(de) FAU, Direct Action #225 - Gezeichnete Reportagen -- Joe Sacco kämpft gegen das Leid auf der Welt. Seine Waffe: Ein Zeichenstift

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Wed Nov 12 14:05:05 CET 2014


Der Comiczeichner Joe Sacco bezeichnet sich selber als Journalisten. Ungewöhnlich ist 
nicht nur, dass er seine Reportagen in Comicform verfasst, sondern auch, dass er sich in 
seiner Berichterstattung auf einen kämpferischen Standpunkt stellt: Er will den 
Ungehörten, den Leidenden eine Stimme geben. "Ich glaube nicht, dass ich verpflichtet bin, 
auch die gedrechselten Entschuldigungen und Ausflüchte der Mächtigen wiederzugeben. Die 
Mächtigen werden von den Mainstream-Medien und von Propaganda-Organen im Allgemeinen gut 
bedient", sagt Joe Sacco im Vorwort zu seinem bereits 2013 ins Deutsche übersetzten und 
bei der Edition Moderne veröffentlichen Band "Reportagen". Hierin versammelt er die 
meisten seiner kürzeren Arbeiten, die er in den letzten Jahren für Zeitungen und Magazine 
wie Time, The Guardian und Boston Globe verfasst hat.

Trotz zahlreicher Preise für seine Arbeit muss er nach wie vor für die Legitimität des 
Mediums Comic im journalistischen Geschäft werben. Oft werde es von gestandenen 
RedakteurInnen nicht ernst genommen, so Sacco. Der Vorwurf: Das Medium Comic würde nicht 
dem Anspruch journalistischer Objektivität gerecht werden. Ohne in Frage zu stellen, ob es 
überhaupt so etwas wie "journalistische Objektivität" gibt, entgegnet er dem Vorwurf 
trotzig, er wolle auch gar nicht objektiv sein. "Ich kann nur wiederholen, dass 
ReporterInnen neutral und ohne Vorurteile auf der Seite der Leidenden stehen sollten", 
zitiert Sacco den britischen Journalisten Robert Fisk.Im Vorwort zu "Reportagen" sagt er 
eigentlich zweierlei sich Widersprechendes: Er wolle ein Regulativ zu dem 
"Mainstreamjournalismus" sein, der die Perspektive der UnterdrückerInnen einnehme, und er 
wolle den Standpunkt der Unterdrückten einnehmen, da alles andere gar kein legitimer 
Journalismus sei. Den "Neutralitäts-Anspruch", einen Gegenstand von verschiedenen Seiten 
zu beleuchten, damit die Lesenden sich ein eigenes Urteil bilden können, negiert er: "Der

Journalist muss danach streben, herauszufinden, was geschehen ist, nicht die Wahrheit im 
Namen der Ausgewogenheit zu kastrieren."Soweit, so DA-kompatibel. Denn auch uns geht es 
nicht um Neutralität und Ausgewogenheit, sondern um den Standpunkt der Lohnabhängigen 
aufgrund des Bewusstseins unserer Klassenzugehörigkeit. Bloß ist das genau der Punkt, den 
Sacco nicht mitgeht. Bei ihm, und das ist meine Kritik an "Reportagen", wird die Linie 
zwischen UnterdrückerInnen und Unterdrückten zwischen den Nationen gezogen. Trotzdem kann 
ich den Comic empfehlen. Er ist virtuos gezeichnet und hat zwei bis drei richtig gut 
gemachte Storys. Vor allen Dingen die Flüchtlingsreportage "Die Unerwünschten" ist schon 
den Kauf des Comics wert. Ähnlich wie in der Reportage "Bilal - Als Illegaler auf dem Weg 
nach Europa" von Fabrizio Gatti beschreibt Sacco hier Entbehrung und Verzweiflung der 
Flüchtlinge, eindringlich und luzide.

Minou Lefebre

Joe Sacco: Reportagen, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-107-3, 192 Seiten, schwarzweiß, 
17 x 24 cm, Klappenbroschur, EUR (D) 24,-, SFr. 29,80


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