(de) FAU, Direct Action #225 - "Drum will ich Mensch sein, um zu dichten..."
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Fri Oct 31 22:02:06 CET 2014
Zum 130. Geburtstag von Zenzl Mühsam & zum 80. Todestag von Erich Mühsam. Eine
Doppelehrung (Teil II) ---- Erich Mühsam war eine schillernde Persönlichkeit des
deutschsprachigen Anarchismus. Als Autor von politischen und unpolitischen Texten sowie
Gedichten, als eloquenter Redner sowie als Aktivist in der bayerischen Räterepublik hat er
sich einen Namen gemacht. In diesem zweiten und letzten Teil beleuchtet die DA das Leben
und Werk von ihm und seiner Frau Zenzl.1 ---- Nachdem die Räterepublik am 2. Mai 1919 mit
der Einnahme Münchens zerschlagen wurde, ----wurde Mühsam verhaftet. Ihm wird der Prozess
gemacht und er wird als"treibendes Element" zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Vor
Gericht verteidigt sich Mühsam wie folgt:
"Ich fühle mich nicht verantwortlich vor Ihnen, meine Herren. Verantwortlich bin ich nur
dem Volk gegenüber, für das ich lebe und arbeite und das allein mich zu richten hat. Ich
steh für alles ein, was ich getan habe und würde bei einer neuerlichen Ausrufung der
Räterepublik genau wieder so handeln wie damals ... Ich bitte nicht um mildernde Umstände.
Ich habe nicht zu bitten, ich habe zu verlangen und zwar den Freispruch!"
Zenzl wird in der Gefangenenhilfe aktiv und organisiert sich in der Frauenhilfe für
politische Gefangene, die später einmal in der Roten Hilfe münden wird. Erich und
zahlreiche andere gefangengenommene AktivistInnen der Revolution erhalten auf diesem Weg
Hilfe in Form von Essenspaketen und Geld, sowohl für die anwaltliche Unterstützung als
auch für Besorgungen innerhalb der Haft um den Gefängnisalltag etwas erträglicher zu
machen. Zwar war die Festungshaft als "ehrenhafte Strafe" konzipiert, für Leute, denen
eine ehrenhafte Gesinnung unterstellt wurde. Im Gegensatz zum Zuchthaus gab es keinen
Arbeitszwang, und so fanden sich in der Festungshaft Menschen höherer Stände sowie wegen
politischer Straftaten Verurteilte und Duellanten. Die Festungshaft für Linke unterschied
sich aber grundlegend von der für rechte politische StraftäterInnen. Diese war für Linke
von Terror und Schikane bestimmt, während Karikaturen und Schmähartikel Mühsam das höchste
Leben im Knast und zudem Unterschlagung von Hilfsgeldern unterstellen. Ganz im Gegensatz
dazu Häftlinge aus dem rechten Lager. So musste auch der Mörder Kurt Eisners, Anton Graf
von Arco auf Valley, eine Festungshaft absitzen, hatte dabei aber freien Ausgang, durfte
Besuche empfangen und außerhalb der Anstalt arbeiten. Auch Hitler, der 1924 zu fünf Jahren
Festungshaft verurteilt wurde, erlebte grundlegend mildere Haftbedingungen, sie
unterschieden sich wesentlich von denen der RäterepublikanerInnen. Hitler hatte die
Erlaubnis, jederzeit und solange er wollte, Besuche zu empfangen. Er nutzte die
Gelegenheit und funktionierte Teile des Landsberger Gefängnisses, unter den Augen des
Direktors Leybold, zu einer Schaltzentrale der braunen Bewegung um. Allein in der Zeit vom
3. April 1924 bis zum 20. Oktober 1924 empfing "der Führer" 489 Verehrerinnen und Verehrer
aus ganz Deutschland. "Stöße von Post", Konfekt, Naschereien und "Liebespakete" stellten
die Anstaltsleitung vor eine schwierige organisatorische Aufgabe. Eilig wurden für die
Hofhaltung Hitlers weitere Zellen bereitgestellt.
