(de) FDA/IFA, Gai Dào #46 - Gustav Landauers Stellung zum Weltkrieg Aus seinen Publikationen und Korrespondenzen. Vor dem Krieg, im "sogenannten Frieden" (Teil 1.1) von Jan Rolletschek
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Wed Oct 15 18:14:07 CEST 2014
Den Weltkrieg vorherzusehen, den das Deutsche Kaiserreich im Sommer 1914 entfesselte und
der die Staatsnation erstmals zur "Volksgemeinschaft" zusammenschweißen sollte, war
seinerzeit keine große Kunst. Seit Mitte der 90er Jahre steuerte das Reich mit
gesteigertem Tempo auf ihn zu, und vielfach war die Frage nur noch wann, nicht ob er
ausbrechen würde. ---- Landauer erahnte das ungeheure Ausmaß dieses Krieges. Er hatte auch
keinen Grund, sich weder über die Kriegsbereitschaft der SPD zu verwundern, noch über die
Revolution an seinem Ende oder über ihr Scheitern. All das stand ihm lange zuvor deutlich
drohend vor Augen. Wie er sich angesichts dieser Drohungen, wie er sich während des
Krieges und bei dessen Zusammenbrechen verhielt, seine Analyse und was er tat, um diesen
Krieg dennoch abzuwenden, soll anhand seiner Publikationen und Korrespondenzen
rekonstruiert werden. Dies ist der erste von drei Teilen eines Artikels, der in den
kommenden Ausgaben der Gai Dào fortgesetzt wird.
"Von einem Gemeinwesen, dessen Untertanen nicht zu den Waffen greifen,
weil sie durch Furcht eingeschüchtert sind, lässt sich eher sagen, dass es
ohne Krieg ist, als dass es sich in einem Zustand des Friedens befindet."
(Spinoza)
Macht und Mächte
Dass der Erste Weltkrieg mit dem Attentat auf den österreichischen
Thronfolger Franz Ferdinand begann, ist eine willkürliche Meinung.
Die nähere Konstellation, in der das Attentat derart wirksam werden
und am 1. August 1914 zur Kriegserklärung gegen Russland führen
konnte, hatte sich über einen langen Zeitraum aufgebaut. Auch die
antimilitaristische Agitation Gustav Landauers setzte nicht erst mit
Kriegsbeginn ein. Es lässt sich sogar sagen, dass sie durch Attentat,
Julikrise und Kriegsausbruch überhaupt keine tiefgehende Verände-
rung erfuhr. Dafür war sein Standpunkt zu gut begründet. Zugleich
jedoch reagierte Landauer sehr sensibel auf eine je besondere Situati-
on und passte sich ihr in seinen Bemühungen an. So lassen sich zwi-
schen 1909 und 1919 verschiedene Perioden unterscheiden, während
derer ihm die eine oder andere Einwirkung möglich und vordringlich
erschien. Seine spezifischen Interventionen als einer jeweiligen Lage
entsprechende Modulationen grundlegender Orientierungen und so
zugleich diese selbst hervortreten zu lassen, ist das nähere Ziel dieses
Artikels. [1]
Insbesondere drei konstanten Charakteristika der Äußerungen Lan-
dauers möchte ich dabei nachspüren: 1.) seinem Insistieren auf indi-
vidueller Handlungsmacht, 2.) seinem Begriff kollektiver Individua-
lität und schließlich 3.) seiner Aufmerksamkeit für gesellschaftliche
Machtverhältnisse. Durch die Fokussierung dieser Themen, die mit
Landauers Stellungnahmen zu Krieg und Kriegsgefahr intim verbun-
den sind, enthüllt sich - woraus er selbst nie einen Hehl gemacht hat
- sein Anarchismus zugleich als ein umfassender Spinozismus [2] , in
dessen Licht ersterer erst recht verständlich wird, und erweist sich
gerade durch diesen Rückgriff (auf Spinoza) als besonders aktuali-
sierbar. [3] Zur Vorgeschichte des Krieges gehört die Bosnische An-
nexionskrise. Am 5. Oktober 1908 hatte Österreich-Ungarn die seit
dem Sommer 1878 besetzten Provinzen Bosnien und Herzegowina
annektiert; im Verlauf der nun folgenden Krise sicherte der damalige
Reichskanzler v. Bülow der Donaumonarchie am 29. März des fol-
genden Jahres die "Nibelungentreue" des Deutschen Reiches zu. Nur
knapp, schien es, war ein Krieg zum damaligen Zeitpunkt vermieden
worden. Um ein Haar wären die Befehlsketten geschnurrt und hätten
alles in Gang gebracht, die Bündnissysteme wären in Kraft getreten,
der Weltkrieg entfesselt worden.
