(de) FAU, Direct Action #225 - Wenn Betriebsrat, dann richtig -- Mitbestimmung im Callcenter
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Sun Oct 26 10:34:23 CET 2014
Leipzig ist neben "Helden"-, Buch-, Studenten- und Wasserstadt auch Call-Center-Stadt.
Ihre Anzahl schwankt irgendwo im dreistelligen Bereich. Neben ganz kleinen mit weniger als
zwanzig Mitarbeitern sind auch fast alle Großen der Branche vertreten. Dies und die dort
gezahlten Löhne verleiteten die Piratenpartei dazu, eine Städtepartnerschaft mit Kalkutta
ins Gespräch zu bringen.---- In einigen wenigen Callcentern ist es zwar durchaus möglich,
als einfacher Call-Center-Agent (CCA) mehr als zehn Euro die Stunde oder 1.400 Euro Gehalt
pro Monat zu verdienen. Dies ist bei den Großen wie buw, Competence Call Center, TAS oder
Simon und Focken nicht der Fall. Doch eine hohe Arbeitslosigkeit und ein willfähriges
Jobcenter sorgten lange für ausreichend Nachschub an MitarbeiterInnen. Aber der hohe
Bedarf an Menschen, die zu Löhnen unter acht Euro pro Stunde arbeiten, sorgte dafür, dass
viele Callcenter von der Praxis abgehen mussten, nur befristet einzustellen. Der
gewerkschaftliche Organisationsgrad ist auf alle dort agierenden Gewerkschaften (verdi,
dpvkom, FAU) bezogen schlecht bis mäßig. Zwar gelingt es der dpvkom hin und wieder, eine
beachtliche Zahl von Mitgliedern zu werben, d
Quelle: openclipartt.org
och bleiben diese meist nicht lange. Einige Geschäftsführungen wie die bei TAS oder Simon
und Focken gebärden sich regelrecht gewerkschafts- und betriebsratsfeindlich. Bei TAS
wurden die CCA, die einen Betriebsrat gründen wollten, fristlos entlassen. Das Gericht
stellte zwar die Unrechtmäßigkeit der Entlassungen fest, aber aus Angst zu gewinnen,
verzichteten die CCA auf eine Klage auf Wiedereinstellung. Bei Simon und Focken gibt es
eine regelrechte Hetze gegen Gewerkschaften und Mitbestimmung seitens der etwas
Aufgestiegenen. Und Schuld an der schlechten Geschäftslage sei der "Arbeitszeitklau"
(Genau, liebe Scientology-AuskennerInnen, der Begriff ist nicht neu).Bei buw ist es
gelungen, einen eher zahmen Betriebsrat mit vielen Teamleitern zu installieren. Dies war
bis 2012 auch im Competence Call Center der Fall. Die im Betrieb vertretenen
Gewerkschaften verdi, dpvkom und FAU einigten sich dann darauf, den Betriebsrat neu wählen
zu lassen. Dies war möglich, da die Zahl der MitarbeiterInnen seit der letzten Wahl um
über 50 gestiegen war. Man einigte sich auf Listenwahlen statt Personenwahlen, da letztere
befristet angestellte und deshalb weniger bekannte CCA gegenüber Teamleitern
benachteiligen. Die drei Gewerkschaften koordinierten sich auch weiterhin dahingehend,
dass die Zuarbeit zu den einzelnen Problemfeldern verteilt wurde. Als dann aber die dpvkom
die Anrechnung der regelmäßigen Boni auf das Urlaubsentgelt und die Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall als ihren Erfolg deklarierte, wurden die Mitglieder sauer und die dpvkom
war bald weder im Betriebsrat noch im Betrieb vertreten. Die FAU Leipzig ist zurzeit auch
nicht im Betriebsrat vertreten, was aber nichts an der freundschaftlich-kollegialen
Zusammenarbeit ändert.
Neben der Bonianrechnung hat dieser schlagkräftige Betriebsrat auch die Bezahlung der
Rüstzeit mittels einer Pauschale erreicht. Die Betriebsversammlungen werden regelmäßig
durchgeführt. Die Klimatisierung ist in Arbeit, auf die Einhaltung der Bildschirmpausen
wird strengstens geachtet, die Lohnabrechnung ist jetzt für die CCA transparent. Damit
sich an den Löhnen selbst über die geplanten 8,50 Euro Mindstlohn hinaus etwas ändert,
muss sich etwas am Organisationsgrad ändern.
Für einige potentielle Kundenunternehmen ist die Existenz eines funktionierenden
Betriebsrates durchaus ein Pluspunkt, da dies Indizien für Stabilität und Einhaltung von
arbeitsrechtlichen und sozialen Mindeststandards sind. Es kann also sehr sinnvoll sein,
Einfluss auf die Zusammensetzung eines Betriebsrates zu nehmen und so die Situation der
Beschäftigten zu verbessern. Weiterhin kann der Betriebsrat ein Feld der Bündnisarbeit und
Agitation für uns AnarchosyndkalitInnen sein. Dass wir uns betriebliche Mitbestimmung
perspektivisch ganz anders vorstellen, müssen und sollten wir dann nicht verschweigen,
sondern als kritischer und vor allem zuverlässiger Partner agieren.
Leo Stein
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