Im Dezember 1924 kommt Mühsam schließlich frei und reist mit Zenzl nach Berlin, wo selbige
bereits seit einem Jahr wohnt. Es folgen Massenveranstaltungen der Roten Hilfe überall in
Deutschland, auf denen Mühsam als Redner sich für die Befreiung der rund 7.000 politischen
Gefangenen einsetzt. Die Wohnung der Mühsams ist wie in Münchner Zeiten ein lebendiger
Treffpunkt für politische Diskussion, aber auch ein Unterschlupf. Buenaventura Durruti und
Francisco Ascaso verweilten 1928 während ihres Exils bei den Mühsams, sowie bei Augustin
Souchy und Milly und Rudolf Rocker, bis die beiden Spanier schließlich aus Deutschland
ausgewiesen wurden.
Auch die Extreme, die sich um Erich aufbauen, erinnern an die Münchner Zeit. Entweder wird
Mühsam bei Massenveranstaltungen zugejubelt oder er wird mit Schmähungen bedacht und
angegriffen. Auch vor Gericht landet er natürlich immer wieder, unter anderem wegen seiner
publizistischen Tätigkeit. So ist er beispielsweise Herausgeber des Fanal, einer
anarchistischen Monatsschrift und Nachfolgeblatt des ebenfalls von Erich herausgebrachten
Blattes Kain. Der Fanal wurde nahezu ausschließlich von Mühsam mit Artikeln gefüllt;
Mitarbeiter war gelegentlich sein Untermieter, der junge Herbert Wehner, der - ganz davon
abgesehen, dass er bald nach der Zeit in Mühsams Umfeld gegen selbigen agitiert - noch
eine unrühmliche Rolle spielen wird...
Im Berlin der letzten Jahre der Weimarer Republik herrscht eine politisch angespannte
Situation. Die Faschisten skandieren Parolen und Nazilieder, begleitet von
antifaschistischen Pfeifkonzerten und gewaltsamen Konfrontationen, politische
Versammlungen ohne bewaffneten Saalschutz waren kaum denkbar und antifaschistische
Schutztruppen versuchten Arbeiterviertel vor Naziübergriffen zu verteidigen.
Als Hitler Reichskanzler wird, fliehen viele Aktive ins Ausland, am 27. Februar 1933
brennt der Reichstag, noch in der Nacht, am 28. Februar, werden Erich und rund 20.000
weitere AntifaschistInnen verhaftet. Die Aktion konnte nur so schnell über die Bühne
gehen, da in den Aktenschränken der Polizei bereits fein säuberlich aufgelistet war, wer
antifaschistisch gesinnt war.Erich blieb eineinhalb Jahre in Berliner Gefängnissen und
KZs, in Sonnenburg, Brandenburg und landete schließlich in Oranienburg. Hier wurde er am
10. Juli 1934 ermordet. Zenzl wird 1935 über Erichs Leidensweg eine Broschüre
herausbringen. Zudem berichten zahlreiche anarchistische Zeitungen überall auf der Welt
über die Folter und die Ermordung Erichs. Auch Zenzl, die öffentlich die Mörder ihres
Mannes anprangert, befindet sich in Gefahr. Sie soll direkt nach der Beerdigung Erichs von
der Gestapo verhaftet werden. Eine Journalistin warnt Zenzl, diese flieht nach Prag, nicht
ohne vorher den Nachlass ihres Mannes heimlich auf den Weg gebracht zu haben. Der Schwager
von Rudolf Rocker, Ernst Simmerling, nimmt das schriftliche Werk des Toten in Obhut. Sie
bekommt mehrfach das Angebot, in die Sowjetunion einzureisen, lehnt jedoch zunächst ab.
Nicht zuletzt Erich hatte sie eindringlich vor diesem Schritt gewarnt. Sie kommt also nach
Moskau und hält Vorträge über die Gräueltaten der Nazis und über ihren Mann. Sie schreibt
darüber in einem Brief an die befreundeten Rockers, die sich vor den Nazis nach Amerika
gerettet haben:
"Die letzte Versammlung war vor ungefähr 1.500 Russen, die hier in Moskau in einer Schule
sind, von ganz Russland zusammengewürfelt, von Tartaren bis Kirgisen und was man sonst in
Russland an Provinzen kennt. Alles Betriebsarbeiter, die in diese Schulen geschickt
werden, um sich in verschiedenen Sprachen zu bilden. Und da der Kurs jetzt gerade auf
Deutsch ist, wurde diese Versammlung in deutscher Sprache veranstaltet. Dann musste ich
über die Konzentrationslager in Deutschland sprechen, und ich kann Euch das eine sagen,
diese Genossen waren nicht nur erschüttert, diese Menschen sind auch noch zur Empörung
fähig. Alexander Granach sprach dann ein Paar revolutionäre Gedichte. Carola Neher, die
Frau des Dichters Klabund, trug ein paar Soldatenlieder von Erich vor, Lyrik und Balladen.
