(de) FdA - Wir arbeiten nicht mit Definitionsmacht

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Wed Nov 19 14:14:39 CET 2014


Wir arbeiten nicht mit ,"Definitionsmacht". 1 Dafür gibt es verschiedene Gründe, die wir 
im Folgenden kompakt darlegen wollen. Nachfragen beantworten wir gerne. Wir hoffen, dass 
uns auch Feminist_innen zuhören, die ,,Definitionsmacht" vertreten. Leider wurden und 
werden auch ernstzunehmende Kritikpunkte oft als ,antifeministisch' abgeschmettert. 
Vielleicht hilft uns das Label "feministische Gruppe". Wir möchten nun allerdings nicht 
zig [...] ---- Wir arbeiten nicht mit Definitionsmacht ---- accountabilty processes, 
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Wir arbeiten nicht mit ,,Definitionsmacht". 1

Dafür gibt es verschiedene Gründe, die wir im Folgenden kompakt darlegen wollen. 
Nachfragen beantworten wir gerne. Wir hoffen, dass uns auch Feminist_innen zuhören, die 
"Definitionsmacht" vertreten. Leider wurden und werden auch ernstzunehmende Kritikpunkte 
oft als ,antifeministisch' abgeschmettert. Vielleicht hilft uns das Label "feministische 
Gruppe". Wir möchten nun allerdings nicht zig alte Argumente auflisten, sondern mit einem 
neuen Diskussionsbeitrag dazu beitragen, weiter zu kommen.

Allgemein ist festzustellen, dass schon seit Längerem eine problematische Ineinssetzung 
von "Definitionsmacht" und jeglichen Ansätzen der Parteilichkeit mit und Unterstützung von 
Betroffenen von Diskriminierung und Gewalt stattgefunden hat. Einige von uns sind selbst 
über lange Zeit dieser Ineinssetzung erlegen: Wer was gegen DefMa hat, hat auch was gegen 
Empowerment von Frauen* oder feministische Praxis. Deshalb sind die Auseinandersetzungen 
so emotional aufgeladen. Das kommt nicht von ungefähr, weil es diese Leute ja auch zuhauf 
gibt, sowohl gesamtgesellschaftlich als auch in der Linken. Aber diese Leute können nicht 
gleichgesetzt werden mit allen, die eine bestimmte Herangehensweise kritisieren.

Lassen wir das doch endlich. Statt so weiterhin überfällige Diskussionen zu verweigern, 
wollen wir an dieser Stelle aufzeigen, in welche Richtung die Auseinandersetzung unseres 
Erachtens gehen müsste:

Die Diskussion wird dadurch erschwert, dass niemand weiß, wie ,,Definitionsmacht" 
eigentlich zu definieren wäre, bzw. alle Interessierten sich eine eigene Definition 
zusammenzimmern. Was man aber beobachten kann, sind die Praxen, die bisher unter 
Bezugnahme auf den Ansatz umgesetzt wurden.

- Wenn Menschen von Veranstaltungen oder Camps fliegen, weil sie einen unterschiedlichen 
Wissens- und Erfahrungsschatz haben, Szenecodes nicht kennen oder Pfui-Wörter benutzen,
- Wenn Menschen (bundesweit) aus allen Szenenzusammenhängen ausgeschlossen werden,
- Wenn Menschen keine Möglichkeit haben, sich zu erklären,
- Wenn Menschen, die mit Aggressor_innen2 arbeiten, automatisch zu ,,Täterschützern" werden,
- Wenn Menschen Angst haben, sich in Diskussionen einzubringen, weil sie einer 
hegemonialen Gruppe zugeordnet werden,
- Wenn Menschen persönliche Entwicklungspotentiale abgesprochen werden,
- Wenn Menschen mit Samthandschuhen gezwungen werden, sich hegemonialen Gegendiskursen 
anzugleichen,
- Wenn politische Differenzen auf dem Rücken von Betroffenen ausgetragen werden - oder gar 
nicht,

..dann fragen wir uns: Wie konnte das geschehen? Wir sind der Meinung: Wenn das alles aus 
"Definitionsmacht" gemacht wurde bzw. gemacht werden konnte, dann lässt es sich nicht mit 
der Aussage retten, einige würden das eben eigenartig oder falsch umsetzen - sondern dann 
muss es irgendetwas mit dem Wesen des ,,Konzepts" zu tun haben.

