(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Radikale Globetrotter -- Jenseits nationaler Grenzen: Anarchistische Netzwerke in der Karibik um 1900

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Aug 16 17:00:52 CEST 2015


1910 war die "anarchistischste" Stadt der Welt nicht etwa Barcelona, sondern Buenos Aires, 
dicht gefolgt von Havanna. In vielen karibischen und lateinamerikanischen Regionen 
erlangten große syndikalistische Gewerkschaften eine ähnliche Bedeutung wie ihre 
europäische Schwester, die CNT. Verleihen wir dem globalen Süden in der Geschichte der 
anarchistischen Bewegung ein anderes Gewicht, ist Spanien keine Ausnahme mehr, so der 
Politikwissenschaftler Carl Levy. Momentan werden zahlreiche blinde Flecken auf der 
geographischen Landkarte des Anarchismus erschlossen und unerwartete Verbindungen 
aufgedeckt. Denn in Lateinamerika und der Karibik, aber auch in Südostasien und Teilen 
Afrikas, hatten Anarchismus und Syndikalismus um 1900 eine Massenbasis, ganz im Gegenteil 
zur Sozialistischen Internationale, die sich einen solchen Status in den kolonisierten und 
ehemals kolonisierten Gebieten erst noch erarbeiten musste. Lucien van der Walt und 
Michael Schmidt haben mit ihrem Konzept der broad anarchist tradition auf diese 
Breitenwirkung des Anarchismus aufmerksam gemacht. Bis heute wird die Geschichte der 
Arbeiterbewegung, ihrer Ideen, Praxis und Organisationsformen aus einer eurozentrischen 
Perspektive erzählt. Im Mittelpunkt stehen meist weiße, männliche Handwerker und 
Industriearbeiter, nur selten werden die Grenzen des Nationalstaats hinterfragt. Doch die 
AkteurInnen waren weitaus internationalistischer und mobiler als oftmals angenommen.

Grenzüberschreitend solidarisch: Enrique Flores Magón mit seiner Familie und mexikanischen 
IWW-Mitgliedern 1923 in Ciudad Júarez.

Einige biographische Beispiele aus der Karibik: Der kolumbianische Anarchist und 
Herausgeber der Zeitschrift Ravachol, Juan Francisco Moncaleano, wurde 1911 des Landes 
verwiesen. Aus Sicht der Behörden hatte es Moncaleano, der hauptberuflich Lehrer war, mit 
seinen provokanten regierungskritischen und antiklerikalen Artikeln zu weit getrieben. 
Gemeinsam mit seiner Frau Blanca schiffte er sich nach Kuba ein, in Havanna kamen sie bei 
GenossInnen unter. Beide unterrichteten dort in konventionellen Schulen, verließen die 
Insel allerdings ein Jahr später wieder - angezogen von der Mexikanischen Revolution. In 
Yucatán halfen sie, eine Moderne Schule nach dem Vorbild Francisco Ferrers aufzubauen, 
dann verschlug es Moncaleano nach Mexiko-Stadt, wo er an der Gründung der ersten 
syndikalistischen Gewerkschaft Mexikos beteiligt war, der Casa del Obrero Mundial. In den 
USA traf sich das Paar 1913 wieder und unterstützte den Aufbau einer weiteren Schule in 
Los Angeles, die in einem neuen Gewerkschaftshaus der Casa untergebracht war.

Fast zur gleichen Zeit unternahm die aus Puerto Rico stammende Anarchistin und Feministin 
Luisa Capetillo Propagandareisen nach Kuba und in die Dominikanische Republik, wo sie auf 
öffentlichen Versammlungen die ArbeiterInnen aufrief, sich in Gewerkschaften zu 
organisieren. In Puerto Rico hatte die alleinerziehende Mutter selbst Erfahrungen beim 
Streik der TextilarbeiterInnen gesammelt. Später lebte sie in Tampa (Florida) und New 
York. Der katalanische Anarchist Pedro Esteve hingegen war schon Anfang der 1890er Jahre 
in die Vereinigten Staaten gekommen. Zuvor hatte er im Nordosten Italiens an der 
Herausgabe anarchistischer Zeitungen mitgewirkt, nun lebte er in Tampa und Patterson (New 
Jersey). Esteves war für die italienischsprachigen Seiten der anarchistischen Zeitschrift 
Regeneración verantwortlich, die von den Brüdern Flores Magón erst in Mexiko und dann in 
den USA herausgegeben wurde.

