(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Es gab keine Machtverhältnisse, Hierarchie und Herrschaft im Gezi-Aufstand!,Von: Kaos GL; Übersetzung: An?l Üver

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Fri May 23 19:05:40 CEST 2014


Die sogenannte "allgemeine gesellschaftliche Moral", die heteropatriarchale Anordnung, ist 
ein System, welches Homophobie und Transphobie nährt und verstärkt und uns alle an den 
Rand drängt - unabhängig davon, welche Geschlechteridentitäten wir haben. ---- Es gibt 
keinen Vers im Koran, der besagt, dass Homosexualität eine Krankheit sei. Und wenn wir die 
Geschichte von Lot studieren, sehen wir deutlich, dass die betroffene Bevölkerung nicht 
etwa wegen der "gleichgeschlechtlichen Liebe" vernichtet wurde. ---- Die 
"Antikapitalistischen Muslim*innen" teilen folgend ihre Erfahrungen über die Zusammenkunft 
mit LGBT-Aktivist*innen während des Gezi-Aufstandes:  ---- Unser Beweggrund vor und 
während des Gezi-Aufstandes war, dass wir unseren Unmut darüber kundmachen wollten, dass 
eine gemeinnützige grüne Fläche vernichtet und in die Hände des Kapitals übergeben werden 
sollte.

Denn im Koran (Vers Hasr:7) steht, "dass die Güter nicht bloß bei den Reichen unter
euch die Runde machen" sollen. Trotz der extremen Polizeige-
walt setzte die Bevölkerung - und unter ihnen die antikapitalis-
tischen Muslim*innen - den Widerstand fort. Sie fragten nicht
nach den Identitäten der Widerstand leistenden Menschen und
waren ein wesentlicher Teil des Aufstandes.

Menschen gingen auf die Straßen, um gegen die Tyrannei und
Ungerechtigkeit zu demonstrieren und um die Natur zu schützen.
Sie marschierten gleichzeitig für Frauenrechte, für Roboski (1),
für Hrant (2), für N.Ç. (3), für LGBT-Menschen, für Alevit*innen
und andere zahllose Minderheitsgruppen. Viele unterschiedli-
che Gruppen kamen für einen gemeinsamen Zweck zusammen
und schafften es, die Barrieren untereinander abzubauen. Es
war eine Phase, in der der Traum einer Gesellschaft ohne Gren-
zen und ohne Klassenunterschiede möglich erschien. Der Gezi-
Aufstand wird uns immer daran erinnern, wofür wir kämpfen.

Es gab keinen Machtkampf, keine Hierarchie und Herrschaft im
Gezi-Aufstand und es war möglich, die Solidarität der verschie-
denen Gruppen, Ethnien und Individuen und deren gemeinsame
Kraft und Fähigkeit zu sehen.

Auch Kopftuch tragende Frauen marschierten mit, entgegen der
zahlreichen Manipulationen und Lügen, die in den Mainstream-
Medien und durch die islamistische Regierungspartei verbreitet
wurden. Wir marschierten gemeinsam, vom konservativsten
Viertel "Fatih" bis zum liberalsten Viertel "Taksim". Was wir
zeigten war, dass die Menschen sich auch ohne die Hilfe von
professionellen Politiker*innen und Parteien organisieren kön-
nen.

Der Gezi-Aufstand gab der Bevölkerung, die ihre Hoffnung fast
verloren hatte, eine neue Vision und eine neue Denkweise. Die
Angst war nicht mehr da und die Gewaltdrohungen konnten die
Demonstrant*innen nicht aufhalten.

Währenddessen entstand eine Lebenskultur, in der die öffentli-
chen Einrichtungen wie Moscheen, Museen, Büchereien usw. ge-
meinsam gestaltet werden sowie Grundbedürfnisse solidarisch
versorgt werden konnten. Diese Kultur entstand als Alternative
gegen die kapitalistische Lebensweise. Die Machthaber*innen
und die Kapitalist*innen sehen diese Alternative als Gefahr für
ihre Machtposition. Ihre übermäßige Reaktion gegen den Gezi-
Aufstand zeigte uns, wie groß ihre Angst vor dieser neuen Be-
wegung ist.

Die Antikapitalistischen Muslim*innen gingen auch in Anka-
ra auf die Straße und brachten ihren Kampfgeist mit.
Sie erzählen uns ihr Problem mit der institutionalisierten
Religion, die auf Symbolik und Tradition komprimiert wird.
Sie wollen die Wahrnehmung, dass Religion nur aus Beten
und Ritualen bestünde, ändern:

  "Wir glauben, dass es möglich ist, das Paradies auf der Erde zu
erschaffen. Wir denken nicht darüber nach, auf welche Weise
die Rituale durchgeführt werden müssen, sondern darüber, wel-
cher Sinn diesen Ritualen innewohnt und was sie zu unserem
Leben beitragen. Diesen Aspekt zu verstehen, ist wichtig. Wir
haben ein Problem mit den extrem traditionellen und institu-
haben ein Problem mit den extrem traditionellen und institu-
tionalisierten Religionen, die auf Gebetshäuser und Friedhöfe
reduziert sind und mit unserem Alltag nichts zu tun haben. Wir
haben den Gläubigen, welche die Koranversen im praktischen
Leben nicht umsetzen, etwas zu sagen: In Kalif Ali's-Scheria
steht: "Wenn dir dein Glaube in diesem Leben nichts bringt,
bringt er dir auch im Jenseits nichts."

