(de) FdA-IFA - gai dào #45 - Nikos Maziótis: "Der Kampf geht weiter" -- Übersetzung: Ralf Dreis

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Mon Sep 22 19:52:18 CEST 2014


Am 16. Juli 2014 wurde Griechenlands Staatsfeind Nr.1, der Anarchist Níkos Maziótis, nach 
einem Schusswechsel mit der Polizei im Zentrum Athens verletzt verhaftet. Auf Maziótis, 
der 2012 mit seiner Partnerin Póla Roúpa in die Illegalität abtauchte, war ein Kopfgeld 
von 1 Million Euro ausgesetzt. Die Athener Tageszeitung Efimerída ton syntaktón führte am 
15. August 2014 folgendes Interview mit Maziótis: ---- Efimerída ton sintaktón: Du bist 
Mitglied der bewaffneten anarchistischen Organisation Revolutionärer Kampf. Warum hast du 
den bewaffneten Kampf als Mittel gewählt? ---- Nikos Maziótis: Der bewaffnete Kampf ist 
ein untrennbarer Bestandteil des Kampfes für die soziale Revolution. Er ist untrennbarer 
Bestandteil einer revolutionären Bewegung, die sich den Umsturz von Staat und Kapital zum 
Ziel gesetzt hat. Es existieren unauflösliche Bande zwischen Bewegung und bewaffnetem 
Kampf insofern, als eine Bewegung, um tatsächlich revolutionär zu sein, als unabdingbare 
Voraussetzung in ihren Zielsetzungen auch ihre Bewaffnung beinhalten muss. Denn historisch 
gesehen gab es niemals eine siegreiche Revolution, die nicht mit Waffen erkämpft wurde.

Der bewaffnete Kampf, oder mit anderen Worten die bewaffnete
Propaganda, ist ein ausgesprochen starkes Mittel des Kampfes, das
sehr starke politische Botschaften aussendet, immer vorausgesetzt,
es existiert eine umfassende politische Wahrnehmung und Analyse
darüber, wo wir agieren, was wir wollen und wie wir unsere Ziele zu
erreichen gedenken. In der Organisation Revolutionärer Kampf (RK)
zielen wir durch die bewaffnete Aktion darauf ab, in möglichst brei-
ten Bevölkerungsschichten die Notwendigkeit der sozialen Revoluti-
on und des Umsturzes von Staat und Kapital zu verbreiten. Gerade in
Griechenland, aber nicht ausschließlich, in einer Periode brutalster
Angriffe des imperialistischen Kapitals, in einer Zeit, in der durch
die Memoranden der Troika und des griechischen Staates eine Politik
des sozialen Genozids durchgesetzt wird, ist der bewaffnete Kampf so
notwendig und zeitgemäß wie nie.

Zu Beginn der Krise 2009, damals noch als Krise des Finanzsystems
firmierend, bevor sie als Schuldenkrise bezeichnet wurde, hatten wir
die Überzeugung geäußert, dass sich eine große Chance für den Be-
ginn einer revolutionären Epoche für Griechenland eröffnet, da das
Ergebnis der Krise - wie sich bestätigte - das Ende des neoliberalen
Einverständnisses und die Delegitimierung des wirtschaftlichen und
politischen Systems in den Augen der Mehrheit der Gesellschaft wäre.
Unter solchen Bedingungen kann die zielgerichtet bewaffnete Aktion
gegen das Regime eine Kettenreaktion innerhalb eines Systems weit
entwickelter gegenseitiger Abhängigkeit aller Sektoren untereinan-
der auslösen und die Gefahr seiner Destabilisierung vervielfältigen.
Angesichts der fortgeschrittenen wirtschaftlichen und politischen
Globalisierung und eines dementsprechend hohen Maßes gegensei-
tiger Abhängigkeit sind wir in unserer Ansicht gestärkt, dass der
bewaffnete Kampf heute nicht nur politisch nötig und möglich ist,
sondern darüber hinaus ein entscheidender Faktor zum Schüren sys-
temimmanenter Probleme und Gegensätze, zur erfolgreichen Unter-
grabung des Systems bis hin zu seinem letztendlichen Sturz. Um das
zu erreichen, bedarf es jedoch einer revolutionären Bewegung, die zu
den Waffen greift.

Ets: Als du 2010 verhaftet wurdest, übernahmst du die poli-
tische Verantwortung für deine Mitgliedschaft in der Orga-
nisation. Was bedeutet politische Verantwortung?