PROLETARISCHE KOSMOPOLITINNEN

Die Moncaleanos, Luisa Capetillo, Pedro Esteve sowie Ricardo und Enrique Flores Magón sind 
die etwas prominenteren Gesichter eines mobilen Proletariats, das seit dem Ende des 19. 
Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre hinein die Karibik und ihre kontinentalen Anrainer in 
Süd-, Mittel- und Nordamerika aus Sicht der Regierenden unsicher machte. In dieser Zeit 
überquerten hunderttausende Menschen den Atlantik und immer wieder zahlreiche 
Staatsgrenzen auf der Suche nach Arbeit oder einem besseren Leben, auf der Flucht vor 
Repression, getrieben von revolutionärer Abenteuerlust oder mit der Absicht, Plantagen und 
Baustellen gewerkschaftlich zu organisieren. Das Propagandamaterial hatten sie im Gepäck. 
Durch ihre persönlichen Kontakte und die Verbreitung ihrer Zeitschriften knüpften sie 
Netzwerke jenseits des Nationalstaats.

Der technische Fortschritt - Dampfschiffe, Eisenbahnen, Telegraphenkabel - trug dazu bei, 
dass Ozeane und nationale wie koloniale Grenzen einfacher denn je passiert werden konnten. 
Druckerzeugnisse waren leichter herzustellen und konnten massenhaft verbreitet werden. 
Zwischen 1898 und 1924 erschienen in Kuba, Puerto Rico und Panama allein 42 anarchistische 
Zeitungen. Den größten Verbreitungsgrad hatten die in Havanna herausgegebene Wochenzeitung 
¡Tierra! und die bereits erwähnte Regeneración. Beide Zeitungen dienten in Regionen, in 
denen es keine eigene Presse gab, als Überbringerinnen neuer Ideen und versorgten die 
dortigen GenossInnen mit Informationen aus der Bewegung, die wiederum eigene Artikel über 
die Lage vor Ort einschickten.Verbreitet wurden Zeitungen und Propagandamaterial von den 
Grenzüberschreitern schlechthin: Matrosen und Eisenbahnern, unter ihnen viele Wobblies. So 
entwickelten sich Hafenstädte wie Veracruz und Tampa zu wichtigen Drehscheiben in den 
Netzwerken, an denen sich besonders viele radikale GlobetrotterInnen trafen. Das tropische 
Netzwerk verband nicht nur die ArbeiterInnen der Großen und Kleinen Antillen miteinander, 
es reichte bis auf den Kontinent. So waren urbane Zentren wie Mexiko-Stadt, Key West und 
New York wichtige Knotenpunkte. Aber die ProtagonistInnen druckten nicht nur Zeitungen: 
Sie organisierten sich in Gewerkschaften, führten öffentliche Versammlungen, Kundgebungen 
und Demonstrationen durch, streikten in den Tabakfabriken, auf den Docks sowie den 
Zuckerrohr- und Bananenplantagen, organisierten Rundreisen und Konferenzen, eröffneten 
Schulen und feierten den 1. Mai. Unter der Berücksichtigung regionaler Besonderheiten und 
Unterschiede entwickelten sie die anarchistische Idee weiter und teilten ihre Erfahrungen 
mit den GenossInnen weltweit.

