(de) FAU, Direct Action #225 - Katastrophe und Hoffnung nach dem Scheitern des Nationalstaates

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Thu Oct 30 08:15:51 CET 2014


Interview mit Dilar Dirik, Bloggerin, Aktivistin und Forscherin zur kurdischen 
Frauenbewegung an der Universität Cambridge? zu Krieg und Revolution in Kurdistan ---- 
Liebe Dilar, eines Abends verkündete Claus Kleber effektvoll im ZDF-heute-Journal dem 
deutschen Fernsehpublikum die Existenz einer "Terrorgruppe" namens ISIS. Sind in Syrien 
und im Irak vor ein paar Monaten Außerirdische von einem fernen islamistischen Planeten 
gelandet? ---- Anscheinend. Die Warnungen der KurdInnen aus Rojava (Westkurdistan/ 
Nordsyrien), die seit fast zwei Jahren gegen IS und andere dschihadistische Gruppen wie 
al-Nusra kämpfen, waren hingegen also nur Hirngespinste! Zu Beginn des Aufstands in Syrien 
wurde jede Gruppe, die auch nur im entferntesten als Opposition zu Assad gelten konnte, 
vom Westen auf höchst enthusiastische Art und Weise unterstützt und als "revolutionär" 
gepriesen. Da die

Eine Mutter verabschiedet ihre Tochter auf dem Weg zu den Verteidigungslinien Rojavas 
gegen den IS

DschihadistInnen aber mittels ihrer Ideologie eine radikale und brutale Kriegsstrategie 
umsetzten, konnten sie die größten Erfolge gegen die Regimetruppen erzielen. Deshalb 
musste der Westen in seiner Sicht auf den Krieg in Syrien die enorme Rolle der 
IslamistInnen im Assad-feindlichen Lager lange Zeit verdrängen oder bewusst ignorieren. 
Das hat natürlich auch Assad dazu ausgenutzt, zu behaupten, in Syrien gäbe es überhaupt 
keine ernst zu nehmende demokratische Opposition - doch dass im Umkehrschluss westliche 
Politik und Medien die Rolle der IslamistInnen dermaßen lange als Propagandamärchen Assads 
dargestellt haben, ist einfach unbegreiflich. Derweil belieferten Länder wie Saudi Arabien 
und Katar diese DschihadistInnen mit Waffen, die sie aus dem Westen und auch aus 
Deutschland einkauften. Und nun möchte man uns weismachen, dass der IS aus dem Nichts 
entstanden ist. Was mich schockiert, ist, dass diese Geschichte von einer Mehrheit auch 
noch abgekauft wird.

Beim Umgang der westlichen Staaten mit dem syrischen BürgerInnenkrieg zeigte sich gerade 
in Bezug auf die DschihadistInnen ohnehin schnell, dass es von Beginn an mehr um 
diplomatisches oder machtpolitisches Kalkül denn um die Unterstützung demokratischer 
Strukturen ging. Als im Sommer 2012 nach dem Zusammenbruch der lokalen Strukturen des 
Assadregimes im nordsyrischen/westkurdischen Rojava eine Revolution verwirklicht wurde, 
aus der auf demokratische Weise die linke, ideologisch der nordkurdischen PKK nahestehende 
Partei PYD als stärkste Kraft hervorging, geriet der türkische Staat mit seiner langen 
Grenze zu Syrien in Panik. Die Kollaboration der türkischen Regierung mit den 
DschihadistInnen in Syrien zur Destabilisierung des demokratischen Projekts in Rojava ist 
mittlerweile wirklich mehrfach bewiesen: Während die Grenze für zivilen Handel und 
Flüchtlinge aus Rojava in die Türkei militärisch geschlossen blieb, konnten 
dschihadistische KämpferInnen je nach taktischer Lage munter über die türkische Grenze 
Angriffe auf Rojava starten. Auch die Behandlung von verwundeten DschihadistInnen in 
türkischen Krankenhäusern ist dokumentiert. All dies wird nun so langsam auch von den 
westlichen Medien thematisiert, nachdem lange Zeit gemäß der diplomatischen Logik der 
NATO-Staaten die PYD entweder als Gefahr für die Türkei oder für die Einheit Syriens 
dargestellt und ihre Marginalisierung als notwendige Politik betrachtet wurde. Um 
Demokratie ging es dabei also erkennbar nicht.