NM: Als Aktivist und als Mitglied eines bewaffneten Kollektivs tat
ich das, was mir selbstverständlich erschien. Ich verteidigte die Orga-
nisation, der ich angehöre, ich verteidigte die Angriffe, die sie durch-
geführt hatte, und ich verteidigte Lámbros Foúndas*, der als Mitglied
der Organisation bei einem Schusswechsel mit Polizeibeamten getö-
tet wurde, als er einen Gegenschlag gegen das Regime vorbereitete,
damit die Besatzung der griechischen Regierung, des Internationalen
Währungsfonds (IWF), der EU-Kommission und der Europäischen
Zentralbank (EZB) nicht durchkommt. Damit die moderne Junta aus
Staat und Kapital, der moderne Totalitarismus, den die multinationa-
le Wirtschafts- und Politikerelite dem gesamten Planeten unter dem
Vorwand der weltweiten Wirtschaftskrise aufzwingen will, nicht
durchkommt. Unsere Haltung im Prozess war eine Frage der Ehre.
Es ging uns nicht darum, die eigene Haut zu retten. Für uns war die
Übernahme der politischen Verantwortung eine kollektive Entschei-
dung, keine individuelle Wahl, und deshalb gelang es uns auch nach
den Verhaftungen unser Kollektiv unversehrt zu erhalten und als
inhaftierte Mitglieder des RK zum Gegenangriff überzugehen. Wir
beharrten auf der Notwendigkeit des proletarischen Gegenangriffs
und der sozialen Revolution hier und jetzt, intervenierten mit Texten
in den großen Streiks und Mobilisierungen der Bevölkerung gegen
die Memoranden der Troika 2010-2011. Die gleiche Haltung zeigten
wir im Prozess. Alles außer der Übernahme der politischen Verant-
wortung wäre Verrat an unseren Prinzipien, unseren Idealen und un-
seren Toten wie Lámbros Foúndas gewesen.

Ets: Was antwortest du Leuten, die der Meinung sind, der
bewaffnete Kampf provoziere einzig und allein staatliche
Repression? Nach der Flucht von Christódoulos Xirós* zum
Beispiel, wurde das Gesetzgebungsverfahren zum Bau der
Hochsicherheitsgefängnisse des Typ C beschleunigt, die für
der Mitgliedschaft in bewaffneten revolutionären Organisa-
tionen Angeklagte vorgesehen sind.

NM: Es ist idiotisch zu glauben, der Kampf für die Freiheit riefe keine
staatliche Reaktion hervor und bliebe ohne schwerwiegende Folgen.
Ein Kampf, der die soziale Revolution und den Umsturz von Staat und
Kapital anpeilt, hat logischerweise nicht das Strafgesetzbuch und die
Gesetze des Gegners als Richtschnur, sondern wird zwangsläufig
außer legalen Mitteln auch illegale Aktionsformen wie den bewaff-
neten Kampf beinhalten. Im Kampf für die Frei-
heit und die Revolution, im sozialen Krieg und
im Klassenkrieg wird es zu Blutvergießen kom-
men, es wird Tote geben, es wird Eingeknastete
geben, es wird spezielle Antiterrorgesetze und
Hochsicherheitstrakte für die Mitglieder be-
waffneter Organisationen geben. Chrístos Kasí-
mis*, Chrístos Tsoutsouvís*, Christóforos Marí-
nos*, Lámbros Foúndas u. a. haben mit ihrem
Leben den Preis dafür gezahlt, mit der Waffe in
der Hand für den Umsturz und die Revolution
zu kämpfen. Wie in anderen historischen Epo-
chen die Partisanen des ELAS* und des DS* oder
die Mitglieder bewaffneter Organisationen in
Europa und Lateinamerika, wie die Tupamaros,
die Roten Brigaden, die RAF, die Action Direc-
te oder in der Türkei. Der Preis, den sie bezahlten, waren Tote bei
Schusswechseln, Tote in Hungerstreiks im Gefängnis und langjäh-
rige Haftstrafen.

