(de) FdA-IFA - Gai Dao #45 - Anarchismus, Hip-Hop und Neonazis in Griechenland Von: Anarchistisches Radio Berlin

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Thu Sep 25 09:03:23 CEST 2014


A-RADIO BERLIN: Wir sitzen hier in Berlin mit Social Waste aus Griechenland. Danke dass 
ihr euch die Zeit genommen habt, euch mit uns zu unterhalten. Social Waste gibt es schon 
seit den 90ern, also seid ihr schon seit Anfang der Hip-Hop Bewegung in Griechenland 
dabei. Könnt ihr uns erzählen, wie sich Hip-Hop als Subkultur entwickelt hat? ---- 
LEONIDAS: Wir sehen uns selbst eher als Teil der 2. Generation von Hip-Hop-Bands in 
Griechenland, denn die Hip-Hop-Kultur und Rap als Musik kamen in den späten 80ern, frühen 
90ern nach Griechenland, mit Leuten, die ursprünglich selbst Fans von amerikanischem 
Hip-Hop waren. Die Texte wurden nicht unbedingt verstanden, aber es wurde gemeinsam 
versucht zu übersetzen und zu verstehen, worum es geht. Sie waren dadurch inspiriert von 
der gesellschaftspolitischen Dimension der Musik und versuchten dann das Gleiche auf 
Griechisch zu machen.

Obwohl viele es erst auf Englisch versuchten, da
sie dachten, es sei zu lächerlich, auf
Griechisch zu rappen. Langsam ent-
standen dann Kollektive und durch
gemeinsame Arbeit entstand dann
auch griechischer Rap. Das war also
die erste Generation von Hip-Hop-
Bands in Griechenland, mit Gruppen
wie Active Member, FFC, TXC und
einigen anderen. Durch diese ersten
Bands lernten dann wir Hip-Hop kennen. Wir waren ursprünglich
also auch Fans und versuchten dann selbst auch so Musik zu machen.
Was uns hauptsächlich angezogen hat, waren die Texte und die Kraft
der Sprache im Hip-Hop. Einige von uns waren auch näher an den
Hip-Hop-Bands und konnten direkt von ihnen lernen. Aber wir Kin-
der aus der Peripherie - wir waren nicht in der Hauptstadt, lernten
aus der Entfernung. Es war also eine Art autodidaktischer Prozess.
Und seit 1999 machen wir also als Social Waste unsere eigene Musik,
unseren eigenen Rap. Um ehrlich zu sein, waren wir nur 2004 in der
Art aktiv. Danach, aus unterschiedlichen Gründen, wie Studium, Rei-
sen oder Sonstigem, waren wir inaktiv. Bis vor 2 Jahren, da haben wir
wieder angefangen und machen auch weiter.

A-RADIO BERLIN: Wie würdet ihr die Rolle des politischen
und unabhängigen Hip-Hop in der heutigen griechischen
Gesellschaft beschreiben?

YIANNIS: Ich denke, es gibt nicht so viele Hip-Hop-Gruppen in Grie-
chenland, die gesellschaftspolitische Texte schreiben. Vielleicht zwei
oder drei, uns mit inbegriffen. Die meisten machen Mainstream-Hip-
Hop, wie Battle-Hip-Hop. "Bin besser als Du" und so weiter. Dann
gibt es welche, die glauben, dass sie politische Texte schreiben, weil
sie irgendwelche Slogans verwenden.
Zum Beispiel "die Politiker sind korrupt"
oder "die Regierung ist korrupt" und sie
packen das in ihre Songs und glauben,
es wäre etwas Politisches. Aber für mich
müssen gesellschaftspolitische Texte den
Hörer*innen etwas vermitteln. Also daher
denke ich, dass in Griechenland die Situ-
ation so ist, dass wir die Krise haben und
so weiter, es aber wenig Hip-Hop-Gruppen
gibt, die mit ihrer Musik Support liefern,
mit politischen Texten.

A-RADIO BERLIN: Geht es euch also
darum, den Leuten eine Analyse von
dem, was gerade passiert, zu liefern?

YIANNIS: Ja, wir versuchen das. Und wir
machen das in Form von internationaler
Geschichte, sozusagen. Wir reden zum
Beispiel über das, was in Lateinamerika
passiert, und vergleichen es mit der grie-
chischen Situation, um die Leute zum
Nachdenken zu animieren.

A-RADIO BERLIN: Ihr nutzt auch
richtige Instrumente für die Produktion eurer Beats und
auf Konzerten spielt die Laute live. Was würdet ihr sagen,
sind eure musikalischen Einflüsse für eure Beats?

