(de) FdA-IFA - Gai Dào #51 - DIE STIMME DER FREIHEIT - LUIGI BERTONI (1872-1947) - Eine Buchrezension -- Von: Karl Neumayer

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Thu Apr 2 14:19:06 CEST 2015


Diese Biographie eines der interessantesten Schweizer Anarchisten erzählt auch die 
Geschichte des Anarchismus in der schweizerischen Arbeiter*innenbewegung. Die Schweiz war 
traditionell ein Ort, wo Revolutionär*innen in Ruhe untertauchen konnten. Zu Lebzeiten von 
Luigi Bertoni waren das so prominente Persönlichkeiten wie Pjotr Kropotkin, Errico 
Malatesta oder Wladimir "Lenin" Uljanoff und auf entsprechendem Niveau waren die Debatten 
und Polemiken der diversen Propaganda-Zeitungen der unterschiedlichen Fraktionen, deren 
Bedeutung und Rezeption weit über die Schweiz hinaus reichte. ---- Geboren in Mailand 
erlebte der kleine Luigi Bertoni im zarten Alter von neun Jahren auf den Schultern seines 
Schweizer Vaters die Ankunft des anti-österreichischen Freiheitskämpfers Giuseppe 
Garibaldi. Mit 14 zog er ins Schweizer Tessin und machte eine Lehre als Schriftsetzer. Mit 
18 hat er bereits selbst eine Waffe in der Hand, als bei einem Aufstand das Rathaus von 
Bellinzona gestürmt wurde.

Der Polizeichef stirbt und Luigi wartet die Repression gegen die liberalen Anstifter 
dieser Aktion gar nicht ab, sondern zieht nach Genf, wo er bald in Kontakt mit dem 
organisierten Anarchismus kommt. Nach der Spaltung der 1. Internationale gründeten im 
September 1872 die Uhrmacher des Jura zusammen mit belgischen, französischen, spanischen 
(u.a.) Föderationen in St. Imier die anti-autoritäre Internationale. Das war der 
Startschuss für eine umfassende Verbreitung anarchistischer Ideen in der Schweiz, zu der 
Bertoni später so viel beitragen sollte. In dieser unruhigen Zeit voller Streiks und 
Verhaftungen liest Bertoni Klassiker des Liberalismus und des utopischen Sozialismus. Ab 
1893 arbeitet er regelmäßig bei verschiedenen Zeitungsprojekten und später bei der 
Gewerkschaft der Schriftsetzer in Genf mit. Es war die Ära der Tyrannenmorde.

Luigi Lucheni richtete 1898 am Genfer See die im Volk verhasste Kaiserin Elisabeth 
Habsburg hin, kurz darauf erfreute Gaetano Bresci die fortschrittliche Weltöffentlichkeit 
mit dem gelungenen Königsmord in Italien. Doch die Reaktion von Polizei und Justiz ließ 
nicht lange auf sich warten. 1900 stand Bertoni zum ersten Mal wegen einer angeblichen 
Huldigung des Anschlags von Gaetano Bresci vor Gericht. Viele weitere Prozesse werden ihn 
sein Leben lang begleiten, bei seinem ersten wurde er erstaunlicherweise freigesprochen. 
Zwei Monate danach wird eine der langlebigsten und international wichtigsten 
anarchistischen Zeitungen gegründet: Das zweisprachige Blatt Le Réveil/Il Risveglio 
erschien während der kommenden Jahrzehnte alle zwei Wochen und wurde einige Jahre auch auf 
Deutsch unter dem Titel "Der Weckruf" publiziert. Bertoni sollte Zeit seines Lebens als 
Redakteur, Agitator und Theoretiker diesem Projekt treu bleiben. Entlang dieses 
Spannungsbogens erzählt das Buch von den anarchistischen Kämpfen anhand der zahllosen von 
Bertoni veröffentlichten Kommentaren, Reden und Debattenbeiträgen.

Vor dem ersten Weltkrieg war die broad anarchist tradition eines anti-autoritären 
Syndikalismus weltweit eine der dynamischsten Fraktionen der Arbeiter*innen-Bewegung, wie 
eine weitere wichtige Neuerscheinung des Jahres 2014 belegt hat (Schwarze Flamme - 
Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus von Lucien van der Walt und 
Michael Schmidt). In der Schweiz war diese Strömung entlang des sogenannten 
"Rösti-Grabens" organisiert. In der West-Schweiz stellte sie die grössten Gewerkschaften 
und die militantesten Demos und Streiks. In der deutsch-sprachigen Schweiz kamen die 
Anarchist*innen gegen die Sozialdemokratie nicht an. Von da her ist "Die Stimme der 
Freiheit" die ideale Ergänzung zu Fritz Brupbachers "Zürich während Krieg und 
Landesstreik" für ein umfassendes Porträt der Schweizer Arbeiter*innenbewegung. 
Brupbachers Broschüre wurde 2013 von der Libertären Aktion Winterthur neu aufgelegt und 
behandelt denselben Zeitraum aus der Perspektive eines mit der Sozialdemokratie hadernden 
und mit der Revolution sympathisierenden, deutsch-schweizer Arztes.

