(de) FDA/IFA - KARAKÖK AUTONOME TR/CH - Isyan! Devrim! Anarsi! - Aufruhr! Revolution! Anarchie!
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Mon Oct 27 11:03:34 CET 2014
«SA 11.10. Demo in Basel: Solidarität mit dem Widerstand in KobanêKobani'ye bakis - Kriz
bölgesinden notlar» ---- Blick nach Kobane - Reisebericht eines Aktivisten der Karakök
Autonome ---- Nun bin ich in Suruc angelangt, einer Stadt in der türkei, welche die Grenze
zu Syrien bildet. Der Krieg ist allgegenwärtig. Hier ist das türkische Militär präsent mit
seinen Panzern, Wasserwerfern. Die Bevölkerung im Dorf, in welchem ich mich aktuell
aufhalte, besteht manchmal nur aus einigen Hundert Menschen, manchmal sind es mehrere
Tausend. Viele flüchten von hier, viele kommen aber auch, weil sie über die Grenze
möchten, um sich dem Widerstand in Kobane anzuschliessen, in den Reihen der YPJ/YPG zu
kämpfen, Lebensmittel zu bringen, mitanzupacken, auf irgendeine Art zu helfen. Es herrscht
eine ständige Fluktuation. Immer wieder geht das türkische Militär zum Angriff über, setzt
Wasserwerfer oder Tränengas ein, um die Menschen von hier zu vertreiben. Die türkei möchte
eine Unterstützung der kurdischen Kämpfer_innen möglichst verhindern.
Hunderttausende von Menschen sind bereits von Kobane in die türkei geflüchtet. Die
Menschen in Suruc haben ihre Häuser für die Flüchtlinge geöffnet. In jedem Haus leben
Dutzende bis mehrere Hundert Menschen. Trotz des Mangels am Notwendigsten geht das Leben
weiter. Den ganzen Tag wird diskutiert, Informationen über die aktuellsten Entwicklungen
in Kobane werden weitererzählt. Die Ereignisse ändern sich von Minute zu Minute. Niemand
hier hat eine Ahnung, was bis morgen geschehen wird. Es wird aber auch viel gelacht, trotz
allem. Der Umgang untereinander ist sehr herzlich, alle sorgen sich um alle, jeder hilft
dem anderen, niemand wird alleine gelassen. Man teilt das Wenige, das man hat.
Ich erfahre, dass der IS gestern durch unterirdische Wasserschächte ins Stadtzentrum von
Kobane gelangt ist. Dort konnte die YPG den Einmarsch jedoch erfolgreich abwehren, so dass
die IS-Kämpfer zurück in die Wasserschächte geflüchtet sind. Diese wurden dann in der
Nacht durch die usa und frankreich bombardiert.
Jeden Tag beginnen abends um 16-17 Uhr die Kämpfe zwischen YPG und IS. Nachts hingegen
werden jeweils Bomben durch die usa und andere Regierungen, welche die "Allianz gegen den
IS" bilden, abgeworfen. Tagsüber kreisen us-Flugzeuge über der Stadt. Da die Region eine
Ebene ist, höre und sehe ich die Flugzeuge, die Bomben, den Rauch von hier aus, die
Geschehnisse sind nur wenige Hundert Meter entfernt. Auch sehe ich den Hügel, welcher
letzte Woche in die Hände des IS gelangte. Es handelt sich um einen strategisch äusserst
wichtigen Hügel, da von dort die ganze Stadt Kobane beobachtet werden kann. In den Medien
waren letzte Woche Bilder von Flaggen, welche der IS hier gehisst hatte. Mittlerweile
konnte der Hügel wieder rückerobert werden und ist in den Händen der YPG. Trotzdem ist er
aktuell menschenleer. Dies wohl deshalb, weil sich in rund 100 Meter Entfernung ein
weiterer Hügel befindet, welcher durch das türkische Militär besatzt ist.
