(de) FAU-IAA: Direct Aktion #230 - Kleine geile Streiks -- Streiks scheinen auch in Deutschland zuzunehmen - eine neue deutsche Streikwelle?

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Wed Aug 5 11:58:28 CEST 2015


Demnächst erscheint das Buch "Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. 
Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken", herausgegeben von Peter Nowak. Darin 
werden Streiks außerhalb des klassischen Fabrik- und Gewerkschaftsumfelds dargestellt, vor 
allem in bislang als schwer organisierbar geltenden Sektoren. Auf Einladung der Region Süd 
der FAU wird der Herausgeber das Buch im September 2015 u.a. in Frankfurt, Freiburg, 
Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart vor. Die DA sprach mit Peter Nowak über "kleine geile 
Streiks". ---- Siehst du einen allgemeinen Trend zu Streiks in prekären und nicht gut 
organisierten Sektoren, oder bleiben dies lobenswerte Einzelfälle?

Oft sind diese Streiks Einzelfälle, aber sie deuten eine Tendenz an. Die Beschäftigten in 
den schwer zu organisierenden Branchen machen die Erfahrung, dass sie oft 
frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind und dass das Gerede über familiäre 
Arbeitsverhältnisse und flache Hierarchien diese Ausbeutungsverhältnisse nur mühsam 
ideologisch verschleiern. Sehr deutlich wird das am Arbeitskampf in einem Berliner 
Spätkauf, den ich im Buch vorstelle. Er ging für den Beschäftigten erfolgreich aus, er 
erstritt sich mit Hilfe der FAU eine Lohnnachzahlung. Dies war nur möglich, weil der 
Arbeitskampf auch als politische Auseinandersetzung öffentlich geführt wurde.Der Kollege 
arbeitete in der Woche bis zu 60 Stunden, hatte aber offiziell einen 20-Stunden-Job. Er 
war mit dem Chef per Du und erfüllte oft die Funktion eines Ladenleiters. Als der Chef 
eine Kamera einbaute, mit der er den Kollegen ständig an seinen Arbeitsplatz beobachten 
konnte, war das Maß voll.

Er forderte nicht nur den Abbau der Kamera, sondern auch eine Bezahlung nach den von ihm 
geleisteten Arbeitsstunden, Pausen, Urlaub etc. Sofort wurde der Ladenbesitzer, mit dem er 
per Du war, zum Kleinkapitalisten, der ihm zeigen wollte, wer Herr im Haus war. Er 
verhängte ein Hausverbot gegen den Kollegen und seine UnterstützerInnen und ging 
juristisch gegen Medien vor, die über den Arbeitskampf berichteten. Hier begann erst die 
Geschichte des Arbeitskampfes, der sicher ohne die Unterstützung der FAU und eines 
UnterstützerInnenkreises so nicht möglich gewesen wäre. So gelang es, innerhalb weniger 
Wochen mit Flyer- und Plakataktionen im Umfeld des Spätkaufs deutlich zu machen, dass 
Ausbeutung in der Nachbarschaft beginnt und bekämpft werden muss. Es gab mehrere 
Kundgebungen und zunehmend reagierten AnwohnerInnen offener.

An diesem Beispiel zeigt sich, dass es möglich ist, auch in Branchen, die schwer zu 
organisieren sind, einen erfolgreichen Arbeitskampf zu führen. Dazu gehört allerdings der 
erste Schritt, dass der Beschäftigte die sozialpartnerschaftliche Ideologie "Wir sind eine 
große Familie" überwinden muss. Es geht darum zu erkennen, dass es auch in diesen 
Arbeitsverhältnissen Interessengegensätze zwischen den KäuferInnen und VerkäuferInnen der 
Arbeitskraft gibt, die nicht durch Chefduzen überwunden werden können. Das ist der erste, 
aber wichtigste Schritt, um in diesen Branchen einen Arbeitskampf zu führen. Es gibt viele 
Beispiele, die erst einmal bekannt gemacht werden müssen. Dazu soll das Buch beitragen.

Viele kämpferische Streiks gingen von kleinen oder Spartengewerkschaften aus, oder von 
sich selbst organisierenden ArbeiterInnen. Gleichzeitig geht der gewerkschaftliche 
Organisationsgrad seit Jahren zurück. Was leisten kleine Gewerkschaften, was die 
klassischen Massenorganisationen nicht können?

Sie können Beschäftigte in Bereichen organisieren, die durch das Raster der 
DGB-Gewerkschaften fallen. In Branchen, wo es Betriebe mit einer Handvoll Beschäftigten 
gibt, werden die großen Gewerkschaften erst gar nicht aktiv. Natürlich gibt es da 
mittlerweile gerade im Bereich von ver.di auch Bewegung. So sind in Hamburg im 
ver.di-Fachbereich "besondere Dienstleistungen" mittlerweile auch SexarbeiterInnen 
organisiert. Generell aber gilt: Kleine Gewerkschaften sind viel näher an den KollegInnen 
dran und es gibt auch bessere Möglichkeiten der Basisbeteiligung, weil eben nicht ein 
großer Gewerkschaftsapparat vorhanden ist, der im Zweifel Basisaktivitäten lähmt. Rosa und 
Johanna von labournet.tv haben im Buch anschaulich beschrieben, wie sich die oft 
migrantischen LogistikarbeiterInnen in Norditalien mit Unterstützung der Basisgewerkschaft 
SI Cobas organisierten, erfolgreiche Arbeitskämpfe führten und auch ein 
UnterstützerInnenumfeld in der außerparlamentarischen Linken fanden. Dass sind Prozesse, 
die Mut und Inspiration geben. Es ist überhaupt ein Plädoyer, über den nationalen 
Tellerrand zu blicken. In vielen europäischen Ländern, aber auch in den USA gibt es 
interessante Organisierungsversuche von schwer organisierbaren Beschäftigten. Am Ende des 
Buches sind Zeitschriften und Internetprojekte aufgeführt, die darüber berichten.