Drei Tage später, am 1. April, reagierte Landauer auf die Ereignisse
mit einem Artikel im Sozialist; Entwarnung wollte er keine geben,
im Gegenteil: "Jetzt war die Kriegsgefahr da und mag manchem wie
ein Blitz grell beleuchtet haben: im Krieg und im sogenannten Frie-
den sind wir Verkaufte, sind wir mit Leib und Leben denen überant-
wortet, die gar nicht unserer Welt angehören, die mit unsern Taten
Interessen wahren, die wir nicht wollen, Zwecke verfolgen, die nicht
unsere Zwecke sind." [4] Der Vorschein der Eskalation, die so nahe
die wirklichen Machtverhältnisse enthüllt hätte, sollte eine gellende
Warnung sein, denn das nächste Mal mochte es weniger glimpflich
abgehen.
Die Kriegervereine und chauvinistischen Verbände, die imperialisti-
schen Begehrlichkeiten der "Weltpolitik", die aggressive Flottenpoli-
tik seit Ende der 90er Jahre, das Wettrüsten mit Russland und Groß-
britannien [5] , die Diplomatie der Drohung am Rande des Krieges und
die Formierung der Staatenbündnisse um eine "Zentralisationsach-
se" [6] , alles dies war im Grunde nichts anderes als schon der Krieg
in Latenz. Der Staatenkrieg bereitete sich vor; einmal würde er aus-
brechen. Tat er es einstweilen nicht, so nur aufgrund eines prekären
Gleichgewichts der Furcht.
Um den scheinbar unvermeidlichen Krieg dennoch abwenden und
die brennende Zündschnur durchschneiden zu können, bevor der
Funke das Dynamit erreicht, würde es nötig sein, zunächst die
Machtverhältnisse zu verschieben und schon vorher die tatsächliche
Fähigkeit zu einem derartigen Eingriff zu entwickeln, d. h. die Be-
fehlskette an eben der Stelle zu zersetzen, wo sie die Massen - nicht
mehr - berührt.
Bekämpfung der Weltflucht
Der Artikel Landauers hatte auch den Charakter einer Klärung, was
den weiteren Zusammenhang seiner oft missverständlich, weil ver-
kürzend, als "Siedlungssozialismus" bezeichneten Bemühungen an-
betraf. Einige Vorträge im Frühjahr 1908 hatten am 14. Juni zur Aus-
rufung des Sozialistischen Bundes geführt [7] , dessen Bestrebungen
u. a. auf die Gründung sozialistischer "Inlandssiedlungen" hinzielten,
welche sich perspektivisch zu einem Netz ländlicher "Wirtschaftsge-
meinden" [8] verbinden und - insbesondere nach der Zerschlagung
des "Großgrundeigentums" [9] - zugleich als Keimzellen und Vorbil-
der neuer Kultur in die weitere Gesellschaft hineinwirken sollten. [10]
Ebenfalls in diesem Sinne, im Sinne also einer immanenten Verlage-
rung der "gemeinsame[n] Macht der Menge" [11] , arbeitete Landau-
er seit Anfang September 1908 an der Niederschrift des Aufruf zum
Sozialismus. [12] Seine nun vollends, aber seit 1911 sich verstärkende
antimilitaristische und kriegsverhindernde, Agitation steht in en-
gem Zusammenhang mit der weiteren, zur gleichen Zeit sich intensi-
vierenden Arbeit des Sozialistischen Bundes und folgt der nämlichen
Perspektive einer Neuverteilung kollektiver Handlungsmacht. Denn
wie die Dinge standen, war die Menge der Vielen vorerst nicht in der
Lage über ihr Leben, nicht einmal über Krieg und Frieden, selbst zu
entscheiden.