Rückeroberter Hügel in Kobane
Ich spreche mit Menschen aus Kobane, die hierher nach Suruc geflüchtet sind. Sie erzählen
mir von den Volksversammlungen, von den Selbstverwaltungsstrukturen. Bevor ich kam, war
ich nicht sicher, ob die Berichte, die wir hören und lesen, stimmen. Könnte es sein, dass
die Erzählungen von Rojava, der befreiten Region, beschönigt werden? Dass mir
Bewohner_innen davon berichten werden, dass die Selbstverwaltungsstrukturen gar nicht den
ganzen Alltag prägen, sondern nur am Rande vorhanden sind, während Parteien die
wesentliche Regierung bilden? Fragen über Fragen... Als ich jedoch mit den Bewohner_innen
spreche, merke ich, dass meine Zweifel nicht berechtigt sind - im Gegenteil: ich entwickle
noch grössere Achtung vor den Entwicklungen hier, als ich die Berichte direkt aus erster
Hand, von Jugendlichen, Frauen oder Greisen höre. Sie schildern mir die
Volksversammlungen, davon, dass alles im Kollektiv besprochen und entschieden wird, dass
die gesamte Verwaltung von unten ausgeht, von den Frauenkomitees, von den Kommunen. Mich
verblüfft jedoch, dass die Strukturen für die Bewohner_innen von Rojava gar nicht so
bedeutend sind, wie dies für uns aus Tausenden Kilometern Entfernung oft ist. Für sie ist
es Alltag. Sie sprechen nicht von einer Revolution, sondern berichten einfach über etwas,
das für sie selbstverständlich und alltäglich ist. Es ist nichts Besonderes dabei. Eine
ältere Frau erzählt mir von den Strukturen in Rojava und malt damit ein Bild einer reellen
libertären Gesellschaft, ohne jedoch mit theoretischen Begriffen oder Namen irgendwelcher
libertärer Gurus um sich zu werfen. Vermutlich kennt sie diese auch gar nicht und es
spielt auch gar keine Rolle. Begriffe und Namen sind überflüssig, wo etwas Realität ist.
Weiter fällt mir auf, dass manche bewusst hinter den Strukturen in Rojava stehen. Manche
jedoch finden die ganze Sache alles andere als toll. Eine aus Kobane geflüchtete
Bewohner_in sagt mir, sie wünsche sich, dass in Rojava ein Staat errichtet wird. Als ich
sie frage, weshalb, meint sie: "Dann müssen wir nicht immer alles selber machen, sondern
die Politiker können das Wesentliche organisieren und entscheiden". Ein Staat würde der
Bevölkerung zudem Schutz bringen, ist sie überzeugt: "Hätten wir einen Staat, würden wir
nun nicht von allen Seiten angegriffen oder wir hätten zumindest Unterstützung durch
andere Staaten". Weiter berichtet sie, dass sie 90% des Ertrags ihres Nutzlandes habe an
Regionen, die über keine Landwirtschaft verfügen, abgeben müssen. Dies, weil in der
Volksversammlung entschieden worden sei, dass die Güter möglichst gleichmässig verteilt
werden, um die Bedürfnisse aller decken zu können. Es sollte kein Überfluss an einem Ort
und ein Mangel an einem anderen Ort entstehen. Die Frau, mit der ich spreche, würde aber
lieber den ganzen Ertrag für sich behalten - oder zumindest einen grösseren Teil.
Ich sehe, wie lebendig die Umwälzung in Rojava ist und welche Diskrepanzen sie auch in
sich hat. Unter einer Diktatur würden alle gleich denken. Hier gibt es verschiedene
Ansichten, die auch offen kommuniziert werden. Ich weiss von einer Umfrage, welche in
Rojava vom Komitee für Forschung und Statistik durchgeführt worden war. Ziel war es
gewesen, zu eruieren, welches politische System sich die Bewohner_innen wünschen. Fast 70%
standen hinter der Idee des Demokratischen Föderalismus. Rund 30% wünschten sich ein
anderes System, beispielsweise einen islamischen oder nationalistischen Staat oder ein
kapitalistisches System.
Trotz allem besteht die Region seit nunmehr einem Jahr und erweist sich als stärker, als
von allen eingeschätzt. Als der IS in Kobane einmarschierte, gingen alle davon aus, dass
die Stadt in wenigen Tagen eingenommen werden würde. Doch die Bevölkerung leistet
Widerstand. Alle halten Wache, haben sich bewaffnet. Nun ist der IS auf dem Rückmarsch,
immer mehr Teile von Kobane werden rückerobert.
Es geht weiter.
Tausende marschieren in Suruc an der Grenze zu Kobane, um ihre Solidarität mit der
dortigen Bevölkerung zu demonstrieren.
Aufeinandertreffen der Solidaritätskundgebungen mit Bewohner_innen in Rojava.
Die türkische Polizei attackiert immer wieder Menschen, die Solidaritätskungebungen
durchführen oder über die Grenze nach Rojava möchten.
Die gesamte Bevölkerung in Rojava hat sich bewaffnet, um Widerstand gegen den IS zu leisten.
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