Als Mitglied des RK war mir immer klar, dass der Preis meiner Ent-
scheidung entweder eine langjährige Verurteilung zu Knast ist, was
im Übrigen schon geschehen ist, oder der Tod bei einem Schusswech-
sel mit den Kettenhunden des Staates. Bei meiner Verhaftung in Mo-
nastiráki hätte ich auch tot sein können. Ich wusste, dass es gesche-
hen kann. Der Preis oder die möglichen Folgen des Kampfes für den
Umsturz und die Revolution bedeuten jedoch nicht, dass wir es gleich
ganz sein lassen. Der einzig verlorene Kampf ist der, der nicht ge-
führt wird. Man muss immer bedenken, dass beide Seiten einen Preis
für ihre Entscheidungen bezahlen. Auch den Feind kam es teuer zu
stehen, da etliche Bullen von den bewaffneten revolutionären Orga-
nisationen getötet wurden, womit sie für ihre Entscheidung, nämlich
Kettenhunde der Bosse zu sein, bezahlten.

Gleiches gilt für Politiker, Richter, Großunternehmer. Darauf habe
ich mich im Prozess gegen die Organisation berufen, als ich den
Kalaschnikow-Angriff des RK auf die drei MAT-Polizeibeamten in
Exárchia im Januar 2009 als Vergeltungsmaßnahme für den Mord an
Aléxandros Grigorópoulos verteidigte, der die schwere Verletzung
von Adamántios Mantzoúnis zur Folge hatte. Mantzoúnis bezahlte
den Preis dafür, Dienst als MAT-Beamter zu leisten und ist seitdem
nicht mehr als Polizeibeamter tätig. Deshalb entgegne ich allen, die
behaupten, bewaffnete Aktionsformen verschärften die Repression,
dass sich die Angriffe bewaffneter revolutionärer Organisationen ge-
gen die Repressionsorgane des Staates hemmend auf die Intensität
polizeilicher Gewalt auswirken. Und im Gegenteil, das Fehlen be-
waffneter Aktionen und damit das Nicht-Existieren der Androhung
von Vergeltungsmaßnahmen lässt die Repressionsorgane in ihrem
Handeln immer zügelloser werden.

Wer meint, Kämpfer oder Anarchist zu sein und innerhalb der Gren-
zen staatlicher Legalität wirken zu müssen, soll besser einer legalen
parlamentarischen Partei beitreten, sich ins System integrieren und
nicht den Kämpfer, Revolutionär oder Anarchisten spielen. Dass wir
die Reaktion des Staates provozieren, wenn wir kämpfen, ist natür-
lich. Wir sollten uns mehr Gedanken machen, wenn wir keine staat-
liche Repression hervorrufen, weil wir, wenn der Feind uns nicht für
gefährlich hält, wahrscheinlich nicht auf dem richtigen Weg sind.

Ets: Während der Prozess gegen den RK 2012 noch lief, ha-
ben du und Póla Roúpa gegen eure Meldeauflagen verstoßen
und die Illegalität gewählt. Warum?

NM: In die Illegalität zu gehen war ab dem Zeitpunkt unserer Haft-
entlassung, nach Ablauf der möglichen Untersuchungshaft von 18
Monaten, beschlossene Sache. Wir wussten, dass wir zu 25 Jahren
Knast verurteilt würden und waren nicht bereit, dies passiv hinzu-
nehmen. Um abzutauchen wählten wir den Zeitpunkt, als im Prozess
die Beweisaufnahme und die Zeugenvernehmungen in Bezug auf die
Aktionen des RK abgeschlossen waren. In der gesamten Zeit hatten
wir einen mehrmonatigen Kampf vor Gericht ausgefochten und wa-
ren für alle Operationen der Organisation eingetreten, um das Ver-
fahren gegen uns in eine Bühne für die Verteidigung des RK, der
bewaffneten Aktion und der sozialen Revolution zu verwandeln. Wir
begnügten uns nicht damit, am Ende des Prozesses, wo die Verteidi-
gungsrede der Angeklagten vorgesehen ist, eine politische Erklärung
abzugeben, sondern nahmen von Anfang an zu allen Aktionen poli-
tisch Stellung.

Warum wir uns für ein Leben in der Illegalität entschieden, versteht
sich von selbst: Um frei zu sein, um den bewaffneten Kampf fortzu-
setzen, um weiterhin für die Notwendigkeit der sozialen Revolution
zu kämpfen, für die Notwendigkeit des bewaffneten proletarischen
Gegenangriffs gegen das Regime der Memoranden, gegen die Troika,
aus IWF, EU-Kommission und EZB, gegen den brutalen Angriff des
imperialistischen Kapitals. Wir wählten die Illegalität, um unseren
Kampf für den Umsturz von Staat und Kapital fortzusetzen, und für
den freiheitlichen Kommunismus und die Anarchie.