Nun griff Landauer scharf den Ästhetizismus und die gepflegte In-
nerlichkeit eines Milieus an, dem er selbst nahe stand - von dem er
sich jedoch grundlegend unterschied. Die geistige Entrückung all
derer, die keinen besonderen Anteil an der wilhelminischen Gesell-
schaft nahmen und bereits "innerlich aus dem Staate, aus dem Reich
der Gegensätze zwischen den Staaten ausgetreten" (21) waren, lieferte
sie tatsächlich und gerade deshalb der obersten Gewalt nur um so
gründlicher aus. Sie lebten der Idee und ihren Träumen, in irgend-
einer hübschen Zukunft, und dieses stolze, dieses ideelle Voraussein
besiegelte ihre reale Ohnmacht, den Verlust noch des Sinns für die
gerade gegebene Situation, in der allein sich wirken ließe, und die
in ihr wirklich bestehenden Machtverhältnisse. Nur notgedrungen
flüchtete man sich, "fast mit geschlossenen Augen, mit zusammen-
gepressten Lippen", durch die schmerzlich empfundene, von überall
herandrängende Niedrigkeit und Rückständigkeit des Kaiserreichs.
Man ging auf die Straße, nur um "in eine Ausstellung oder ein Thea-
ter oder ein Konzert zu kommen", um sich "in den Dämmer oder das
Gewoge der Schönheit zu zaubern; oder um mit einem Freunde gute
Worte und Blicke zu tauschen; oder aber, um teilnahmslos, unter völ-
ligem Schweigen unsres eigentlichen, unsres inneren Menschen uns-
re Rolle in der kapitalistischen Wirtschaft zu spielen, damit wir leben
können. Dann fahren wir wieder so schnell wie möglich in unsern
Vorort hinaus: da haben wir uns so ein kleines Reich der Ländlichkeit
und Abgeschlossenheit zurecht gemacht, und da führen wir, wie wir
meinen, unser eigentliches Leben." (18f.) Man träumte sich weg, und
nichts war getan. Klar und simpel sprach Landauer aus, dass sie alle
ausgeliefert waren und doch die Allermeisten sich dabei zu beschei-
den schienen.
Ideologie und Wirksamkeit
Es lohnt hier, eine kleine Passage dieses Artikels vom April 1909 her-
vorzuheben und genauer zu besehen, in der Landauer die so beschrie-
bene durch die Verhältnisse beförderte Weltflucht derer, die (in ihren
Vorstellungen) aus den sie leiden machenden Verhältnissen schon
ausgebrochen sind, mit einer Theorie der Kausalität in Verbindung
bringt. "Erst auf einer Vorstufe", schreibt er, "sind die vielen, die von
ihm [dem Zwangsverband Staat] nichts wissen wollen, weil er sie an
Leib und Seele Not leiden lässt: diese sind noch bloß Bewirkte, wir
wollen Wirkende sein." (22)
Was in diesem Satz in nuce enthalten ist oder doch wider klingt, ist
eine ganze Theorie der Ideologie und ihrer materiellen Existenz eben-
so wie, und mit dieser verknüpft, eine komplexe Theorie der Kausali-
tät. Hier ist nicht der Ort, diesen Satz Wort für Wort zu diskutieren,
aber drei Dinge sollen bemerkt werden. Alles Weitere wird dann
durch diese scheinbare Abschweifung nur umso besser verständlich.
Erstens: Es besteht für Landauer keine Trennung zwischen Theorie
und Praxis, so wenig, wie sie für irgendjemanden zu seiner Zeit be-
standen hat oder heute besteht. Der Unterschied ist nur, dass Landau-
er um die Scheinbarkeit einer solchen Trennung weiß, während an-
dere munter von ihr daherreden. [13] Die unerquicklichen Umstände
des Kaiserreichs betrafen das Denken geradeso wie das Handeln und
drängten beides zugleich in die Passivität. Zwar strebt der Geist (auch
jedes Menschen), "soviel er kann, sich dasjenige vorzustellen, was
die Wirkungsmacht des Körpers vermehrt oder fördert" (EIII, L12) -
und dessen Idee zugleich "unseres Geistes Macht des Denkens" (ebd.
