(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Sorge dich nicht, pflege -- Außerhalb des Betriebs fängt die Arbeit erst richtig an: im Sorge-oder Care-Bereich

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Tue May 20 10:57:36 CEST 2014


Die Care-Seite der Marktwirtschaft kennen wir alle: Müde vom Job müssen wir noch schnell 
die Kinder vom Hort abholen, für die Oma einkaufen, eine Mahlzeit zubereiten und uns 
nebenbei auch noch erholen, damit wir am nächsten Tag wieder fit sind. Diese Tätigkeiten, 
auch als Reproduktionsarbeit bekannt, werden noch immer ins Reich des Privaten verbannt. 
Dort sind sie nach wie vor meist Frauensache, konnte doch die feministische Forderung nach 
der Politisierung des Privaten bislang nicht umgesetzt werden. Laut Gleichstellungsbericht 
des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gehen Frauen zwischen 30 
und 44 Jahren pro Tag über fünf Stunden unbezahlter Arbeit nach, Männer hingegen nur knapp 
drei (Stand 2008).

Quelle: Findus

Dabei wird das traditionelle Familienmodell längst durch neue Formen des Zusammenlebens 
abgelöst. Das Ehegattensplitting oder das kürzlich eingeführte Betreuungsgeld 
manifestieren zwar noch die antiquierte staatlich gewollte Geschlechtertrennung, doch seit 
Jahren stagnierende Reallöhne und immer höhere Ausgaben für Miete, Lebensmittel, Mobilität 
und Energie lassen es kaum zu, dass in Lebensgemeinschaften nur eine Person für das 
Einkommen sorgt. Inzwischen sind daher Frauen und Männer fast gleichermaßen berufstätig - 
mit erheblichen Unterschieden, vor allem was die Arbeitszeit und Entlohnung anbelangt. So 
erhalten Frauen in der BRD im Durchschnitt 22 Prozent weniger Bruttolohn. Viele von ihnen 
arbeiten in Teilzeit oder sind Minijobberinnen. Zudem sind sie überdurchschnittlich häufig 
in den Branchen beschäftigt, die besonders prekär sind. Dazu gehören die meisten Bereiche 
der Care-Ökonomie, wie Kranken- und Altenpflege, Kinderbetreuung, Sozialarbeit, 
Heilerziehungspflege und das Reinigungs- und Haushaltswesen.

DOPPELTE BELASTUNG DURCH DOPPELTE ARBEIT

Die zunehmende Prekarisierung der Sorge-Arbeit erstreckt sich sowohl auf entlohnte als 
auch unbezahlte Tätigkeiten, da beide Bereiche interagieren. Berufstätigkeit und 
gleichzeitige unbezahlte Sorgearbeit stellen für viele Menschen eine Doppelbelastung dar. 
Unterm Strich bleibt immer weniger Zeit zur Erholung, für die Beziehungspflege und die 
Betreuung von Kindern und Angehörigen. Gerade deshalb ist der Markt für diese 
Dienstleistungen in den letzten Jahrzehnten gewachsen. In der Diskussion um die "Zukunft 
der Arbeit" wurde er gerne bemüht, um die postindustrielle Gesellschaft zu 
charakterisieren. Inzwischen hat sich gezeigt, dass die hohen Erwartungen auch im 
Care-Bereich nicht erfüllt werden konnten. Denn personalisierte Dienstleistungen sind 
weniger profitabel, als die industrielle Produktion von Gütern. Konsequenterweise 
versuchen die ArbeitgeberInnen daher hauptsächlich an den Lohnkosten zu sparen.

Privatwirtschaftliche Richtlinien haben Einzug in die Kranken-, Pflege- und 
Sozialeinrichtungen gehalten, um die Arbeit "effizienter" zu gestalten und Stellen zu 
streichen. Überbelastung, Zeitdruck und schlechte Entlohnung kennzeichnen nahezu alle 
Bereiche der entlohnten Sorge-Arbeit. Gleichzeitig zieht sich der Staat immer weiter aus 
der sogenannten Wohlfahrt zurück, während die Zahl der Pflegebedürftigen stetig wächst. 
Doch nicht der von Medien und Politik hysterisch heraufbeschworene demografische Wandel 
ist das Problem, sondern ein System, das durch Arbeitszwang, Erwerbslosigkeit und Armut am 
laufenden Band Risiken und Nebenwirkungen produziert. Das sind neben den körperlichen 
Beschwerden, die unser Arbeitsleben verursacht, eben auch die psychische Belastung durch 
Stress, Angst und Überforderung.

ALLES PRIVATSACHE?

Der staatliche Rückzug aus der Wohlfahrt hat aber auch zur Folge, dass diese Aufgaben 
wieder vermehrt Privatangelegenheit werden. Besonders, wenn die gesetzliche 
Pflegeversicherung nur einen Bruchteil teurer Heimaufenthalte deckt. Hier springt dann 
auch mal der Staat mit dem privaten Pflegezuschuss in die Bresche. Die Verliererinnen 
dieser Entwicklung sind zweifelsohne Frauen. Sie pflegen nicht nur weit häufiger 
Angehörige, sie verbringen auch durchschnittlich mehr Zeit in Pflege- und Altenheimen als 
Männer.

Um die Pflegereform voranzubringen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, schlägt der 
zuständige Experte der Bundesregierung nun vor, die berufliche Trennung in Kranken-, 
Alten- und Kinderpflege ganz aufzugeben, um das Personal noch flexibler einsetzen zu 
können. Statt generell umzudenken, sollen die Arbeitsbedingungen weiter verschärft werden. 
Ein breiter öffentlicher Diskurs, wie gute soziale und gesundheitliche Versorgung 
selbstbestimmt organisiert werden sollte und ob sie sich überhaupt finanziell rentieren 
muss (und kann), zeichnet sich momentan kaum ab. Ebenso wenig wird die Frage diskutiert, 
wie in dieser Branche erfolgreiche Arbeitskämpfe geführt werden können, die den 
ArbeitgeberInnen und nicht den PflegenehmerInnen schaden. Durch die Streiks im 
öffentlichen Dienst im März, die Aktionen des Bündnisses Pflege am Boden oder den 
Care-Revolution-Kongress ist das Thema zwar hin und wieder in der Öffentlichkeit präsent. 
Aber im Moment finden die Kämpfe noch zu vereinzelt statt, um einzuschlagen.

Silke Bremer


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