Eine wichtige Rolle spielte weiterhin, dass wir unser Kind großziehen
wollten, ohne dass es uns ständig hinter Gittern sieht. Innerhalb die-
ses Kontextes erfolgte die Reaktivierung des RK mit dem Angriff am
10. April 2014 auf das Zentralgebäude der Griechischen Nationalbank
in der Amerikís-Straße, wo sich auch das Büro des Repräsentanten
des IWF in Griechenland befindet. Als Mitglied des RK übernehme
ich die politische Verantwortung für diese Tat.

Est: Um deiner Verhaftung in Monastiráki zu entgehen, hast
du inmitten nichtsahnender Leute das Feuer eröffnet, wo-
durch zwei Touristen leicht verletzt wurden. Was hast du
dazu zu sagen?

NM: Erst einmal tut es mir leid, dass die beiden Touristen, wenn
auch nur leicht, verletzt wurden. Wir haben im RK immer sehr dar-
auf geachtet, dass unbeteiligte Leute nicht verletzt werden, was auch
im Prozess bewiesen wurde, wo wir angeklagt waren, mit unseren
Bombenanschlägen wahllos unschuldige Leben aufs Spiel gesetzt zu
haben. Nach monatelangem Kampf folgte das Gericht unserer Aussa-
gen in weiten Teilen, so dass die meisten Anklagen wegen versuchten
Mordes fallengelassen wurden und nur die der drei MAT-Polizisten
in Exárchia 2009 aufrechterhalten wurden, die als blutige Strafmaß-
nahme für den Mord an Grigorópoulos beschossen wurden. Im Fall
Voulgarákis akzeptierte das Gericht, dass die versuchte Hinrichtung
dieses Abschaums gestoppt wurde, weil die Gefahr der vorzeitigen
Entdeckung der Bombe bestand, weshalb sie letztendlich so ge-
sprengt wurde, dass Passanten nicht gefährdet wurden, nicht einmal
der Polizeibeamte der TEEM in der Nähe. Im Fall des Angriffs auf
das Wirtschaftsministerium am Syntagma-Platz, wo es zu leichten
Verletzungen einzelner Leute kam, hielt uns das Gericht zugute, dass
die Polizei den Platz trotz zweier Warnanrufe unsererseits nicht ab-
sperrte und dadurch Menschenleben gefährdete. Eine verletzte Frau
erhielt deshalb eine staatliche Entschädigung und mehrere Beamte
wurden, nachdem die Polizei letztlich eingestand, Diensthabende
hätten Menschenleben gefährdet, mit Bußgeldern wegen grob fahr-
lässigen Handelns bestraft. In Berichten der Amerikanischen Bot-
schaft in Griechenland wird angeführt, dass Mitglieder des RK große
Risiken bei ihren Aktionen eingehen, um die Gefährdung Unbetei-
ligter auszuschließen. Unsere ganze Geschichte beweist, dass wir
immer Vorkehrungen getroffen haben und uns das Leben Unbetei-
ligter nicht egal war. In Monastiráki wurden, wie die Anklageschrift
selbst ausführt, die Verletzungen der Touristen von herumfliegenden
Bruchstücken und nicht von Kugeln hervorgerufen. Beide wurden
am Bein verletzt, die Schüsse also nach unten abgegeben. Ich habe
nicht auf diese Leute gezielt. Dass ich jetzt wegen Mordversuchs an
diesen Menschen angeklagt bin, weil ich ihren Tod billigend in Kauf
genommen hätte, ist Heuchelei pur. Bei drei unserer Operationen ge-
fährdete die Polizei menschliches Leben. Einmal am Syntagma-Platz,
vorm Wirtschaftsministerium, als sie den Platz nicht absperrten.
Dann am Arbeitsministerium, als der Wachhabende einem Obdach-
losen befahl, den Rucksack mit der Bombe einige Meter vom Eingang
des Ministeriums wegzutragen. Und drittens beim Anschlag auf die
Börse, als die Polizei den Wachdienst benachbarter Gebäude erst gar
nicht informierte. Und dann gibt es noch den Fall der Polizeibeam-
ten, die im Februar 2010 bei dem Versuch, den flüchtigen Ausbrecher
Marján Kóla in Vyrona zu verhaften, ohne die geringsten Folgen,
den Unbeteiligten Níkola Tónti mit neun Kugeln erschossen. Nie-
mand wurde jemals wegen Mordversuchs angeklagt. Der damalige
Minister für öffentliche Ordnung Chrysochoídis erklärte damals, es
habe zwar ein Menschenleben gekostet, doch wichtig sei, dass zwei
Verbrecher gefasst wurden. Welch Doppelmoral was den Wert eines
Menschenlebens betrifft. Polizeibeamte interessieren sich vor allem
für das Leben ihrer Bosse und Kollegen. Das gleiche gilt für Politiker,
Staatsbeamte und Kapitalisten, die sich nur für das Leben derjenigen
interessieren, die ihrer Klasse angehören, während ihnen das Leben
anderer keinen Pfifferling wert ist.

