(de) FdA/IFA - ANTIRASSISTISCHE KUNDGEBUNG "SOLIDARITÄT MIT DEN GEFLÜCHTETEN! KEIN MENSCH IST ILLEGAL!"

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Tue Sep 9 11:27:49 CEST 2014


Am Sams­tag, 6.9.2014 um 14 Uhr fin­det am Schloss­platz Schwet­zin­gen die 
An­ti­ras­sis­ti­sche Kund­ge­bung "So­li­da­ri­tät mit den Ge­flüch­te­ten! Kein Mensch 
ist il­le­gal!" statt. ---- Die Le­bens­be­din­gun­gen von Men­schen, die vor Ver­fol­gung 
und Not in die BRD ge­flüch­tet sind und einen Asyl­an­trag ge­stellt haben, sind 
ka­ta­stro­phal. Stän­dig wird ihre Si­tua­ti­on durch neue Ge­set­ze ver­schärft. Mit 
einem neuen Ge­setz, über das am 19. Sep­tem­ber 2014 ent­schie­den wird, soll Roma aus 
Ser­bi­en, Ma­ze­do­ni­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na jeg­li­che Flucht­mög­lich­keit 
ge­nom­men wer­den, ob­wohl sie in die­sen Staa­ten mas­si­ven Dis­kri­mi­nie­run­gen und 
tät­li­chen An­grif­fen aus­ge­setzt sind. ---- Seit der fak­ti­schen Ab­schaf­fung des 
Asyl­rechts im Jahr 1993 hat sich die Si­tua­ti­on der hier­her Ge­flüch­te­ten wei­ter 
ver­schärft. Die Un­ter­brin­gung in über­füll­ten La­gern mit schi­ka­nö­sen Haus- und 
Be­suchs­ord­nun­gen und oft­mals ge­fäng­nis­haf­tem Cha­rak­ter dient al­lein der 
Ab­schre­ckung.

  So be­grün­de­te Lothar Späth (CDU) Ende der 1980er Jahre die kost­spie­li­ge 
Un­ter­brin­gungs­po­li­tik mit dem offen ras­sis­ti­schen State­ment: "Die 
Busch­trom­meln sol­len schon in Afri­ka si­gna­li­sie­ren: Kommt nicht nach 
Ba­den-Würt­tem­berg, dort müsst ihr ins Lager". Die­ses ba­den-würt­tem­ber­gi­sche 
Mo­dell wird nun prak­tisch über­all an­ge­wandt. Die meist ka­ta­stro­pha­len 
sa­ni­tä­ren Zu­stän­de in die­sen Ein­rich­tun­gen, die zu De­pres­sio­nen füh­ren­de 
er­zwun­ge­ne Un­tä­tig­keit und die Kon­flik­te ver­ur­sa­chen­de Über­be­le­gung sol­len 
die trau­ma­ti­sier­ten Ge­flüch­te­ten aus der BRD ver­trei­ben. Wei­te­re Schi­ka­nen, 
um den vor Ver­fol­gung, Krieg und Not hier­her Ge­flo­he­nen das Leben mög­lichst schwer 
zu ma­chen, sind die mi­ni­ma­le Ver­sor­gung mit will­kür­lich zu­sam­men­ge­stell­ten 
Le­bens­mit­tel­pa­ke­ten oder -gut­schei­nen statt Bar­geld, so dass ihnen die 
Ver­fü­gungs­mög­lich­kei­ten sogar über ihre Es­sens­ge­wohn­hei­ten ge­nom­men sind. 
Ärzt­li­che Ver­sor­gung jen­seits le­bens­ret­ten­der Erst­maß­nah­men oder gar 
psy­cho­lo­gi­sche Be­treu­ung für die Asyl­stel­len­den sind nicht vor­ge­se­hen. 
Par­al­lel dazu leben die Men­schen mit der stän­di­gen Angst vor Ab­schie­bung, die für 
viele von ihnen ver­schärf­te Ver­fol­gung oder sogar den Tod be­deu­ten kann. Die 
räum­li­che Ab­ge­le­gen­heit und Ab­ge­schot­tet­heit der Mas­sen­un­ter­künf­te sol­len 
eben­so wie die Bar­geld­lo­sig­keit die Teil­nah­me der Ge­flüch­te­ten am nor­ma­len 
ge­sell­schaft­li­chen Leben ver­hin­dern. Gegen diese ge­ziel­te Re­pres­si­on gegen 
Men­schen for­miert sich seit lan­gem an­ti­ras­sis­ti­scher Wi­der­stand. In den letz­ten 
Jah­ren schlos­sen sich auch die Be­trof­fe­nen selbst in grö­ße­rem Maße zu­sam­men: 
viele Ge­flüch­te­te or­ga­ni­sier­ten sich zu Pro­test­mär­schen und Be­set­zun­gen, bei 
denen sie ihre pre­kä­re Le­bens­si­tua­ti­on the­ma­ti­sier­ten. Teil­wei­se konn­te 
damit das Blei­be­recht für grö­ße­re Grup­pen er­wirkt wer­den, oder die Pro­tes­te 
führ­ten zu dau­er­haf­ten Re­for­men, etwa zur Auf­he­bung bzw. Lo­cke­rung der 
Re­si­denz­pflicht in den meis­ten Bun­des­län­dern. Diese ver­pflich­te­te die 
Ge­flüch­te­ten dazu, in einem be­stimm­ten Land­kreis zu blei­ben, so dass Be­su­che bei 
Freun­dIn­nen oder Ver­wand­ten in an­de­ren Re­gio­nen straf­bar waren.

