(de) FAU, Direct Action #225 - Vorwärts, doch nichts vergessen!

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Mon Nov 17 10:39:30 CET 2014


Zu einem Antrag an die UNESCO-Kommission, die ArbeiterInnenlieder als immaterielles 
Kulturerbe anzuerkennen ---- Die bayerischen SchützInnenvereine haben sich beworben, und 
das Deutsche Brot will auch anerkannt werden. Es geht um die UNESCO-Konvention zum 
immateriellen Kulturerbe, dem die Bundesrepublik Deutschland im Frühjahr 2013 beigetreten 
ist. ---- So fragwürdig das oft pathosgeschwängerte "Begehen" von Gedenk- und Jahrestagen 
auch sein mag, der letztjährige Jahrestag zum Erinnern an die Gründung der organisierten 
deutschen ArbeiterInnenbewegung vor 150 Jahren hat einiges in Bewegung gebracht. ---- Im 
Mannheimer Technoseum (Museum für Technik und Arbeit) gab es, gegen den herrschenden 
Geschichtsmainstream, eine erfolgreiche Ausstellung unter dem Titel "Durch Nacht zum 
Licht", die sich mit der bewegten Geschichte der arbeitenden Menschen in Deutschland 
beschäftigt hat.

- Die IG Metall brachte nach zwanzigjährigem Sanges-Entzug endlich wieder ein 
gewerkschaftliches Liederbuch heraus, das vor allem auch ein ausgezeichnetes 
Geschichtsbuch ist.
- Und eine Initiative von KünstlerInnen, KulturwissenschaftlerInnen, GewerkschafterInnen 
und HistorikerInnen setzte mit dem Rückenwind des 150. Jahrestages den Antrag auf 
Anerkennung des ArbeiterInnenlieds als immaterielles Kulturerbe auf die Tagesordnung.

Warum? Weil ArbeiterInnenlieder als eine besondere Form des Volksliedes zu sehen sind, in

denen die gesellschaftspolitischen Ziele und der mit Irrtümern und bedeutenden 
Erkenntnissen gepflasterte Lernweg und Gestaltungswille der deutschen 
ArbeiterInnenbewegung seit ihrem Beginn zum Ausdruck kommt, wie es im begleitenden 
Gutachten des Hamburger Musikwissenschaftlers Hermann Rauhe sinngemäß heißt. Franz-Josef 
Möllenberg, ehemaliger Vorsitzender der Gewerkschaft NGG, ergänzt in einem zweiten 
Gutachten aus gewerkschaftlicher Sicht: "Es waren die Lieder der ArbeiterInnenbewegung des 
frühen 19. Jahrhunderts, die dem Gedanken der Aufklärung, dem Ruf nach Selbstbestimmung 
und Freiheitsrechten in Deutschland zur Massenwirkung verhalfen. (...) Werte wie Würde, 
Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Selbstbestimmung oder Respekt sind eng mit der 
Entstehung und Verbreitung des ArbeiterInnenliedes verflochten. In diesen Liedern 
spiegelte sich am eindringlichsten der demokratische Wille der Mehrheit, an der Gestaltung 
von Politik und Wirtschaft nicht nur teilzuhaben, sondern diese auch zu bestimmen. Die 
Entwicklung der deutschen und europäischen Demokratie ist aufs Engste mit dem 
selbstbewussten Erstarken der ArbeiterInnenbewegung und ihrer Kultur verbunden, denn die 
großen Veränderungen waren immer auch Ergebnisse eines harten kulturellen Ringens um das 
Gehörtwerden. Das ArbeiterInnenlied wurde zu einem wichtigen Kommunikationsmittel für die 
Vermittlung von Inhalten und die Weitergabe von Erfolgen und Niederlagen."

150 JAHRE ARBEITERINNENLIED - EIN RÜCKBLICK

Im Umfeld der HandwerkerInnenlieder, der kritischen SoldatInnenlieder und der Lieder der 
demokratischen Revolution von 1848 entstanden die ersten deutschsprachigen Lieder, die 
sich mit dem Schicksal und den Perspektiven der LohnarbeiterInnen beschäftigen ("Das 
Blutgericht", "Die Weber", "Bet' und arbeit"). Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 
erlangten diese Lieder eine weite Verbreitung, wozu ironischerweise auch die repressiven 
SozialistInnengesetze beitrugen, die durch ihr Organisationsverbot ein Ausweichen der 
ArbeiterInnenbewegung u.a. in Gesangsvereine bewirkten. Schon in dieser Phase werden auch 
ArbeiterInnenlieder anderer Länder aufgenommen und teils übersetzt ("Die Internationale", 
"Warschawjanka"). War das ArbeiterInnenlied in dieser Phase und in der Zeit nach dem 
Ersten Weltkrieg vor allem durch Umdichtungen bekannter Melodien geprägt, entwickelte sich 
Ende der 1920er Jahre im Umfeld der revolutionären Agitprop-Kultur auch eine musikalisch 
wie textlich neue und eigenständige Liedform ("Solidaritätslied", "Der heimliche 
Aufmarsch"), die vor allem von der großen ArbeiterInnenchorbewegung angenommen wurde. 
Anfang der 30er Jahre waren fast 500.000 Menschen in ArbeiterInnenchören aktiv.

