(de) FDA/IFA, Gai Dào #47 - Der Anarchismus im Iran - Interview mit einer iranischen Anarchistin von: Furia de Radio / Übersetzung: Anarchistisches Radio Berlin

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Fri Nov 28 17:17:35 CET 2014


Das folgende Interview wurde von den Leuten der anarchistischen Radiosendung "Furia de 
Radio" aus Bilbao im Baskenland geführt. Das Anarchistische Radio Berlin transkribierte 
und übersetzte das Interview und stellte es uns zur Verfügung. Nicky Danesh ist eine 
iranische Anarchistin, die in Australien im Exil lebt. ---- Furia de Radio: Hallo Nicky. 
Wie geht es dir? ---- Nicky: Vielen Dank und danke dafür, dass ihr dieses Interview macht. 
---- Danke, dass du hier mit uns bei Furia de Radio bist. Du bist also Anarchistin - eine 
iranische Anarchistin - und wir würden zuerst gerne wissen, wie es mit der anarchistischen 
Bewegung im Iran aussieht und auch mit den iranischen Menschen, die im Ausland leben. 
Kannst du bitte etwas darüber erzählen? ---- Die anarchistische Bewegung im Iran ist im 
Vergleich zu anderen Bewegungen wohl ein wenig jünger, aber was ich sagen kann ist, dass 
sie bereits vor der Revolution existiert hat. Aber gleich nach der islamischen Revolution, 
als sie diese Situation im Iran hergestellt haben, begann
auch schon der Aufstand. Und dabei gab es eine Menge anarchistischer
Student*innen, Schüler*innen und auch Arbeiter*innen, die ihre Rechte
gefordert haben. Und natürlich ist das islamische Regime ein sehr bru-
tales Regime, das die Menschen nicht so einfach für ihre Rechte kämpfen
lässt.

Du hast gesagt, dass die Anarchist*innen besonders unter den
Student*innen der Universität zu finden sind, richtig?

Ja.

Und gibt es auch in den Gewerkschaften diese Ideen --- ich meine,
haben auch einige der Arbeiter*innen diese libertären Ideen, anar-
chistische oder so etwas?

Ja, es gibt diese auch in der Arbeiterschaft. Denn die Arbeiter*innen lei-
den besonders unter dem islamischen Regime, weil sie nicht einemal ihr
Gehalt regelmäßig bekommen. Vielleicht alle 6 Monate oder ein Jahr spä-
ter. Und als Resultat davon haben die Menschen angefangen, sich selbst
zu organisieren. Das ist wie ein selbst gewachsener Anarchismus zwi-
schen den verschieden Schichten der Gesellschaft, wo eben Schüler*innen,
Student*innen und sogar Arbeiter*innen dabei sind. Es ist wie ein selbst-
entwickelter Anarchismus.

Wie ist denn die Antwort der Regierung auf die Menschen, die de-
monstrieren? Was macht die Regierung mit diesen Leuten?

Der größte Aufstand nach der islamischen Revolution fand tatsächlich vor
5 Jahren statt, das war noch vor ägyptischen Aufstand, der ägyptischen
Revolution. Die ägyptische Revolution fand 2 Jahre danach statt oder 2
bis 3 Jahre danach. Davor waren also bereits Millionen von Iraner*innen
auf die Straße gegangen, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verlei-
hen. Und darunter gab es eine Menge Anarchist*innen. Und deswegen
wurde dies schnell zu einer Massenbewegung im Iran zu jener Zeit. Auch
weil das islamische Regime sehr geschockt war sie nicht glauben konnten,
dass so viele Menschen auf die Straßen gegangen sind. Deswegen haben
sie dann eine gigantische Repression gefahren, die sehr brutal war. Sie
haben Menschen festgenommen, sie gefoltert und die ganze wunderbare
junge Generation ins Gefängnis gebracht. Sie haben sogar unsere jungen
Menschen vergewaltigt, unsere junge Generation, mit einer zerbrochenen
Flasche und am nächsten Tag haben sie die Körper ihren Müttern und Vä-
tern wiedergegeben. In den darauffolgenden Monaten machte sich Angst
breit in der Gesellschaft. Aber dann fingen die Menschen wieder an, auf
die Straße zu gehen - wieder und immer wieder.


  Hier in den westlichen Ländern mangelt es uns an Informationen
über Länder wie den Iran. Lässt sich also sagen, dass es eine bedeu-
tende Bewegung gegen die Regierung dort gibt? Aktuell, meine ich.

Die Situation im Iran ist, dass das Fass jeden Moment explodieren kann.
Die Situation ist so unberechenbar, weil die Menschen derart unzufrieden
sind. Und die ganze Propaganda, die du im Fernsehen siehst, wo Men-
schen den islamischen Staat unterstützen - sie oder bzw. die Mehrheit
dieser Leute sind unschuldige afghanische Flüchtlinge, welche vom Staat
gezwungen werden, ihre Solidarität mit dem Regime zu zeigen, weil sie
sonst des Landes verwiesen würden. Da wir viele Millionen afghanische
Flüchtlinge im Iran haben, setzt der Staat diese unschuldigen Leute gerade
bei Wahlen ein oder wenn sie großen Fernsehsendern zeigen wollen, wie
viel Unterstützung sie haben. Sie benutzen diese Menschen normalerweise
um der ganzen Welt ein falsches Bild zu geben. Aber in der Realität kann
ich dir einfach sagen, dass 80 % der Iraner*innen total unglücklich mit
diesem brutalem Regime sind.

