(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Industrie 4.0 -- Vernetzte Maschinen, vereinzelte Menschen
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Fri Aug 7 07:40:48 CEST 2015
Wenn es um die Frage geht, wie technologischer Fortschritt unser Leben in Zukunft
verändern wird, besteht an großen Visionen wahrlich kein Mangel. In den letzten Jahren hat
vor allem eine große Vision Wellen geschlagen, die nichts weniger sein soll als die
nächste Industrielle Revolution: "Industrie 4.0". Zur Erinnerung: Die erste Industrielle
Revolution resultierte aus der Produktivitätssteigerung, die durch die gesteigerte Nutzung
der Dampf- und Wasserkraft ermöglicht wurde, zuerst in Großbritannien, wo
Baumwollspinnerei und Bergbau die Motoren der Industrialisierung bildeten, später auf dem
Kontinent, wo der Ausbau der Eisenbahnnetze zur Triebfeder wurde. Ein zweiter
Industrialisierungsschub setzt in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts ein, mit der
verstärkten Nutzung der Elektrizität als Antriebsenergie und der Verwissenschaftlichung
der Produktion, sowohl im Bezug auf Fertigungstechnik, neue Produkte wie auch auf die
Betriebsorganisation (Taylorismus, Fordismus).
Die dritte Industrielle Revolution - vielleicht besser als Digitale Revolution bezeichnet
- resultierte aus der rasanten Entwicklung der Informationstechnologien. Ihre markantesten
Merkmale dürften wohl die weitreichende Verbreitung des Computers als Arbeits-,
Kommunikations- und Unterhaltungsgerät sein, die Betriebsorganisation auf EDV-Basis und
selbstregulierende Maschinen, die komplexe Arbeitsabläufe selbstständig erledigen können.
Was aber bringt die vermeintliche vierte Industrielle Revolution an Neuerungen?
DIE EUPHORIE IST VERFLOGEN
Wollte man die Idee hinter der von der Bundesregierung 2013 ausgegebenen Losung "Industrie
4.0" in einem Satz beschreiben, dann wohl so: Flexibilisierung der Produktion auf der
Basis neuester Informationstechnologien. Konkret bedeutet dies: Die starren, oft nur bei
hohen Stückzahlen rentablen Fertigungsketten sollen zerfallen in kleine, wie Bausteine
kombinierbare Einheiten, die alle über ein Netzwerk miteinander verbunden sind. In diesem
"Internet der Dinge" tauschen sie beständig Daten über ihre Zustände, ihre aktuellen
Aufgaben, vorhandene Kapazitäten, anstehende Aufträge usw. aus; so lassen sich die
Produktionsabläufe flexibel steuern, Engpässe und Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen
und Überkapazitäten auf andere Aufgaben umleiten. Richtig eingesetzt soll diese voll
vernetzte, "intelligente" Fabrik die Vorteile der Massenfertigung - geringe Stückkosten
und hohe Auslastung der Kapazitäten - mit denen der Kleinserienfertigung kombinieren:
Kosteneffektiv hergestellte, individualisierte Produkte hoher Qualität für die
anspruchsvollen Konsumenten der Zukunft.
Gedacht ist dies selbstverständlich vor allem aus drei Blickwinkeln: Dem wirtschaftlichen
der Kostenreduktion und Gewinnmaximierung, dem nationalen der Standortsicherung im
internationalen Konkurrenzkampf - vor allem gegenüber den Niedriglohnländern - und dem
technischen der Machbarkeit. Im Hinblick auf die ersten beiden Aspekte wird der Schritt
zur "Industrie 4.0" als unumgängliche Notwendigkeit verargumentiert, die Begeisterung für
die technischen Möglichkeiten liefert dazu den Zuckerguss. Seltsam unterbelichtet bleibt
jedoch die Frage nach dem Menschen und seinen Arbeitsbedingungen in dieser neuen
Produktionsumgebung.Zunächst kann wohl davon ausgegangen werden, dass sich der Weg in die
"Industrie 4.0" wohl weniger als der behauptete Quantensprung vollziehen wird, sondern in
Trippelschritten. Obwohl jährlich Milliarden an Fördergeldern in die Entwicklung der
hierfür benötigten Hard- und Software, Modellanlagen und Initiativen gepumpt werden, sind
die Ergebnisse bescheiden, und die anfängliche Aufbruchsstimmung unter den
High-Tech-Konzernen hat sich in verhaltenen Optimismus verwandelt.