YIORGIS: Hip-Hop besteht aus dem Beat, dem Bass und dem Loop.
Diesen drei Sachen. Wir behalten den Beat bei und versuchen den
Bass zu spielen. Dann bleibt der Loop, der musikalische Ausdruck.
Zurzeit versuchen wir das selbst zu spielen. Denn es ist einfach, ein
Sample zu finden, aus einem Song, den du magst. Wir haben auch
eine Sound-Bibliothek mit Melodien, die wir mögen. Aber es ist nur
etwas, das deinen Text begleitet. Wenn du einen Text hast und du
willst ihn mit deinem eigenen Stil rüberbringen, musst du auch deine
eigene Musik machen. Wir versuchen also nicht Musik zu nehmen,
die es schon gibt, sondern selber welche zu machen. Wir versuchen
dabei ein paar Instrumente selbst zu spielen, wie Gitarren, Akkorde-
on, die kretazische Laute, Mandoline, Bass, Klarinetten. Wir experi-
mentieren mit der Musik. Wir haben unsere eigenen Persönlichkeiten
und suchen uns unseren eigene Weg. Dabei ist nicht von vorneherein
klar, wohin es gehen soll, musikalisch. Aber wir sind Hip-Hop und
bleiben Hip-Hop und im Hip-Hop kannst du jeden Sound benutzen,
jede Musik machen.

A-RADIO BERLIN: Arbeitet Ihr auch mit anderen
Musiker*innen zusammen? Gibt es Leute, die für euch Ins-
trumente einspielen?

YIORGIS: Ja, wir haben viele Freunde, die uns helfen, mit ihren Inst-
rumenten, mit ihrem musikalischen Wissen, ihren Meinungen.

LEONIDAS: Wir arbeiten nicht nur mit anderen Hip-Hop
Künstle*innen zusammen, sondern zum Beispiel auch mit traditio-
nellen Musiker*innen aus Kreta, die dann die Laute oder die Man-
doline spielen. Wir versuchen eine Kombination, sagen wir eine Dis-
kussion zu haben, mit unserer Musik und ihrer Musik.

A-RADIO BERLIN: Gibt es auch andere Gruppen, die so et-
was Ähnliches machen in Griechenland?

YIANNIS: Ja, eine sehr bekannte Gruppe namens Adipina. Sie nutzen
auch all diese Instrumente und Violinen und Dudelsack. Eines der
Bandmitglieder hilft uns viel.

LEONIDAS: Wir haben auch ein gemeinsames Projekt mit ihm. Aber
das ist gerade erst am Entstehen, daher können wir nicht viel dazu
sagen.

A-RADIO BERLIN: Wie schreibt Ihr eure Texte? Schreibt ihr
alle zusammen oder ist es eher einer von euch, der dann
auch Texte für die anderen schreibt? Oder ist das jedes Mal
anders?

LEONIDAS: Meistens ist es, sagen wir, ein eher einsamer Prozess,
das Schreiben. Meistens ist es einer von uns, der einen kompletten
Song schreibt, und dann arbeiten wir musikalisch zusammen daran
weiter. Wir kleiden den Text mit der Musik, die wir sinnvoll finden.
Manchmal, aber nicht oft, hat jemand auch einen halben Song und
jemand anderes weiß dann, was er dazu beisteuern möchte. Aber
meistens ist es einer von uns, der einen Song hat, und die Zusam-
menarbeit ist dann nur musikalisch.

A-RADIO BERLIN: Politik ist ja der hauptsächliche Inhalt,
dem ihr euch widmet. Was sind denn die sozialen Kämpfe,
in denen ihr in Griechenland involviert seid, so direkt?

LEONIDAS: Da wir gesellschaftspolitischen Hip-Hop machen, sind
wir als Individuen und als Gruppe in verschiedenen Kämpfen invol-
viert. Die meisten haben mit den neoliberalen Gesetzen zu tun, die
zurzeit in Griechenland implementiert werden. Aber wir sind auch
mit unserer politischen Identität als Gruppe, die sich als Teil der au-
tonom organisierten Bewegungen und selbstverwalteten Initiativen
versteht, beteiligt. Social Waste ist auch eine selbstverwaltete, nicht-
hierarchisch organisierte Band. Wir waren zum Beispiel aktiv in
der Wasser-Bewegung, also der Bewegung gegen die Privatisierung
der Wasserversorgung in Griechenland. Wir sind mehrmals aufge-
treten und haben Vorträge gehalten. Oft versuchen wir vor unseren
Auftritten inhaltliche Vorträge zu halten. Da einige von uns mit der
Zapatista-Bewegung zu tun haben, haben wir auch dazu schon Vor-
träge gehalten. Wir waren bei den Platzbesetzungen 2011 beteiligt.
Und natürlich in der Antifa. Wir haben jetzt auch ein Video veröf-
fentlicht, das wir in der besetzten Vio Me Fabrik in Thessaloniki ge-
dreht haben. Das findet Ihr auf unserer Website, auf Facebook oder
unserem Youtube Channel. Also wir sind in dem meisten aktuellen
Kämpfen in Griechenland beteiligt. Und das waren wir auch schon
immer. Zurzeit ist es besonders die Antifa, nach der Ermordung von
Pavlos Fyssas.