Um überhaupt über "Definitionsmacht" und mit ihr verknüpfte Praxen diskutieren zu können, 
lautet unsere Arbeitsdefinition: "Definitionsmacht heißt, dass die Tat-Definition der 
Betroffenen allgemein anerkannt wird. Dies soll erreicht werden durch parteiliche 
Verbündete, die diese Definition vertreten. Es schließt nicht unbedingt die Macht über 
Konsequenzen bzw. Sanktionsmacht mit ein." In letzterem Punkt gibt es nämlich sehr 
unterschiedliche Ansichten. Nicht zu umgehen ist allerdings der erste Punkt: Es geht bei 
Definitionsmacht nicht nur um die Verteidigung der simplen - wenn auch häufig leider nicht 
selbstverständlichen - Tatsache, dass jede Person subjektiv wahrnimmt und empfindet. 
Niemand anders kann mir beispielsweise sagen, wie intensiv oder nicht ich etwas erlebt 
haben soll.

Bei ,,DefMa" aber geht es (wie der Begriff verrät) um eine Definition, also eine 
allgemeine Bestimmung. Es geht darum, das subjektiv Besondere zum Allgemeinen zu machen. 
Wenn ich das Erlebte als XYZ begreife, dann WAR ES (objektiv) XYZ.

Der Kampf um Definitionen ergibt dort Sinn, wo der Ansatz entstanden ist - nämlich im 
juristischen Kontext und in Bezug auf sexualisierte Gewalt. Vor Gericht sind Definitionen 
von Taten wichtig, da an diese das jeweilige Strafmaß geknüpft ist. Zudem geht es dort um 
Beweise, die z.B. bei einer Vergewaltigung meist schwer zu erbringen sind - mal ganz 
abgesehen von dem Spießrutenlauf durch Polizeiverhöre u.ä. für Betroffene im Vorhinein. 
Bei Schuldzuschreibungen an (meist weibliche) Betroffene und ständigen Zweifeln an deren 
Glaubwürdigkeit war und ist ein solcher Ansatz wichtig. Die Macht, die Tat bspw. als 
Vergewaltigung zu definieren, muss hin zu den Betroffenen verschoben werden. Das muss 
nicht bedeuten, die Errungenschaften des hiesigen bürgerlichen Rechtssystems wie 
Verteidigungsrecht und Unschuldsvermutung auszuhebeln. Allerdings sind die Bedingungen für 
eine tatsächliche Gleichberechtigung nicht gegeben. Eventuellen Stigmatisierungen, 
Ohnmachtserfahrungen, Traumata und der schwierigen Beweisbarkeit u.a. in Fragen der 
Glaubwürdigkeit muss Rechnung getragen werden.

Der juristische Umgang mit von sexualisierter Gewalt Betroffenen ist weiterhin zu 
skandalisieren und anzugreifen. Die vergangenen Kämpfe in diesem Bereich waren genauso 
wichtig, wie auch die aktuellen darum, nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen ahnden zu 
können, die vom Strafrecht bisher nicht abgedeckt sind.3

Will man aber, wie wir, selbst nicht auf einen Katalog von Sanktionen (wenn das, dann das) 
hinaus, so braucht man nicht unbedingt eine Definition. Eine allgemein akzeptierte 
Übereinkunft darüber, wie das Geschehene benannt wird, verliert an Relevanz gegenüber dem, 
was Betroffene brauchen, um wieder handlungsfähig zu werden und Selbstbestimmung (zurück) 
zu erlangen. Auch für den Umgang mit dem_der Aggressor_in ist nicht die Tatdefinition 
entscheidend, sondern vor allem dessen_deren Zugänglichkeit, wie auch die je individuellen 
Bedürfnisse, Wünsche, Wissensstände, Situationen und Forderungen im Kontext 
gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse.

Darüber hinaus können bestimmte, im Kontext von Definitionsmacht aufgekommene Praxen 
hinderlich sein für eine gute Unterstützungsarbeit. Beispielsweise sind sich Betroffene 
sowohl in ihrer Situationswahrnehmung als auch ihren Bedürfnissen häufig unsicher. Der 
Prozess einer - parteilichen - Auseinandersetzung hierüber hilft beim Sortieren und 
Aufarbeiten.4 Statt einer festen Definition der betroffenen Person braucht es folglich 
Unterstützer_innen, die mit einer ,,jazzy method" im Sinne CARAs verschiedene 
Handlungsmöglichkeiten haben, die sie je nach Bedürfnis und Situation anbieten können.5

Die Gleichsetzung von Nachfragen mit einem generellen Anzweifeln verhindert eine sinnvolle 
Unterstützung, die auch den Abgleich von Wahrnehmungen beinhalten können muss, um den 
Prozess der Bearbeitung des Erlebten begleiten zu können. Eine Benennung ist dabei 
wichtig, sie muss allerdings ein Teil des Prozesses sein und es gibt keinen Grund, sie zum 
Dreh- und Angelpunkt von Unterstützung zu machen.

