(de) FdA/IFA - Gai Dào #44 - Gepflegte Stümperei Von: Ingwer Schröd

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Mon Sep 1 16:45:28 CEST 2014


Viele Aktivitäten von engagierten Menschen im Bereich Social Media verpuffen. Vor allem 
eignet sich soziale Medien zum Verbreiten von Informationen, die Bewerbung von 
Veranstaltungen und das Geben von Hinweisen auf interessante Webseiten. Manchmal jedoch 
finden über diese Medien auch wildfremde Menschen zu schönen, nützlichen oder die Welt 
verändernden Aktivitäten zusammen. Über eine dieser Aktivitäten wird hier berichtet: Die 
"Gepflegte Stümperei". ---- Der konkrete Social-Media-Anbieter, bei dem diese Aktivität 
entstand, ist austauschbar, in diesem Fall handelt sich es um das höchst zweifelhafte 
Facebook. Es soll hier jedoch ausdrücklich keine Werbung für eine geschlossene Plattform 
gemacht werden, die Erwähnung dient allein der Nachvoung für eine geschlossene Plattform 
gemacht werden, die Erwähnung dient allein der Nachvollziehbarkeit.

Alles begann - wie so oft - mit einer Idee, die Mitte Juni 2014
in einer Online-Gruppe eingebracht wurde. Basierend auf der
Beobachtung, dass immer mehr Menschen sich mit Hilfe von
Hörbüchern und Hörspielen informieren bzw. unterhalten las-
sen, kam die Frage auf, ob es nicht auch anarchistische Klassiker
in dieser Form geben sollte. Zu dieser Beobachtung kam der Ge-
danke der Notwendigkeit hinzu, Solidarität zu üben. Denn viele
Menschen, die sich für das Thema "Anarchismus" interessieren,
sind von diesen Werken aus ganz unterschiedlichen Gründen
ausgeschlossen, sei es nun weil ihnen Lesen schwer fällt oder
aus zeitlichen, gesundheitlichen oder anderen Gründen gar un-
möglich ist. In nur wenigen Minuten entwickelte sich mitten in
der Nacht aus der Idee eine konkrete Aktivität: Im Online-Fo-
rum wurden technische Informationen ausgetauscht, eine Ab-
stimmung über das erste zu vertonende Werk organisiert, Text-
bausteine verteilt. Und am nächsten Tag gab es schon ein erstes
Fragment aus "Emma Goldman - Die Russische Revolution und
das autoritäre Prinzip" als Audiodatei. Wenige Tage später war
Emma Goldmans gesamter Text von vier Sprecher*innen kom-
plett eingelesen und bearbeitet und es begann seine digitale Ver-
breitung.

Da die ganze spontane Aktion viel Spaß gemacht hatte, be-
schlossen die Beteiligten (und andere, neu Infizierte), die Ak-
tivität fortzusetzen und sich an weiteren Texten zu versuchen.
Sie gaben sich den Namen "Gepflegte Stümperei", der zur Ab-
grenzung vom Perfektionismus irgendwann in der Runde auf-
getaucht war.

So gehen die Beteiligten vor: Am Anfang steht die Textaus-
wahl. Dabei greifen die Leser*innen gerne auf Vorarbeiten an-
derer zurück und begeben sich dadurch beim Durchwühlen von
Sammlungen wie dadaweb, anarchismus.at usw. in eine bereits
vorhandene dezentrale Produktionskette. Wenn gesuchte Texte
nicht online vorliegen, werden sie eingescannt - auch das ein
Beitrag zur weiteren Verfügbarkeit. Dann beginnt die Abspra-
che, wer welche Kapitel bzw. Kapitelteile liest. Dazu wird der
Text sinnhaft unterteilt, quasi ein "Drehbuch" erstellt. Wer le-
sen will, braucht ein Mikrofon (zur Not reicht auch das interne
eines Laptops) und eine kostenlose Ton-Aufzeichnungssoftware
wie Audacity (http://audacity.sourceforge.net/?lang=de) oder
Ardour (https://ardour.org/). Im Interesse der Freiheit der Pro-
duzenten wie auch der Produktionsmittel wird versucht, hier-
bei so weit wie möglich Freie Software (FOSS: Free and Open
Source Software) einzusetzen. Dieser Aspekt sei hervorgehoben,
weil er viel zu oft in seiner Bedeutung unterschätzt wird. Eine
Person übernimmt dann den Schnitt, normiert die Lautstärken,
setzt verschiedene Mittel ein, um die individuellen Charaktere
der einzelnen Stimmen bestmöglich zur Geltung zu bringen und
fügt die einzelnen Teile zu einer Datei zusammen. Dies erfor-
dert Bereitschaft, sich mit den Tools auseinanderzusetzen und
nimmt vergleichsweise viel Zeit in Anspruch, allerdings gibt
es ausreichend frei verfügbares Lernmaterial. Angeboten wer-
den die Dateien in den Formaten Flac, Ogg und Mp3. Ogg ist
ein freies und von Softwarepatenten unbeschränktes Format,
das gleichzeitig ohne zusätzlichen Aufwand streamingfähig ist.
Da mp3 bekannter und verbreiteter ist, wird auch dieses Format
bedient.