A-RADIO BERLIN: Vielleicht könnt ihr uns ein Update ge-
ben, was zurzeit in Griechenland los ist? Ihr habt die neoli-
berale Politik erwähnt, die jetzt mehr und mehr umgesetzt
wird, das Problem mit den Faschist*innen, die Armut und
Arbeitslosigkeit. Also manchmal ist es nicht so leicht, sich
hier ein klares Bild davon zu machen, was bei euch tatsäch-
lich los ist. Was sind die aktuellen Probleme in Griechen-
land?

LEONIDAS: Es gibt ganz viele Probleme. Was wir seit 2010 in Grie-
chenland erleben, gab es seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Es ist eine
Rezession, die es in diesem Ausmaß seit damals nicht mehr gab. Die
Arbeitslosenrate ist bei 30%, die Jugendarbeitslosigkeit bei 60%. Die
Selbstmordrate ist in den vergangenen vier Jahren um 40% gestiegen.
Das Durchschnittseinkommen ist um 30-40% gesunken. Weiterhin
haben wir den Aufstieg der Neonazi-Partei Golden Dawn. Das ist
eine weitere Herausforderung für die Linke, neben den ganzen so-
zioökonomischen Problemen. Auch gibt es die fortwährende Debatte,
ob sozialer Wandel von unten, durch Bewegungen, oder von oben,
durch das Ergreifen von Staatsmacht, erfolgen soll. All das geht vor
sich und wir versuchen auch Einfluss zu üben oder uns einzubringen
mit unseren Texten.

A-RADIO BERLIN: Du hast die Selbstverwaltung erwähnt
und die Bewegungen, die entweder Richtung Staatsmacht
oder Selbstverwaltung streben. Ist das so? Gibt es da zwei
klare Richtungen von mehr an Autonomie orientierten Be-
wegungen und mehr an der Ergreifung von Staatsmacht
orientierten Bewegungen? Könntest du das beschrieben?
Wie würdest du sagen, sind die Kräfteverhältnisse zwischen
diesen beiden Lagern?

LEONIDAS: Bis zum Ende der Platzbesetzungen im September 2011
oder eigentlich sogar bis zu den Wahlen 2012 gab es eine stärkere
Tendenz hin zur autonomen Organisation. Denn das politische Sys-
tem war diskreditiert. Ebenso die Partei als politisches Instrument,
welches nicht mehr respektiert wurde, da es als korrupt, hierarchisch
und unter der Kontrolle ökonomischer Eliten stehend gesehen wur-
de. Aber nachdem sich die Platzbesetzungen auflösten, spaltete sich
auch die Bewegung in viele kleinere Gruppierungen. Einige davon
sind nach wie vor an Autonomie und nicht-hierarchischer Organi-
sation orientiert. Aber in der Politik herrscht sonst mittlerweile der
Parlamentarismus vor, mit der linken Partei SYRIZA als dem haupt-
sächlichen Kanal. Weiterhin gibt es jene, die sich für einen Mittel-
weg aussprechen, etwas, das Duale Macht genannt wird. Also so-
wohl eine Regierung zu haben wie auch gleichzeitig die Bewegungen.
Aber meiner Meinung nach funktioniert das nicht und hat noch nie
funktioniert.

A-RADIO BERLIN: Wenn du möchtest, kannst du gerne dei-
ne Ansicht zu diesem Thema, Zivilgesellschaft und Staats-
macht...

LEONIDAS: Meiner Meinung nach ist die Regierung ein Instrument,
das die Autorität hat und die Staatsapparate kontrolliert. Sie setzt
von oben, hierarchisch die Entscheidungen nach unten hin durch.
Egal ob unten die Bewegungen sind, die die Regierung an die Macht
gebracht haben. Aber, das ist meine persönliche Meinung. Vielleicht
sehen die anderen es auch so?

YIANNIS: Ja, sehen wir auch so...

A-RADIO BERLIN: Vielleicht noch zu den kulturellen Aspek-
ten in den Bewegungen. Gibt es eine Menge Künstler*innen,
die wie Ihr aktiv sind und sich Kultur schaffend beteiligen?