Einheitlichen Standards, die eine Vernetzung ganzer Wertschöpfungsketten zuließen, sind
die Gremien noch nicht näher gekommen. Die Entwicklung dürfte eher schleppend und, je nach
Branche und Unternehmen, sehr unterschiedlich verlaufen. Das größte Interesse an ihrem
Fortgang haben die großen Hersteller von Elektro-, Informations- und
Kommunikationstechnik, etwa Siemens, Bosch oder T-Systems, und Softwareschmieden wie SAP,
die nicht nur selbst eine Umstellung anstreben, sondern sich als Anbieter der
entsprechenden Technologien auch neue Absatzmöglichkeiten erhoffen. Hier ist die Umrüstung
zu "intelligenten" Fabriken in den kommenden Jahren am wahrscheinlichsten, wie auch in der
Automobilindustrie, die sich mit der Umstellung auf stärker individualisierte Kleinserien
ihre Marktmacht bewahren möchte. In kleineren und mittleren Betrieben, die in manchen
Branchen, etwa im Maschinen- und Anlagenbau, ohnehin auf Kleinserien oder sogar
Einzelfertigung setzen, dürfte die projektierte Revolution eher als Patchwork punktueller
Innovationen auftreten, schon allein der hohen Kosten wegen, die eine komplette Umstellung
der Produktionsabläufe mit sich bringt. Zu guter Letzt wären da noch die kleinen
Start-ups, Unternehmen mit nur wenigen Mitarbeitern, die einzelne Technologien, etwa
3D-Drucker, nutzen, um sich Marktnischen zu sichern.
FLEXIBILISIERUNG, VEREINZELUNG, PREKARISIERUNG
Doch auch wenn sich die Entwicklung verhaltener darstellt als das ganze Innovationsgetröte
glauben machen will, wird sie für die Arbeiter*innen in den Betrieben Konsequenzen haben:
Das Schlüsselwort dürfte hier "Flexibilisierung" sein, womit ein ohnehin schon lange
anhaltender Trend verstärkt werden wird: Weg vom "Normalarbeitsverhältnis" in seiner
klassischen Form (Unbefristet, Vollzeit, Einheit von Beschäftigung und Anstellung,
geregelte Entlohnung) hin zu "offeneren", teilweise prekären Formen der Beschäftigung. Das
heißt zunächst einmal reduzierte Stammbelegschaften aus hochqualifizierten Experten
(Ingenieuren, IT-Fachpersonal, Chemikern usw.), die die komplexe Architektur der
vernetzten Fabriken konstruieren und betreiben können. Darum herum eine Peripherie
zugekaufter Dienstleistungen und ausgegliederter Kompetenzen - Beratung, Kundenservice,
Wartung, Logistik, Entwicklung in kleinen und mittleren Unternehmen, die projektorientiert
arbeiten, aber auch Freelancer und Soloselbständige, die, wie schon lange zu beobachten,
miteinander bis in die Selbstausbeutung um Aufträge konkurrieren, oder als
Scheinselbstständige von der Gunst eines Auftraggebers vollkommen abhängig sind.
Die größte Bürde aber dürften die gering qualifizierten Arbeiter*innen zu tragen haben.
Sie werden teilweise durch die neue Produktionstechnik verdrängt und sich wohl zunehmend
in einem schrumpfenden Arbeitsmarktsegment wiederfinden, in dem die Chance auf eine
dauerhafte, existenzsichernde Beschäftigung noch weiter reduziert sein wird - die
Leiharbeitsbranche wird davon profitieren. Wenn die erklärte Zielsetzung einer
Innovationskampagne darin besteht, die Produktion zu flexibilisieren, so wird dies an den
Beschäftigungsverhältnissen nicht vorbeigehen. High-Tech-Unternehmen können auf die
Infrastruktur und das Ausbildungsniveau in den hochentwickelten westlichen Ländern nicht
verzichten, doch sie scheuen die vorgeblich zu hohen Lohnkosten und Ansprüche ihrer
Angestellten und Arbeiter*innen.