L11) steigert, doch tut er dies "sowohl insofern er klare und deut-
liche, als auch insofern er verworrene Ideen hat" (ebd. L9), die von
leidenden Affektionen herrühren, mit falschen Vorstellungen, die
wirklicher Erkenntnis entgegen sind und durch die er sich deshalb
in seinem Streben verfehlt. Bei der ästhetizistischen Weltflucht, die
Landauer hier diskutiert, handelt es sich um einen solchen Fall. Sie ist
ein Streben unter falschen Voraussetzungen und mit verfehltem Er-
gebnis. Die spontane Abscheu derer, die "nichts wissen wollen" vom
"Zwangsverband Staat" als der Ursache ihrer "Not", weiß tatsächlich
nicht viel von ihm. Die Weltflucht, die Landauer angreift, ist nur Ak-
kommodation, "Schein, Selbsttäuschung, Bemäntelung des (...) völli-
gen Mangels an Gestaltungs- und Tatkraft." (21) Sie ist nur vorgestellt
und daher, weil es nun mal kein Außen gibt, lediglich eine leidende
Art, in den Verhältnissen zu sein, die man zu fliehen meint, und ihr
allereigenster Teil. Eine - wenn man so will - wirkliche Weltflucht
wäre nur möglich als eine solche, die diese Verhältnisse erkennend
verändert. [14]
Im Aufruf zum Sozialismus macht Landauer eine erstaunliche, etwas
unvermittelt wirkende Einlassung über "die Menschen unsrer Zeit
und zumal die sogenannten Sozialisten", indem er behauptet: "sie
tun nichts Wirkliches und nichts Praktisches; und wie könnten sie
Wirkliches schaffen, da sie nicht wirklich denken!" [15] Die Stelle kor-
respondiert sichtlich der eben zitierten: Denken und Handeln - bezo-
gen auf die "Substanz" Spinozas sind sie identisch (EII, L7) - werden
direkt verknüpft und so auch die Verwirklichung, die Landauer im
Sinn hat, mit "wirklichem Denken". Umgekehrt bedeutet dies mit-
hin, dass ein besseres und erst ganz ein adäquates Wissen nicht nur
die Möglichkeit gesteigerter Aktivität, d. h. aktiver, statt zufälliger
Wirkungen und wirksamer Praxis in Aussicht stellt, sondern mit ihr
geradezu in Eins fällt. Wer einer bestimmten Erkenntnis wirklich
habhaft ist, kann nicht anders, als ihr gemäß handeln, und gerade
darin ist er oder sie frei.