Doch diese klei­nen Er­fol­ge dür­fen nicht über die wei­te­re Ver­schär­fung der 
Si­tua­ti­on hin­weg­täu­schen: mit hohem tech­ni­schen Auf­wand und mi­li­tä­ri­schem 
Equip­ment wer­den die Au­ßen­gren­zen der "Fes­tung Eu­ro­pa" gegen flüch­ten­de 
Men­schen her­me­tisch ab­ge­rie­gelt. Au­ßer­eu­ro­päi­sche Staa­ten wer­den zur 
bru­ta­len Zu­rück­schla­gung der Durch­rei­sen­den ver­pflich­tet. Mit me­ter­ho­hen 
Zäu­nen und schwer be­waff­ne­ten Grenz­pa­trouil­len wird der Land­weg un­pas­sier­bar 
ge­macht. Jähr­lich ster­ben Tau­sen­de beim Ver­such, über das Mit­tel­meer nach Eu­ro­pa 
zu kom­men. Bei allen Be­trof­fen­heits­be­kun­dun­gen sei­tens der Po­li­ti­ke­rIn­nen 
darf nicht ver­ges­sen wer­den, dass alle le­ga­len Ein­rei­se­mög­lich­kei­ten 
ab­sicht­lich blo­ckiert und die Route über den See­weg die ein­zi­ge ver­blei­ben­de 
Op­ti­on ist. Es han­delt sich fak­tisch um eine ge­ziel­te Be­kämp­fung die­ser 
Men­schen, die die ka­ta­stro­pha­len Um­stän­de in ihren Her­kunfts­län­dern zur Flucht 
ge­zwun­gen haben.

Ein wich­ti­ger Schritt dabei ist die Er­klä­rung von be­nach­bar­ten Län­dern, die auf 
dem Rei­se­weg der Flüch­ten­den lie­gen, zu so ge­nann­ten si­che­ren
Dritt­staa­ten. Damit kön­nen Men­schen, die trotz aller Ab­schir­mungs­maß­nah­men die 
BRD er­rei­chen, di­rekt in diese Durch­rei­se­län­der ab­ge­scho­ben wer­den.

Eine ähn­li­che Tak­tik ver­folgt die Aus­zeich­nung von Län­dern als "si­che­re 
Her­kunfts­län­der": mit die­ser De­kla­ra­ti­on wird das je­wei­li­ge Land zur 
ver­fol­gungs­frei­en Zone er­klärt und Asyl­an­trä­ge von Men­schen, die von dort in die 
BRD ge­flo­hen sind, pau­schal ab­ge­lehnt. Diese Re­ge­lung soll nun ge­zielt gegen Roma 
an­ge­wandt wer­den: in vie­len Staa­ten sehen sich An­ge­hö­ri­ge die­ser Grup­pe seit 
Jahr­hun­der­ten Ver­fol­gung und Dis­kri­mi­nie­rung aus­ge­setzt. Be­son­ders bru­tal 
stellt sich ihre Le­bens­si­tua­ti­on in vie­len ost­eu­ro­päi­schen Län­dern dar, wo es 
immer wie­der zu an­ti­zi­ga­nis­ti­schen Über­grif­fen und po­gro­m­ar­ti­gen At­ta­cken 
kommt. Sys­te­ma­tisch wer­den Roma von jeg­li­cher Teil­ha­be an der 
ge­sell­schaft­li­chen Nor­ma­li­tät aus­ge­grenzt. Roma wer­den zwangs­wei­se in Slums, 
die oft­mals am Rand von Müll­kip­pen oder an­de­ren ge­sund­heits­ge­fähr­den­den 
Ge­bie­ten lie­gen, un­ter­ge­bracht. Bes­se­re Jobs und Ver­dienst­mög­lich­kei­ten sind 
ihnen prak­tisch ver­wehrt, wes­halb Armut und Ar­beits­lo­sig­keit zum Stan­dard 
ge­hö­ren. Kin­dern wird der Schul­be­such fak­tisch un­mög­lich ge­macht, so dass sich 
der Kreis­lauf fort­setzt. Ge­sell­schaft­li­che Un­zu­frie­den­heit wird von 
kon­ser­va­ti­ven und rechts­po­pu­lis­ti­schen Strö­mun­gen ge­zielt in 
an­ti­zi­ga­nis­ti­sche Vor­ur­tei­le und ras­sis­ti­sche An­grif­fe ge­lenkt, so dass 
sich die Roma in die­sen Staa­ten dau­ern­der Dis­kri­mi­nie­rung und Be­dro­hung 
aus­ge­setzt sehen.