Die Bundesrepublik Deutschland steht mal wieder vor einer Zäsur in der Militarisierung 
ihrer Außenpolitik: Im Hauruckverfahren werden wie bei Hilfslieferungen in ein 
Tsunamigebiet Militärgüter in den Irak verschickt. Wer wird diese Güter empfangen, und 
welche Überlegungen stecken dahinter?

Dilar Dirik ist Doktorandin an der Universität Cambridge und erforscht die kurdische 
Frauenbewegung

Die Hastigkeit dieser Entscheidungen ist äußert verwunderlich, vor allem, wenn man 
bedenkt, dass sich die Bundesregierung alle Zeit der Welt gelassen hat, sich überhaupt 
über den Ernst der Lage klarzuwerden. Nun wird versucht, die Waffenlieferungen an den Irak 
als "moralische Pflicht" an die Öffentlichkeit zu verkaufen. Wie man von Moralität 
sprechen kann, wenn die Waffen, mit denen die Kriege und Schlachten im Nahen Osten geführt 
werden, größtenteils ohnehin aus dem Westen kommen, ist natürlich eine andere Frage.

Auf der kurdischen Seite werden diese Waffen an die Autonome Region Kurdistans im Nordirak 
(Südkurdistan) geliefert werden, also direkt in die Hände der regierenden KDP. Diese 
Partei ist eng mit der Türkei verbündet und hat daher - und natürlich auch aus eigenen 
machtpolitischen Erwägungen - die Politik der Destabilisierung Rojavas mit getragen. Als 
der IS in Syrien Rojava angriff, eilten nicht etwa die Peshmerga-Kräfte der KDP über die 
irakisch-syrische Grenze zu Hilfe; stattdessen wurde ein Grenzgraben zwischen Rojava und 
der Autonomen Region ausgehoben, wodurch die Bewegungs- und Beschaffungsmöglichkeiten für 
die Menschen in Rojava in ihrem Kampf gegen den IS enorm eingeschränkt wurden. Die 
Regierung der Autonomen Region Kurdistans im Nordirak, die nun die Unterstützung des 
Westens bekommt, hat also zuvor den Kampf gegen den IS aktiv sabotiert. Genau diese 
Regierungspartei zog sich nun Anfang August 2014 bei den Angriffen des IS auf Sengal im 
Irak ohne Kampf zurück und wartete auf amerikanische Hilfe. So mussten - Ironie der 
Geschichte - die Volksverteidigungseinheiten YPG und die Frauenverteidigungseinheiten YPJ 
aus Rojava eingreifen, um die JesidInnen vor einem Völkermord zu schützen. Kurz darauf 
wurden sie dabei auch von PKK-Guerrillas unterstützt. Durch einen humanitären Korridor 
wurden Zehntausende von JesidInnen nach Rojava gebracht und vor dem IS gerettet. Nicht die 
KDP-Regierung, die nun als letzte Hoffnung wider den IS präsentiert wird, sondern jene 
kurdischen Einheiten aus Syrien und der Türkei, die diese Regierung durch ihren 
Opportunismus marginalisiert hatte, haben die JesidInnen gerettet. Hieran lässt sich 
erkennen, wie an den Menschen vorbei kaltblütige Kalkulationen gemacht werden, die zurzeit 
einer barbarischen Kraft wie dem IS ins Gesicht blicken: Darüber, wer dem Westen nützt und 
wer nicht, ob sie westliche Unterstützung "verdienen" oder nicht. Solch Kalkül, während 
die Schlüsselrolle der YPG/YPJ und der PKK bei der Rettung der JesidInnen unerwähnt 
bleibt, ist regelrecht erniedrigend. Das Fernsehen zeigt um Hilfe bittende jesidische 
Menschen, aber die nach der Evakuierung weit verbreitete jesidische Parole "Gott und die 
PKK haben uns gerettet" wird überhaupt nicht abgebildet.

Claus Kleber & Co. geben der deutschen Öffentlichkeit ja gerade einen medialen Crash-Kurs 
in Middle East Studies. Würdest Du sagen, dass es in Deutschland nun ein größeres 
Verständnis der Situation in Syrien, Irak und Kurdistan gibt?