Zweitens: Landauer stellt in der zitierten Passage "Wirkende" und
"bloß Bewirkte" gegenüber. Zwar übertreibt er damit ein Wenig,
denn niemand kann sich seiner Wirkmacht gänzlich entäußern und
tatsächlich "bloß" bewirkt sein. Um so deutlicher jedoch tritt so die
Konzeption einer doppelten Kausalität - sowohl innerweltlich als
auch immanent - hervor, wie sie ebenfalls der Ontologie Spinozas
entnommen ist. Die singulären "Einzeldinge" (z. B. Menschen) stehen
in gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen und sind jedes durch
ein komplexes Netz äußerer Ursachen bewirkt (EI, L28; V, L6, Bew.);
sie sind gleichsam nur die Summe dieser Ursachen und der Bereich
einer singulären Überlagerung ihrer Bedingungen. Dies wäre die in-
nerweltliche Kausalität. Zugleich jedoch sind sie jeweils selbst wirk-
sam, relativ autonom und irreduzibel auf die Verhältnisse, in denen
sie sich herausbilden (EI, L36; III, Def2). Dies wäre die immanente
Kausalität, eine Wirksamkeit, die ihnen selbst innewohnt. Für Spi-
noza und mit ihm für Landauer ist die "Begierde" (EIII, A.def.1), "die
Macht oder das Streben" eines jeden Dinges, sich "in seinem Sein" zu
erhalten, geradezu die "wirkliche Essenz" ebendieses singulären Ein-
zeldinges (EIII, L7, Bew.), das sich als geregeltes Bewegungsverhältnis
seiner Teile (EII, Ax3; Hs7) im fortwährenden Austausch mit ande-
ren Dingen reproduziert. [16] Völlig autonom, d. h. notwendig frei,
ist - mit Spinoza zu sprechen - nur "Gott": die unendliche Substanz
oder "Natur". Sie ist Ursache ihrer selbst (causa sui) und folgt gänz-
lich ihrer eigenen Notwendigkeit, schon weil sie nichts außer sich
hat, was sie bedingen oder begrenzen könnte (EI, Def1u.7). Dies heißt
umgekehrt aber auch, dass die Einzeldinge nicht nur als Bewirkte in
der unendlichen Substanz enthalten sind, sondern auch teilhaben an
deren immanenter Wirksamkeit. Insofern sie ihrer inneren Notwen-
digkeit folgen, sind sie frei. [17]
Gleichwohl ist völlige Autonomie für Einzeldinge unerreichbar. Die
"Wirkende[n]", von denen Landauer spricht, sind zwar nicht "bloß Be-
wirkte", aber sie sind es immer auch, und gerade darin bildet sich ihre
Individualität. Sie sind auch als Wirkende ein Teil der unendlichen
Substanz, aber eben nur ein Teil, und so hängen sie von unzähligen
Dingen ab und bedürfen unzähliger Dinge zu ihrer Erhaltung. Die
Vorstellung eines autonomen, überhaupt eines zentristischen oder
selbst-identischen Individuums, auch einer Nation, ist deshalb ab-
surd.
Da ein einzelnes menschliches Ding gegen die äußeren, es übertref-
fenden Umstände [18] nicht viel vermag (EIV, Ax.; L3), wird sein Stre-
ben auch darauf gehen, sich zur Steigerung seiner Macht mit anderen,
ihm ähnlichen Dingen (d. h. Menschen) "in gegenseitiger Hilfe" (EIV,
L35, Anm.; L28) zusammenzuschließen. Was Spinoza - und Landauer
mit ihm - denkt, sind nun die Bedingungen eines Gemeinwesens,
dessen Macht die gemeinsam besessene Macht der Einzelnen ist und
ihr nicht - wie unter den Bedingungen der Staatlichkeit - entgegen-
steht: die freie Assoziation, in der "alle", geleitet durch den verbinden-
den Geist der Vernunft, Liebe und Gerechtigkeit [19] , "zusammen für
sich selbst den gemeinsamen Nutzen aller suchten" (EIV, L18, Anm.;
vgl. L73). Nichts anderes auch haben wir darunter zu verstehen, wenn
Landauer uns etwa im Aufruf zum Sozialismus von der "Durchein-
anderschichtung der vielen aus dem Geist erwachsenen Bünde" in
"natürlichem Zwang der Zueinandergehörigkeit" spricht. [20]
Drittens: Fast ungewollt sind wir längst übergegangen zum Thema
kollektiver Individualität, das präziser als eines der "Transindividu-
alität" [21] bezeichnet ist. Seine begriffliche Aufklärung ist elementar
für ein angemessenes Verständnis des Landauer'schen Antimilita-
rismus, seiner entschiedenen, unseren modernen Ohren fast unver-
ständlichen Entgegensetzung von "Staat" und "Volk", überhaupt sei-
nes offenen, nicht-identischen Begriffs der Nation, der uns in seinen
Schriften überall entgegentritt, - und mit dem er einem chauvinis-
tischen Begriff der Nation oder des Volkes begegnete, wie ihn Carl
Schmitt dem deutschen Mob seit den frühen 20er Jahren am präzises-
ten von den Lippen abgelesen und begrifflich formalisiert hat.
