(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Diebe in Anzügen tragen Filzstiefel

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Thu Apr 16 14:10:51 CEST 2015


In Berlin kämpfen rumänische Bauarbeiter mit der FAU für die Auszahlung ihrer Löhne. Die 
Bosse geben sich unschuldig und verschleiern ihre geschäftlichen und persönlichen 
Beziehungen ---- Auf Baustellen weht ein rauer Wind, soviel ist klar. Auf vielen deutschen 
Baustellen scheint aber, neben der harten körperlichen Arbeit, auch übelste Ausbeutung und 
menschenunwürdige Behandlung insbesondere migrantischer ArbeiterInnen aus dem EU-Ausland 
gängige Praxis zu sein. Neu ist nun, dass sich geprellte Arbeiter zur Wehr setzen. 
Unlängst fanden polnische Kollegen Unterstützung bei der FAU Freiburg (Direkte Aktion 
berichtete in Nr. 226), derweil kämpfen rumänische Arbeiter in Berlin - seit November 2014 
dort in der FAU organisiert - für ausstehende Löhne von rund 60.000 Euro.

Gearbeitet hatten sie, teils seit Juli, bis Mitte Oktober 2014 im Herzen der Hauptstadt: 
bei der Errichtung der "Mall of Berlin", die im Herbst 2014 trotz Mängeln beim Brandschutz 
feierlich eröffnet wurde. Für den Bau dieses Shopping- und Wohnkomplexes am Potsdamer 
Platz haben hunderte Arbeiter aus Rumänien - so berichten die Genossen - für kaum sechs 
Euro Stundenlohn zehn Stunden am Tag geschuftet. Bereits in dieser Zeit war es zu 
Unregelmäßigkeiten sowie zu Protesten und Arbeitsniederlegungen gekommen. Schließlich 
wechselten sie - in der Hoffnung auf Besserung - von einem Subunternehmen zum nächsten. Am 
Ende zahlten beide Subunternehmen nicht einmal die rechtswidrig niedrigen Löhne 
vollständig aus: "Uns wurde nicht nur der Lohn vorenthalten", erklärt ein Genosse, "wir 
haben auch mehrfach Willkür und Drohungen (auch von Gewalt) erfahren. Uns wurden 
schriftliche Arbeitsverträge vorenthalten und es wurden gar keine oder völlig 
unzureichende und überteuerte Unterkünfte gestellt." Ein anderer sagt: "Ich hatte zwei 
Ziele, als wir mit den Protesten begonnen haben: Erstens wollte ich um unsere Würde 
kämpfen, zweitens um das Geld." Dann hält er feierlich inne: "Ersteres haben wir schon 
geschafft."

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Fast 400 Demonstrierende am Nikolaustag 2014 gegen die üble Ausbeutung
Bevor sie der FAU Berlin beitraten, waren die Kollegen bereits beim öffentlich 
finanzierten Beratungsbüro für entsandte Beschäftigte in Berlin im DGB-Haus, wo man die 
wachsende Zahl von Beratungen für ArbeiterInnen aus Rumänien und Bulgarien ebenso 
bestätigt wie beim interkulturellen Verband Amaro Foro. Dieser Fall darf somit als 
symptomatisch gelten für die steigende Ausbeutung von ArbeiterInnen aus EU-Ländern, die 
für Niedrigstlöhne angeworben werden und dann nicht einmal vollständig bezahlt werden. 
Allerdings ersetzt die rechtliche Beratung und Geltendmachung von Ansprüchen nicht die 
gewerkschaftliche Aktion.

Dafür sorgte schnell und entschlossen die FAU Berlin und insbesondere die dortige Sektion 
für migrantische ArbeiterInnen, die Foreigners Section, sowie eine eigens gegründete 
Arbeitsgruppe. Mit täglichen Kundgebungen und einer lautstarken Demonstration machte die 
Basisgewerkschaft samt ihrer neuen Genossen in der Vorweihnachtszeit 2014 die "Mall of 
Shame" zum Symbol der Ausbeutung migrantischer ArbeiterInnen und, so schreibt die 
Märkische Allgemeine Ende Januar, "zum Gegenstand der Berichterstattung sämtlicher 
Berliner Medien". Tatkräftig unterstützt wurden sie dabei durch FAU-Mitglieder aus dem 
gesamten Bundesgebiet, die sich an der umgehend ausgerufenen Mail-Protest-Kampagne 
beteiligten.

