(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Ein Kampf um mehr als einen Wald -- Von: Domino

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Sat May 24 10:36:43 CEST 2014


28. März 2014, der erste Tag nach der Räumung der dritten Waldbesetzung im Hambacher 
Forst, Rheinland, NRW. Ich stapfe die gewohnten Waldwege zu meinem, nun ehemaligen 
Zuhause, entlang und merke: ich habe das alles noch nicht richtig realisiert. Diesen Weg 
ohne Kletterausrüstung und um diese Uhrzeit entlang zu gehen, fühlt sich komisch an - 
eigentlich wäre es jetzt schon dunkel. Als ich an dem rot-weißen Flatterband mit der 
Aufschrift ,,Polizeiabsperrung" ankomme, sehe ich dahinter schon den Stumpf der Eiche 
stehen, auf der ich fast mein Baumhaus zu Ende gebaut hätte. Der Boden war schon fertig 
gewesen, ein Haus sollte es nicht mehr werden. ---- Mir kamen die Tränen, als ich die 
Eiche fallen hörte. Der Aufprall kam mir vor, wie ihr letzter Aufschrei, bevor sie starb. 
Die Erschütterung muss kilometerweit zu spüren sein, dachte ich mir.

Mit schweren Maschinen und eisernen, geschärften Zähnen zerstörten
sie in kaum zehn Minuten, was mehr als 250 Jahre gewachsen war.
Sie zerstörten gedankenlos was ich immer mit Liebe, Respekt und
samtenen Fingern bedacht hatte um so wenig Schaden wie mög-
lich anzurichten. Und auch wenn tagtäglich auf der ganzen Welt so
viel von dem zerstört wird, was ich liebe und wir alle zum Leben
brauchen, habe ich selten so viel Hass und Wut empfunden wie in
diesem Moment und in meinen dunkelsten Träumen wünsche ich
ihnen das schlimmste dafür.

Ich erklimme den Stamm, an dem ich immer auf dem Weg nach
oben vorbei geklettert bin. Selbst auf dem Boden liegend, geht er
mir immer noch bis zur Hüfte. Ich betrachte die tiefen Kerben der
eichentypischen Rinde und beobachte mit einer Mischung aus Zu-
neigung und Melancholie die riesigen Waldameisen, die scheinbar
wie gewohnt ihrer Wege gehen. Ants Squat - nach ihnen war der
Ort benannt, die Ameisenbesetzung. Überall sind sie in diesem
Stück des Waldes unterwegs, auch oben waren oft vereinzelt wel-
che gewesen.

Ich betrachte die Knospen, welche bald aufgeplatzt wären. Wieder
erfasst mich Wut. Es geht mir nicht um die Baumhäuser, um all
die Arbeit, all das, was wir mit viel Sorgfalt errichtet haben. Nein,
Räumung ist ebenso ein Teil dieser Aktionsform, wie die Beset-
zung selbst. Aber jeder einzelne dieser jahrhundertealten Bäume
ist unwiederbringlich und das macht mich traurig. Warum sie das
tun kann ich nicht verstehen, auch wenn die Nachricht unmissver-
ständlich ist:

,,Seht, was ihr angerichtet habt. Nun mussten die Bäume dran glau-
ben, weil ihr es nicht lassen konntet wieder in den Wald zu gehen.
Was ihr besetzt, fällen wir.

Und an alle, die nicht die Bäume besetzten: Seht euch an, was sie
erreicht haben mit ihren komischen Aktionen. Sie machen es damit
nur schlimmer. Nicht wir sind der Feind!".

Meinungsmache gegen diese Aktionsform, gegen
Baumbesetzer*innen - Propaganda, die wirkt. Auch wenn dieser
Teil des Waldes frühestens in drei Jahren gerodet werden wird
- dies war nicht die letzte Besetzung. RWE will nicht genug Zeit
lassen um massive Infrastruktur aufzubauen, ein zweiter Tunnel
macht ihnen wohl zu viel Angst, die erste Räumung des Hamba-
cher Forstes dauerte über vier Tage. So haben sie für diese Räu-
mung noch fadenscheinigere Begründungen geliefert als beim letz-
ten Mal. Gut für sie, dass hier die Stadt, Polizei und RWE so gut
zusammen arbeiten. Dieses mal war es das Bauamt, mal sehen, was
sie sich fürs nächste mal ausdenken.

Doch mit dieser Masche haben sie sich diesmal ins eigene Fleisch
geschnitten. Viele erklärten ihre Solidarität mit dem Kampf im
Hambacher Forst, schrieben Texte, Berichte, Lieder, liebe, traurige,
wütende, flammende und kraftspendende Mails und Kommentare
auf dem Blog, hingen Banner gut sichtbar aus den Fenstern ihrer
Häuser, gingen auf die Straßen der Städte, angemeldet und spon-
tan, hielten Ansprachen und verteilten Flyer um allen Menschen
mitzuteilen, was hier im Rheinland passiert und womit das alles zu
tun hat, kamen vorbei, brachten Lebensmittel, schickten Päckchen,
...