Spektakulärer und über den lokalen Kontext hinausweisender geht es jedoch in der 
französisch-sprachigen Schweiz zu. Bottinelli schafft es, die wichtigsten Debatten und 
Ereignisse mehrerer Jahrzehnte zusammenzufassen und mit originellen und unerwarteten 
Details zu verknüpfen, sodass man kaum merkt, dass es sich eigentlich um eine 
Lokalgeschichte der Städte Lausanne und Genf dreht. Ob des jungen Mussolinis Übersetzungen 
von Kropotkins Werk gelungen sind, welcher Pariser Anarchist aus der Schweiz ausgewiesen 
wurde, weil er 1912 einen Vortrag über die Bonnot-Bande hielt, und wie viele Arbeiter 
Bertoni mit einer Demo empfingen, als er einmal wegen Plakatieren vier Tage im Häfen saß: 
Solch spannende Schmankerln wechseln sich mit der Darstellung gerade heute wieder 
relevanter inhaltlicher Diskussionen ab.

Etwa der internationale Streit zwischen den antideutschen (den "Interventionisten" mit 
Kropotkin an der Spitze) und den antimilitaristischen Anarchist*innen vor dem 1. 
Weltkrieg, der mit Polemiken, Argumenten und namentlich unterzeichneten Manifesten 
ausgetragen wurde, und der angesichts des heutigen ökonomischen Kampfes Deutschlands um 
die europäische Vormachtstellung, der bereits zu (bürger-)kriegs-ähnlichen Szenarien an 
der europäischen Peripherie in Griechenland und der Ukraine führte, erschütternde 
Aktualität erhält. Auch die lebhaften Beschreibungen der Aktivitäten der Genfer 
Maurer-Gewerkschaften, vom Kampf um leistbaren und guten Wohnraum, bis hin zum Kampf gegen 
Streikbrecher und der Zerstörung von Bauwerken von Firmen, die Arbeiter unter dem 
Kollektivvertrag angestellt haben, könnten für Leser*innen inspirierend sein, die an den 
sozialpartnerschaftlichen Klassenfrieden hierzulande gewöhnt sind. Hauptamtliche 
Gewerkschaftsfunktionäre, so Bertonis Kritik an den großen Verbänden, führen ihre 
Organisationen immer in den Dienst der Kapitalherren. Der einzige Schutz vor der Tendenz 
zum Korporatismus wäre eine aktive Beteiligung von Anarchist*innen an den Gewerkschaften.

Das gepflegte Bild der Schweiz, der ältesten Demokratie der Welt, gerät von Seite zu Seite 
mehr ins Wanken. Eingeklemmt zwischen dem italienischen und dem deutschen Faschismus, 
unter den Folgen der Wirtschaftskrise der großen Depression leidend, wurde die 
Repressionsschraube von Jahr zu Jahr fester angezogen. In der dramatischen Blutnacht von 
Genf wurden am 9. November 1932 bei einer antifaschistischen Demonstration 13 camarades 
von Militärrekruten erschossen. Gewerkschaftliche Aktionen, Streiks und Demos wurden immer 
mehr erschwert bis es 1940 endgültig aus war mit den bürgerlichen Versammlungs-, 
Vereinigungs- und Meinungsfreiheiten und Le Réveil/Il Risveglio nicht mehr legal 
erscheinen konnte. Bertoni nimmt noch am Kampf gegen den Faschismus in Spanien vor allem 
durch Spendensammlungen teil, doch der zweite Weltkrieg stürzt die Bewegung auch in der 
Schweiz in die Resignation. Am Ende seines Lebens bleibt Luigi Bertoni zwar ungebrochen, 
beklagt aber die Isolation des Anarchismus und die Revolutionsmüdigkeit der jungen 
Generationen.

Gianpiero Bottinelli veröffentlichte dieses unbedingt lesenswerte Buch bereits 1997 auf 
italienisch. Erst 2012 erschien eine erweiterte französische Ausgabe beim Flaggschiff des 
Schweizer Verlagswesens im Bereich Anarchismus, nämlich bei Éditions Entremonde. Nun liegt 
endlich eine deutsche Version vor, verantwortlich zeichnet der junge A Propos-Verlag aus 
Bern, wo es 2014 erschien. Form und Inhalt dieser schönen Ausgabe stimmen harmonisch 
überein, von der unaufgeregten graphischen Gestaltung, der ansprechenden Typographie, dem 
Anti-Copyrights-Verweis, dem umfangreichen Namensregister und Quellenverzeichnis, bis hin 
zur stabilen, handwerklichen Umsetzung durch die Arbeiter*innen-selbstverwaltete Druckerei 
Basisdruck aus Bern. Selbst der Autorität des Inhaltsverzeichnis wird widersprochen, die 
Einleitung hat sich irgendwo in die Mitte geschummelt. Es ist die Summe dieser 
Eigenschaften und Details, die ein sympathisches Konzept und eine glaubwürdige 
Gesellschaftskritik dieses neuen Verlagsprojektes durchschimmern lassen und auf baldige 
weitere Erscheinungen neugierig macht. Die Leidenschaft für die Befreiung schafft es, aus 
der Handelsware Buch einen Vorschein der kommenden Welt zu machen.

Mehr Infos: Gianpiero Bottinelli: Die Stimme der Freiheit – Luigi Bertoni und
der Anarchismus in der schweizerischen ArbeiterInnen-Bewegung,
A Propos Verlag
Bern 2014, 238 S., 15 €
ISBN 978-3-905984-09-5,
www.aproposverlag.ch

Weblinks: www.aproposverlag.ch


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