Ein "Individuum", egal wie groß oder klein [22] , ist überhaupt nichts
anderes als das geregelte Bewegungsverhältnis seiner Teile, die es
mit anderen Individuen austauscht. [23] Jedes Individuum ist aus
Teilen (zumeist aus anderen Individuen) zusammengesetzt, steht in
einem Stoffwechsel mit der Natur, oder genauer: in einem einzigen
Stoffwechsel der Natur, in unüberschaubar vielen Beziehungen mit
anderen Individuen und somit, strikt gesprochen, in Strebens- oder
Machtverhältnissen. Es sind so auch unterschiedliche transindividu-
elle Bewegungsformen, unterschiedliche Formbestimmtheiten ins-
besondere politischer Gemeinwesen, der Menschheit usw., in einem
Wort: unterschiedliche "Beziehungsweisen" [24] , notwendigerweise
denkbar. Durch die Modulation des Bewegungsverhältnisses ihrer
Teile, die Veränderung also ihrer reproduktiven Beziehungen, ver-
ändern sich die Transindividuen selbst; d. h. sie reproduzieren sich
nicht identisch. Dies ist, sehr formal gesprochen, der gangbare Weg
einer "Umwandlung der gesellschaftlichen Zustände" [25] , wie der
Sozialistische Bund sie erstrebt, und in diesem Sinne schreibt Lan-
dauer im Juni 1910: "Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwi-
schen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander
verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen
eingeht, indem man sich anders zueinander verhält." [26] Landauer
opponiert immer wieder zwei transindividuelle Formbestimmthei-
ten, deren eine gewissermaßen phantasmatisch, durch die Leugnung
ihrer transindividuellen Verfasstheit gekennzeichnet ist. Hier "Staat"
und äußerer Zwang, dort innere Notwendigkeit und viele Namen für
das nur erst in öffentlicher Debatte [27] sich bildende Neue: "werdende
Menschheit", "Bund von Bünden", "Als-ob-Nation", "neues Volk" oder
"neue Gemeinschaft". Am deutlichsten spricht sich diese Konzepti-
on einer "grenzenlosen und schrankensprengenden Erneuerung der
Völker durch die Abstreifung oberflächlicher Gewaltbeziehungen
und die Durchsetzung echter freudig-liebevoller Gemeinschaft" [28]
sowie ihr Gegensatz zur Beziehungsform der Staatlichkeit vielleicht
in einem Text aus, der, 1913 als Festschrift für den Prager Verein jü-
discher Hochschüler Bar Kochba entstanden, schon im Titel eine An-
spielung auf Spinoza enthält. Angesichts eines um sich greifenden
Antisemitismus und chauvinistischen Nationalismus' gibt Landau-
er (als Jude und Deutscher) darin seiner Hoffnung Ausdruck, "noch
vielfältiger eins zu sein als ich weiß." [29]
Es gibt also keinerlei Essenz, die die Homogenität einer Nation ver-
bürgen könnte. Es gibt nur singuläre Individuen, deren vielfältige
Zugehörigkeiten und Beziehungen jede "nationalstaatliche" Grenz-
ziehung selbst schon als einen Akt kriegerischer Brutalität erschei-
nen lassen. Da sind keinerlei fertige und abgeschlossene Individu-
en, die erst nachträglich mit anderen fix und fertigen Individuen in
Beziehung treten würden. Jedes Individuum bildet sich zuallererst
in diesen Beziehungen heraus und tut dies unausgesetzt, bis das Be-
wegungsverhältnis seiner Teile sich so grundlegend verändert, dass
es zerfällt. Indem er einen starken Begriff des Friedens entwirft,
beschließt Landauer so auch den zitierten Text: "Die Nationen, die
sich zu Staaten abgegrenzt haben, haben draußen Nachbarn, die ihre
Feinde sind; die jüdische Nation hat die Nachbarn in der eigenen
Brust; und diese Nachbargenossenschaft ist Friede und Einheit in je-
dem, der ein Ganzer ist und sich zu sich bekennt. Sollte das nicht ein
Zeichen sein des Berufs, den das Judentum an der Menschheit, in der
Menschheit zu erfüllen hat?" [30]
Auch diesen Exkurs möchte ich hier beschließen und resümierend
festhalten, dass wir schon jetzt ausgestattet sind mit mindestens drei
zusammenhängenden Begriffen. Diese sind: 1.) der Begriff einer un-
veräußerlichen Wirkmacht, 2.) des Bewirktsein in Machtverhältnis-
sen und so zuletzt 3.) einer radikal dezentrierten Individualität, deren
Formbestimmtheit mit der Formbestimmtheit kollektiver Macht in-
tim verbunden ist. Es sind u. a. diese formalen Begriffe, die die Analy-
sen und Interventionen Landauers orientieren. Nehmen wir sie jetzt
also mit zurück zum näheren, historischen Thema dieses Artikels!