Die faschistische Diktatur setzte nicht nur die ArbeiterInnenlieder auf den Index und 
verfolgte ihre SängerInnen und KomponistInnen - um die Wirkungskraft und den 
Erinnerungswert zu brechen, wurden viele der Lieder durch die Nazis auch in ihrem Sinne 
umgetextet. Doch auch im faschistischen Deutschland oder aus dem Exil heraus entstanden 
neue widerständige Lieder, die sich rasch verbreiteten ("Die Moorsoldaten", 
"Einheitsfrontlied"), und in den Konzentrationslagern lebten die alten Lieder als 
verbindendes Element fort.Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nimmt das 
ArbeiterInnenlied in den beiden deutschen Staaten eine sehr unterschiedliche Entwicklung. 
In der DDR gibt es eine staatlich geförderte Forschung, verbunden mit zahlreichen 
Veröffentlichungen ("Der große Steinitz"). ArbeiterInnenlieder werden von Chören und 
bekannten SolistInnen (Ernst Busch) gesungen. Das Erlernen wird Teil des allgemeinen 
Musikunterrichts. In der Tradition des ArbeiterInnenliedes entstehen auch neue Lieder. 
Ihre politische Funktion ist jedoch eine veränderte. Sie sollen nicht mehr Ungerechtigkeit 
und Unterdrückung im eigenen Land anprangern, sondern die staatssozialistischen 
Verhältnisse befördern. Dieses affirmative und ritualisierte politische Lied gerät recht 
schnell in die Krise. In den 60er Jahren entsteht dann mit der vom Folksong inspirierten 
Singebewegung und den LiedermacherInnen eine neue, der ArbeiterInnenbewegung verbundene 
Liedkultur (Gundermann) mit breiterem Funktionsverständnis. Das Ende der DDR bedeutet auch 
das vorläufige Ende dieser eigenständigen Liedkultur.

In der BRD sind nach 1945 die ArbeiterInnenlieder im offiziellen Kanon (Liederbücher, 
Schulen, Medien) nicht mehr präsent, und die neu gegründeten Gewerkschaften verabschieden 
sich selbst von ihrem musikalischen Erbe. "Erst die Aufbruchzeit Ende der sechziger Jahre 
richtet den Fokus wieder auf die demokratische deutsche Kulturtradition. Es wuchs das 
Interesse an den historischen Liedern der ArbeiterInnenbewegung. Zahlreiche Publikationen 
und Tonträgerveröffentlichungen dokumentieren diese Entwicklung. Die alten 
ArbeiterInnenlieder wurden wieder gesungen, am Lagerfeuer, bei Aktionen und Konferenzen. 
Es gab eine neue breite Chorbewegung, die sich dem ArbeiterInnenlied verbunden fühlte, und 
es entstanden neue Lieder, die die aktuellen sozialen und politischen Auseinandersetzungen 
widerspiegeln. Diese Entwicklung setzt sich bis in die heutige Zeit fort. Die 
demokratische Kultur in Deutschland ist eng mit der Kultur der ArbeiterInnenbewegung 
verknüpft. Die Lieder der ArbeiterInnenbewegung waren dabei nicht nur die Begleitmusik, 
sie gaben oft auch das Signal für notwendige gesellschaftliche Veränderungen und haben 
Verbreitung und Anerkennung in der ganzen Welt gefunden. So gesehen erfüllen sie in hohem 
Maße die Anforderungen, die an ein schützenswertes Kulturerbe gestellt werden", endet 
Franz-Josef Möllenberg seine Laudatio für den Antrag.

NACHTRAG
Aufgefallen ist mir bei der Arbeit an dem Artikel für die DA, dass die libertär-kulturelle 
Tradition der ArbeiterInnenbewegung in Deutschland kaum dokumentiert oder nicht auffindbar 
ist (im Gegensatz zu Spanien, Italien oder Frankreich). Vielleicht kann dieser Artikel 
auch ein Anstoß sein, sich mit der eigenen Kulturgeschichte mehr zu beschäftigen.

Wer das Anliegen unserer Initiative unterstützen möchte, findet auf meiner Webseite 
entsprechende Hinweise und den Antragstext als PDF-Download.

(www.ewo2.de/berndkoehler)


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