(de) FdA-IFA - Gai Dào #45 - Kuba: Rückblick auf die 1. Libertären Frühlingstage in Havanna -- Marcelo „Liberato“ Salinas (Mitglied der anarchistischen Gruppe TLAL)

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Sat Sep 20 22:01:34 CEST 2014


Von Mitte Mai bis Mitte Juni 2014 fanden in Havanna die 1. Libertären Frühlingstage statt, 
eine Reihe von Aktivitäten, die gemeinsam vom Taller Libertario Alfredo López (TLAL) und 
dem Sozialen Zentrum Cristo Salvador organisiert wurden. Ziel war es, libertäre und 
antiautoritäre Perspektiven auf verschiedenste Themen bekannter zu machen und insbesondere 
dazu beizutragen, die Selbstorganisierung auf Grundlage der Horizontalität und Autonomie 
zu propagieren – als Reaktion auf das scheinbar unaufhaltsame Voranschreiten der 
staatlichen Kolonisierungsstrategie, heutzutage im Wesentlichen ökonomischer Natur, das 
sich in der kubanischen Gesellschaft beobachten lässt. All dies passiert mit der 
Zustimmung vieler jener Personen, die sich selbst als „alternativ“ definieren würden.

Die Libertären Tage boten von allem etwas, das heißt genug Grün-
de, um darauf zu verzichten, es jemals wieder zu tun, wie auch ei-
nen reichhaltigen Erfahrungsschatz für diejenigen, die ein Event
wie dieses in Zukunft wieder anpacken oder fortsetzen möchten.
Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass solche Versuche ei-
nerseits von einer Aura zäher Einsamkeit umgeben sind, dem Auf-
wenden von Energie auf kleinste, scheinbar völlig nebensächliche
Details, die vonnöten ist, um ein solches Unterfangen mithilfe von
Basisentscheidungen abzustimmen, im Bruch mit den üblichen For-
men der Organisierung, sowie andererseits von einer Trägheit, die
uns das System auf tausendfache Weise eingeimpft hat, so dass sie
allen von uns quasi zur zweiten Natur geworden ist.

Wie bereits von Anderen hervorgehoben, sollten wir allerdings
nicht vergessen, dass der eigene Gestaltungsdrang ein zentrales An-
triebselement bei Events wie dem Libertären Frühling darstellt, für
die – angesichts der schlechten Resonanz, auf die die libertären und
antiautoritären Perspektiven, die der Anarchismus bietet, allenthal-
ben stoßen – nie die objektiven Gegebenheiten bestehen werden, die
ihre ordnungsgemäße Umsetzung garantieren würden.

Um jedoch auch mit dem Bild eines Anarchismus zu brechen, der
als ein weiterer Wahrheitskelch daherkommt, der von monopolisie-
renden Priestern der heiligen anarchistischen Schriften verwaltet
wird, haben wir als erste Veranstaltung der Libertären Tage einen
Diskussionskreis unter dem Motto „Mein Anarchismus und der mei-
ner Freunde“ organisiert. Ziel war es, uns der vielfältigen Formen
bewusst zu werden, in der sich der Anarchismus begreifen lässt und
wie er ganz konkret auf das Leben der Menschen und die kollektiven
Dynamiken jener gewirkt hat, die sich dieses Ideals angenommen
haben. Dieses erste Treffen konnten wir audiovisuell dokumentieren.

Um uns einem Thema zu widmen, dem sich keine der viele ideo-
logisch-politischen Strömungen auf Kuba für gewöhnlich zuwen-
det – nämlich der Ernährung und Gesundheit – organisierten wir
als zweites Event eine Vorstellung des Buchs „Permakultur-Küche“
(Cocina Permacultural) der Agrarwissenschaftlerin und Aktivistin
Miriam Cabrera Viltre, bei dem wir gleich eine praktische Koch-Ses-
sion unter Permakultur-Prinzipien ansetzten. Diese Session wurde
schriftlich und auch per Video aufgezeichnet und stellte eine äußerst
erfreuliche und intensive kollektive Erfahrung dar, als Ergebnis der
jahrelangen Arbeit von Miriam. Diese Erfahrung zeigte einerseits
die engen Zusammenhänge zwischen diesem kulinarischen Ansatz,
unseren libertären Perspektiven und dem Alltagsleben und belegt
andererseits, dass der Kommunismus kein nebulöses Versprechen
für eine entfernte Zukunft ist, sondern eine ganz praktische Sache,
wenn wir den Wunsch aufbringen, die Räume, in denen wir uns be-
wegen, gemeinschaftlich zu gestalten.