"WIR HABEN NICHTS MIT DEN ARBEITERN ZU TUN."
Die Unternehmer (siehe Kasten) versuchen derweil, sich ihrer Verantwortung zu entziehen 
und distanzieren sich voneinander. Auftraggeber Harald Huth (HGHI) lässt sich mit den 
Worten zitieren: "Wir haben nichts mit den Arbeitern zu tun. Das ist Angelegenheit der 
FCL, die wir für alle erbrachten Leistungen vollständig bezahlt haben." Die ausführende 
FCL indes meldete Mitte Dezember Insolvenz an. Das allerdings hindert Ex-Geschäftsführer 
Andreas Fettchenhauer weder daran, mit rund einem halben Dutzend Firmen weiter im 
Baugewerbe tätig zu sein, noch an dem Versuch, der FAU Berlin per Einstweiliger Verfügung 
einen Maulkorb zu verpassen. Vertreter der Subunternehmen erklärten indes wahlweise "nie 
rumänische Arbeiter beschäftigt" (Metatec) oder aber "ebenfalls kein Geld bekommen" 
(Openmallmaster) zu haben - ersterem stehen u.a. sogenannte Verzichtserklärungen entgegen, 
die einzelne Kollegen für Abschlagszahlungen unterzeichnet haben. Letzteres bestreitet 
Fettchenhauer vehement. Und während Huth die Zusammenarbeit mit Fettchenhauer Mitte 
Dezember gekündigt haben will, arbeitet die "FCL Fettchenhauer Construction GmbH" derzeit 
in Berlin-Lichterfelde munter am Umbau des LIO-Einkaufszentrums - einem Projekt der 
Huth'schen HGHI.

Die FAU Berlin setzt die Proteste derweil auch 2015 fort und weitet sie aus, etwa mit 
Flyer-Aktionen in Lichterfelde oder mit einer Kundgebung bei Metatec. Zudem unterstützte 
die Basisgewerkschaft ihre Genossen dabei, nun auch vor dem Arbeitsgericht zunächst Klage 
gegen die Subunternehmen zu erheben und wehrt sich selbst gegen "die Einstweilige" und die 
damit verbundene Einschränkung der Gewerkschaftsfreiheit - es bleibt also spannend.

EIN MAFIÖSES NETZWERK
Spannend dürfte auch der Prozess gegen die frühere Berliner Beton-System-Schalungsbau 
(BSS) GmbH werden, die Ende 2011 (neben anderen Firmen) im Fokus von Ermittlungen der 
Zoll-Soko "Taurus" gestanden hat. Damals berichtete der Spiegel über ein "mafiöses 
Netzwerk" auf dem Bau - die dort beschriebenen Methoden scheinen dieselben zu sein, denen 
die Genossen der FAU Berlin unlängst zum Opfer fielen. Im März 2015 wird nun die 
Hauptverhandlung vor der 24. Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Frankfurt am Main 
stattfinden: Angeklagt ist - neben dem Subunternehmer Sotirios L. und sechs weiteren 
Personen - auch der ehemalige Geschäftsführer des Auftraggebers BSS, Peter K., der 
zusammen mit Fettchenhauer einer von drei BSS-Gesellschaftern war. Während letzterer heute 
beteuert: "Bei der BSS war ich persönlich zu keinem Zeitpunkt Geschäftsführer", wies ihn 
das Impressum der BBS-Website im Oktober 2011 nicht mehr nur als "Assistens" [sic!], 
sondern als "Mitglied der Geschäftsführung" aus. Pikant ist zudem: Das 2011 umgehend 
erfolgte Dementi zur Berichterstattung infolge der Zoll-Razzien - "bei der BSS [hat es] 
keine Verhaftungen von Führungskräften ... gegeben. Die Geschäftstätigkeit der BSS als 
solche steht nicht im Fokus der Ermittlungen" - übernahm mit der Kanzlei Lerch & Coll. 
eben jene Kanzlei, die 2015 eine Einstweilige Verfügung gegen die FAU Berlin erwirkte.

André Eisenstein



Aktuelle Informationen: berlin.fau.org/mallwww.facebook.com/mallofshame

Ein Kommentar zur Demonstration: lowerclassmag.com/2014/12/pay-you-fuckers

DIE UNTERNEHMER
Der Bau der "Mall of Berlin" soll nach Angaben des Rundfunk Berlin-Brandenburg etwa eine 
Milliarde Euro gekostet haben. In Auftrag gegeben wurde er von der HGHI Leipziger Platz 
GmbH, die Ausführung übernahm eine "Arbeitsgemeinschaft Leipziger Platz N° 12" unter 
Geschäftsführung der inzwischen insolventen Fettchenhauer Controlling und Logistic (FCL) 
GmbH. Direkt verantwortlich für den Lohnbetrug sind die Subunternehmen Metatec-Fundus GmbH 
& Co. KG aus Berlin-Kreuzberg sowie Openmallmaster GmbH aus Frankfurt am Main, jedoch 
liegt die Hauptverantwortung für die Zustände auf der Baustelle bei der 
"Arbeitsgemeinschaft" und letztlich beim Auftraggeber. Hintergründe in Direkte Aktion Nr. 
227. https://www.direkteaktion.org/227/investor-generalunternehmer-und-sub-subs

https://www.direkteaktion.org/228/diebe-in-anzugen-tragen-filzstiefel


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