(de) FdA-IFA - Gai Dao #45 -Ja, wir sind Forscher -- Interview zum Buch "Ehern, tapfer, vergessen. Die unbekannte Internationale. AnarchistInnen & SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg." Von: Schwarze Katze

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Thu Sep 25 09:26:14 CEST 2014


Schwarze Katze: Ich spreche jetzt mit... ---- Martin Veith: Martin Veith. ---- Schwarze 
Katze: Du hast an einem Buch mitgewirkt, das heißt "Ehern, tapfer, vergessen. Die 
unbekannte Internationale. AnarchistInnen & SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg.", 
erschienen im Verlag Edition AV. Was steht da so drin? ---- Martin Veith: Das Buch ist ein 
Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Institut für Syndikalismusforschung, dem Verlag Edition 
AV und anarchistischen und anarchosyndikalistischen Historikern und anderen Forschern zum 
Widerstand von AnarchistInnen und SyndikalistInnen im I. Weltkrieg, eben nicht nur in 
Deutschland. Man muss dazu sagen, es gibt ein Buch, das den Widerstand von 
SyndikalistInnen in Deutschland gegen den I. Weltkrieg behandelt, das ist der Band 2 in 
derselben Reihe. Die Reihe heißt "Kapital braucht Kriege - Wir nicht: AnarchistInnen und 
SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg".

Band 2 ist geschrieben von Helge Döhring und heißt "Im
Herzen der Bestie: Syndikalismus in Deutschland 1914-1918" und be-
handelt hauptsächlich mit Schwerpunkt auf Berlin den Widerstand
in den Betrieben und den Widerstand von den revolutionären Obleu-
ten. Dieses Buch hier, der Band 3, behandelt verschiedenste Länder
auf der ganzen Welt und den Widerstand von AnarchistInnen und
SyndikalistInnen dagegen.

Schwarze Katze: Ein Thema von dem Buch ist der anarchis-
tische Widerstand in Rumänien, und darüber hast du im
Rahmen der Antimilitarismus-Kampagne der Anarchisti-
schen Föderation Rhein/Ruhr etwas erzählt.

Martin Veith: Genau, wir hatten hier gestern eine Veranstaltung,
wir sind eingeladen worden von den Genossinnen und Genossen der
AFRR und in der Veranstaltung gestern habe ich eben ein bisschen
was berichtet auch über die Entstehungsgeschichte des Buches, da
kann ich auch noch ganz kurz was zu sagen. Mein Schwerpunkt in
der Veranstaltung war die Situation in Rumänien, das ist ja sehr un-
bekannt, dass es in Rumänien eine anarchistische und anarchosyn-
dikalistische beziehungsweise syndikalistische Bewegung gab.

Schwarze Katze: Was gab es denn da für anarchistischen
Widerstand?

Martin Veith: Das war zum Einen auf agitatorischer Ebene. Es gab
Broschüren von Peter Kropotkin, die vertrieben worden sind bis in
die Kasernen rein, bis in die Sammelstellen und Truppentranspor-
te . Es gab aber hauptsächlich einen syndikalistischen Widerstand,
der natürlich auch von Anarchisten unterstützt worden ist. Es gab in
Hafenarbeiter-Städten wie Braila und Galati auch Streiks gegen den
Krieg, es gab Proteste gegen die Teuerung, die im Zuge
des Krieges vonstatten gegangen ist, Leute haben trotz
Verbot demonstriert, die wurden teilweise vom Mili-
tär blutig niedergeschlagen: Im Erdölgebiet von Prahova,
das ist nördlich von Ploiesti, das ist etwa 100 Kilometer west-
lich von Bukarest gelegen, die Berge hoch. Das war im-
mer das Petroleumgebiet, das war auch ein Kriegsziel der deutschen Po-
litik, des Kaisers, um das Erdöl in die Hand zu bekommen, da gab
es Streiks, Widerstand, Sabotage der Bohranlagen, es gab vielfältige
Aktionen.

Schwarze Katze: In dem Buch geht es auch noch um anar-
chistischen und syndikalistischen Widerstand im I. Welt-
krieg in anderen Ländern.

Martin Veith: Ja genau, das ist sehr interessant, weil das Schöne ist
dann, wenn man dann so ein Resümee ziehen kann, dann kann man
sehen, dass eigentlich in allen Ländern ziemlich ähnliche Situationen
geherrscht haben. Das fängt an mit Zensur, mit Verbot, mit Verfol-
gung, aber auch mit Widerstand auf ganz vielfältigen Ebenen, mit
Streiks. In dem Buch finden sich zum Beispiel Berichte über die Situ-
ation in Russland, über Österreich, über Ungarn und über England.