Neben den kollektiv geschaffenen gibt es auch Werke, die von
einzelnen Personen alleine erstellt werden - weil es soviel Spaß
macht. Zumeist sind es dann kürzere Gedichte oder Texte, bei
denen Mensch auch von den anderen unabhängig etwas machen
kann.

Die Vor-Leser*innen wollen anonym bleiben und möchten nicht,
dass die Texte an eine andere Person als die jeweilige Autorin
oder den Autoren gebunden werden, jemand "Ruhm" dafür oder
Rechte an den Werken beansprucht. Verbreiten und Nachma-
chen ist jedoch ausdrücklich erwünscht. Darüber hinaus tau-
schen Sie ihre Erfahrungen mit dem Lesen und der Technik aus,
so dass jede*r noch etwas dazu lernt. Vor allem das Prinzip, dass
ein Text von mehreren Sprecher*innen gelesen wird, wurde als
Bereicherung empfunden.

Die einzelnen Aufnahmen werden dann übers Internet den an-
deren Beteiligten (zum Vorhören, Korrigieren) und Unbeteilig-
ten zur freien Verfügung gestellt.

Fertig gestellt sind bisher:
- Erich Mühsam - Die Demokraten
- Erich Mühsam - Der Revoluzzer
- Emma Goldman - Die Russische Revolution und das autoritäre
Prinzip (1924)

In Arbeit ist zur Zeit unter anderem "Alexander Berkman - Die
Kronstadt-Rebellion".

Die Ergebnisse können hier und hoffentlich bald auch auf euren
Seiten, Blogs, Archiven, abgerufen und gerne weiterverbreitet
werden: http://direkteaktion.blog.de/2014/07/09/kostenlose-ho-
erbuecher-18843945/

Hat diese Aktivität über die konkreten Ergebnisse (Audio-Datei-
en) hinaus eine Bedeutung? Die Gruppe ist zufällig entstanden.
Es gibt nur ganz wenige persönliche Kontakte. Die Inhalte ent-
wickeln sich entlang des Tuns. Die Social-Media-Plattform dient
dabei nicht nur als technische Plattform, sondern auch als Moti-
vator und erzeugt eine gewisse Verbindlichkeit, nicht nur anzu-
kündigen, sondern auch zu liefern, weil man die Teilschritte der
anderen mitbekommt und jederzeit Rückfragen stellen kann,
wenn man selbst vor einem Hindernis steht. Im Unterschied
zu persönlichen Treffen ist die Entscheidung, wie viel Feedback
bzw. Druck der*die Einzelne gerade im Moment erfährt, in der
eigenen Verantwortung und bei zu viel Druck kann sich jede*r
leicht entziehen.

Learning by doing - das betrifft auch die Fragen, welche und
wie viel Struktur sinnvoll ist, welche Tätigkeiten kollaborativ,
welche besser gebündelt in einer Hand sein sollten, wie Funkti-
onshäufung zu vermeiden ist und die Kommunikation aufrecht
erhalten wird. Das und anderes entwickelt sich nach und nach
experimentell immer entlang an freiheitlichen Grundideen, die
den gelesenen Texten entsprechen.

Expertenwissen und damit einhergehende Machtpositionen
sowie persönliche Profilierung sollen so ausgehebelt werden.
Das für sich genommen ist nicht neu, aber spannend. Fragen
wie Eigenverantwortung oder die Kompromissbereitschaft
rechtlichen Vorgaben (Lizenzen, Urheberrecht) gegenüber, das
Festhalten am eigenen Schaffen versus der Freiheit des Wortes
- es tauchen mehr grundlegende und bereichernde Fragen auf
als erwartet. Der persönliche Anspruch jeder und jedes Einzel-
nen wird strapaziert, die Produktion zum Prüfstein. Durch die
räumliche, teils auch zeitliche Entfernung verlaufen Diskussio-
nen zwar durchaus hitzig, bleiben dennoch an der Sache bzw.
können zu einem anderen Zeitpunkt weitergeführt werden,
ohne dass Positionen verloren gehen.

Es ist nicht absehbar, wie das Projekt weiter laufen wird und
was daraus entstehen kann. Es gibt keinen Masterplan oder
ähnliches, letztlich ist der Sinn der Sache: Bereits vorhandene,
freie "Produktionsmittel" zugänglich zu machen und andere
dazu anzuregen, selbst ganz gepflegt drauf loszustümpern. Sie
möchten die gesamte Bandbreite ihrer, in dieser kurzen Zeit ge-
sammelten Erfahrung allen, die es möchten, frei zur Verfügung
zu stellen, aber auch zeigen, dass es keiner großen technischen
Versiertheit oder künstlerischen Ausbildung bedarf, z. B. Audio-
dateien zu erstellen. Es geht darum, Mut zu machen, Eigenes zu
produzieren und nicht in der Idee zu verharren - dabei über das
Tun die Inhalte nicht zu verlieren: Videos, Audios, Texte schrei-
ben, Demos organisieren.... Macht einfach! Mit Spaß.


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