Der Untertitel - "Arbeitskämpfe nach dem Ende der Fabriken" - verweist auf einen anderen 
Trend: In den Hochlohnländern nehmen die Betriebsgrößen ab, Arbeitsverhältnisse werden 
zunehmend ,flexibilisiert'. Wie können sich ArbeiterInnen unter diesen veränderten 
Bedingungen wirksam organisieren?

Zunächst mal ist die Flexibilisierung kein Naturgesetz, wie oft behauptet wird. Sie ist 
die Folge des Machtverlustes der Arbeiterbewegung in den letzten Jahrzehnten. Schließlich 
wurden alle Rechte von Lohnerhöhungen bis zur Begrenzung der Arbeitszeit etc. durch die 
Arbeiterbewegung erkämpft und waren kein Geschenk von Staat und Wirtschaft. Allerdings 
haben die sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften einen gewichtigen Anteil daran, dass 
diese Erkenntnis verloren ging. Es gibt natürlich kein Patentrezept, wie sich KollegInnen 
organisieren sollen. Wichtig ist, dass sie selber ihre Interessen aktiv wahrnehmen, sich 
untereinander austauschen, beratschlagen, Forderungen aufstellen und sie dann auch 
öffentlich durchsetzen. Das ist nicht so viel anders als in der alten Arbeiterbewegung. 
Denn damals wurde ebenfalls unter extrem prekären und flexiblen Arbeitsverhältnissen 
gearbeitet und auch dagegen gekämpft.

Im Care-Bereich sind Streiks oft besonders schwer zu vermitteln - die von der 
Arbeitsniederlegung Betroffenen sind oft von den erbrachten Dienstleistungen in hohem Maße 
abhängig. Siehst du den jüngsten KiTa-Streik in dieser Hinsicht als erfolgreiches Modell? 
Lässt sich dies auf z.B. den Pflegebereich mit seinen notorisch schlechten 
Arbeitsbedingungen übertragen?

Viele der neuen Arbeitskämpfe werden im Dienstleistungsbereich geführt, in denen vor allem 
Frauen oft zu niedrigeren Löhnen als Männer beschäftigt sind. Das gilt für den 
KiTa-Bereich ebenso wie im Gesundheitswesen. Auch im Einzelhandel waren es vor allem 
Frauen, die sich gegen ihre Arbeitsbedingungen organisierten. Die feministische 
Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker hat in ihrem jüngsten Buch "Carerevolution - 
Schritte in eine solidarische Gesellschaft" sehr gut dargelegt, dass ein wichtiger Teil 
der neuen Carerevolution-Bewegung auch gewerkschaftliche Kämpfe im Sorge-, Gesundheits- 
und Erziehungsbereich sind. Dankenswerterweise hat Alexandra Wischnewski für unser 
Streikbuch einen Beitrag geliefert, der sich mit den Problemen einer solidarischen 
Organisierung von Carearbeit befasst.

Ihr Aufsatz beginnt mit der Frage: "Wer übernimmt die Versorgung der Kinder und Alten, der 
Pflege- oder Assistenzbedürftigen, wenn die Beschäftigten streiken?" Damit spricht sie 
eine wichtige Frage der neuen Arbeitskämpfe an. Gerade Arbeitskämpfe im 
Dienstleistungssektor zeigen nur Wirkung, wenn diese Bereiche lahmgelegt werden. Was 
bedeutet es aber für berufstätige Frauen, wenn die KiTa geschlossen ist? Die Organisierung 
solidarischer Netzwerke ist auch eine Aufgabe der Gewerkschaften. Wenn während eines 
KiTa-Streiks gewerkschaftliche und feministische Zusammenhänge gemeinsam eine solidarische 
KiTa organisieren, wächst so auch die Bereitschaft von Eltern, sich mit dem Arbeitskampf 
der KiTa-Beschäftigten zu solidarisieren. Genauso sollten bei Arbeitskämpfen im 
Gesundheitssektor PatientInnen und ihre Angehörigen einbezogen werden. So wird aus einem 
Betriebskampf eine gesellschaftliche Auseinandersetzung. Heute ist gerade bei 
Arbeitskämpfen in Bereichen außerhalb der großen Fabriken eine gesellschaftliche 
Solidarisierung notwendig für einen Erfolg. Gleichzeitig wird dadurch, dass ein 
Arbeitskampf aus dem Betrieb in die Gesellschaft getragen wird, deutlich, dass es um mehr 
als eine Lohnerhöhung oder eine Arbeitszeitverkürzung geht. Es geht um die Infragestellung 
eines kapitalistischen Systems, dass die Verwertung und Ausbeutung der Arbeitskraft zur 
Grundlage hat.

Interview: Robert Schmidt

Peter Nowak (Hg.)

Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen 
Fabriken.

edition assemblage, Münster

ISBN 978-3-942885-78-2

ca. 96 Seiten

ca. 7,80 Euro

https://www.direkteaktion.org/230/kleine-geile-streiks


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