Ja, ja. Uns fehlen auf jeden Fall Informationen über dein Land. Da-
her ist jedes Wort, was du sagst, sehr wichtig für uns.

Ich verstehe, dass ein Problem für viele westliche Länder ist. Sie können
wegen der Propaganda keine richtigen Informationen aus dem Iran be-
kommen.

Ich verstehe das Thema der Propaganda. Es gibt zwei Arten von
Propaganda: Propaganda von der iranischen Regierung, aber auch
die Propaganda von den westlichen Ländern, die eine andere ist...

Genau.

Ich mag sehr diese - was ist der Name von dieser iranischen Schrift-
stellerin, die sagte - ich weiß nicht mehr die genauen Worte, aber
sie sagte etwa: "Es ist einfacher zwischen mir und dir zu kommuni-
zieren, als zwischen dir und deiner Regierung und mir und meiner
Regierung".

Marjane Satrapi.

Ja, genau.

Ja, Marjane Satrapi ist eine großartige Filmemacherin. Sie verbrachte
viel Zeit ihres Lebens in Frankreich. Sie machte auch den schönen Film
Persepolis über die iranische Revolution. Aber sie ist nur eine der vielen
iranischen Frauen, die auf diesem Gebiet aktiv sind. Wir haben eine Men-
ge iranische Frauen, die Filme drehen, Gedichte schreiben oder als Schau-
spielerinnen aktiv sind. Und dann haben wir noch über 4 Millionen oder
5 Millionen Iraner*innen, die im Exil leben. Das ist die größte Anzahl von
Iraner*innen, die das Land jemals verlassen mussten.

Ja, ja! Das ist eine ganz Menge - 4 oder 5 Millionen Menschen au-
ßerhalb vom Iran - das sind eine ganze Menge, ja. Eine andere Fra-
ge, die wir haben, ist über die Situation von Frauen und besonders
die kreativen Frauen, wie diese Filmemacherinnen Künstlerinnen
im Iran. Wie ist ihre Situation? Von Frauen generell und besonders
dieser Frauen?

Ja, ich sollte dir sagen, dass nach der islamischen Revolution die Situation
von Frauen und Mädchen, selbst unter den anderen Teilen der Gesell-
schaft , die Schlimmste war, weil das islamische Regime mehr als alles
andere Mädchen und Frauen anvisiert hat, denn wie du weißt stellen wir
die Hälfte der Bevölkerung. Und aus diesem Grund wollten sie uns un-
terdrücken und zum Schweigen bringen. Sie zwangen uns Zuhause zu
bleiben und nur einfach dem Regime zu gehorchen. Aber iranische Frau-
en haben dies niemals gemacht , sie haben dem islamischen Regime nie
gehorcht, sie waren immer aktiv in der Gesellschaft . Und ich sollte auch
dazu sagen, dass wir sogar mehr Studentinnen als Studenten haben. Das
ist der Grund, warum das islamische Regime nie Erfolg damit hatte. Und
das ist der Grund, warum wir Frauen weiterhin sehr aktiv in vielen Din-
gen sind, in den Bereichen der Literatur, der Poesie, als Künstlerinnen oder
in anderen Bereichen.

So, Nicky, zum Sch luss möchte ich dich noch Folgendes fragen: Was
ist dein Eindruck von den westlichen anarchistischen, libertären
Bewegungen und wie diese über Anarchist*innen im Iran oder an-
dere islamisch e Länder denken?

Ja. Vielen Dank für diese Frage, das ist in der Tat eine sehr interes-
sante Frage, weil wir Anarchist*innen aus dem Nahen Osten und aus
der arabischen Welt sehr darunter leiden, dass wir von den westlichen
Anarchist*innen im Stich gelassen werden. Weil wenn es beispielsweise um
das Thema Palästina geht, dann siehst du, dass alle alle Anarchist*innen
sie plötzlich unterstützen und wir unterstützen sie ja auch , wir lieben
die Palästinenser*innen , wir sind immer für ein freies Palästina. Das
Ding ist aber, dass es im Nahen Osten so viele andere Länder gibt, wo
auch Menschen leiden, und dazu gehört auch insbesondere der Iran. Wir
leiden schon seit drei Jahrzehnten unter der islamischen Regierung, unter
Unterdrückung, Morden und Folter, Festnahmen und der Ermordung von
Aktivist*innen und Anarchist*innen und allen irgendwie radikalen Lin-
ken. Und wir hoffen, dass dieses Interview dazu beiträgt, dass westliche
Anarchist*innen damit anfangen, uns zu unterstützen.

Wir werden es versuchen. Ich hoffe es jedenfalls. Ich weiss nicht, ob
wir so viele Zuhörer*innen haben. Aber zumindest ist es ein kleiner
Schritt, richtig?

Ich danke dir sehr, vielen Dank!

Danke dir! Vielen Dank, dass du hier warst auf Furia de Radio, Ni-
cky, und wir hoff en, dich hier noch einmal begrüßen zu können,
okay?

Danke sehr und ich wünsche uns, dass wir einig sind und gewinnen.

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ZUM ANHÖREN:
  !
Das Interview gibt es in einer Version mit deutschem Voice-
over beim Anarchistischen Radio Berlin zum Nachhören als Teil
des Libertären Podcasts mit dem Rückblick zum September:
ht tp://aradio.blogspor t.de/2014/10/07/liber taerer-podcast-
septemberrueckblick-2014/


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