YIANNIS: Es gibt eine Menge Künstler*innen, die an den Festivals
teilnehmen, zum Beispiel Antifa-Festivals und so weiter. Aber wie
ich vorhin schon meinte, gibt es nicht viele, die sich über ihre Texte
beteiligen. Viele stimmen unseren Ansichten, die wir auch hier aus-
gedrückt haben, zu. Aber sie schreiben keine entsprechenden Songs.

A-RADIO BERLIN: Wie würdet ihr eure Motivation be-
schreiben? Geht es euch darum, Leute zu mobilisieren, die
noch nicht aktiv oder politisiert sind, oder wollt ihr eher
Leute mobilisieren, die schon aktiv sind?

LEONIDAS: Ich denke, wenn du Leute beeinflussen willst, die schon
politisiert sind, dann ist das Zeitverschwendung und macht keinen
Sinn. Wir wollen die Leute erreichen, die noch nicht politisiert sind.
Wir wollen unsere Musik als Instrument, sagen wir als Waffe für die
Schaffung von politischem Bewusstsein einsetzen.

A-RADIO BERLIN: Ihr habt Pavlos Fyssas erwähnt. Pavlos
war ein antifaschistischer Rapper. Er wurde von einem Mit-
glied von Golden Dawn ermordet. Er war bekannt unter
anderem für seine lautstarke und offene Kritik an Golden
Dawn. Hat sein tragischer Tod Einfluss auf die griechische
Gesellschaft gehabt? Auf die Art und Weise, wie Golden
Dawn gesehen wird, und auf die Leute, die sie kritisieren?

YIANNIS: Vor dem Mord von Pavlos Fyssas gab es einige Attentate
auf Migrant*innen durch Golden Dawn. Niemand redete darüber,
auch nicht die Medien. Aber nach dem Mord an Pavlos wurde das
Thema plötzlich wichtiger und wichtiger, denn er war Grieche und
die Regierung hatte nun beschlossen, gegen Golden Dawn vorzuge-
hen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sich die Einstellung in der Be-
völkerung gegenüber Golden Dawn wirklich geändert hat. Durch den
Tod von Pavlos denken sie sicherlich mehr über Golden Dawn nach,
aber ich bin nicht optimistisch.

LEONIDAS: Ja, denn in den letzten Wahlen gab es auch mehr Stim-
men für Golden Dawn. Der Anstieg war von 7 auf 10 Prozent. Aller-
dings bei einer insgesamt geringeren Wahlbeteiligung. Aber es ist ja
keine Frage der Wahlen, sondern eine des politischen Bewusstseins.
Und da bin ich auch nicht optimistisch. Die Lage ist sehr schlecht.

A-RADIO BERLIN: Eine letzte Frage. Ihr seid gerade auf
Tour durch den deutschsprachigen Raum. Vielleicht möchtet
ihr eure Motivation dafür mitteilen? Vielleicht wolltet ihr ja
nur was Neues sehen, aber vielleicht habt Ihr ja auch eine
weitergehende Agenda?

LEONIDAS: Wir wurden eingeladen, von Leuten aus Leipzig, die in
den dortigen anarchistischen Räumen aktiv sind. Unsere Motivati-
on war eine doppelte: Einerseits wollen wir uns vernetzen mit den
deutschen Bewegungen und anarchistischen Räumen. Und anderer-
seits wollen wir berichten, was gerade in Griechenland los ist. Die
Sichtweise vermitteln, die nicht unbedingt bei der deutschsprachigen
Öffentlichkeit ankommt. Wir waren jetzt in vier Städten: Bielefeld,
Göttingen, Leipzig und Berlin. Bremen steht morgen an. Wir hoffen,
unsere Ziele erreicht zu haben.

A-RADIO BERLIN: Gibt es noch etwas, das ihr hinzufügen
wollt?

CRIS: Ja, Ihr findet unsere Songs auf socialwaste.org. Sie sind um-
sonst und werden auch immer frei zugänglich bleiben.

LEONIDAS: Wir haben unsere Texte auch ins Englische übersetzt. Es
gibt also Untertitel für alle Songs.

CRIS: Neuigkeiten über uns könnt Ihr auf der Webseite oder unserem
Facebook finden. Ach ja, Facebook war wichtig für die Kommunika-
tion zwischen den Bewegungen, seit 2008, da wir über die sozialen
Medien Infos sammeln und verbreiten können, die nicht in den grie-
chischen Medien auftauchten.

LEONIDAS: Ich hab nichts weiter hinzuzufügen. Nur, dass wir froh
sind über das Interesse, das uns gezeigt wird, und über den Support
der Leute hier. Daher danke für die Einladung und das Interview.

A-RADIO BERLIN: Ja, auf jeden Fall. Ich drücke hiermit
auch gerne unsere Solidarität aus und wünsche euch weiter-
hin eine gute Tour.


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