(Fortsetzung in Gai Dào Nr. 47)
===================================
[1] Der Artikel basiert auf einem am 5. September in der Bibliothek der Freien im Haus der
Demokratie und Menschenrechte in Berlin gehaltenen Vortrag.
[2] Wenn Landauer, der 1910 an Ludwig Berndl schreibt, dass "das Wichtigste", was dem
philosophischen Erstling Skepsis und Mystik (1903) unterliegt, bei Spinoza zu finden sei,
und der sich 1911 in seiner Zurückweisung des Marxismus als "wirklicher Materialist (...)
aus der Schule Spinozas" zu erkennen gibt, noch selten als Spinozist erkannt worden
ist, so wohl nur deshalb, weil Spinoza selten gekannt wird. Vgl. einführend Hanna Delf
(1997), "In die größte Nähe zu Spinozas Ethik". Zu Gustav Landauers Spinoza-Lektüre,
in: Dies.; Gert Mattenklott (Hg.), Gustav Landauer im Gespräch. Symposium zum 125.
Geburtstag, Tübingen, S. 69-90. [3] Schöner kompakter Artikel zur Entwicklung des Tota-
litarismusbegriffs (wenn auch vom "Staat"):
http://www.bpb.de/politik/extremismus/linksextremismus/33606/totalitarismusbegriff-im-wandel?p=all
[3] Was freilich nicht heißt, dass die Interventionen Landauers ohne die Kenntnis ihrer
spinozistischen Prämissen unplausibel wären. Es geht aber darum, dieser Plausibilität auf
den Grund zu gehen und derart aus der rückblickenden Plausibilität historisch spezifischer
Interventionen ein gegenwartsbezogenes Anwendungswissen zu beziehen.
[4] Gustav Landauer, Rechenschaft, Berlin 1919, S. 19. Der zitierte Artikel "Der Krieg"
ist, anders als in diesem Sammelband indiziert, in der Ausgabe des Sozialist vom 1.4.1909
erschienen. Den genannten Band zitiere ich im Weiteren ungekennzeichnet im Text.
[5] Erst am 27. 3. 1908 war ein neues Flottengesetzt verabschiedet worden.
[6] Junius [Rosa Luxemburg], Die Krise der Sozialdemokratie, Bern 1916, S. 24.
[7] Vgl. zusammenfassend die Einleitung von Siegbert Wolf in: Gustav Landauer; Siegbert
Wolf (Hg.), Antipolitik. Ausgewählte Schriften Bd. 3.1, S. 13.
[8] Ebd. S. 126.
[9] Gustav Landauer, Beginnen. Aufsätze über Sozialismus, Köln 1924, S. 66.
[12] Etwa Zbigniew Brzezinski
[10] Dies alles nachdem "Ein Weg zur Befreiung der Arbeiter-Klasse" (1895), der eine
höhere Arbeitsteiligkeit erlaubt hätte, vorläufig gescheitert war. Vgl. die durch Landauer
verfasste Agitationsbroschüre unter: http://wp.me/a2EcvP-5q sowie rückblickend: Ders.,
Beginnen, S. 181.
[11] Baruch de Spinoza, Politischer Traktat, Kap. III, § 9. Ich zitiere die Werke Spinozas
mit der übl. Kennzeichnung im Text: Politischer Traktat (TP), Ethik (E), Theologisch-
politischer Traktat (TTP).