Auch in der Arbeit mit gewaltausübenden Personen kann das Festhalten an Definitionsmacht 
hinderlich sein. Hier wird nämlich eine Auseinandersetzung davon abhängig gemacht, ob 
der_die Aggressor_in die Definition der betroffenen Person_en übernimmt. Gerade wenn es 
nicht um sexualisierte Gewalt geht, kann durchaus auch diese_r die Situation anders 
wahrgenommen haben. Dann ist es wenig hilfreich, die Übernahme der Definition der 
betroffenen Person zu fordern, sondern es sollte zuerst um eine Anerkennung von deren 
Wahrnehmung - also ein Problembewusstsein - gehen. Ziel der Arbeit wäre eine Beendigung 
von diskriminierendem und/oder gewaltvollem Verhalten.

Zudem darf in der Auseinandersetzung mit gewaltausübenden Personen hinter den Schutz der 
körperlichen Unversehrtheit vor Willkür oder Rache nicht zurückgegangen werden. Ebenso 
nicht hinter die Möglichkeit, als ,Beschuldigte_r' gehört zu werden und sich 
gegebenenfalls auch zu verteidigen. Das heißt natürlich nicht, dass dies öffentlich 
geschehen muss, dass in einem solchen Gespräch die Parteilichkeit mit der betroffenen 
Person über Bord geworfen werden müsste oder dass es dabei um eine ,Beweisaufnahme' ginge.
Auch der Frage, was eine gewaltausübende Personen für ihre soziale Rehabilitierung leisten 
müsste, muss sich gestellt werden. Denn es kann ja nicht darum gehen, dass einfach (!) 
immer jemand aus politischen Zusammenhängen ,,entfernt" wird.

Die genannten Schwierigkeiten verschärfen sich noch, wenn eine Situation uneindeutig ist, 
sich im Licht späterer Informationen anders darstellt, oder sich herausstellt, dass auf 
beiden Seiten Gewalt oder Diskrimierung ausgeübt wurde.

Womit wir zum nächsten Problemkomplex kommen.

Der "Definitionsmacht"-Ansatz hat sich in den letzten Jahrzehnten immens ausgeweitet: Er 
verbreitete sich in (queer-)feministischen Szenen sowie in der linken Szene allgemein. Es 
ging um immer mehr Diskriminierungsformen, es konnte sich nun auch auf sprachliche 
Äußerungen bezogen werden. Der Ansatz wurde zum ,Konzept', häufig inklusive der Bestimmung 
von Betroffenen über Konsequenzen. Stichwort Rauswurf.
Wird ein Ansatz, der Personen soviel Macht in die Hand geben soll, jedoch auf so weite 
Bereiche ausgeweitet, wird es letztlich vollends autoritär.

Vor dem Hintergrund der dargestellten Probleme braucht es Diskussionen, die über 
"Definitionsmacht" hinausgehen. Grundlage jeder Diskussion wäre für uns Folgendes:

- Die Anerkennung dessen, dass jeder (!) Mensch Situationen subjektiv wahrnimmt.
- Parteilichkeit mit Menschen in gesellschaftlich(!) benachteiligter, also diskriminierter 
Position statt pseudo-Unparteilichkeit.
- empowernde Unterstützungsarbeit mit Betroffenen von (sexualisierter) Gewalt und/oder 
Diskriminierung
- Arbeit mit diskriminierenden und/oder gewaltausübenden Personen, mit dem Ziel der 
Verhaltensveränderung
- politische Arbeit, die auf eine Veränderung der Strukturen zielt

Dabei sind die englischsprachigen Diskussionen um ,,Community Accountability", 
,,Transfor-mative Justice" und ,,Accountability Processes" allgemein spannend.6 Hier wird 
das Blickfeld erweitert: Die gewaltausübende Person ist zwar verantwortlich für ihr 
Verhalten, aber natürlich nicht allein. Welche Strukturen haben dieses Verhalten 
begünstigt, legitimiert oder attraktiv gemacht? Es wird versucht, abseits von Strafe eine 
Verantwortungsübernahme aller zu befördern. Hiermit ließen sich nicht nur 
Herrschaftsverhältnisse und Kontexte komplexer einbeziehen, sondern auch mit Situationen 
umgehen, in denen es nicht nur ,,den Täter und das Opfer" gibt.