Ausgerechnet die besitzen die Frechheit, mich wegen versuchter Mor-
de anzuklagen, die mit ihrer Politik des sozialen Genozids für mas-
senhaft Tote verantwortlich sind, für über 4000 Suizide, für den Tod
von Menschen wegen fehlender Medikamente in Krankenhäusern,
die verantwortlich dafür sind, dass Menschen im Müll nach Nah-
rung suchen müssen, für Millionen Arbeitslose, verantwortlich für
die Verelendung eines ganzen Volkes.

Ets: Warum wolltest du so schnell aus dem Krankenhaus
Evangelismós verlegt werden?

NM: Die Behandlung im Krankenhaus Evangelismós sind eine Be-
leidigung für die menschliche Würde. Ich war 24 Stunden am Tag in
der Krankenzimmer-Zelle mit den Vermummten der Antiterrorein-
heit um mein Bett herum, das Licht brannte rund um die Uhr, alles
aus Sicherheitsgründen natürlich. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen
versuchten sie mit Befehl von oben, wie der zuständige Befehlsha-
ber mir gegenüber behauptete, mit Handschellen meine linke Hand
ans Bett zu ketten, als mir der Katheder gezogen wurde. Ich wehrte
mich, indem ich mir die Infusionen mit Antibiotika abriss und den
Ärzten sagte, dass ich unter den Bedingungen keine Behandlung ak-
zeptiere und in den Hungerstreik trete. Beim Gang auf die Toilette
musste die Toilettentür sperrangelweit geöffnet bleiben, auch das aus
Sicherheitsgründen damit die Vermummten alles beobachten kön-
nen. Ich möchte hinzufügen, dass die Untersuchungen, bevor ich am
Arm operiert wurde, natürlich unter Aufsicht von Vermummten der
Antiterroreinheit stattfanden und mir im Operationssaal, bevor mir
die Vollnarkose verabreicht wurde, Polizisten in Arztkitteln auffielen,
die auch während der Operation unter dem Vorwand der Sicherheit
im Raum blieben. Unter diesen Bedingungen zog ich es vor, mich so
schnell wie möglich ins Gefängniskrankenhaus Korydallós verlegen
zu lassen.

Auch in Korydallós war ich dem Isolationsregime unterworfen, was
ihrem Strafvollzugsgesetz, das sie ja verpflichtet sind anzuwenden,
widerspricht. Zwei Tage war ich in einer Zelle isoliert, bis die Ge-
fängnisdirektorin und der Sicherheitsrat des Gefängnisses entschie-
den hatten, wie sie mich unterbringen würden. Letztlich ließen sie
mich 4 Stunden täglich aus der Zelle, auf einen Flur nicht länger als
10 m, mit Zugang zu einem Telefon, allerdings noch immer isoliert,
ohne Kontakt zu anderen Gefangenen, weil mir der Hofgang ver-
wehrt wurde.

Ets: Bist du der Meinung, der RK genieße Rückhalt in der
Bevölkerung?

NM: Ich glaube, wenn eine bewaffnete revolutionäre Organisation
die Probleme der Bevölkerung und der Gesellschaft als Ansatzpunkt
für ihr Agieren nimmt, wenn ihre Operationen sich also gegen die
Unterdrücker und Ausbeuter des Volkes richten, gegen diejenigen,
die die Bevölkerung ausrauben, in die Verelendung treiben und er-
morden, dann wird trotz der Gehirnwäsche der Massenmedien, die
Mitglieder bewaffneter Organisationen als asoziale und kriminelle
Monster darstellen, ein großer Teil der Gesellschaft die Aktionen
dieser Guerillaorganisationen begrüßen. Da die Taten des RK diese
Charakteristiken aufweisen, denke ich, ja, wir haben Rückhalt in der
Bevölkerung.