In den ersten Jahren der Revolution wurde Mexiko ein besonderes Experimentierfeld für 
Radikale aus allen Teilen der Karibik und der Welt. Als die anarchistische Partido Liberal 
Mexicano um die Magón-Brüder 1911 in Niederkalifornien ein Kommune-Projekt initiierten, 
waren viele der KämpferInnen, die das kollektive Land schützten, IWW-Mitglieder oder kamen 
aus Europa.Seit ein paar Jahren sind diese transnationalen Netzwerke verstärkt ins 
Interesse einiger HistorikerInnen gerückt, die sich auf die Geschichte Lateinamerikas und 
der Karibik spezialisiert haben. Insbesondere die sogenannte transnationale und 
postkoloniale Wende in den Geistes- und Sozialwissenschaften haben dazu beigetragen. 
Anarchistischen und syndikalistischen Bewegungen im globalen Süden werden zunehmend mehr 
Studien und Publikationen gewidmet. In einem noch ausstehenden Band wollen van der Walt 
und Schmidt die Weltgeschichte des Anarchismus und Syndikalismus aufarbeiten - ohne eine 
Hälfte des Erdballs auszusparen. Dem Historiker Kirwin Shaffer ist es zu verdanken, dass 
die Karibik längst kein unbekanntes Terrain mehr ist.

SCHMELZTIEGEL KARIBIK

Seit der Eroberung und Kolonisierung durch die Spanier und die späteren Vorstöße der 
französischen, britischen und holländischen Kolonialmächte war die Karibik ein 
Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Sprachen. Die Region wurde durch den 
transatlantischen Sklavenhandel und ausgedehnte Zuckerrohrplantagen bestimmt. Zu Beginn 
des 19. Jahrhunderts leitete die Sklavenrevolution der "Black Jacobins" (C.L.R. James) von 
Saint Domingue die Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika ein. 90 Jahre später verlor 
Spanien nach dreijährigem Unabhängigkeitskrieg mit Kuba seine letzte Kolonie in Amerika. 
Am Krieg beteiligten sich auch viele kubanische AnarchistInnen, die den Kampf weniger als 
nationale Befreiung, sondern als anti-kolonialen Kampf für Freiheit sahen (vgl. van der 
Walt in DA 209). Außerdem wurde die Karibik stark durch die Einwanderung spanischer und 
italienischer ArbeiterInnen und die zunehmende hegemoniale Ausdehnung der USA geprägt.

Im Zuge der zweiten industriellen Revolution und der Dollar Diplomacy der USA gewannen 
große transnationale Unternehmen an Einfluss. Ganze Gebiete wurden durch Konzerne wie die 
United Fruit Company erschlossen, die zum Beispiel in Costa Rica Eisenbahnstrecken und 
Häfen zum Bananen-Transport bauen ließ. Der Ausbreitung des Kapitals folgten die 
ArbeiterInnen. Zwar waren die Unternehmen auf ihre Arbeitskraft angewiesen, doch 
fürchteten sie gleichzeitig nichts mehr, als AgitatorInnen auf den Plantagen und in den 
Fabriken. Ab 1903 wurde die Panamakanal-Zone zu einem weiteren wichtigen Knotenpunkt im 
karibischen Netzwerk. Der Bau des Kanals, den die USA durch die Unabhängigkeit Panamas von 
Kolumbien forciert hatte, zog Arbeiter aus der gesamten Karibik und darüber hinaus an. 
Prompt verboten die US-amerikanische und die panamaische Regierung Anarchisten die 
Einreise in die Kanalzone und später ins ganze Land - dennoch schlüpften zahlreiche von 
ihnen durch die Kontrollen. Sie fanden sich mit miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen 
konfrontiert und mussten feststellen, dass Gewerkschaften in dem jungen Land nicht 
existierten. Von der American Federation of Labor erhielten sie nur wenig Unterstützung, 
außerdem nahm sie nur weiße, ausgebildete Arbeiter auf.