Und so manch eine*r bekam einmal mehr zu spüren, wie wichtig
Solidarität ist. Sie ist wohl eine unserer stärksten Waffen im Kampf
gegen das System. Und mit jeder Räumung, mit jeder Repression,
mit jeder Aktion gegen Aktive halten sie uns den Griff der Pistole
hin.

Und auch die Besetzungen sind im Grunde neben Anlaufstelle, In-
formations- und Vernetzungspunkt und Ort der direkten Aktionen
eine vehemente Solidaritätserklärungen mit allen, die von dem
Dreck, den Staat und Konzerne wie RWE verursachen, betroffen
sind. Sowohl lokal vor Ort als auch weltweit.

Nicht nur Besetzer*innen, Aktivist*innen, alle die merken, dass in
dieser Gesellschaft etwas grundlegend falsch läuft, so klein ihre Be-
teiligung auch erscheinen mag: Wir alle sind der Widerstand.

Das ist RWE längst klar. Und auch wenn sie alles an Institutionen
im Rheinland auf ihrer Seite haben und vermeintlich am längeren
Hebel sitzen. Doch die Medien bringen nicht mehr nur was RWE
will, sondern immer mehr Journalist*innen beziehen auch positiv
Stellung zu den Besetzungen.

In einer Welt, in der wir die Außenseiter*innen sein sollen, ohne
feste, finanzielle Quellen, eine Welt, die nur in Geld Wert erkennt,
mit Regeln, denen wir niemals zugestimmt haben und in der wir
nur etwas bewirken dürfen, wenn wir uns unterwerfen, wollen wir
nicht leben. So bauen wir Alternativen auf, entwerfen Lebenskon-
zepte und schulen unsere Kreativität. Deshalb können sie uns mit
ihren Knüppeln, Gerichtsverfahren und ihrer Hetze auch nichts
anhaben.

Nach gerade mal zwei Jahren wird über den Hambacher Forst nicht
mehr nur im linken Untergrund, sondern auf der ganzen Welt
gesprochen. Immer mehr Menschen verstehen, dass wir alle für
dasselbe kämpfen, ob nun im Schwerpunkt gegen Energiegroß-
konzerne und Umweltzerstörung, gegen Rassismus, Landraub auf
der ganzen Welt, die Waffenindustrie, Speziesismus, Transphobie,
Macht und Hierarchie, ... letztlich ist es ein Kampf, der Kampf ge-
gen Kapitalismus.

Ich laufe über den Stamm bis in die Krone. Viele markante Äste,
Gabelungen und Details erkenne ich wieder. Ich kann auch die Stel-
len ausmachen, an denen die Plattform mithilfe von Seilen an den
Baum gebunden war. Viele dicke Äste sind bei dem Aufprall auf
dem Boden zerborsten als wären sie Zahnstocher.

Um eine Plattform im Baum zu befestigen benutzt du keine Nägel.
Niemals - viel zu instabil, denn bei schon leichtem Wind bewegt
sich die Krone und es würde deine Konstruktion zerreißen, wäre
sie zu steif mit dem Baum verbunden. Und natürlich willst du den
Baum nicht verletzen.

Ich erinnere mich an die Nächte dort oben unter freiem Himmel,
in denen ich wohl mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen
sein muss, beschienen von 1000 Sternen und einem faszinierendem
Mond und mit dem ganz großartigen Gefühl, genau am richtigem
Ort zu sein und gut behütet zu sein. Denn in 25 Metern Höhe kann
die keiner so schnell was.

