(de) Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen - bücher lesen: die große entwertung - warum spekulation und staatsverschuldung nicht die ursache der krise ist von nigra

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Sun Nov 30 11:24:12 CET 2014


endlich! nach ca. sechs monaten habe ich das buch von ernst lohoff und norbert trenkle 
durch. ich war mehrmals kurz davor, es für immer zur seite zu legen. nicht weil es scheiße 
wäre, sondern weil es für mich sehr anstrengend zu lesen war, da ich in dieser materie 
nicht so bewandert bin und oft lange nachdenken muss, bis ich einen sachverhalt verstanden 
habe und ihn einordnen kann. aber mein durchhaltevermögen hat sich gelohnt und mein 
verständis von der dynamik des kapitalismus und seiner krisen hat sich vertieft. ---- seit 
2008 die große weltwirtschaftskrise ungebändigt durch die länder tobt, ist 
kapitalismuskritik schwer angesagt und quer durch die gesellschaft machen sich viele leute 
gedanken darüber, was hier falsch läuft und wie wir das ändern können. viele landen 
schnell dabei, gierige manager*innen, die banken und die konzerne für alles übel dieser 
welt verantwortlich zu machen. für mich sind bankenchef*innen und konzernbosse auch keine 
sympathieträger*innen. oftmals sind sie moralisch und ethisch völlig am boden und klar 
lösen sie mit ihren geschäften viel leid in der welt aus. aber eben nur, weil sie nach den 
regeln des kapitalismus spielen. der fehler liegt im system, und nicht in seinen teilchen.

die beiden autoren lohoff und trenkle breiten diese erkenntnis in 300 seiten aus, gehen 
dabei ins detail und setzen die derzeitigen krisen in einen historischen und theoretischen 
zusammenhang. sie zeigen minutiös, wie es zum crash kommen musste und bereiten die 
leser*innenschaft darauf vor, dass die nächste sich schon anbahnt.

besonders interessant und erhellend fand ich die beschreibung der transformation von der 
fordistischen ära zum derzeitigen finanzindustriellen kapitalismus. zwar ist der 
kapitalismus schon um einiges älter (ulrike herrmann siedelt seine entstehung in ihrem 
buch ,,der sieg des kapitals" im jahre 1760 in england an), aber erst im fordistischen 
nachkriegsboom setzte das ein, was wir heute die ,,durchkapitalisierung" der 
(welt-)gesellschaft nennen: alles wurde dem wachstumszwang und somit der kapitalistischen 
reichtumsform unterworfen. die durchkapitalisierung bescherte den industrieländern einen 
nie erahnten wachstum, der bis in die 1970er jahre anhielt. hier kam es dann zur nächsten 
strukturkrise, die aber durch die reaganomics, die privatisierungswelle, staatliche 
eingriffe in die wirtschaft (wir nennen das heute neoliberalismus) abgefedert wurde und in 
eine völlig durchgeknallte entfesselung von spekulation und kredit mündete. das verhältnis 
von fungierendem (also produktivem) und fiktivem (also auf in der zukunft erwarteten 
gewinn gerichtetes) kapital kehrte sich um, die finanzindustrie blähte sich ins 
unermessliche auf und konnte und kann nur durch immer mehr kredite am platzen gehindert 
werden. dieser inverse (also vertauschte) kapitalismus ist der heutige, fragile zustand 
unserer wirtschaft.

im epilog stellt das buch die these ,,diese gesellschaft ist zu reich für den 
kapitalismus" in den raum und macht aber auch klar, dass das wirtschaften im real 
existierenden sozialismus, also die planwirtschaft, keine alternative war, da es, wie der 
westliche kapitalismus auch, sich immer auf ware, wert und abstrakte arbeit bezogen hat. 
dieser gescheiterte versuch zeigte zumindest eins deutlich, nämlich dass der kapitalismus 
und die marktwirtschaft untrennbar miteinander verbunden sind. lohoff und trenkle forden 
von einer zukünftigen wirtschaftsform ,,neue Formen und Verfahren der gesellschaftlichen 
Selbstorganisation und -verwaltung", ,,die sich direkt auf die stoffliche 
Reichtumsproduktion beziehen", abseits von profit und wachstum.

das buch endet mit den worten

Der liberale Urmythos, die kapitalistische Produktionsweise würde ,,das größte Glück der 
größten Zahl" (Jeremy Bentham) garantieren, war immer schon eine grausame Verhöhnung der 
unermesslichen Opfer, die diese gefordert hat; [...] Ein gutes Leben für alle kann es nur 
jenseits der abstarkten Reichtumsform geben. Es gibt nur eine Alternative zur 
katastrophischen Entwertung des Kapitals: die emanzipative Ent-Wertung der 
gesellschaftlichen Reichtumsproduktion.

vielleicht bin ich ja bald soweit, mich an die mutter aller bücher über den kapitalismus 
zu wagen, das kapital von karl marx und friedrich engels...es steht verstaubt im bücherregal.

?die große entwertung - warum spekulation und staatsverschuldung nicht die ursache der 
krise ist
von ernst lohoff und norbert trenkle (gruppe kisis)
unrast verlag
18 EUR
isbn: 978-3-89771-495-3


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