(de) FdA-IFA - Gai Dao #45 - Falsche Gleichsetzung - Zu Rudolf Mühlands Kritik an Sebastian Kalichas Buch "Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung" Von: Hyman Roth

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Fri Sep 26 09:20:08 CEST 2014


Bei seinem Versuch in "Gai Dao" # 43, die atheistische Kritik am christlichen Anarchismus 
zu formulieren, leistet sich Rudolf Mühland einen Schnitzer, auf den Sebastian Kalicha in 
seiner Richtigstellung nicht eingeht. Was kein Zufall ist - denn dieser Schnitzer hat in 
der anarchistischen Theorie leider eine lange Tradition. Aber eins nach dem anderen. ---- 
Für Mühland sind Religion und Wissenschaft dasselbe: "Fluchtversuche" und zwar "von der 
eigenen Verantwortung" - vor wem auch immer. Mühland schreibt: "Scheinbar reichte und 
reicht es vielen Menschen nicht aus, dass sie selbst, aufgrund bzw. beeinflusst von durch 
ihre sozialen und kulturellen Verbindungen mit anderen Menschen bestimmte Sachverhalte 
(zum Beispiel die Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, den 
ökologischen Raubbau usw.) rundweg ablehnen. [...] Nur allzu oft suchen sich Menschen 
eine, äußere, abstrakte, schlussendlich irreale Autorität als Rechtfertigung. [...] Im 21. 
Jh (sic!) werden wir [...] uns mehrheitlich dazu durchdringen, unser Denken und Handeln 
nur durch uns selbst zu rechtfertigen."

Mühland sieht keinen Unterschied zwischen Wissen und Glauben.
Sich auf Wissenschaft zu berufen ist für ihn dasselbe wie der Glaube
an "Gesetze der Geschichte", die in der Arbeiterbewegung (und nicht
nur in der marxistischen) verbreitet waren. "Zwar wurde während der
Aufklärung ,GOTT' nur allzu oft einfach gegen beispielsweise ,die Ge-
schichte', ,den Fortschritt' oder ,die Wissenschaft , ausgetauscht, aber
während des 20 Jhs (sic!) fielen auch diese nach und nach."

"Ich selbst" ist für Mühland die Instanz schlechthin, die weder Reli-
gion noch Wissenschaft braucht. Dabei geht es nicht so sehr um die
eigene Denkleistung, sondern man sei durch "soziale und kulturelle
Verbindungen" determiniert. Dass "Sachverhalte" wie Ausbeutung
oder "soziale Verbindungen" wie Klassenzugehörigkeit selber erklärt
werden müssen, taucht in diesem Schema nicht auf. Wozu auch? Lei-
der begnügt sich der Anarchismus ziemlich oft damit, Staat, Kapita-
lismus, Krieg einfach "rundum abzulehnen", eine kohärente Erklä-
rung wird für überflüssig gehalten. Die Position "ich lehne etwas ab,
das reicht ja, schließlich bin ich das" ist so ziemlich das Gegenteil von
Kritik an der Sache, die man ablehnt, sondern das ist nur borniert.
Dem einen gefällt der Staat nicht, dem anderen Regenwetter nicht,
dem dritten gelten Ausländer*innen als Ursache allen Übels. Um zu
klären, was sich überhaupt ändern lässt, warum und wie es geän-
dert werden muss, sind Erkenntnisse über die vorgefundene Welt
notwendig. Nichts anderes liefert Wissenschaft (wenn und solange
sie tatsächlich eine objektive Erklärung anstrebt). Wissenschaft lie-
fert noch keine Veränderung, sie ersetzt nicht politische Praxis und
schon gar nicht lässt sich damit die Zukunft vorhersagen. Sie eröffnet
Möglichkeiten die Welt gezielt zu verändern, Praxis nicht als blinden
Aktionismus zu betreiben, mit Menschen in derselben sozialen Si-
tuation sich rationell über die Ursachen der gemeinsamen Probleme
zu verständigen. Leute von was auch immer zu überzeugen, z.B. von
Religionskritik, bedeutet eben auch nicht vor jede Aussage in Respekt
zu erstarren, nur weil diese Aussage jemand ganz "selbst" vertritt.
Eben weil man nicht autoritär darauf beharren will, dass "das so ist,
weil ich es so sage", ist es unumgänglich, sich auf Erkenntnis objekti-
ve Gegebenheiten einzulassen.


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