Weitere Aspekte, die aus unserer Sicht wichtig sind, bzw. diskutiert werden müssen:
- Informieren/Bewusstwerden über diverse vorhandene, professionelle Institutionen, die 
Arbeit mit Betroffenen und Ausübenden (und vieles mehr) anbieten. Verhältnis zu diesen und 
Unterschiede, Ressourcen, Vor- und Nachteile im Vergleich zu selbstorganisierten Gruppen 
klären.
- Wer hat die Legitimation, einen Plan für Konsequenzen zu machen vs. Verantwortlichkeit aller
- Stellenwert des Anspruchs auf grundlegende Veränderung von gesellschaftlichen Struk-turen.
- Verbesserung des Vorhandenen (juristischer Rahmen) vs. längerfristiges Ziel 
(staatsun-abhängige Strukturen)
- Was kann Aufklärung (nicht) leisten?
- Leid von Betroffenen öffentlich machen und anprangern (Hollaback, #hashtags, ..)
- Reflektieren der eigenen gesellschaftlichen Funktionen (Elendsverwaltung)
- genereller Sinn von Awareness- und Unterstützungsgruppen
- wichtig: wenn konkrete Hilfe, dann mit politischer Arbeit verbinden (Voraussetzungen und 
Umstände anprangern), nur dann könnte es mehr sein als nur unbezahltes Lücken stopfen
- Einordnung feministischer Praxen in Beziehung zu allgemein gesellschaftlichen Tenden-zen
- Wie verhält sich der Focus auf Veränderung individuellen Verhaltens zu neoliberalen 
Anforderungen an Arbeitskräfte?
- Wo sind die durch Herrschaftsverhältnisse gesetzten Grenzen der Verhaltensänderung und 
wie viel Raum soll das in feministischer Praxis einnehmen?
- Wie kann der Kapitalismus mitsamt allen mit ihm verbundenen Herrschaftsverhältnissen 
überwunden werden?

Über alle genannten Punkte laden wir herzlich zur Diskussion ein.

e*space
e_space at riseup.net

* Obwohl wir Geschlechterkategorien als Konstruktion erkennen, ist die 
Zweigeschlechlichkeit mitsamt ihren "natürlichen" Zuschreibungen eine gesellschaftliche 
Realität, mit der wir immer wieder konfrontiert sind. Aus diesem Grund verwenden wir zwar 
die Bezeichnung ,,Frauen", markieren diese aber mit einem Stern.

Wir beziehen uns hier auf den Definitionsmachtsbegriff, wie er innerhalb der 
(akademisierten) feministischen radikalen Linken in Bezug auf den Umgang mit 
sexualisierter Gewalt verwendet wird. ,Definitionsmacht' setzen wir in Anführungszeichen, 
um zu verdeutlichen, dass es den einen Definitionsmachtsansatz nicht gibt, s.u. [zurück]
Wir sind uns durchaus bewusst, dass in der übergroßen Mehrzahl der Fälle Menschen, die 
sexualisierte Gewalt ausüben, Männer* sind und betroffene Personen Frauen*. Um jedoch die 
Betroffenen im umgekehrten Fall nicht noch weiter zu marginalisieren, werden wir in diesem 
Text beide Gruppen gendern. [zurück]

Vgl. bspw. Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland: 
Vergewaltigung verurteilen - Für eine Reformierung des §177 
StGB.https://www.frauen-gegen-gewalt.de/vergewaltigung-verurteilen.html [zurück]

Vgl. No Lager Bremen (2014): Definitionsmacht neu ausbuchstabiert. Stichworte zum 
kollektiven Umgang mit sexualisierter, rassistischer und anderer Gewalt in sozialen 
Bewegungen, S.11f. In: Transact 6: Wie ist meine Freiheit mit deiner verbunden? Stichworte 
zu gemischter Organisierung, Definitionsmacht und Critical Whiteness, S. 11-15. [zurück]

Vgl. Communities against Rape and Abuse (CARA) (2010): Taking risks: Implementing 
grassroots community accountability strategies. In: The revolution starts at home. 
Confronting Partner Abuse in Activist Communities, S. 64-79. 
www.transformativejustice.eu/wp-content... .
Zum Thema Glaubwürdigkeit und Aufarbeitung: s. S.76f. [zurück]
Ähnlich interessant sind auch Diskussionen um ,,Safer Spaces", bei denen es 
grundsätzlicher um Fragen von (persönlicher) Sicherheit geht. [zurück]


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