Als drittes Event dieser 1. Libertären Tage gab es eine Filmvorfüh-
rung mit anschließender Diskussion mit der Doku „Kuba: eine syn-
dikalistische Erinnerung“ (Cuba: Memoria sindical) von Claudio
Castillo und Jorge Masetti. Der Film lässt die Geschichte der syn-
dikalistischen Kämpfe auf Kuba Revue passieren, mit dem Fokus
auf die revolutionär-syndikalistischen Strömungen, einschließ-
lich der anarcho-syndikalistischen, die 1960/61 schließlich durch
die gemeinsamen Bemühungen von Stalinist*innen und Castro-
Anhänger*innen zerschlagen wurden. Im Anschluss zur Doku gab
es eine tiefgreifende Diskussion über das aktuelle soziale Panorama
Kubas und den Möglichkeiten zur Intervention, die in der Chronik
mit dem Titel „Eine andere syndikalistische Erinnerung, um die Zu-
kunft Kubas zu denken“ (Otra Memoria sindical para pensar el futu-
ro de Cuba) verewigt wurde.

Als viertes und letztes Event des Libertären Frühling in Havanna
stand eine urbane Exkursion an – auf den Spuren der Anarchist*innen
in Havanna. Diese Veranstaltung, die vielen wohl als eine recht un-
gewöhnliche Aktion im üblichen kulturellen Betrieb der kubani-
schen Hauptstadt erschienen haben muss, erhielt den solidarischen
Support einer wahrlich ungewöhnlich großen Zahl an digitalen Me-
dien. Im Kontrast zu dieser umfassenden Bewerbung stand schließ-
lich die leider doch sehr geringe Beteiligung, die zum Teil auf wid-
rige Umstände zurückzuführen ist, aber auch auf die erfolgreiche
Bemühungen des kubanischen Staates den Menschen Furcht vor der
autonomen Inbeschlagnahme kollektiver Räume einzuimpfen. Trotz
dieser widrigen Bedingungen gestaltete sich diese Aktion als inten-
siver Dialog in Bewegung durch die Straßen Havannas, bei dem es
erfolgreich gelang, auf direkte Weise und inmitten des städtischen
Geflechts die mannigfaltige und starke Präsenz der Anarchist*innen
in der Geschichte des Landes, insbesondere in Havanna, zu visuali-
sieren.

Von den angekündigten Veranstaltungen zur den Libertären Tagen
blieb schließlich nur der Diskussionskreis zum Thema Anarchie und
Kunst offen. Diese Veranstaltung werden wir in den nächsten Mo-
naten nachholen. Die Nichtumsetzung derselben verweist klar auf
die Kapazitätsgrenze des Koordinierungskreises für die Libertären
Tage, aber auch auf das Fehlen einer libertären Perspektive im kre-
ativen Schaffensprozess, was dem Thema natürlich entgegensteht.
Aber es werden sich noch Wege finden...

Was bleibt also von den 1. Libertären Tagen in Havanna? Es wurden
sehr wichtige Kontakte geknüpft mit Menschen, die in anderen Krei-
sen unterwegs sind. Kontakte, die bei einer sozialen Arbeit und der
Ausweitung unserer Räume und libertären Perspektiven im kubani-
schen Kontext sehr wertvoll sein können. Einmal mehr konnten wir
das enge und herzliche Band zwischen dem Taller Libertario Alfredo
López und dem Kollektiv des Zentrums Cristo Salvador bekräftigen,
einem der aufgrund seiner Autonomie und Authentizität geachtets-
ten Räume in der kleinen Gegenkultur-Szene Havannas. Dieses Band
erlaubt eine nachhaltige Arbeit zwischen uns. Es blieb auch die Er-
fahrung, Dinge mal ganz anders zu tun, als wir sie sonst tun, um den
Tätigkeiten der Anarchist*innen in Havanna mehr Aufmerksamkeit
zu verschaffen und Energien zu bündeln. Und wir konnten sehen, in
welchem Rahmen es uns gelingt, uns im Sinne unserer Insel und der
vielfältigen Projekte zu engagieren, die langsam sichtbar werden.