Vorgelagerte Produktionsschritte, die vielleicht arbeitsintensiv sind, aber kein
ausgeprägtes Know-How verlangen, werden wie bisher weiterhin jeweils dorthin verlegt, wo
die Lohnkosten möglichst niedrig sind, und daran wird auch "Industrie 4.0" nichts ändern.
Am ehesten noch werden diese Produktionsstandorte sich darauf einstellen müssen, mit
extrem variierender Auftragslage umgehen zu können. Die avisierte Flexibilisierung der
Produktion in den Hochlohnländern wird auf diese Weise, mitsamt eines Teils des
unternehmerischen Risikos, in der Wertschöpfungskette nach unten durchgereicht, was zur
Folge hat, das vor allem jene Zulieferbetriebe profitieren, die aufgrund der gesetzlichen
Rahmenbedingungen ihres Standortes nur wenig Rücksicht auf Arbeitnehmerrechte zu nehmen
brauchen.Zur steigenden Komplexität und Arbeitsbelastung tritt außerdem noch ein weiterer
Faktor hinzu: Wenn die Produktion als großes Netzwerk organisiert wird, nimmt dies Kunden
und Beschäftigte nicht aus.
Auch ihre Daten sind für die Steuerungsmechanismen der Industrie 4.0 relevant. Dies ist
nicht nur aus der Perspektive des Datenschutzes ein Albtraum, sondern erlaubt auch
detailliertes Mikromanagement in großem Stil, wie wir es etwa von Amazon bereits kennen.
Mit einer weiteren Zunahme arbeitsbedingter psychischer Erkrankungen kann wohl gerechnet
werden.Aus gewerkschaftlicher Sicht ist außerdem zu befürchten, dass der ohnehin seit
Jahrzehnten rückläufige Organisationsgrad weiter abnehmen wird. Sollten die oben gemachten
Einschätzungen zutreffen, so ist davon auszugehen, dass es für die Beschäftigten in
Zukunft noch schwerer werden wird, sich gewerkschaftlich zu organisieren und sich gegen
die Zumutungen der schönen neuen Arbeitswelt zur Wehr zu setzen. Es steht zu befürchten,
dass diese in drei Lager zerfallen: Gut ausgebildete und bezahlte Experten, um die die
Unternehmen konkurrieren, in dem sie ihnen die bestmöglichen Arbeitsbedingungen bieten,
und die es daher auch nicht für nötig erachten werden, sich einer Gewerkschaft
anzuschließen, und ein in sich zersplitterter Rest prekär und befristet Beschäftigter,
Solo- und Scheinselbstständiger und Leiharbeiter*innen, die untereinander in Konkurrenz
stehen, und die Masse der "Überflüssigen", die als Erwerbslose in Abhängigkeit von den
sozialen Sicherungsmechanismen gegen die Erwerbstätigen ausgespielt werden. Die Isolation,
Konkurrenz und Unsicherheit, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der großen Mehrheit
bestimmen, werden auch ihre gewerkschaftliche Organisation erschweren.
NEUE KAMPFFORMEN NOTWENDIG
Die "Industrie 4.0" steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber sie ist ein Trend, der von
großen Konzernen und Regierungen überall auf der Welt gewollt und nach Kräften gefördert
wird. Zukunftsprognosen sind stets auf Sand gebaut, und dass sie zutreffend sind ist eher
die Ausnahme als die Regel. Wie auch immer sich "Industrie 4.0" letztlich realisieren
wird, sie wird die Bedingungen, unter denen wir arbeiten und leben, verändern. Als
Gewerkschaft müssen wir diese Entwicklung beobachten und uns fragen, wie wir ihr begegnen
wollen. Wenn wir nicht nur Zuschauer sein wollen, so müssen wir Instrumente und
Kampfformen entwickeln, die auch unter sich verändernden Bedingungen die Solidarität der
Arbeiter*innen stärken und ihre Interessen durchsetzen können, im einzelnen Betrieb und
weltweit.
Christian Schmidt
https://www.direkteaktion.org/230/Industrie-4.0
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