Zunächst einmal sind diese grundschulartigen Crash-Kurse orientalistisch, simplifizierend, 
banal, chauvinistisch und, wenn es um die Repräsentation kämpfender kurdischer Frauen 
geht, auch extrem sexistisch. Gestern wusste niemand, wer die JesidInnen sind, heute ist 
jedeR Kurdistan-und-IS-ExpertIn. Früher gab es im Kinderkanal eine Sendung namens logo!. 
Da wurden Nachrichten für Kinder gesendet, und genau so klingen diese 
Infoschnelldurchgänge über den Nahen Osten jetzt auch. Diese impliziten Fragestellungen 
wie "Verdienen die Kurden Unterstützung? Sind sie unfanatisch, pro-westlich genug?" sind 
nicht nur intellektuell arm, sondern auch einfach nur respektlos.

Dieses Jahr fand in Hannover eine Demonstration im Gedenken an Halim Dener statt, der vor 
20 Jahren mit gerade mal 16 Jahren von einem deutschen Polizisten erschossen wurde. Der 
Vorfall geschah im Kontext des nach wie vor bestehenden PKK-Verbotes vom November 1993 als 
"terroristische Vereinigung". Somit werden PKK und IS im deutschen Diskurs beide als 
"terroristisch" bezeichnet - welches politische Verständnis von "Terrorismus" steht dahinter?

Es braucht nur eine minimale Anstrengung, um zu erkennen, dass man die PKK wohl kaum in 
dieselbe Kategorie wie den IS stecken kann. Doch Schwarz-Weiß-Denken und 
Wir-und-sie-Diskurse führen dazu, dass sich so eine absurde Darstellung konsolidieren kann 
- erst im Kalten Krieg, heute in der Post-9/11-Ära. Politik im Rahmen von Gut und Böse zu 
definieren, hilft der Aufrechterhaltung des Status Quo, denn somit werden die Widersprüche 
sehr leicht ausgeblendet. In diesem Fall wird gesetzlich, diplomatisch und ideologisch 
kein Unterschied gemacht zwischen AkteurInnen, die sich politisch dem Status quo 
widersetzen, und barbarischen Banden, die Andersgläubigen den Kopf abschlagen und Frauen 
auf Sexsklavenmärkten verkaufen. Die PKK hat sich mehrmals von gewalttätigen Aktionen, die 
unter ihrem Namen durchgeführt wurden, abgegrenzt und vor allem die eigenen autoritären 
Einstellungen der frühen Jahre scharf kritisiert. Zudem kam während der sogenannten 
Ergenekon-Prozesse raus, dass viele der Gewalttaten, für die man in den 90ern die PKK 
verantwortlich gemacht hatte, vom türkischen "tiefen Staat" ausgeführt wurden. Jedoch 
setzt sich die türkische Justiz damit nicht auseinander. Die PKK hat trotzdem bereits 
mehrere einseitige Waffenstillstände ausgerufen und Friedensprozesse eingeleitet. Es waren 
Öcalans Friedensverhandlungen, dank derer es seit über einem Jahr keinen aktiven Krieg 
mehr in der Türkei gibt. Die PKK will eine politische Lösung - und ihr Verbot erschwert 
diesen Prozess nur.

Zudem werden durch das Verbot innerhalb der EU ganze Gemeinden von gewöhnlichen Leuten 
kriminalisiert. Telefone werden abgehört, Demobusse werden bei stundenlangen Kontrollen 
festgehalten. Es gibt viele Fälle, in denen die Polizei bei kurdischen Jugendlichen 
angefragt hat, ob sie nicht ihre Gemeinde ausspionieren möchten, bevorzugt bei denen, die 
Aufenthaltsprobleme haben. Wer sich weigert, dem wird mit Abschiebung gedroht.

Seit dem offiziellen Ende des Kolonialismus sind im Nahen und Mittleren Osten viele 
Staaten gegründet und eingerissen worden. Würdest Du die derzeitige Lage als das Scheitern 
des Staates als Gesellschaftsmodell bezeichnen?

