(de) FAU, Direct Action #225 - Kolumne Durruti

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Wed Nov 5 12:18:36 CET 2014


Es war damals in Kiel - einer Stadt, in der selbst Durchschnittsmenschen harte Drogen 
nehmen, um die Monotonie des Alltags zu ertragen, - als ich zum ersten Mal davon hörte, 
dass es mehrere Wahrheiten gäbe. Je nachdem, was und wieviel die NachtschwärmerInnen 
eingeworfen hatten, sollte es zwei, drei, unendlich viele oder, was aufs selbe 
hinausläuft, gar keine Wahrheit geben. Wie man die Welt sieht, so sei sie auch. Und wenn 
dir die Wirklichkeit nach der blauen Pille nicht gefällt, dann nimm eben eine rote. 
Kopfschüttelnd tat ich das als Blödsinn ab, das übliche Geschwafel zugedrogter Hippies 
eben. Und als durch Punkrock sozialisierter Mitbürger hielt ich mich an die gute, alte 
---- Matthias Seiffert ---- Maxime: "never trust a hippie." Doch die Blumenkinder sind nur 
eine der vielfältigen Inkarnationen des BürgerInnentums. Und dieses zog den Schein dem 
Sein von jeher vor.

In den Zeiten von Digitalisierung und globaler Vernetzung hat denn auch die Inszenierung 
der Wirklichkeit neue Formen gefunden und gelangt zu nie dagewesener Qualität.
Der neueste Trend im verzweifelt ums Überleben kämpfenden Journalismus nennt sich 
Docufiction. Am Anfang standen Geschichtsdokumentationen, in denen historische 
Zusammenhänge, von denen es keine filmischen Quellen gibt, mit Schauspielern szenisch 
nachgestellt wurden. Lag die Epoche besonders weit zurück, wurden auch die gespielten 
Episoden auf alt getrimmt: schwarz-weiß mit Sepia-Einschlag, Flecken auf den Bildern und 
Rauschen im Ton, ganz so, als habe tatsächlich eine Kamera aufgezeichnet, wie Cäsar den 
Rubikon überschreitet. Fast verschämt wurde dazu der Untertitel "Dramatisierung" 
eingeblendet. Immerhin sah man sich noch genötigt, zwischen den gespielten Einblendungen 
doch den einen oder die andere echteN WissenschaftlerIn zu Wort kommen zu lassen. Davon 
ist man nun ganz weggekommen.

In einer Docufiction ist ausnahmslos alles frei erfunden. Zur Zeit wetteifern die 
führenden Spartenkanäle des US-amerikanischen Bezahlfernsehens - z. B. History Channel, 
Discovery Channel, Animal Planet - darum, mit Pseudo-Dokumentarfilmen auf 
ZuschauerInnenfang zu gehen. "Megalodon lives!" erzielte letztes Jahr eine der höchsten 
Quoten der Fernsehgeschichte. Diese vorgebliche Dokumentation über einen prähistorischen 
Riesenhai zeigt verblüffende Aufnahmen dieses eigentlich seit Millionen Jahren 
ausgestorbenen Monstrums, verwackelte AmateurInnenbilder, verstörte AugenzeugInnen, 
ergriffene WissenschaftlerInnen. Dass es sich tatsächlich um einen Spielfilm handelt, 
jeder Dialog einem Drehbuch folgt, die angeblichen Dokumente am Computer entstanden und 
alle auftretenden Personen SchauspielerInnen sind, wird zu keiner Zeit erwähnt - auch 
nicht in der Anmoderation, auf der Homepage, nicht einmal auf Nachfrage von 
JournalistInnen. Lügen ist nicht illegal. Discovery Channel legte nach, zwei Filme über 
Meerjungfrauen sprengten alle Einschaltrekorde, aktuell läuft die Fortsetzung über den 
Megalodon. Im gleichen Stil widmete sich die Konkurrenz außerirdischen Invasoren, wodurch 
sich etwa die NASA genötigt sah, in einer Presseerklärung klarzustellen, dass es sich bei 
einer interviewten Wissenschaftlerin nicht um eine ihrer MitarbeiterInnen, sondern 
offensichtlich um eine Schauspielerin handelt. Auf kritisches Nachbohren von 
JournalistInnen, warum zu keiner Zeit der Ausstrahlung der abstrusen Dokumentarreihe 
"Mountain Monsters" klargestellt werde, dass es sich um rein gespielte und erdachte 
Handlungen handelt, antwortete der Sender lapidar: "Wer so was für wahr hält, dem können 
wir auch nicht helfen.
"Alles ist möglich, Bilder sprechen für sich, die Wahrheit liegt im Auge der 
ZuschauerInnen, was man sich vorstellt, ist auch wahr. Die alten Ideale pillenwerfender 
Rave-Hippies feiern fröhliche Urstände.
Aber es gibt nur eine Wahrheit. Never trust a hippie. Never.

Matthias Seiffert


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