In England am Beispiel von Stockport, dann wie gesagt über Rumä-
nien, über Italien, das ist ein sehr interessanter Beitrag über Itali-
en. Es hat dazu geführt, dass die italienischen Anarchistinnen und
Anarchisten, die vorher weniger gemeinschaftlich organisiert waren,
sich dann am Ende doch in einer gemeinsamen Organisation zusam-
mengeschlossen haben. Es gibt einen Bericht über Spanien, insofern
interessant, da Spanien kein aktiver Teilnehmer am I. Weltkrieg war,
sondern die spanische Regierung nicht aktiv eingetreten ist in den
Krieg, es gibt einen sehr interessanten, informativen Beitrag über
Südamerika, und eben über Neuseeland. Das ist sehr spannend, also
auch in Neuseeland gab es Widerstand.

Schwarze Katze:.Was ist denn in Neuseeland passiert?

Martin Veith: In Neuseeland waren es interessanterweise die
Wobblies, die da sehr aktiv waren. Die haben angefangen zu Boy-
kotten aufzurufen, dass Leute nicht eingezogen werden
sollen zum Militär, es gab Widerstandsbewegungen gegen die Mobilmachung,
es gab dann auch die Repression des Staates, die dann dazu geführt hat, dass Leute 
interniert worden sind, ähnlich in anderen Ländern,
wie auch in England. Ein Beitrag behandelt zum Beispiel die
Internierung von Rudolf Rocker in London, wie es ihm da er-
gangen ist, und ein anderer Beitrag behandelt das Manifest der 16,
was eigentlich nur 15 waren, aber in der Historie falsch dargestellt
wird, wo sich AnarchistInnen um Peter Kropotkin für den Krieg aus-
gesprochen hatten, gegen das Deutsche Reich und gegen die Mittel-
mächte.

Schwarze Katze: Du arbeitest am Institut für Syndikalismusforschung mit.

Martin Veith: Ja, wir sind Forscher, durchaus keine Akademiker, auch
wenn es Akademiker bei uns gibt, aber wir machen das aus Interesse,
weil wir aus der Bewegung kommen und haben einen Schwerpunkt
in die Erforschung der emanzipatorischen Arbeiterbewegung gelegt
mit Schwerpunkt syndikalistischer und anarchosyndikalistischer
Arbeiterbewegung. Ein Schwerpunkt ist dabei natürlich die Situation
in Deutschland, das zu erforschen, das wiederzugeben. Ein anderer
Schwerpunkt ist Osteuropa, Ukraine und Rumänien. Wir publizieren
dazu einmal im Jahr ein Jahrbuch, das heißt "Syfo Forschung und
Bewegung", wo wir Forschungsergebnisse vorstellen und versuchen
es in einer leicht verständlichen Weise zugänglich zu machen. Dann
gibt es verschiedene Materialien, die wir in der "Edition Syfo" veröf-
fentlichen, wo bestimmten Themen ein bisschen detaillierter nachge-
gangen wird und wir veröffentlichen Bücher, machen Veranstaltun-
gen, helfen immer gerne jeder und jedem beim Forschen, wenn sie
selbst Interesse haben, in ihrer Stadt was herauszufinden, sind gerne
behilflich, können auch immer angesprochen werden.

Schwarze Katze: Dazu gibt es auch eine Website

Martin Veith: Ja, es gibt sogar zwei. Es gibt einmal die Website un-
ter http://syndikalismusforschung.info und es gibt den Blog http://
syndikalismusforschung.wordpress.com - wo auch aktuellere Sachen
zu finden sind. Also einige unserer Broschüren gibt es auch kostenlos
zum Download als PDF, da kann man gerne draufgucken und an-
sonsten wenn es Interesse gibt, kann man sich immer gerne mit uns
in Verbindung setzen und sehen, ob doch was dabei ist, was man ma-
chen kann.

Schwarze Katze: Wie fandest du die Antimilitarismus-Kam-
pagne?

Martin Veith: Fand ich sehr schön, ich fand vor allem das Motto
klasse, "Krieg dem Krieg! Für die soziale Revolution!" Finde ich ganz
wichtig, also wir verstehen uns auch im Institut für Syndikalismus-
forschung als Revolutionäre, wir wollen die Soziale Revolution, wir
machen das nicht einfach abgehoben im luftleeren Raum. Ich fand
das auch gut, dass es so offensiv thematisiert worden ist hier in Dort-
mund, ich hab das gesehen, also wo überall Flugblätter verteilt wor-
den sind, wo Plakate hängen, es hat sich auch ein bisschen in der
Stadt widergespiegelt, fand ich sehr gut, fand auch das Interesse an
dieser Kampagne recht gut. Unterm Strich würde ich sagen, sehr gut,
das so ins Bewusstsein gebracht zu haben, eben auch von einem an-
archistischen Standpunkt aus.

Schwarze Katze: Vielen Dank für das Gespräch!

Martin Veith: Ja, gerne. Bitteschön!
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