Die aktuelle Lage in Kurdistan und generell im Nahen Osten verdeutlichen ganz klar, dass 
das Paradigma des Nationalstaates nicht gesellschaftlichen Fortschritt, sondern im 
Gegenteil Barbarei mit sich brachte. Die Grenzen, die ohne Rücksicht auf die existierenden 
Lebensformen gezogen wurden, haben die gelebten Realitäten nie widergespiegelt. Nun sehen 
wir die Resultate auf die grauenhafteste Art und Weise - auch in den kurdischen Gebieten.

Sie wurden auf vier verschiedene Staaten aufgeteilt, die Menschen einer Teile-und-Herrsche 
Politik ausgesetzt und gegeneinander als Proxies ausgenutzt. Nachdem im irakischen 
Südkurdistan mit amerikanischer Hilfe eine "No Fly"-Zone errichtet wurde, wurde die 
dortige Verwaltung entsprechend instrumentalisiert. Dies hatte die paradoxe Folge, dass 
eben dieser Teil Kurdistans, der heute einem Staat am ähnlichsten ist und sich aus diesem 
Grund als am unabhängigsten betrachtet, komplett dem Kalkül der globalen Mächte 
unterworfen war, als die Jesiden in Sengal angegriffen wurden. Die staatsorientierte 
Ideologie basiert auf Prinzipien wie Macht, Gewalt und Kollaboration, sie kommen in jeder 
staatlichen Politik zwangsweise zur Anwendung. In einem Staatensystem ist es unmöglich von 
Unabhängigkeit in einem bedeutsamen Sinne zu sprechen - vor allem im Nahen Osten mit der 
Fülle der widerstreitenden Interessen. Und so waren es nicht die Anhänger jenes einem 
Staat am ähnlichsten Kurdistans, die so Vielen auf Flucht vor den Dschihadisten das Leben 
retteten, sondern jene, die die Institution Staat ablehnen. Die Ereignisse zeigen, dass 
das Dogma des Nationalstaates auf leeren Behauptungen beruht und die Menschen in einem 
Modus der Abhängigkeit verharren lässt. Eine Alternative muss her.

Die Region scheint sich ihrer blutigen Kernschmelze zu nähern. Siehst Du für die Menschen 
eine Hoffnung auf Befreiung aus der sich seit Jahrzehnten zuspitzenden Situation?

Die Frauen und Männer, die sich zurzeit Schlachten mit dem IS liefern, tun das aus 
Hoffnung, anders könnten sie es nicht. Ich sehe die Hoffnung in Rojava. Inmitten des 
syrischen Bürgerkriegs hat die Bevölkerung hier, die nicht nur aus KurdInnen, sondern auch 
aus AssyrerInnen, AraberInnen, ArmenierInnen und anderen Bevölkerungsgruppen besteht, 
trotz ständiger Attacken seitens des Assad-Regimes und radikaler Islamisten wie dem IS 
progressive Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut. Obwohl Rojava seit 2012 von allen 
Seiten ausgegrenzt und angegriffen wird, hat die Bevölkerung im Januar 2014 drei autonome 
Kantone ausgerufen. Diese bestehen jeweils aus 22 Ministerien, mit je einem MinisterIn und 
drei Stellvertretenden - je als RepräsentantIn der kurdischen, arabischen und assyrischen 
Bevölkerungsgruppe, wobei mindestens eine Person eine Frau sein muss. Jeder Kanton hat 
zwei Kovorsitzende, je eine Frau und ein Mann. Das gleiche Prinzip wird auf allen 
administrativen Stufen durchgesetzt, genauso wie die gleiche Verteilung zwischen Frauen 
und Männern in allen Bereichen der Verwaltung. Trotz politischer und wirtschaftlicher 
Embargos wurden mehrere Volksräte auf Stadt-, Dorf- und Nachbarschaftsebenen sowie 
Frauenräte, Frauenakademien,  Frauenkooperative und Arbeitskooperative und erstellt. In 
Rojava sehen wir ein Beispiel für die Möglichkeit, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen 
sehr wohl zusammenleben können. Damit steht Rojava der hegemonialen Erzählung von der 
Hoffnungslosigkeit gegenüber religiöser und ethnischer Gewalt im Nahen Osten klar 
entgegen. Diejenigen, die nun gegen den Islamischen Staat kämpfen, zeigen durch ihre 
soziale und auf die Emanzipation von Frauen abzielende Revolution, dass eine andere Welt 
sehr wohl möglich ist.

Interview: Marcus Munzlinger


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