Einer der zentralen Punkte, weswegen wir diese 1. Libertären Früh-
lingstage organisierten, konnte – trotz aller Probleme – ebenfalls
umgesetzt werden: Nämlich kritische Bezugspunkte für ein antiau-
toritäres Handeln innerhalb einer ansonsten recht blutleeren gegen-
kulturellen Bewegung in Havanna zu setzen, abseits der üblichen
Aktivitäten, die darauf abzielen, eine offiziell-vereinnahmende-
neutralisierende Anerkennung oder einfach nur internationale Be-
kanntheit zu erlangen, um dem Land zu entfliehen. In diesem Sinne
ist es uns also gelungen, jenen Sinnverlust zu überwinden, der zum
Verfall vieler der Projekte und Leben jener Personen geführt hat, die
sich in den letzten Jahrzehnten in Kuba als „unabhängig“, „alter-
nativ“ oder jüngst sogar „autonom“ bezeichnet haben. Daher ganz
im Sinne eines der Aufkleber auf den vielen alten Karossen, die die
Straßen Havannas füllen: „Kritisiert uns nicht nur, macht es besser!“

Wir haben öffentlich gemacht, dass die Libertären in Havanna eine
Reihe schlichter, aber zusammenhängender Aktivitäten organisie-
ren können, ohne wirtschaftliche Sponsoren oder staatliche Förde-
rung, sondern allein mithilfe der Solidarität der Genoss*innen aus
dem Ausland und unserer libertären Kraft und Ausdauer. Zugleich
zeigten wir, dass ohne Angst und Pessimismus die Anzahl der Be-
teiligten keine Rolle spielt, dass viel mehr getan werden kann als
der traurige politische Realismus, auf den diese negativen Gefühle
verweisen. Unsere Ideale lassen sich nicht stückchenweise auf dem
belebten Markt politischer Identitäten veräußern. Auch sind sie kein
Stück lebloses Fleisch zum Einfrieren in Erwartung besserer Zeiten
oder eines besseren Preises.

Wie üblich sind uns die Pläne unbekannt, die die gefürchtete ku-
banische Staatssicherheit in Bezug auf uns verfolgt, ebenso wie die
Gründe, warum wir dieses Mal auf ihre (wahrnehmbare) Präsenz
verzichten durften. Vielleicht sind sie schlicht in der Vorbereitung
einer besseren repressiven Antwort oder sie setzen auf die gleiche
Taktik der geopolitischen Schwerkraft, die bereits Uncle Sam(1) in
Bezug auf Kuba anwendet: Einfach darauf zu warten, dass die Frucht
endlich reift und ihnen direkt in den Schoß fällt. Wie dem auch sei
– die Grenze des Machbaren wurde wieder einmal verschoben. Die
Beziehung zwischen dem, was die wenigen Anarchist*innen in Ha-
vanna sagen, und dem, was sie tun, hat noch konkretere Gestalt
angenommen und konnte gleichzeitig ausgeweitet werden – ebenso
wie die Lust daran, die Aktivitäten fortzusetzen. Es ist eine Binsen-
weisheit, dass die Repression angesichts des aufrichtigen Drangs zur
Emanzipation nur weiteren Terror zu bieten hat, aber eben auch grö-
ßere Scham, in einer solchen Welt der Repression zu leben. Was uns
angeht, so ist uns klar, dass wir weiter nach guten und stimmigen
Wegen suchen müssen, um den Drang nach einem Zusammenleben
ohne Herrschaft, ohne Angst und mit freier Kreativität zu nähren.
Was sie angeht, das wissen nur sie ...

Auf dass die Energien der libertären Geister, die in diesem und vielen
anderen Ländern ruhen, über unsere Bemühungen wachen mögen!


Fußnote 1: Anm. d. Ü.: Gemeint sind hier die USA und ihr Verhältnis zu Kuba.

Mehr Infos

Quelle:
Compendio, elektronisches Bulletin des Red Observatorio
Crítico de Cuba vom 10.8.2014.

Web des Observatorio Crítico:
http://observatoriocriticodesdecuba.wordpress.com/
(auf Spanisch)


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