Ich glaube, dass viele unter den momentanen Bedingungen bereit
wären, zur Waffe zu greifen, zur Kalaschnikow zu greifen und mit
den Henkern des Volkes aufzuräumen. Dafür bedarf es jedoch einer
revolutionären Bewegung, um die Leute zu organisieren. Dass der
RK Rückhalt genießt, beweist schon die Tatsache, dass der Staat ein
Kopfgeld von zwei Millionen Euro auf uns ausgesetzt hat, eine Mil-
lion auf mich und eine Million auf die Genossin Póla Roúpa. Besäße
der Staat die vollkommene Zustimmung und wäre es ihm gelungen,
die Leute davon zu überzeugen, dass sich unsere Operationen gegen
die Gesellschaft, gegen die arbeitende Bevölkerung richten, dann
müsste er nicht zum niederträchtigen Mittel des Kopfgeldes greifen,
uns also gegen Bezahlung auszuliefern, sondern er könnte sich dar-
auf verlassen, dass man uns freiwillig, aus dem Gefühl gesellschaft-
licher Verantwortung heraus, ausliefern würde. Wie niederträchtig
und verabscheuenswert es ist, ein bezahlter Spitzel zu sein, beweist
der Umstand, dass sogar die deutschen Faschisten, bevor sie 1944 aus
Athen abzogen, ihre Übersetzer und Informanten hinrichteten.

Wer Rückhalt in der Bevölkerung genießt, zeigt auch der Fakt, dass
ich, Maziótis, als Mitglied des RK, mich überall auf der Straße und in
der Gesellschaft frei bewegen kann, was wir 2011 nach unserer Haft-
entlassung taten und uns alle Welt kannte. Können Samarás, Venizé-
los, Papandréou, können die Minister der Memoranden-Regierungen,
die Parlamentarier, die all den Sparmemoranden und gegen die Be-
völkerung gerichteten Maßnahmen zustimmten, sich etwa frei auf
der Straße bewegen, ohne den Schutz ihrer bewaffneten Bodyguards?

Ets: Wenn du die Möglichkeit hättest, Póla eine Nachricht zu
übermitteln, was würdest du ihr sagen?

NM: Ich würde ihr sagen, dass es mir gut geht und meine Moral un-
gebrochen ist, dass sie in Freiheit unseren Sohn großziehen soll und
dass der Kampf trotz Verlusten weiter geht.
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* Lámbros Foúndas, bei einem Schusswechsel mit der Polizei am 10. März 2010
getötetes Mitglied der bewaffneten Organisation Epanastatikós Agónas (EA, Re-
volutionärer Kampf).
* Christódoulos Xirós, nach einem Hafturlaub abgetauchtes, seit 6. Januar 2014
zur Fahndung ausgeschriebenes Mitglied der ehemaligen Stadtguerillaorganisa-
tion 17. November.
* Chrístos Tsoutsouvís, bei einem Schusswechsel mit der Polizei am 13. Mai 1985,
bei dem er drei Polizeibeamte erschoss, getötetes Mitglied der bewaffneten Organi-
sation Antikratikí Páli (AP, Antistaatlicher Kampf)
* Chrístos Kasímis, Mitglied der Stadtguerillaorganisation Epanastatikós Laikós
Agónas (ELA, Revolutionärer Volkskampf), wurde am 20.10.1977 bei dem Versuch,
aus Protest gegen die toten RAF-Mitglieder in Stammheim eine Bombe bei der
AEG-Niederlassung in Athen zu platzieren, bei einem Schusswechsel mit der Poli-
zei schwer verletzt. Starb am 21.10.1977 an seinen Verletzungen.
*Christóforos Marínos, am 23. Juli 1996 unter bis heute ungeklärten Umständen
erschossener Anarchist. Während staatliche Stellen behaupten, er habe Selbstmord
begangen, gehen seine Genoss*innen davon aus, dass er von Polizeibeamten er-
schossen wurde.
*ELAS, Ellinikós Laikós Apelevtherotikós Stratós (Griechische Volksbefreiungs-
armee), Partisanenarmee im Widerstand gegen die faschistische Besatzung Grie-
chenlands im 2. Weltkrieg.
*DS, Dimokratikós Stratós (Demokratische Armee), während des griechischen
Bürgerkriegs, die der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) unterstehende
Armee im "befreiten Griechenland".


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