[12] Vgl. Gustav Landauer; Martin Buber (Hg.), Gustav Landauer. Sein Lebensgang in
Briefen, Bd. 1, S. 206.
[13} So wäre auch der oft beschworene Dualismus von Theorie und Praxis im "revolutionären
Attentismus" (Dieter Groh) der zeitgenössischen Sozialdemokratie als Trennung
tatsächlich verkannt. Und entsprach nicht das Elend der sozialdemokratischen Praxis
jederzeit haargenau dem Elend ihrer sogenannten Theorie? [16] Etwa Reinhard Kühnl,
Kritiker*innen wie Wippermann hingegen kritisieren nur Nutzung und Verkehrung der Theorie
als Staatsideologie im Kalten Krieg
[14] "Historismus" und "Skeptizismus" spricht Landauer als weitere Möglichkeiten an, sich
um wirkliche Erkenntnis herumzudrücken. Vgl. Ders., Der werdende Mensch. Aufsät-
ze über Leben und Schrifttum, Potsdam 1921, S. 208. [18] Rätekorrespondenz: Thesen über
den Bolschewismus: http://www.left-dis.nl/d/thbolsch.htm
[15] Gustav Landauer; Heinz-Joachim Heydorn (Hg.), Aufruf zum Sozialismus, Frankfurt a.
Main 1967, S. 68.
[16] IDa aber das Sein eines Dinges durchaus keine Essenz, sondern eben das Streben ist,
mit dem es sich gleichsam in seinem Streben erhält, ist ihm eine Tendenz zur Steigerung
seiner Macht (durch die Selbstbezüglichkeit dieser Struktur) von vornherein eingeschrieben.
[17] Mit einem anderen Vokabular ließe sich hier von einem "subjektiven Faktor" sprechen,
während ein Weltbild ohne diese Form der Wirksamkeit "mechanizistisch" hieße, da
es die Einzeldinge auf nur bewirkte Elemente in einem einmal aufgezogenen Uhrwerk
reduzieren und sich dazu - gewollt oder nicht - auf eine irgendwie transzendente Ursache
als auf einen ersten Beweger verlassen müsste. [2] Wir wollen sie bitte nicht als
"Diskurse" bezeichnen.
[18] Diese Umstände können ganz verschieden sein. Sie können die Widrigkeiten rauen
Wetters genauso umfassen wie das Heraufziehen eines Krieges oder einer globalen Klima-
katastrophe. Leider gilt auch: "Eine Begierde, die einer [wahren] Erkenntnis des guten
oder Schlechten entspringt, insofern sich diese Erkenntnis auf die Zukunft richtet, kann
von einer Begierde nach Dingen, die im Augenblick Angenehmes verheißen, ganz leicht
gehemmt oder unterdrückt werden." (EIV. L16)
[19] Vgl. zur Bedeutung von "Liebe" und "Gerechtigkeit" (die ein ständiges Thema etwa in
Landauers Aufruf sind) als einzige Grundsätze "wahrer Religion", die Spinoza jeder
Dogmatik entgegenhält: TTP, bes. Kap. 13 u. 14.
[20] Landauer, Aufruf, S. 64.
[21] Vgl. hierzu ausführlicher den (trotz Unschärfen im Begriff des "Staates") sehr
instruktiven Aufsatz von Étienne Balibar: "From Individuality to Transindividuality", online
unter: http://wp.me/a2EcvP-6o
[22] Also etwa: meine Darmflora, ein Nationalstaat, ich selbst, eine Stadt, der Planet,
das Planetensystem, eine Kommune, oder auch, für Landauer nicht unwichtig, das ro-
mantische Paar.
[23] Man steigt bekanntlich nicht zweimal in denselben Fluss, aber auch der menschliche
Körper, der da in den Fluss steigt, ist nicht zweimal derselbe. Er erneuert sich ständig
und ca. alle sieben Jahre nahezu komplett.
[24] Bini Adamczak entwickelt diesen Begriff in ihrer Dissertation (im Erscheinen).
[25] Landauer, Beginnen, S. 3.
[26] Ebd., S. 53.
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