Der durchschnittliche Gläubige hat kein Problem mit dem Ka-
pitalismus; er denkt, solange er 5 Mal am Tag betet und fastet,
darf er Vermögen anhäufen und seinen Angestellten miese Löh-
ne bezahlen. Wir akzeptieren diese Dimension, diese institu-
tionalisierte Religion nicht, denn sie basiert auf Streben nach
einer Phantasiewelt, die wir Jenseits nennen. Wir wollen mit
einem Glaubensaspekt handeln, der sozialer und realer ist. Un-
ser Anliegen ist, darüber zu diskutieren, wie die Beziehungen
zwischen Menschen auf eine gleichberechtigte Weise aufgebaut
werden sollen; nicht nur auf ökonomischer Ebene.

Die Antikapitalistischen Muslim*innen betonen, dass sie
sich mit allen diskriminierten Gruppen, die von der Regie-
rung unterdrückt werden, -wie LGBT-Menschen-, solidari-
sieren:

Wir reden von einer Bewegung, die sich nicht auf Identitäten
fokussiert. Diese Bewegung beschäftigt sich mit den Quellen
der Probleme und bringt Menschen zusammen, um Lösungen zu
finden. Wir sind der Meinung, dass nicht nach der Identität der
Betroffenen gefragt werden sollte. Wir solidarisieren uns mit
allen diskriminierten Minderheitsgruppen, die sich gegen Ty-
rannei und Korruption empören. Wir werden gemeinsam gegen
diese machtgierige Korruption und das kapitalistische System
ankämpfen. Die LGBT-Bewegung ist ein wichtiger Teil dieses
Aufstandes.

Sowohl LGBT-Gruppen, als auch muslimische Feministinnen
werden von anderen Aktivist*innen immer noch marginalisiert.
In Beschreibungen der Proteste war beispielsweise immer wie-
der zu hören, "es waren sogar LGBT-Gruppen und muslimische
Feministinnen mit dabei". Auch etliche Frauen, die in gewerk-
schaftlichen Kreisen politisch engagiert sind, sprachen solche
ausgrenzenden Statements aus.

Das hetero-patriarchalische System marginalisiert uns alle,
wenn wir eine Gefahr hierfür darstellen. Das Geschlechtersys-
tem ist sehr hierarchisch aufgebaut. Im Rahmen der allgemeinen
Moralkodexen werden homosexuelle Menschen als unnatürlich
begriffen, weil sie sich nicht fortpflanzen können. Dieser Aspekt
basiert auf der Wahrnehmung, unser wesentlichstes Ziel sei die
Fortpflanzung. Im Endeffekt wird das Patriarchat auf männli-
cher Linie weiter vererbt. Wo positioniert das patriarchale Ver-
ständnis heterosexuelle Ehepaare, die keine Kinder wollen oder
die keinen Sohn haben? Sind diese Leute auch unnatürlich? Wir
stehen gegen dieses tyrannische System, gemeinsam mit an-
deren unterdrückten Menschen. Wir stimmen dem Motto von
Kaos GL zu: "Die Befreiung der LGBT-Menschen wird auch die
Heterosexuellen befreien".

Es gibt in der islamischen Gemeinschaft viele Menschen, die sich
wie ein Gott verhalten und versuchen, die Regeln festzulegen.
Doch die Autorität von Menschen über andere Menschen basiert
auf keiner religiösen Grundlage. Denn letztlich entscheidet nur
Allah selbst über die Regeln und bestimmt, was Haram (-Sünde-)
oder Helal (-erlaubt-) ist. Wie oben erwähnt, gibt es keinen Vers
im Koran, in welchem Homosexualität als Krankheit angeführt
wird und Lots Clan in Sodom wurde nicht aufgrund Homose-
xualität vernichtet. Es ist inakzeptabel, durch das willkürliche
Auswerten der Geschichte von Lot Homophobie zu legalisieren
und zu rechtfertigen. Der Lot-Clan wurde wegen seiner Maßlo-
sigkeit und Gewaltherrschaft, in der sogar Gäste zu vergewal-
tigen versucht wurden, vernichtet. Allah vernichtet kein Volk
wegen dessen Glauben, sondern wegen seiner Maßlosigkeit.

Dieser Artikel wurde im LGBT Magazin KAOS GL (Sept.-
Okt.2013, #132) veröffentlicht und ist auch online zu lesen unter:
http://kaosgl.org/yazarlar.php?id=4002 (25. März 2014)

(1) Roboski: In der Provinz Roboski (Türkei) sind 34 Menschen am 28.12.2011 bei einem 
Luftangriff ums Leben gekommen.

(2) Hrant Dink: Armenisch-stämmiger Journalist und einer der Herausgeber*innen
der in Istanbul erscheinenden zweisprachigen Wochenzeitung Agos. Dink wurde
von nationalistischen Gruppen jahrelang verfolgt. Er wurde am 19.01.2007 auf
offener Straße erschossen.

(3) N.Ç.: In Mardin/Türkei zwangen 2 Frauen das 13 jährige Mädchen N.Ç. sich
für Geld zu prostituieren. Sie wurde von 26 Männern (Beamten, Soldaten) verge-waltigt. Die 
Täter wurden nur zu milden Strafen verurteilt.


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