Viele Roma sind vor die­sen Le­bens­be­din­gun­gen in den letz­ten Jah­ren in die BRD 
ge­flo­hen, auch wenn sie hier eben­falls mas­siv aus­ge­grenzt wer­den. Nun soll die 
Mög­lich­keit, Asyl­an­trä­ge zu stel­len, ihnen prin­zi­pi­ell ver­wehrt wer­den: die 
Bun­des­re­gie­rung will Ser­bi­en, Ma­ze­do­ni­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na zu 
si­che­ren Her­kunfts­staa­ten er­klä­ren und igno­riert damit alle Be­rich­te von 
Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen über die Si­tua­ti­on der dor­ti­gen Roma sowie 
an­de­rer mar­gi­na­li­sier­ter Grup­pen. Im Wind­schat­ten der WM wurde das Ge­setz durch 
den Bun­des­tag ge­peitscht, doch im Bun­des­rat zu­nächst ge­stoppt, da ei­ni­ge 
Bun­des­län­der ihre Zu­stim­mung ver­wei­ger­ten. Am 19. Sep­tem­ber soll er­neut über 
das Ge­setz ab­ge­stimmt wer­den, und aller Wahr­schein­lich­keit nach wird es dies­mal 
an­ge­nom­men.

Es ist be­son­ders dreist, dass ge­ra­de Roma damit er­neut von deut­schen Ge­set­zen 
ver­folgt wer­den. Im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wur­den etwa 500.000 Sinti und Roma von 
den Deut­schen er­mor­det, und die sys­te­ma­ti­schen Dis­kri­mi­nie­run­gen gegen diese 
Grup­pen setz­ten sich auch nach 1945 fort. Wäh­rend die Bun­des­re­gie­rung 
Waf­fen­ex­por­te und Kriegs­ein­sät­ze in allen Kon­ti­nen­ten mit der "be­son­de­ren 
Ver­ant­wor­tung", die durch den fa­brik­mä­ßi­gen Mord an jü­di­schen Men­schen, Sinti 
und Roma er­wach­sen ist, recht­fer­tigt, wer­den die ei­gent­li­chen Opfer wei­ter­hin 
mit Füßen ge­tre­ten. Dass es sich bei den aus Ost­eu­ro­pa vor Ver­fol­gung hier­her 
Ge­flo­he­nen um die Über­le­ben­den der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Mord­po­li­tik und 
ihre Nach­kom­men han­delt, wird ge­flis­sent­lich über­se­hen - in die­sem Fall gibt es 
of­fen­bar keine "be­son­de­re Ver­ant­wor­tung".

Wir dür­fen nicht zu­las­sen, dass den Roma mit die­sem Ge­setz jeg­li­che Mög­lich­keit, 
in die BRD zu flie­hen, ge­nom­men wird. Wir for­dern freie Ein­rei­se­mög­lich­kei­ten 
für alle Roma. Wir for­dern men­schen­wür­di­ge Un­ter­brin­gung und ein 
selbst­be­stimm­tes Leben für alle Ge­flüch­te­ten.
Wir for­dern ein Ende der mi­li­tä­ri­schen Be­kämp­fung der Ge­flüch­te­ten an den 
Au­ßen­gren­zen der "Fes­tung Eu­ro­pa".

So­li­da­ri­tät mit den Ge­flüch­te­ten!
Blei­be­recht für alle!
Kein Mensch ist il­le­gal!

Sams­tag, 6.9.2014 - 14 Uhr
Ort: Schloss­platz Schwet­zin­gen


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