Wenn du eine Weile so eng mit wirklicher Natur zusammenlebst,
sie kennen, beobachten und lieben lernst, wird dir nach einer ge-
wissen Zeit bewusst, wie bescheuert, arrogant, naiv und respektlos
all das, was als zivilisiert bezeichnet wird doch ist. Für viele be-
deutet Natur nur noch der Rasen vor ihrem Haus, die Bäume am
Straßenrand und sich an einzelne Elemente als Accessoires und
Tischdekoration zu erfreuen. Wilde Natur erleben nur wenige, die
wirklich nach ihr suchen. Und noch weniger können sie wirklich
voll und ganz erleben. Vor allem in den Städten aber nicht nur da
werden unsere Sinne so sehr mit Reizen überflutet, dass die kleinen
Reize der Natur uns gar nicht so bewusst auffallen. Doch mit nur
wenig Strom um dich herum, deinem Zuhause mitten in einem teil-
weise 12.000 Jahre alten, nicht industrialisierten Wald, entdeckst
du nach und nach die Wunder dieses Planeten und des Lebens. Du
beobachtest fasziniert sonderbare Insekten aus nächster Nähe, hast
hautnahe Begegnungen mit wilden Tieren, du siehst Knospen ent-
stehen, aufplatzen, Blätter und Blüten wachsen, irgendwann die
Farbe ändern und schließlich zu Boden gleiten. Wenn du an den
Himmel blickst lächelst du, weil du ein Figur in einer Wolkenfor-
mation siehst und am Abend entdeckst du die Bilder zwischen den
Sternen. Gewitter setzen dich etwas auf Adrenalin, denn du weißt,
du bist nicht sicher hier draußen, aber das macht dir keine Angst,
denn du spürst das Leben und genießt es in jedem Augenblick. Und
wenn du morgens mit der Sonne aufstehst bist du immer wieder
aufs Neue beeindruckt von der Ruhe eines kühlen Morgens, wenn
selbst das Gras noch zu schlafen scheint unter einem frischen Tau-
mantel. Und die Freude, wenn du nach einem langen Winter die
erste Blume entdeckst. All diese Details und Faszinationen und
Schönheiten lassen dich spüren, dass es nicht viel zum Leben
braucht um glücklich zu sein. Wir kämpfen hier nicht für die Natur:
We are nature fighting back!

Es kommt mir ganz klar und offensichtlich vor, wie bescheuert die-
se Zivilisation doch ist und doch leben die meisten von uns im-
mer noch vollkommen entfremdet von ihrem eigenen Leben. Wir
überlassen unsere Ernährung der Gentechnik, unsere Gesundheit
der Pharmaindustrie, unsere sozialen Konflikte der Polizei, den
Kampf für unsere "Rechte" den Gerichten und dass, was ja der
kleine Mensch eh alles nicht versteht wird die Politik schon regeln.
Ich selbst muss mich dann nur noch um meine Arbeit und meine
Freizeit kümmern denn Arbeit kostet viel Kraft. Also heucheln die
einen Arbeiter*innen den anderen vor, all die Unterhaltungs- und
Genussmittel extra nur für sie herzustellen. Dieses Gefühl, dass
Papa Kapitalismus für dich sorgt, erspart dir die wirklichen, zwi-
schenmenschlichen Beziehungen, gaukelt dir Liebe und Fürsorge
vor wo eigentlich nur Gier und Geiz dahinter stehen. Und ohne es
recht zu merken läufst du weiter in dem Hamsterrad, arbeiten um
zu leben und leben um zu arbeiten. Und es wird sich drehen und
drehen bis zum bitteren Ende. Unweigerlich? Was müsste passie-
ren um es zum Stillstand zu bringen? Selbstverständlich werden
uns von oben keine Alternativen geboten werden, das müssen wir
schon selbst in die Hand nehmen. Und mit jedem Menschen, der
in dieses System hinein geboren wird, wächst die Dringlichkeit, es
umzustürzen. Die Verantwortung liegt bei uns allen, ebenso wie
die Kraft, es anzupacken.

Auf dem Weg zurück komme ich auch an den anderen gefällten
Bäumen vorbei. Ich begegne RWE Arbeitern (es sind alles männlich
wahrgenommene Personen) und weißen Range Rovern der privaten
Securityfirma. Sie machen sich daran, die wertvollen Hauptstäm-
me der Bäume weg zu schaffen. Diese werden ihnen noch jede Men-
ge Geld einbringen. In ihren Augen ist das nur Ware und Geschäft.
Und auch wenn ich mir viele Verhaltensweisen erklären kann (was
sie wohlgemerkt nicht rechtfertigt) steigt in mir tiefe Verachtung
empor. Sie pöbeln mich an, weil ich vermummt bin, doch ich habe
keine Lust darauf einzugehen und verschwinde im Unterholz, wo
ich sicher sein kann ihnen nicht weiter zu begegnen, da sie immer
auf den offiziellen Wegen bleiben.

Wandle Trauer zu Wut und Wut zu Widerstand schießt es mir die
ganze Zeit durch den Kopf.

Vom 12. bis 25. April findet das ,Build Restistance! skill-sharing
Camp' (=Widerstand aufbauen! Fähigkeiten teilen Camp) statt und
direkt im Anschluss, am 26. April, wird der Wald wieder besetzt in
einer großen, öffentlichen Aktion. Die Aussicht darauf und noch ei-
nigem mehr beschwingt meinen Schritt und ich atme tief den Duft
des Waldes ein.

Mal sehen was im Land der Verwöhnten noch alles möglich sein
wird.


Mehr Infos

Web: hambacherforst.blogsport.de
(bisher in deutscher, englischer, spanischer und französischer Sprache)
Kontakt: hambacherforst at riseup.net


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