem wir im Vorfeld eine dezidierte Eskalationsstrategie ausgearbeitet 
haben. Kämpfen mussten wir aber eigentlich nicht. Die Verhandlungen kamen öfter ins 
Stocken, aber dann mussten wir nur drohen, dass wir auch anders können. Unser Gegenüber 
wusste, dass die FAU kämpfen kann. Dieses Wissen hat immer gereicht, die Verhandlungen 
wieder in Fahrt zu bringen. Unser Gegenüber ging natürlich zu einem Fachanwalt, um den 
Tarifvertrag prüfen zu lassen. Der Anwalt fragte, mit welcher Gewerkschaft er verhandelt. 
Als unser Verhandlungspartner die FAU genannt hat, riet ihm der Anwalt davon ab, mit uns 
zu verhandeln, da die FAU nur an Kämpfen interessiert wäre. Nach dem Hinweis über den 
Organisierungsgrad im Betrieb sagte der Anwalt nur noch: Dann müssen Sie wohl.

In einer traditionellen Sichtweise lehnt der Syndikalismus Tarifverträge ab. Was entgegnet 
ihr KritikerInnen, die diese Sichtweise vertreten?

Markus (TK): Das sie recht haben, natürlich haben Tarifverträge ihre Tücken. Wir schließen 
einen Vertrag mit dem Klassengegner und das wollen wir eigentlich nicht. Aber wir befinden 
uns in einer Situation, in der wir eben nicht mehrere Millionen GenossInnen organisiert 
haben und wir daher pragmatische Wege gehen müssen um im Hier und Jetzt etwas für uns und 
unsere KollegInnen zu erreichen und um den KollegInnen, die außerhalb unserer Gewerkschaft 
stehen zu zeigen, dass wir sehr wohl etwas erreichen können, selbstorganisiert und 
basisbezogen. Die Verträge müssen halt einen Mehrwert für uns haben - z.B. die Stellung, 
die sich die Betriebsgruppe gegenüber der Geschäftsleitung erstritten hat. Übrigens haben 
wir eine Generalstreikklausel aufgenommen, die das Streikrecht der GenossInnen im Falle 
eines entsprechenden Aufrufs seitens der FAU oder anderer Gewerkschaften ausdrücklich 
garantiert und die sogenannte betriebliche Friedenspflicht aussetzt.

Ihr seid ein zu Hundert Prozent in einer Gewerkschaft organisierter Betrieb. Was würde 
passieren, wenn Mitglieder einer DGB-Gewerkschaft in den Betrieb eintreten würden? Denen 
würde ja nun das Tarifeinheitsgesetz auf die Füße fallen!

Jana (TK): Die Betriebsgruppe müsste sich überlegen, wie sie damit umgeht, die einzige 
verhandlungsberechtigte Gewerkschaft im Betrieb zu sein. Vorstellbar wäre ein 
solidarisches Miteinander mit den anderen ArbeiterInnen, sie in der Betriebsgruppe 
willkommen zu heißen, aber deutlich zu machen, dass weder Verdi noch eine andere 
Gewerkschaft verhandlungsberechtigt ist. BG: Es wäre begrüßenswert, wenn alle zukünftigen 
MitarbeiterInnen von Strengthshop.de auch der FAU beitreten, das ist aber keine Bedingung, 
damit ein Beschäftigungsverhältnis zustande kommt. Wir freuen uns, neuen MitarbeiterInnen 
die FAU und ihre Ziele vorzustellen.

Interview: Erik Dickmann

https://www.direkteaktion.org/230/ein-anderer-tarifvertrag-ist-moeglich


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