Die Russen waren am begeistertsten von Erichs Lyrik und seiner Satire. Carola hätte
stundenlang weitermachen können, und sie wäre nicht müde geworden. Am Schluss sang Ernst
Busch ein paar Lieder. Und da stand irgend so ein tartarischer Genosse auf, ohne
irgendeine Tischrede halten zu wollen in dem Deutsch, so gut er es konnte.Er sagte zu mir:
Towaritsch Mühsam, wir trauern mit Dir, aber ich sage Dir, Du musst weiterleben.Dazu
brauchst Du zu essen. Und wenn es Dir fehlt, dann sage uns das. Wir sind viele, und wir
geben Dir zu essen."
Weiterhin versucht Zenzl Erichs Werk, welches im Februar 1936 Moskau erreicht, zu
veröffentlichen. Doch schon wird sie wieder Opfer von Repression. Dieses Mal wird ihr eine
Bekanntschaft mit einem "Trotzkisten" zum Verhängnis. Oft wird in dieser Zeit aus
fadenscheinigen "Beweisen" eine trotzkistische Verschwörung konstruiert, Zenzl landet für
ein halbes Jahr im Gefängnis. Als sie schließlich aufgrund öffentlichen Drucks wieder auf
freiem Fuß ist, verkauft sie Erichs Nachlass an das Maxim-Gorki-Institut für
internationale Weltliteratur. Der sowjetische Geheimdienst bleibt Zenzl aber auf den
Fersen, ein Dossier über sie stammt von einem alten Weggefährten Mühsams: Herbert Wehner.
Dabei unterstellt er Zenzl weiterhin Verbindung mit Trotzkisten zu haben. Die nächste
Verhaftung folgt auf dem Fuße. Im November 1938 wird sie wieder verhaftet und in ein
Straflager geschafft. Acht Jahre später wird sie frei gelassen und in die Nähe von
Nowosibirsk verbannt. Halb verhungert wird sie zufällig erkannt und nach Moskau
geschmuggelt. Nachdem sie denunziert wird, wird ihr der Aufenthalt in Moskau verboten. Sie
geht nach Iwanowo, wo sie bei der Wäscheausgabe in einem Kinderheim arbeitet. 1949 wird
sie erneut verhaftet und verbringt die Jahre bei einer wolgadeutschen Familie bevor sie
1955 in die DDR geht. Hier endet zwar endlich die Zeit der ständigen Verhaftungen und
Verbannungen, dennoch wird sie kontinuierlich überwacht, kennt sie doch vielerlei
unrühmliche Geschichten über einige führende DDR-Politiker. Und weiterhin bemüht sie sich
um die Veröffentlichung von Erichs Werk, Mühsams "Unpolitische Erinnerungen" werden in
Auftrag gegeben.
Am 8. März 1962 stirbt sie schwer krank und wird auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde
in ein Ehrengrab beigesetzt. 1992 wird Zenzls Urne in Erichs Grab auf dem Waldfriedhof
umgebettet.
UNRÜHMLICH IST ES, JUNG ZU STERBEN.
Mein Tod wär sträflicher Verrat.
Ich bin der Freiheit ein Soldat
und muß ihr neue Kämpfer werben.
Und kann ich selbst die Schlacht nicht lenken,
seh selbst nicht mehr das bunte Jahr,
so soll doch meine Bundesscharim
Siege meines Rufs gedenken.
Drum will ich Mensch sein, um zu dichten,
will wecken, die voll Sehnsucht sind,
daß ich im Grab den Frieden find
des Schlafes nach erfüllten Pflichten.
Aus dem Gedicht "Dichter und Kämpfer"
Leyla RoLaren
Anmerkungen:
[1] ? Der erste Teil ist nachzulesen unter
www.direkteaktion.org/224/201e-nicht-lang-g2018schichten-machen-schlagt-sie
Vielen Dank an das Münchner Archiv der Arbeiterbewegung für zahlreiche Quellen und
Hinweise sowie für das Bildmaterial.
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