So begannen die Anarchisten bis zur Fertigstellung des Kanals 1914 ihre eigene Kampagne: 
Sie agitierten ihre Kollegen - auch mit Hilfe der kubanischen ¡Tierra! - führten 
zahlreiche Streiks durch, schlossen sich in einer Föderation zusammen und warnten mithilfe 
der Zeitungen die Genossen in Spanien vor den schlechten Arbeitsbedingungen - sie sollten 
sich keine Illusionen machen und zu Hause bleiben.Um die Militanten loszuwerden, ersetzte 
die Kanalverwaltung sie durch billigere Arbeiter von den British West Indies. Ähnliche 
Maßnahmen wandte man auch auf den Zuckerrohrplantagen Kubas an. Manchmal ging diese 
Strategie auf. Die Armut auf den West Indies war groß, die ArbeiterInnen akzeptierten 
geringere Löhne und stießen bei ihren KollegInnen oft auf rassistische Vorurteile. Auch 
den AnarchistInnen gelang es nicht immer, diese zu überwinden und sich gemeinsam zu 
organisieren. Nachdem der Kanal fertiggestellt war, zogen die meisten Arbeiter weiter, 
viele importierten ihre Organisationserfahrungen an ihre neuen Arbeitsplätze. Diejenigen, 
die in Panama blieben, machten zehn Jahre später mit einem Mietenstreik auf sich 
aufmerksam, den die Regierung mithilfe der USA brutal niederschlug.Am Ende der 20er Jahre 
hatte die anarchistische Bewegung in der Karibik ihren Höhepunkt überschritten.

Einerseits sahen sich die AkteurInnen mit großen Repressionswellen konfrontiert. Die Red 
Scare griff nicht nur in den Vereinigten Staaten um sich, sie breitete sich auch in der 
Karibik aus, wo nach wie vor zahlreiche autoritäre Regimes durch die USA unterstützt 
wurden oder die Marines stationiert waren. AnarchistInnen wurden fast überall als 
vermeintlich kriminelle AusländerInnen ausgewiesen oder deportiert. Andererseits hatte die 
Russische Revolution und der Sieg der Sowjets eine große Anziehungskraft entwickelt. Die 
anarchistischen Organisationen konkurrierten zunehmend mit kommunistischen Parteien, die 
ganz andere Strategien vertraten. Inwiefern auch organisatorische Schwächen zum Niedergang 
der Netzwerke beitrugen, ist bislang wenig beleuchtet.Sicher hingegen ist, dass die 
"Tropical Libertarians" (Shaffer) unsere heutige Sicht auf den Anarchismus 
revolutionieren. Denn entgegen geläufiger Erwartungen, waren sie zumindest zeitweise 
ungewöhnlich gut organisiert und global vernetzt - proletarische KosmopolitInnen im 
wahrsten Sinne des Wortes.

Silke Bremer

Eine Auswahl der wissenschaftlichen Literatur zum Thema:

Carr, Barry: "Across Seas and Borders": Charting the Webs of Radical Internationalism in 
the Circum-Caribbean.?In: Luis Roniger u.a. (Hg.): Exile and the Politics of Exclusion in 
the Americas. Brighton u.a. 2012.? S. 217-240.

Hirsch, Steven & Lucien van der Walt (Hg.): Anarchism and Syndicalism in the Colonial and 
Postcolonial World, 1870-1940. The Praxis of National Liberation, Internationalism and 
Social Revolution. Leiden/Boston 2010.

?Levy, Carl: Social Histories of Anarchism. ?In: Journal for the Study of Radicalism, Bd. 
4 (Nr. 2) 2010. S. 1-44.

Rosenthal, Anton: Radical Border Crossers. The Industrial Workers of the World and their 
Press in Latin America. ?In: EIAL, Bd. 22 (Nr. 2) 2011.?S. 39-70.

Shaffer, Kirwin R.: Contesting Internationalists. Transnational Anarchism, 
Anti-Imperialism and US Expansion in the Caribbean, 1890s-1920s. ?In: EIAL, Bd. 22 (Nr. 2) 
2011.?S. 11-38.

Van der Walt, Lucien & Michael Schmidt: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im 
Anarchismus und Syndikalismus. Hamburg 2013.

https://www.direkteaktion.org/230/radikale-globetrotter


More information about the A-infos-de mailing list